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Rock Of Ages 2017 - Seebronn

01.08.2017 | 22:30

28.07.2018, Festivalgelände

Familien-Rock!

Ausgeschlafen und gestärkt geht es in den zweiten Tag des Seebronner Festivals, den Haupttag des Rock Of Ages, der von früh um 11: 30 Uhr bis zum Tageswechsel zu begeistern weiß, aber auch schlaucht. Den Auftakt mach SONS OF SOUNDS, die United Forces For Rock 'n' Roll-Sieger. Hey, das rockt ganz schön, das die drei Brüder da fabrizieren, ist eine Art zeitloser Rock mit Metal-Infusion, hat aufgrund des Trios erstmal zwar ein wenig Biker-Rock-Charakter, doch damit würde man den Süddeutschen Unrecht tun. Tatsächlich ist die Band ein wirklich guter Anheizer, auch wenn sich noch nicht allzu viele Musikbegeisterte zu dieser Stunde vor der Bühne eingefunden haben. Die drei Jungs sollte man im Auge behalten!


DARE als zweite Band ist natürlich ein geschickter Schachzug, um Leute auf das Festivalgelände zu locken. Denn tatsächlich wird es nahezu schlagartig voller, als Darren Wharton und Vinny Burns, die beiden Aushängeschilder der Band mit bekannten Namen in ihrer Diskographie wie THIN LIZZY und TEN oder ASIA, und ihre drei Mitmusiker die Bühne betreten. DARE bedeutet AOR kurz vor der Kitschgrenze, große Melodien eingebettet in Liebeslieder, zu denen Gitarrist Burns kleine, feine Gitarrensoli beisteuert, aber sich vor allem nicht in den Vordergrund spielt. Auch diese reduzierte Arbeit an der Sechssaitigen lässt den Sound der Briten noch weicher erscheinen, als er ohnehin schon ist. Aber weich oder nicht, eine ordentliche Anzahl der Anwesenden scheinen meine Meinung zu teilen, dass wir es hier mit einem Festivalhöhepunkt zu tun haben dürften. Von Beginn an mischen die Herren von der Insel ihren schmalzigen, unwiderstehlichen Melodic Rock an und locken immer mehr aus den Zelten vor die Bühne. Und wer nicht vorkommt, wippt halt auf der Bierbank mit. Mitten im Set spielt DARE wie immer 'Emerald', die THIN LIZZY-Coverversion, die sie stark verändert und zu einem echten DARE-Stück gemacht haben, und im Anschluss folgt mit 'Wings Of Fire' mein absoluter DARE-Lieblingssong. Nach zehn Stücken ist Schluss, wobei der Veranstalter den Briten noch eine Zugabe gestattet, die sich fortan als Verzögerung durch den Tag ziehen sollte. Obwohl ich verstehe, dass die Veranstalter mit dem frühen Austrittsslot das Gelände füllen wollten, ist die frühe Auftrittszeit natürlich ein Frevel. Zumindest hätte der Band eine längere Spielzeit zugestanden werden können. Die Stimmung war jedenfalls prächtig und ich hätte noch ein halbes Stündchen gekonnt.
Setliste: Sea of Roses, Home, I'll Hear You Pray, Days Of Summer, On My Own, Emerald, Wings of Fire, We Don't Need a Reason, Abandon, Into the Fire, I will Return


