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SCORPIONS - Köln

29.11.2016 | 00:30

23.11.2016, Lanxess Arena

Noch lange nicht reif für die Rente!

50 Jahre SCORPIONS, das ist schon eine ganz schöne Hausnummer, die da heute Abend auf der Bühne der Lanxess Arena gefeiert wird. Aber halt, wollten sich Klaus Meine und Co nicht eigentlich längst in die Rente verabschiedet haben? So lautete zumindestens zwischenzeitlich der Plan der Rock-Urgesteine, den sie glücklicherweise schnell wieder verwarfen und stattdessen mit dem starken neuen Album "Return To Forever" inklusive anschließender globaler Konzertreise auftrumpften. Die Show in Köln hätte dabei eigentlich schon an Ostern diesen Jahres steigen sollen, allerdings wurde der Fünfer damals von einer Halsentzündung bei Fronter Meine ausgebremst, weshalb die verbliebenen Deutschland-Konzerte verschoben werden mussten. Doch nicht nur der Termin für das Gastspiel in der Domstadt hat sich geändert, denn nach dem gesundheitsbedingten Ausscheiden von James Kottak schwingt inzwischen Ex-MOTÖRHEAD-Drummer Mikkey Dee bei den SCORPIONS die Trommelstöcke. Genug Gründe also, um die Reise nach Köln anzutreten und ein kleines Stück deutscher Rock-Geschichte zu erleben.

Doch bevor die Stacheltiere die Arena rocken, dürfen sich erst einmal die Mannheimer Newcomer BEYOND THE BLACK dem Publikum präsentieren. Wobei die Verortung der Band in Baden-Würtemberg eigentlich inzwischen hinfällig ist, immerhin hat sich Fronterin Jennifer Haben im Sommer ihrer kompletten Mitmusiker entledigt und kurzerhand eine neue Band zusammengestellt, die sich aus Musikern aus ganz Deutschland zusammensetzt. Der radikale Umbruch macht sich wenig überraschend auch in der Performance des Sextetts heute Abend deutlich bemerkbar. So manövriert sich die junge Truppe musikalisch zwar durchaus souverän durch Tracks wie 'In The Shadows', 'Written In Blood' oder 'Lost In Forever', trotzdem fallen auch kleinere Unsicherheiten im Zusammenspiel sehr schnell auf. Zusätzlich fehlt auch Ex-Gitarrist Christopher Hummels an allen Ecken und Enden, denn wo er es zuvor immer verstand, das Publikum mit seinen sympathischen Ansagen mitzureißen, wirkt Jenny heute fürchterlich verunsichert und lässt abgesehen von einer stimmlich guten Performance die Qualitäten im Umgang mit dem Publikum vermissen. Diese Lücke können auch ihre neuen Mitstreiter nicht füllen, insbesondere weil sie eher wie Statisten wirken und abgesehen von einigen Gitarren-Soli ein Dasein in den schlecht ausgeleuchteten Ecken der Bühne fristen. So hinterlässt schlussendlich auch nur das starke MOTÖRHEAD-Cover 'Love Me Forever' einen wirklich bleibenden Eindruck,. währende die übrige Pop-Metal-Stangenware der Truppe eher wirkungslos im großen Rund der Lanxess Arena verhallt. Am Ende bleibt damit nach knappen dreißig Minuten festzuhalten, dass sich der Wechsel an den Instrumenten eher negativ auf die Leistung von BEYOND THE BLACK ausgewirkt hat, mal ganz abgesehen von dem recht faden Beigeschmack, den diese Management-Entscheidung bei vielen Fans hinterlassen haben dürfte. Für die ganz großen Arenen sind die Mannheimer jedenfalls noch nicht bereit, dazu fehlt es sowohl Fronterin Jenny, als auch ihren neuen Kollegen noch an Format und gemeinsamer Bühnenpraxis.

Gleiches kann man von den den SCORPIONS mit Sicherheit nicht behaupten, denn alleine der Bühnenaufbau der Altrocker ist schon mehr als imposant. Wobei von einer klassischen Bühne eigentlich nicht die Rede sein kann, stattdessen begrüßt die Zuschauer praktisch ein einziger gigantischer LED-Screen, der eben zusätzlich auch noch Platz für die Musiker bietet. Die Möglichkeiten sind mit einer solchen Konstruktion natürlich praktisch unbegrenzt und so verwandelt sich die Bühne auch prompt in eine gigantische Wand von pulsierenden Lautsprechern, als die Hannoveraner um punkt 21 Uhr mit 'Going Out With A Bang' loslegen. Ab jetzt gibt es in der mit gut 10.000 Besuchern gefüllten Lanxess Arena kein halten mehr und angeführt vom wild posenden Rudolf Schenker legen die Rocker mit 'Make It Real' und einer famosen Version von 'The Zoo' inklusive ausgedehntem Talkbox-Solo von Matthias Jabs direkt nach. Bereits in dieser frühen Phase der Show macht sich dabei bemerkbar, dass die Verpflichtung von Mikkey Dee auch die übrigen Musiker angestachelt hat. So groß mein Respekt auch für James Kottak war und ist, Mikkeys einzigartiges treibendes und unheimlich hartes Drumming verpasst den SCORPIONS einfach wieder einen deutlich rockigeren und härteren Sound. Dass sich der Schwede dabei großteils noch zurückhält, das beweist er beim späteren MOTÖRHEAD-Tribute 'Overkill' inklusive anschließendem Solo, bei dem Dee noch einmal eine gute Schippe drauflegt und mal richtig in die Felle haut.

