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Rock For Roots IV - Nauen

07.09.2006 | 12:26

02.09.2006, Stadtpark

Der Stadtpark in Nauen bei Potsdam ist schwarz: Rund 300 Metal-Fans haben sich dort am 1. und 2. September zum Rock For Roots-Festival versammelt. Dunkle Klamotten, laut-brachial-böser Metal, Massen an Bier - und Symbole mit doppeldeutigem Charakter. So tragen viele Besucher als Aufnäher so genannte Lebensrunen oder ihre umgedrehte Variante, die Todesrune. Diese wurden bei den alten Germanen als religiöse Zeichen verehrt, aber auch im Dritten Reich von der SS als "Lebensbornzeichen" verwendet. Doch wer von den Gästen nutzt solche Symbole aus religiösen Gründen oder weil er einfach verdammt auf Pagan Metal schwört? Und wer wegen Sympathien zum Faschismus?

Die Veranstalter haben so etwas wohl erwartet - und wohl noch mehr. Denn die gefettete Warnung in der überall aushängenden Hausordnung des Open Airs ist sogar unterstrichen: "Wer in irgendeiner Weise gegen momentan geltendes bundesdeutsches Recht verstößt (dies gilt insbesondere für politische Agitatoren), kann sofort gehen und froh sein, wenn unsere Ordner ihn vor einer der zahlreichen Zivilstreifen ansprechen". Keine Verstöße gegen den Paragraph über das Verwenden von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen, keine Parolen, so die Forderung des veranstaltenden Semnonenbunds, einem Nauener Verein mit vor allem jungen Mitgliedern zur Pflege des germanischen Erbes.

Schon im Vorfeld hatte das Festival Schlagzeilen gemacht: Nachdem dort im vergangenen Jahr Händler zeitweise rechtsextreme Musik verkauft hatten und Bands aus dem nationalsozialistischen Black-Metal-Spektrum aufgetreten waren, verlangten beispielsweise Nauens Bürgermeister Detlef Fleischmann (SPD) und die Leiterin der Koordinierungsstelle "Tolerantes Brandenburg", Angelika Thiel-Vigh, eine klare Distanzierung des Semnonenbunds vom Rechtsextremismus.

Die möchte Rico Krüger, der Chef des Bundes, auch an dem Wochenende des Festivals so nicht geben. "Wir verstehen uns als unpolitisch und sind gegen alle Extreme", sagt der junge Mann. Er trägt lange Haare, viele bunte Tätowierungen und altgermanischen Symbole an mehreren Halsketten. Und aus der Hausbesetzerszene kommt er ursprünglich, erzählt er. Doch nun versucht er mit seinem Semnonenbund in Nauen eine Art historisches Germanendorf wieder aufzubauen. Das jährliche "Rock For Roots" soll dafür einen Teil der Finanzierung sichern. Doch zur Zeit hat Rico Krüger viel anderes zu tun: Er muss sich rechtfertigen, Neonazis nicht konsequent auszuschließen, obwohl gerade diese Szene von dem altgermanischen Konzept angezogen würde. Krüger seufzt. Zeichen wie etwa die Lebensrune würden von "beiden" Seiten missbraucht, bedauert er: Von den "Linken", weil sie gegen alles vorgingen, was nur entfernt an Nationalgefühl erinnere. Und von den "Rechten" für ihr Weltbild. Im Übrigen sei Deutschland ein Land mit Meinungsfreiheit: Auch Standpunkte von Rechtsextremen müssten akzeptiert werden, "solange sie nicht gegen das Gesetz verstoßen." Gleichzeitig will der Verein aber auch schon Angebote zur Zusammenarbeit mit der NPD klar und deutlich abgelehnt haben: Als politikfreie Zone verstehe man sich also. Daher hätte während diesem Rock For Roots auch ein Stand aus Polen seine Ware abbauen müssen - wegen T-Shirts mit verfassungsfeindlichen Symbolen. Dennoch werden am Samstag auf dem Gelände noch CDs von osteuropäischen NS-Black-Metal-Bands wie GRAVELAND oder NOKTURNAL MORTUM verkauft: Diese Gruppen sind zwar in Deutschland nicht verboten, aber für ihre eindeutige Gesinnung berüchtigt.

