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Stromgitarren-Festspiele - Kirchheim u. Teck

16.01.2007 | 11:03

13.10.2006, Jugendhaus Linde

Samstag, 14.10.

Die Busfahrten im Kaff machen wieder zu schaffen, bringen mich aber pünktlich zum Ort des Geschehens. Der leichte Kater der gestrigen Nacht hinterlässt nebenher auch noch seine Spuren. Aber was soll's? Mund auf, Bier rein, Mund zu. Gutes Mittel gegen den Schädel.

So kann's auch gleich losgehen. Und zwar mit SEEK FOR YOUR VIOLENCE. Nur scheinen diese Jungs ihrem Namen nicht alle Ehre zu machen, denn von Gewalt strotzt der Gig nicht gerade. Die Drei-Mann-Combo schafft es nicht, dem erwartungsvollen und sehr spärlich erschienenen Publikum ein Feuer unterm Arsch anzuzünden, und spielt ihr Material lieblos runter. Die Musik an sich ist gewöhnungsbedürftig und kann vielleicht auf CD gut klingen, nur technisch jagt hier ein Aussetzer den anderen. Die stockbetriebene Stalinorgel fällt hierbei am meisten ins Auge, denn das Spiel der Doublebass-Drum ist von Fehlern gekennzeichnet und regt dabei nicht gerade die Nackenmuskulatur an. Insgesamt fehlen einfach auch die Spielfreude und der Abwechslungsreichtum. Leider ein misslungener Auftritt.

Zum Trost geht's erst mal Richtung Grill- und Metstand das geliebte Horn auffüllen. Nach gelungener Tankung und einem leckeren Steak ruft wieder die Arbeit.

Die Seitenscheitelbrigade von NO END IN SIGHT erklimmt das Treppchen und knallt dem anwesenden Langhaarvolk (okay, Flo von DARK WIRE ausgenommen, dieser sticht irgendwie heraus) die volle Ladung Metalcore vor die Fresse. Das Publikum ist anhand der Emo-Frisuren eher geteilter Meinung, aber das tut ja nichts zur Sache. Die Schreihälse selbst haben sichtlich gute Laune, sind anfangs aber stimmlich kaum hörbar. Zum Glück verbessert sich das Ganze und tut so seinen guten Dienst zum Gesamtbild, auch wenn die Jungs das instrumentale Zusammenspiel noch nicht ganz zu beherrschen scheinen. Zusammengefasst ein solider Gig, nur fehlt hier stark das große i-Tüpfelchen.

Nun die Band, auf die ich mich schon den ganzen Abend gefreut habe: HAVOK.
Diese kranke Konstellation samt hauseigenem Chris-Barnes-Rasta-Verschnitt (auch wenn hier am Bass) zieht mit Death Metal der feinsten Sorte aufs Schlachtfeld und weiß genau, was man dem Publikum zu bieten hat: viel Spaß an harter Musik und einen beanspruchten Hals. Und genau das schaffen die Freaks auch. Ein brutales Drumgewitter hagelt auf die zahlreich anwesenden Fans nieder und derbes, durch Mark und Bein gehendes Growling zeigt keine Kompromissbereitschaft. Zwar sind die Screams des Todespredigers etwas zu hoch angesetzt, die Snare-Drum knallt ein bisschen zu sehr, und die Leadgitarre könnte etwas mehr Lautstärke vertragen, aber das Gesamtbild wird trotzdem nicht angekratzt.
Um eine Erkenntnis bin ich jedenfalls reicher geworden: Blut ist Metal! O-Ton des Sängers, als er sich nach mehreren "Du blutest!"–Zurufen endlich an die Nase fasst, erst einmal verwirrt in die Gegend schaut und jenen Spruch zum Besten gibt. Leider ist die Zuschauerschaft noch recht weit weg von der Bühne. Dem wird jedoch Abhilfe geschaffen, indem sich Stimmbandrupfer Thomas das Shirt auszieht und seinen hart antrainierten und teuren Biermuskel präsentiert. Verständlicherweise nimmt die Dichte vor der Bühne nun beachtlich zu. Jetzt ist die Band wieder voll in ihrem Element und bolzt noch bis zum Ende, was das Zeug hält. Das inzwischen schon erschienene Debütalbum "Havok" klingt schon fast langweilig im Vergleich zu dieser Show heute Abend. Wahnsinn!
Ein lustiges Gespräch mit dem HAVOK-Sänger über Growling und passende Techniken folgt, welches einige obskure Erkenntnisse in Sachen Wampe fallen lassen und so weiter bringt. Da schreit mein Kessel doch gleich: "Hunger!". Und da ich immer auf meinen Bauch höre, schlage ich mir mal eben jenes Etwas im Backstage-Bereich voll. Mann will ja komplikationslos berichten können, denn die Düster-Black-Metaller DARK WIRE stehen an.