Dem etwas entgegen zu setzen ist natürlich schwierig, aber Oliver Hartmann ist nicht bange und legt gleich mal mächtig los. Da der Bube ein neues Album mit dem Titel "Shadows & Silhouettes" am Start hat, startet er mit drei neuen Liedern. Klar, verständlich, aber vielleicht musste das auch nicht am Stück sein, doch der Stimmung tut es keinen Abbruch, auch wenn weniger Menschen direkt vor der Bühne stehen als bei DARE. Aber die Mittagssonne ist auch unerbittlich. Oliver ist gut bei Stimme und hat sichtlich Freude an diesem Auftritt, für den er einmal quer durch seine mittlerweile fünf Alben umfassende Diskographie pflügt. Allerdings geordnet, wenn ich mich nicht irre. Zuerst kommen Lieder vom aktuellen Album, dann eines von "Home", dann wird "3" mit zwei Stücken gewürdigt und nach einem Doppelschlag von "Balance", unter anderem mit dem besten Lied des deutschen Barden, 'All My Life', landen wir beim Debüt, das mit drei Liedern den Abschluss macht. Hat zwar kaum jemand gemerkt, aber das wirkt schon ein bisschen uninspiriert. Was ist los, kein künstlerischer Anspruch, die perfekte Gigdynamik zu erschaffen? Egal, tatsächlich funktioniert die Setliste sehr gut und ich befürchte, es wird Viele hier geben, die mit dem Material nicht gut genug vertraut sind, um über die Songreihenfolge nachzudenken. Mich hat er man wieder überzeugt, HARTMANN live könnte ich öfter sehen und hören. Ich glaube, das sehen viele um mich herum ähnlich.
Setliste: Irresistible, High on You, I Would Murder for You, The Sun's Still Rising, Right Here Right Now, After the Love Is Gone, All My Life, Alive Again, Don't Give Up Your Dream, Listen to Your Heart, Out in the Cold


Der Samstag des diesjährigen Rock Of Ages steht ganz im Stern des Melodic Rock. Der nächste Vertreter der Zunft ist die Hannoveraner Band FAIR WARNING. Ich muss gestehen, dass ich sie trotz des starken "Rainmaker"-Albums Mitte der Neunziger aus den Augen verloren hatte. So warte ich mal ab, was da auf mich zukommen wird. Aushängeschild der Norddeutschen ist Sänger Tommy Heart, der eine sehr kraftvolle Stimme besitzt und auch optisch den Mittelpunkt des Band bildet, so eine Mischung aus Playboy und Omas Liebling. Was sich ja nicht ausschließen muss. Heart animiert das Publikum und schafft es, eine gewisse Crowd zu behalten, obwohl die Sonne zeitweise wirklich heiß auf die Köpfe brennt und ihren Tribut fordert. So auch bei mir, ich begebe mich in den Schatten und schaue von dort aus zu. Ohne kleine Pause wird der Tag einfach zu lang und zu anstrengend. FAIR WARNING, die vor allem in Japan große Erfolge verbuchen kann, ist eine sehr solide, unterhaltsame Band, die ich gerne nochmal sehen würde, wenn sie nicht im Zentrum eines Pakets von vier stilistisch ähnlichen Bands in der Sommersonne an einem langen Festivaltag spielen.


Der vorerst letzte Vertreter der Melodic Rock-Riege ist HARDLINE, die Band um den aktuellen AXEL RUDI PELL-Sänger Johnny Gioeli. Und der hat mächtig Spaß in den Backen, als die Band die Bühne stürmt. Letztes Jahr stand er hier noch vor Axel, jetzt kommen seine eigenen Lieder zum Zuge, und selbige scheint er unbedingt anpreisen zu wollen. Gioeli hat so viel Elan und Spaß, das ist einfach ansteckend. Stillstand gibt es nicht, nach vorne ist die Devise, jeder Zentimeter der Bühne will vermessen sein. Dadurch rückt natürlich der Rest der Band ein wenig in den Hintergrund, allerdings ist eine fette Sonnenbrille, wie sie Gitarrist Josh Ramos trägt, auch nicht gerade kommunikationsfördernd. Auch Gioeli lässt heute, obwohl er laut eigener Aussage normalerweise keine politischen An- oder Aussagen macht, die Realität in den Set lugen, als er eine Ansage macht, die sich gegen den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, richtet, und damit das Lied 'Life's A Bitch' ankündigt. Die knappe Stunde vergeht wie im Fluge. Wenn diese Band so weitermacht und die Chance erhält, könnte uns hier tatsächlich noch Großes bevorstehen. Und bei dem brillanten Sänger sowieso.