In ähnlichen Grauzonen bewegen sich einige der aufspielenden Bands am Samstag des Festivals - am Freitag war trotz cooler Bands wie NEGURA BUNGET leider keine Zeit für einen Besuch. So kommt der Sänger der Operlausitzer HEERBANN mit auf Bauch gemalten Lebens- und Todesrunen auf die Bühne. Und grüßt sarkastisch einen Christian D. - gemeint ist damit wohl Christian Dornbusch von der Fachhochschule Düsseldorf, der Autor des "Unheilige Allianzen"-Buches über die Verstrickungen von Teilen der Black-Metal-Szene und rechtsextremen Gruppen. Doch wer will dem HEERBANN-Frontmann ein paar Grüße verbieten? Beispielhaft wirkt da das Gespräch mit einem Dresdner, der für den Black Metal keine echte Gefahr von Rechts sieht. So bedauert er es, dass vor ein paar Jahren ein Festival bei seiner Heimatstadt letztendlich abgesagt werden musste, weil der Veranstalter ein Funktionär der rechtsextremen NPD gewesen sei: "Der wollte doch nur Metal machen, die politische Schiene soll da außen vor bleiben." Ist es Naivität, die zu solchen Sätzen führt? Selbst Verfassungsschützer warnen seit Jahren, dass Nazis gezielt versuchen bestimmte Subkulturen zu unterwandern und dabei deren Symboliken für ihre verfassungs- und demokratiefeindlichen Zwecke zu instrumentalisieren, gerade in sich unpolitisch gebenden Szenen wie dem Black Metal, oder auch in (neu-)heidnischen Gruppen. Doch zurück zu HEERBANN: Die werden in Nauen bejubelt und bieten auch eine solide Mischung aus Pagan und Black Metal - die allerdings durch die unterirdisch miese Klarstimme des Sängers manches Mal fast unfreiwillig komisch wirkt.

Zweischneidig gestaltet sich der Gig der aus Belgien stammenden THEUDO. Sie klingen wesentlich professioneller als etwa HEERBANN, glänzen mit dramatischen Pagan-Metal-Parts und der sinistren Stimme von Sänger Jurgen, der beim ersten Auftritt seiner Band immer wieder die deutschen Headbanger lobt. Das Stück 'Awakening Of The Emperor' kündigt er allerdings so an: "The next song is for the glory of the German Empire" - ob er damit das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder das Dritte Reich meint, bleibt für Außenstehende offen. Zumindest scheinen ihm solche Doppeldeutigkeiten egal, wie am Ende des Gigs Cover-Versionen von BURZUM ('Lost Wisdom') und von den schwedischen Rechts-Rockern ULTIMA THULE ('God Of Light') beweisen.

Doch gibt es neben solchen Bands auch eine Reihe von Gruppen an diesem zweiten Festivaltag, die zum Glück einfach nur so sympathisch sind und schlichtweg Spaß am Metal zelebrieren. ARS MORIENDI gehören am frühen Samstagnachmittag dazu. Die Österreicher haben nach Aussage ihres Sänger Michael eine extrem lange Nacht im Auto hinter sich - die Strecke nach Brandenburg ist eben weit. Trotzdem sind der Frontmann und seine drei Mitstreiter gut gelaunt und krachen eine gute Portion deathigen Thrash Metal in die noch etwas müde Zuschauerschar. Das Böse an des Publikums Lethargie: Es kann seine Faulheit ausleben. Denn der Platz vor der Bühne ist voll typischer Freilichtkino-Sitzreihen. So kommt es, dass bei ARS MORIENDI kein einziger Fan wirklich vor der Bühne steht. Dafür gibt es gut gemeinten Applaus von den Rängen - und das freut die dynamischen Ösis dann doch.