Zuvor unternehmen die Hannoveraner allerdings erst einmal eine kleine Zeitreise mit den Zuhörern und präsentieren ein feines Siebziger-Medley bestehend aus 'Top Of The Bill', 'Steamrock Fever', 'Speedy's Coming' und 'Catch Your Train', bevor sie mit dem Hit 'We Built This House' vom aktuellen Silberling "Return To Forever" beweisen, dass die Rock-Dinos auch in Sachen Songwriting noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Matthias' feines Gitarren-Solo 'Delicate Dance' bildet schließlich den Übergang in ein Akustik-Set, für das der Fünfer kurzerhand den Steg der Bühne entert und praktisch inmitten des Publikums die Balladen 'Always Somewhere', 'Eye Of The Storm' und 'Send Me An Angel' in reduzierter Form zum Besten gibt. Gerade in den ruhigeren Passagen ist dabei zu hören, dass sich Klaus Meine von den Halsproblemen im Frühjahr bestens erhohlt hat und so präsentiert sich der Fronter heute Abend stimmlich in bester Verfassung. Das unvermeindliche 'Wind Of Change' beschließt im Anschluss den ruhigen Teil des Abends und auch wenn der Track inzwischen dank ewigem Radio-Airplay fürchterlich ausgelatscht ist, so entfaltet er heute in Köln doch wieder diese einzigartige Stimmung, die ihn völlig zu Recht zur Hymne der deutschen Einheit gemacht hat.

Danach schmeißt Rudolf Schenker aber glücklicherweise wieder den Gitarren-Helikopter an und so bringen das feine 'Rock'n'Roll Band', die Abrissbirne 'Dynamite' und das bereits erwähnte 'Overkill' die Halle wieder zum Kochen. Sein Pulver hat der Fünfer damit aber noch längst nicht verschossen und so endet der reguläre Teil des Sets schließlich nach gut 90 Minuten mit den Klassikern 'Blackout', 'No One Like You' und dem Ohrwurm 'Big City Nights' vom Erfolgsalbum "Love At First Sting" standesgemäß. Schluss ist damit natürlich noch nicht, denn ohne den rockenden Hurrikan können Meine und Co natürlich keine Bühne verlassen. Dementsprechend legen sie mit 'Still Loving You' noch einmal eine feine Powerballade nach, bevor die imposante Rockshow schließlich mit einem Knall und Konfetti-Regen zum bereits erwähnten Jahrhundert-Song 'Rock You Like A Hurricane' ein Ende findet.

Setlist SCORPIONS: Going Out With A Bang, Make It Real, The Zoo, Coast To Coast, Top Of The Bill / Steamrock Fever / Speedy's Coming / Catch Your Train, We Built This House, Delicate Dance, Always Somewhere / Eye Of The Storm / Send Me An Angel , Wind Of Change, Rock'n'Roll Band, Dynamite, Overkill (MOTÖRHEAD-Cover), Drum Solo, Blackout, No One Like You, Big City Nights, Sill Loving You, Rock You Like A Hurricane

Schlussendlich kann man damit eigentlich nur den Rock'n'Roll-Göttern dafür danken, dass sie die Hannoveraner noch einmal zum Rücktritt vom Rücktritt bewegt haben. Solange die Altrocker nämlich noch solch bombastische und unterhaltsame Shows wie heute Abend in Köln abliefern, ist das Quintett noch lange nicht reif für die Rente. Zugleich wäre der Verlust einer solchen Legende auch ein herber Verlust für die deutsche Musikszene, denn wenn wir ehrlich sind, steht eigentlich keine Band in den Startlöchern, die auch nur im Ansatz eine solch beispiellose Karriere wie die SCORPIONS hinlegen könnte. Also müssen die Herren noch ein paar Jahre durchhalten, damit Rockmusik-Liebhaber auch weiterhin in den Genuss solch toller Abende wie heute in Köln kommen können!

Redakteur:
Tobias Dahs

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