Stilwechsel ist angesagt. Wie eine Erdbeere im Spargelfeld sticht BLUES PILLS aus dem Billing. Die schwedische Band, deren optischer Mittelpunkt zweifellos Frontfrau Elin Larsson ist, hat letztes Jahr ihr zweites Album "Lady In Gold" veröffentlicht, das rockiger als das Debüt ausgefallen ist. Diesen Kontrast bemerkt man sofort bei den ersten beiden Stücken. Während das Titellied des aktuellen Albums mächtig animiert, kann 'Black Smoke' vom Debüt die Stimmung nicht halten. Das kommt für mich nicht unerwartet, denn letztes Jahr auf dem Summer Breeze war ich auch nur bedingt begeistert gewesen. Doch heute ist das Ganze viel leichter zu verdauen, das Dauergrinsen der Sängerin hilft auch, irgendwie ist BLUES PILLS am Tage viel weniger schwurbelig als mitten in der Nacht. Vielleicht aber hat es auch an mir gelegen. Heute jedenfalls läuft alles richtig, die Band rechtfertigt die hohe Position im Billing und macht sich zahlreiche neue Freunde. Allerdings hätte ich sie trotzdem strategisch in die Phalanx aus AOR-Bands gesetzt anstatt hintendran, aber das ist nur mehr ein Detail am Rande.


PRETTY MAIDS kann gar nicht schlecht sein, so der einhellige Tenor um mich herum. Ja, das glaube ich, ich habe sie auch noch nie auch nur mittelmäßig gesehen. Wie auch, mit einem Frontmann wie Ronnie Atkins. Der zieht sogleich die Blicke auf sich, als die Band mit 'Mother Of All Lies' loslegt, da hilft auch der obligatorische weiße Cowboyhut des Gitarristen Ken Hammer nichts. Die Band hat mittlerweile vierzehn Studioalben veröffentlicht, von denen keines wirklich schlecht ist, aber das Hauptaugenmerk liegt weiterhin auf den ersten beiden Scheiben, manchmal noch erweitert um "Jump The Gun", sowie den letzten drei Veröffentlichungen, die allerdings auch wirklich großartig sind. 'Kingmaker' folgt und dann schon das umwerfende 'Back To Back'. Atkins am Mikro macht weitgehend die Show, doch das will Bassist Rene Shades nicht auf sich sitzen lassen und zieht auch den einen oder anderen Blick auf sich. Spaß macht PRETTY MAIDS auch und spielt mal eben einen Teil von 'Another Brick In The Wall' von PINK FLOYD, was zwar schon ein Show-Standard ist, aber immer noch ankommt, bevor sie nach einer Stunde mit 'Future World' ihren Gig beenden. Wobei, Moment mal, es waren erst etwa 55 Minuten, und tatsächlich möchte die Band noch einen Song spielen, was üblicherweise 'Love Games' bedeutet, doch der Veranstalter nutzt die Gunst der Stunde und lässt die Schlussmelodie der PRETTY MAIDS einspielen, MONTY PYTHONs 'Sit On My Face'. Die Band ist zwar nicht glücklich, findet sich aber damit ab. Und ich würde sagen, auf einem höheren Begeisterungslevel als nach 'Future World' kann man sowieso nicht enden.
Setliste: Mother of All Lies, Kingmaker, Back to Back, Red, Hot and Heavy, Yellow Rain, Rodeo, I.N.V.U., Bull's Eye, Little Drops of Heaven, Future World