Auch MALIZIA, ein paar blutjunge Burschen aus der Region, müssen im Anschluss mit kaum einem Fan vor der Bühne auskommen. Doch sie lassen sich mehr von dieser Szenerie beeindrucken: Die Show zu ihrem ausbaufähigem Metalcore fällt trotz synchroner Posen etwas hüftlahm aus und der Kontakt zum Publikum bleibt im Gegensatz zum Labertaschen-Michael von ARS MORIENDI auf das Mindeste beschränkt. Wenigstens die Musik ist recht abwechslungsreich gestrickt, wenn auch nicht gerade sensationell überwältigend oder gar neu. Aber diese Jungs sind noch jung. Witziges Detail am Rande: Die ständig hängende Norwegen-Flagge an der hinteren Wand der Parkbühne, die so gar nicht zum Auftreten von MALIZIA passen will.

Doch mit dieser Fahne müssen sich alle anderen Bands auch abgeben - und zu SUCCUBUS haben die Farben Norwegens zumindest einen deutlicheren Bezug als noch zu MALIZIA. Die Brandenburger Urgesteine sind schon seit 1992 aktiv, aber noch nie wirklich bekannt geworden. Eigentlich unverständlich, dann ihr Melo-Death-Metal klingt nicht viel schlechter als das Material der etablierten nordischen Konkurrenz. Zwar wirkt an diesem halbsonnigen Nachmittag in Nauen ihr Pferdegewieher-Kriegsgeschrei-Intro etwas deplaziert, doch entspinnt die Band im Anschluss ein dichtes Netz aus aggressiver Härte und schönen Melodien. Nur regt sich abermals nichts im Publikum. Nur ein einzelner Besoffener in Blue Jeans (!) und Adidas-Trainingsjacke (!!) kommt direkt an die Bühne heran und versucht ungelenk zum Sound von SUCCUBUS zu dirigieren. Wie zu erwarten, klappt das nur rudimentär... Die Band lässt sich jedoch nichts anmerken und zieht ihren Gig professionell und mit viel Spielkultur durch - um dafür auch wenigstens ein wenig anerkennenden Applaus zu ernten.

Erst bei den Hardcorlern von ENTROPHY tauen die Havelländer Metal-Fans ein wenig auf, ein paar verirren sich zum kraftvollen Hardcore der Jungs aus Kyritz vor die Bühne. Zwar passt der emolastige Sound wie auch der von MALIZIA nicht unbedingt zur Ausrichtung des Festivals, ist jedoch eine willkommene Abwechslung zum Restprogramm. Demnächst soll die von den fünf Jungs selbst produzierte Scheibe "End Of Glory" erscheinen - in Nauen haben sie einen Vorgeschmack gegeben, dass diese sicherlich heftig, hart und voller Energie ausfallen wird. Fein!

Doch das echte Highlight des Tages soll erst kurz nach Mitternacht folgen. Nach dem Anstich eines eher lauwarmen Fasses Freibier kommen GEIST auf die Bühne und zeigen, dass Black Metal auch gänzlich unproblematisch sein kann. Die fünf Jungs toben wie entfesselt vor Spielfreude über die Bühne. Besonders ihr Ersatzgitarrist Mätty von SPECTRE DRAGON rast mit seinem Instrument wie ein Berserker hin und her - er ist für Renegade A. Rex eingesprungen, der Urlaub hat. In Nauen interessiert das kaum: Zu perfekt werden die Stücke der aktuellen "Kainsmal"-Scheibe heruntergerotzt, zu fantastisch klingt der Sound. Und nachdrücklich machen GEIST mit Songs wie 'Wanderer' oder 'Einst war es Wein' klar, dass sie die Zukunft der deutschen Black-Metal-Szene fernab von Diskussionen über mögliche Nazi-Verstrickungen mitbestimmen werden. GEIST, das steht für geistreichen Black Metal mit intelligenten Texten - und nicht für plumpe Anfeuerungen des Menschenhasses. Besonders schön, dass diese Band auch live funktioniert, wenn in Nauen auch nicht so viele Leute vor der Bühne abfeiern wie noch zuvor bei CREATURE und später bei ANGANTYR.

