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THE HIRSCH EFFEKT - Weinheim

31.10.2017 | 13:34

25.10.2017, Café Central

Der Anti-Djent.

Der HIRSCH EFFEKT hat es geschafft. Definitiv. Vom Insidertipp einer zahlenmäßig überschaubaren Szene (falls die Truppe einer solchen überhaupt je zugeordnet werden konnten) zum deutlich über die Landesgrenzen bekannten Vorreiter in Sachen anspruchsvoller, erwachsBand officialener harter Musik - und der Erfolg (bis auf Platz 21 der deutschen Albumcharts war man mit dem 2017er "Eskapist" vorgestoßen!) ist definitiv das Ergebnis harter Arbeit. Es erfüllt einen als Musikfan mit tiefer Freude und Genugtuung, dass eine Band auch heute noch, in Zeiten von selbstdarstellerischen YouTube-Performern ohne künstlerisches Talent auch das Können, auch musikalische Innovation noch wertgeschätzt wird und zum Erfolg führen kann. Und das unfassbare Glück eines jeden Hirsche-Fans besteht  bekanntlich nicht nur darin, dass das Trio aus Hannover in nur sieben Jahren vier absolut hochklassige, unbeschreiblich mitreißende Langspieler geliefert hat und das Ende der Entwicklung immer noch nicht in Sicht ist, sondern auch, dass uns die Niedersachsen mit ihrer "Live-Wütigkeit" (O-Ton von Mastermind Nils Wittrock in unserem Interview) durch eine enorm großzügige Bühnenpräsenz (über 40 Auftritte im letzten Quartal dieses Jahres) auch live an ihrem gelebten Wahnsinn teilhaben lassen. Dabei sind "große" Auftritte wie jener auf dem Euroblast oder dem Wacken genauso selbstverständlich wie kleine Clubkonzerte - unter anderem in Weinheim, im kleinen aber feinen Café Central.

An diesem Mittwochabend eröffnet für die Hirsche gegen 21 Uhr das ausgefallene österreichische Duo PEROPERO. Und wie nicht anders zu erwarten war, steht auch bei der Hirsche-Vorband Anspruch und Komplexität im Vordergrund. Und - Blödsinn. Aufmerksamkeit erregen die beiden in Berlin beheimateten Musiker nämlich zunächst vor allem durch ihre seltsamen Outfits, in etwa als futuristisch-karnevalistischer Hippie-Look beschreibbar. Haben sie diese optischen Albernheiten wirklich nötig? Ihre Musik ist ein ziemlich interessanter Mix aus Progressive Metal, Math Rock und, nun ja, allem möglichen anderen; die Vokalarbeit von Julian Pajzs umfasst Sprecheinlagen, aggressiven Gesang und Geschrei, vom Band kommen dazu immer wieder spacig-verzerrte Stimmen. Die Konstellation aus Gitarre und Schlagzeug erfordert natürlich viel zusätzliches Material vom Band, was sich bei PEROPERO recht harmonisch ergänzt. Andererseits ist der Sound zumindest fürs Café Central nicht geeignet - so wie bei anderen Acts auch, die auf eine Bassgitarre verzichten, werden als Ausgleich die Tiefen stark in den Vordergrund gemischt, und in Weinheim verschwimmt der Bandsound in einem tiefen, basslastigen Brei. Davon abgesehen ist PEROPERO wohl in erster Linie musikalisch einfach ziemlich gewöhnungsbedürftig - was natürlich an sich in Ordnung ist. Viel mehr als höflichen Applaus ernten die beiden Herrschaften an diesem Abend aber nicht.

Was mit Sicherheit auch daran liegt, dass ein Großteil des Publikums einfach auf THE HIRSCH EFFEKT gewartet Nils Wittrockhat. Es ist kein großes Geheimnis mehr, dass der Dreier seine komplexe Musik auch auf der Bühne enorm präzise und brutal intensiv zu inszenieren versteht. Als Kontrast zum harten Mathcore-Geballer werden die Zuschauer mit "Like A Bridge Over Troubled Water" noch kurz in selige Schwelgerei versetzt - und 'Lifnej' zerstört die Träumereien dann in Sekundenbruchteilen auf brachiale Weise! Schade dass dieser absolute Knaller von einem Song zunächst auch noch im sehr dumpfen Sound baden geht; beim folgenden 'Agnosie' (auch so ein abartiger Live-Hammer!) sind die Soundprobleme jedoch behoben, und Nils Wittrock und Konsorten zerlegen das Café Central souverän und genüsslich auf, ja, verlässlich-verrückte Art und Weise. Unglaublich, wie diese Truppe sich noch jedesmal wieder auf der Bühne verausgabt, als gäbe es kein Morgen! Das bunt gemischte Publikum dankt es den Niedersachsen mit stimmsicheren Gesangseinlagen und gepflegtem Headbangen; es wird definitiv weniger gemosht als bei den meisten anderen Post-, Art-, Math- und Sonstigem-Core-Bands, was aber einfach daran liegt, dass der HIRSCH EFFEKT das Publikum immer vor die Qual der Wahl stellt, die tiefschürfenden Songs mitsamt der phänomenalen Bühnenarbeit der Musiker genussvoll, beinahe entrückt aufzusaugen, oder sich mitsamt der Band ekstatisch zu zerlegen. Meine erste Überraschung des Abends ist beispielsweise 'Inukshuk': Diese auf "Eskapist" vergleichsweise ruhige Nummer, die von einigen Anhängern der härteren Fraktion schon als poppiger Ausverkauf angesehen wurde, funktioniert live einfach unfassbar gut, wirkt noch viel packender und zugleich deutlich härter als auf dem Album - und dieses Teil muss ich einfach staunend, betrachtend, ehrfurchtsvoll genießen.

Zudem bin ich überrascht, dass sich die Setliste im weiteren Verlauf völlig anders liest als noch auf der letzten Tour - auch unter den älteren Songs gelangen wieder Nummern ins Programm, die schon eine Weile nicht mehr dargeboten wurden. Aufgrund der Länge der Songs vergeht die Zeit allerdings auch wie im Fluge, und nach gut anderthalb Stunden machen die Hirsche mit der Zugabe 'Agitation' Schluss. Wie immer enorm spielfreudig und -sicher unterwegs, entlässt die Band ihr Publikum in gelöster, seliger Stimmung. Obwohl man es nicht anders kennt, vermag die mitreißende Live-Performance der Hirsch-Effektler doch jedesmal wieder aufs Neue zu überraschen - vor allem wenn man an all die anderen proggig-corigen Bands denkt, deren Vertreter meistens wie festgenagelt vor ihren Pedalboards stehen und hochkonzentriert Skalen schrubben. Und ohne jemals Teil der großen Djent-Flut gewesen zu sein, erlegen die Hirsche die Konkurrenz ihrer Generation in musikalisch-kreativer Hinsicht ebenso wie in Sachen Bühnenpräsenz und -einsatz. Vergesst das corige Djent-Gedudel, das momentan in jedem Proberaum durchexerziert wird und von jeder zweiten Bühne schallt – progressiven, hochemotionalen und zugleich mächtig metallischen Postcore bekommt ihr nirgends so ausgezeichnet serviert wie von THE HIRSCH EFFEKT. Dafür kann man auch nach dem kleinen Clubgig in Weinheim ein q.e.d. setzen.

Setlist THE HIRSCH EFFEKT:
Lifnej
Agnosie
Cotard
Inukshuk
Ligaphob
Lentevelt
Laxamentum / Requiem
Xenophotopia
Berceuse
Tardigrada
--
Athesie
Agitation

Redakteur:
Timon Krause
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