Jetzt wird es zwiespältig. Das ist mir bereits klar, bevor MARILLION die Bühne betritt. Viele kennen nur die Fish-Phase, und dass die Band mit Steve Hogarth bereits dreizehn Alben produziert hat, ist an den meisten vorbei gegangen. Und wenn nicht, so war das Gehörte vielen sicher einfach zu poppig, zu progressiv oder zu komplex. Obendrein ist das letzte Album, freundlich "F.E.A.R. - Fuck Everyone And Run" genannt, ein Konzeptalbum, oder besser ein Protestalbum, wie es Hogarth im Laufe des Gigs nennen wird. Und auf der aktuellen Tour spielt die Band das Album in Gänze und am Stück. Tatsächlich hängt hinter der Bühne eine riesige LED-Leinwand, und als die Band die Bühne betritt, beginnt das fast siebzigminütige Epos untermalt von einer kontinuierlichen Videoeinspielung. An dieser Stelle scheiden sich die Geister. Die weitaus Meisten haben sicher ein schönes Best-Of-Festivalset erwartet und schauen nun etwas entgeistert drein. Nach 'El Dorado' bestätigt Sänger Steve Hogarth auch die Befürchtungen, indem er ankündigt, dass alle, die auf 'Kayleigh' oder 'Lavender' warten, heute vergeblich warten würden. So spielt sich MARILLION durchaus einige Lücken ins Publikum. Die Fans jedoch, und dazu gehöre ich, sind absolut begeistert von der Perfektion, der musikalischen und lyrischen Tiefe, der makellosen Performance der Band. "F.E.A.R. - Fuck Everyone And Run" wird einfach brillant dargeboten und auch wenn es sicher nicht leicht ist, einem solch monumentalen Werk zu folgen, ist der Auftritt absolut mitreißend. Dabei steht allerdings die Musik im Mittelpunkt, die Band selbst versucht gar nicht, eine Show zu inszenieren, das besorgt die Kombination aus Tönen und visuellen Elementen, die diesen ersten Teil zum Höhepunkt des Festivals machen. Mir ist dabei absolut bewusst, dass MARILLION heute polarisiert und viele Besucher kopfschüttelnd und am Bierbecher nippend hoffen, dass das Spektakel doch bald vorbei sein möge, aber ich möchte lieber bitten, dass sie doch noch einmal von vorne beginnen mögen! Bei einer Spielzeit von neunzig Minuten hat MARILLION noch Platz für drei, vier Stücke. Jetzt hätte man natürlich besagte Klassiker, und vielleicht 'Sugar Mice' und vielleicht noch 'Easter' spielen können, doch das passt heute nicht zum künstlerischen Konzept. Stattdessen folgen gleich zwei Stücke vom vorletzten Album, "Sounds That Can't Be Made", nämlich neben dem Titelsong das überragende 'Power', sowie als Rausschmeißer 'King' von "Afraid Of Sunlight" aus dem Jahr 1995. So endet ein Auftritt, der kaum eine andere Wertung zulässt als "genial". Allerdings muss ich auch den Kritikern recht geben, dass auf einem solchen Festival ein wirkliches Best-Of-Set der Band sicher neue Freunde beschert haben würde, statt "We're Not Gonna Take It'-Chöre im VIP-Bereich. Aber so etwas hat MARLLION noch nie interessiert und der Erfolg, den die Band auf ihrem abwechslungsreichen und steinigen Weg eingefahren hat, gibt ihnen recht. Und ich muss mal schauen, wo ich diese Tour nochmal erwischen kann, um mir den gleichen Auftritt noch einmal ansehen zu können.


Der Headliner des Abends fehlt aber noch: SAGA. Es ist die letzte Tour, danach hängen die Musiker die Instrumente an den Haken. Oder zumindest das SAGA-Bandkonzept. Ich sage mal: Zumindest bis zur Reunion. Aber für den Fall, dass ich mich irre, sollten wir alle diesen Auftritt genießen. SAGA hatte ja letztes Jahr schon gut aufgespielt, aber tatsächlich kann die Band heute noch eine Schippe Spaß drauflegen. Und auch einiges an Überraschungen, denn dass die üblichen Verdächtigen in Form der alten Hits alle gespielt werden würden, stand außer Frage, doch was würde SAGA zusätzlich spielen? Eine ganze Menge, ist die Antwort, und auch unerwartete Lieder wie 'Book Of Lies' von "10000 Days" oder das ganz alte 'Give 'Em the Money', mit dem ich nicht gerechnet hatte. Alle Musiker, allen voran Michael Sadler, aber auch Gitarrist Ian Crichton, der in der Vergangenheit auch mal weniger gute Phasen hatte, scheint auf der Höhe seines Schaffens zu sein. So gesehen gibt es eigentlich keinen Grund für SAGA, aufzuhören. Aber es ist sicher besser, einen Schlussstrich zu ziehen, solange die Leistungen auf der Bühne zu begeistern vermögen. Deswegen: Hut ab, das war ein großartiger Auftritt, und wenn ihr in ein paar Jahren einige Angebote bekommt, mal das eine oder andere Festival zu headlinen, dann komme ich wieder. Bis denne!
Setliste: Take a Chance, On the Loose, How Long, Give 'Em the Money, Help Me Out, Keep It Reel, Times Up, Will It Be You, Book of Lies, Careful Where You Step, Drum Solo, Mouse in a Maze, What's It Gonna Be, On The Air, Someone Should, Humble Stance, Scratching the Surface, You're Not Alone, Don't Be Late, The Flyer, Wind Him Up, Social Orphan

Hier geht es zum dritten Tag...

Redakteur:
Frank Jaeger

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