Besonders im Fall von CREATURE ist die Begeisterung des Publikums nur schwer nachzuempfinden. Klar, ihr Black Metal ist rau und eindeutig geprägt von nordischen Kultobjekten wie DARKTHRONE. Zudem sind sie auf typische Weise schwarz-weiß angepinselt, im Gegensatz zu einigen Genrekollegen wirkt die Bemalung sogar relativ böse. Doch im Prinzip bietet ihre manchmal mit Pagan-Klängen untermalte Breitseite wenig Neues, des künstlerisch engen Korsetts des rauen Black Metals wegen. Auch die Show bleibt bis auf gewohnt diabolische Gesten recht sparsam und statisch. Doch vielleicht ist es genau das, was sich die Fans in Nauen wünschen: Denn spartanische und undergroundige Klänge bieten CREATURE in jedem Fall, sogar auf recht hohem Niveau. Dennoch bleiben sie eher ein Geheimtipp für Szene-Cracks denn eine Band, die von der breiten Metal-Masse konsumiert werden könnte. Seltsam Erhellendes über die Diskussion Black Metal und Rechtsextremismus sagt ihr Sänger Marco in einem Interview mit "Metal1Info": Er persönlich besitze den Eindruck, als ob sich "die Presse" gegen den Black Metal verschworen habe. Und weiter: "Ich begrüße, dass die Szene wieder dort hinkommt, wo sie hingehört, in den Underground, doch finde ich es auch zum kotzen, dass laut Presse überall der braune Teufel lauert und jeder Liebhaber dieser Musiksparte ein Nazi sein muss."

Ob er auch im Fall von ANGANTYR von Übertreibung sprechen würde? Die als Hauptband vor GEIST spielenden Dänen verzichten während ihres Gigs größtenteils auf Ansagen und legen eine für ihre zahlreichen Fans begeisternde Vorstellung hin: Schnell, eisig und ab und an mit einigen schaurig-schönen Keyboardsequenzen geschmückt, die Sänger Lord Ynleborgaz immer gezielt mit dem Rücken zum Publikum stehend spielt. Dazu kommen Feuerspei-Einlagen und markige Ansprachen. So kündigt Ynleborgaz einen Song als Stück an, dessen Text die Gefühle "aller" in ihren Herzen widerspiegele: 'Revenge' heißt der Titel. Die Fans sind ob solcher Bosheit überzeugt und feuern die vierköpfige Band weiter an: Am Ende haben sie keinen einzigen Song mehr in der Schublade und müssen so notgedrungen den alten Demo-Song 'Den Store Krig' noch einmal spielen. Die Fans jubeln weiter. Ob sie alle wissen, dass sich Frontmann Ynleborgaz in Interviews für kleine Fanzines über von "Juden kontrollierte Konzerne" erregte, die "das letzte reine Blut aus der Welt saugen"?

Doch wer kennt jedes Interview einer Underground-Kapelle? Rock for Roots-Chef Krüger zumindest sagt, dass jede auftretende Band vorher ausgiebig überprüft wurde. Und zu seinen Zuschauern, darunter auch eine Gruppe Glatzköpfe mit Lebensrunen und T-Shirts mit Aufschriften wie "Explosiv, Extrem, Exzessiv", meint Rico Krüger: "Es weiß nicht jeder, der in der Szene bestimmte Zeichen trägt, dass er sich damit strafbar macht". Am Wochenende zumindest halten sich alle an die Grenzen, die die Gesetze vorgeben: Die Polizei registriert keine Vorfälle. Rico Krüger hält die Diskussionen um sein Festival sowieso für übertrieben. Und trotzdem: Nächstes Jahr wollen sie zu ihren auftretenden Bands und Partnern mehr recherchieren. Damit sie nicht noch mehr in die öffentliche Kritik geraten.

Redakteur:
Henri Kramer

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