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TIAMAT - London

09.12.2010 | 20:46

29.11.2010, The Underworld

Children of the Underworld!

Was für eine Qual, in dieser Stadt heute mit den öffentlichen Transportmitteln unterwegs zu sein. Die Tube streikt, die Busse fahren, wann sie wollen, und der Wettergott weiß auch nicht mehr, wo oben und unten ist.

Tja, sind TIAMAT in der Stadt, drehen eben alle durch. Wie die lokalen Anwohner muss auch der Support STONEMAN darunter leiden, da kaum einer pünktlich zum Gig erscheint. Mit ihren letzten beiden Songs, 'Wer ficken will, muss freundlich sein' und 'Zombie Zoo', welches zusammen mit Wednesday 13 (MURDERDOLLS) eingesungen wurde, verdeutlichen die Schweizer, dass sie die Engländer als akzeptabler Support zwar bespaßen, aber nicht wirklich zeigen können, wo der Hammer hängt. Böse Rockerattitüde schön und gut, dabei aber bitte die Qualität der Musik nicht vergessen.

Überzeugender sind dafür aber ORDEN OGAN. Schöner deutscher Power Metal, der von vielen mit Klassikern wie BLIND GUARDIAN oder HELLOWEEN verglichen wird. Ein großes Danke geht ans Underworld, dass man uns heute nicht wie sonst in London üblich schlechte Lokalhelden vorsetzt. Immerhin haben sogar vier der hier Anwesenden ihr aktuelles Album "Easton Hope" im Plattenschrank. Fronter Seeb ist so gerührt, dass er sich bereit erklärt, nach dem Gig fürs Familienalbum zu posen (obwohl er alle in der Band für ausgesprochen hässlich erklärt). Gezockt wird nun lieblicher Melodic Metal der oberen Klasse à la 'Welcome Liberty' und 'Angel's War'. Die englischen Teetrinker sind zurecht begeistert. Genau so müssen Supports klingen!

Haare zurechtlegen, Füße ordentlich ausrichten und Augen schließen. Es ist Zeit für die Düsterrocker TIAMAT. Wie großartig muss man eigentlich sein, wenn man es schafft, nur mit dem bloßen Betreten der Bühne eine wahnsinnig gemütlich-schaurige Atmosphäre zu erzeugen? Gänsehaut pur! Noch nie war Melancholie so schön. So folgt den Schweden in die Unterwelt, da, wo sogar das Weinen Spaß macht. Es schließt sich 'Children Of The Underworld' an, was meine Aussage nur unterstreicht.

Zum Glück verschwendet Johan, stoisch wie gewohnt, keine Zeit mit sinnlosem Gelaber. Das heutige Motto lautet: Nicht quatschen, dafür umso mehr traurig sein. Die Fans danken es ihm und wiegen sich gedankenverloren in dieser musikalischen Trauerwelt.

Woher kommt eigentlich dieses Psycho-Geschrei? Ob es die Fans sind oder ob sich einer der Jungs in den Tasten bzw. Saiten geirrt hat, vermag ich gerade nicht auszumachen. Dies unterstreicht aber definitiv die Atmosphäre: von Qual zerfressen, von Pein zerfurcht. Wer hier nicht ganz offensichtlich leidet, sollte lebenslang Hausverbot bekommen.

Schwermütige Songs, die im Refrain allesamt zu explodieren drohen. In grün-blauen Nebelschwaden verliert sich Herr Edlund, als 'Brighter Than The Sun' an das englische Volk tritt. Authentischer könnte der Frontmann in gloomy London wohl kaum sein. Wieder ein Beweis mehr, dass man keinen Schnickschnack und aufgesetzten Krempel braucht, um mit Musik zu begeistern und einen Menschen emotional total aus der Fassung zu bringen.

'Until The Hellhounds Sleep Again' hämmert genau in dieselbe Kerbe. Der Nacken biegt sich automatisch, als wäre eine Feder eingebaut. Die Augen kreisen gleichermaßen verliebt und psychopathisch durch den Raum. Noch nie ist Leidenschaft so zerstörerisch gewesen. Negative Ausreißer? Welch Blasphemie! Egal ob 'Do You Dream Of Me' oder 'Vote For Love' - das emotionale Schmerzzentrum fährt Achterbahn!

Im Zugabenblock kollabiert das Herz ganz deutlich bei 'Wings Of Heaven', während mit dem dreschenden 'Sleeping Beauty' noch einmal alle Muskeln bis zum Zerreißen gedehnt werden. Noch was Traumhaftes zum Schluss: Nach 'Gaia' von dem genialen "Wildhoney" ist auch dieses Konzert leider schon Geschichte. Es bleibt nichts zu sagen. Wer diese Band verschmäht, isst auch kleine Kinder!

Redakteur:
Nadine Ahlig

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