So stelle ich mich ins Publikum und schaue mal, was die Jungs auf der Bühne so treiben. Sofort ins Auge fallen das fehlende Keyboard und die nicht anwesende Sängerin Jule, was sich gleich auf die Atmosphäre auswirkt und die Qualität des Materials etwas mindert (Der "Dark"-Anteil fehlt sozusagen ein bisschen). Das Publikum stört sich wenig daran und lässt angetrieben von der kranken Keif-Stimme des Sängers die Mähnen kreisen. Dabei besteht die Setlist aus großenteils neuen Werken der Bande, welche trotz Atmosphären-Einbuße gut ankommen zu scheinen. Allerdings fehlt dem Ganzen der groovige Bass im Hintergrund. Er ist einfach viel zu leise. Trotzdem versprüht der Sau-am-Spieß-Imitator eine allgemeine gute Laune und weiß durch witzige Einlagen zu überzeugen. Spätestens nach der Werbe-Einlage für den Fleisch- und Metstand, welcher immer wieder erwähnenswert ist, wird wohl auch der Veranstalter sowohl den Kreisssägen-Abkömmling als auch die Band lieb gewonnen haben - auch wenn sich Emo-Flo die Haare noch nicht wieder hat wachsen lassen.

Zur Abwechslung gibt's jetzt noch ein wenig Thrash Metal mit DAVIDIAN, und dann geht der Abend langsam dem Ende zu. Zumindest für die "normalen" Besucher.
Die soeben genannten Jungs servieren rohen Achtziger-Jahre-Thrash-Metal vom Feinsten und heizen den Fans kräftig ein. Vor allem der hektische Drummer ist erwähnenswert, da dieser sein Werk perfekt beherrscht, aber derart brachial auf die Snare einprügelt, dass selbst bei Mischer-Volume-Stufe "0" den Ohren droht, zerfetzt zu werden. Viel zu penetrant. Die Riffs treiben ordentlich, und der Sänger untermalt den Gesamteindruck mit seiner eher an Metalcore erinnernden Stimme, welche kräftig aus den Boxen dröhnt. Insgesamt ein netter Auftritt, aber nichts Herausragendes.

Sofort geht's mit den Melodic-Deathern TREMORS weiter. Die Spätzle-Metzler ausm Schwabenland hauen der Fanschar ihr tiefgestimmtes und langsam gespieltes Stahlgewitter vor die Fresse und kommen dabei sehr professionell rüber. Zehn Jahre Live-Erfahrung lassen grüßen. Der Sound ist trotz kaum hörbarem Keyboard gut abgemischt, kommt aber insgesamt leider etwas monoton rüber. Die Truppe überzeugt mit einer klasse Harmonie aller Instrumente und einer Rhythmik, die gute "Bangbarkeit" garantiert. Unterstützend kommen derbe Growls und sägende Screams dazu. Aber leider fehlt der Panzerbrigade meiner Meinung nach die nötige Power, um als Headliner anzutanzen. Da gibt's saftigere Kaliber, was jetzt aber keineswegs die TREMORS-Herren ins schlechte Licht rücken soll. Solide war der Gig allemal. Und Spaß gemacht hat er auch.

Rückblickend auf die beiden Festivaltage kann gesagt werden, dass man eine Menge Spaß hatte. Das Team war freundlich, die Atmosphäre entspannt und stressfrei, die After-Show-Party bierselig, der Met bzw. das Fleisch lecker und die Bands locker drauf. Nachdem dann der letzte nervige Dauerdichte aus den Hallen "entfernt" wurde konnte Schluss gemacht werden.
Leider verirrten sich eindeutig zu wenige Leute zum Festival. Teilweise lag dies auch an einer Falschmeldung der Nürtinger Tageszeitung, die einen falschen Austragungsort ausschrieb. So warteten, wie am Anfang genannt, einige erwartungsvolle Besucher vergeblich vorm "Club Kuckucksei", dem ursprünglichen Veranstaltungsort der "Stromgitarren Festspiele".
Diese verpassten leider ein gelungenes Festival. Daher auch noch mal ein Dank an den Veranstalter "Das Brett - Metalmanifestation, Nürtingen - Kirchheim/Teck". Gute Arbeit wurde geleistet!

Redakteur:
Rouven Dorn

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