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QUEENSRYCHE - Köln

09.08.2015 | 17:18

30.07.2015, Underground

Geschichtsstunde mit den Legenden des Prog Metal im Kölner Underground. Mir einem Set aus Klassikern überzeugen die Amerikaner auf ganzer Linie.

Die US-Amerikaner von QUEENSRYCHE haben in den letzten Jahren doch einiges von ihrem Status eingebüßt. Zuerst veröffentlichten sie sehr experimentelle Alben, welche den ursprünglichen Bandsound komplett links liegen ließen, und stießen damit die eigene Fangemeinde vor den Kopf. Es folgte die Trennung von Sänger Geoff Tate, der anschließend eine eigene Inkarnation von QUEENSRYCHE ins Leben rief, während die verbliebenen Musiker die Band mit dem neuen Frontmann Todd La Torre fortführten. Nach einem langen Rechtsstreit gab Tate schlussendlich bei und löste seine Formation endgültig auf. All das war natürlich nicht förderlich für das Ansehen dieser Legenden des Prog Metal. Seit 2013 befindet sich die Truppe um die Gründungsmitglieder Scott Rockenfield, Michael Wilton und Eddie Jackson dank des guten selbstbetitelten Albums und starker Liveshows wieder auf dem aufsteigenden Ast. Kein Wunder also, dass die Band auch auf den Festivals (Bang Your Head und Wacken Open Air im deutschen Raum) wieder sehr gefragt ist. Die Zeit zwischen den Festivalwochenenden nutzen die Amerikaner dabei für einige intime Clubshows. So auch an diesem verregneten Donnerstag im Kölner Underground.


Die erste Überraschung erwartet die Zuschauer bereits vor dem Einlass, denn gegen jede Erwartung drängt sich eine große Menschenmenge vor dem Eingang zum Konzertsaal. Untypisch eigenlich, denn normalerweise ist der Andrang in den Liveclubs und Metalkneipen der Domstadt während des gerade stattfindenden Wacken Open Airs immer eher gering. QUEENSRYCHE kann allerdings auch hier auf eine eingeschworene Fangemeinde zählen und so strömt um kurz vor Acht ein bunt gemischtes Publikum aus jungen und alten Prog Anhängern vor die Bühne. Dort erwartet die Anwesenden dann auch bereits die zweite Überraschung des Abends: Auf der Bühne ist bereits das komplette Setup des Hauptacts aufgebaut und schnell wird klar, dass auch heute Abend, wie bereits am Vorabend in Essen, auf eine Vorband verzichtet wird.

So entern Rockenfield, Wilton, Jackson und Parker Lundgren dann auch pünktlich um 20:30 Uhr die Bühne zum instrumentalen Opener 'Anarchy-X'. La Torre folgt seinen Kollegen erst zum anschließenden 'Nightrider' auf die Bühnenbretter. Und hier rächt sich dann auch bereits der Verzicht auf einen Anheizer, denn das Kölner Publikum wirkt zuerst doch etwas verhalten. Das Quintett kennt allerdings das perfekte Gegenmittel für ein müdes Publikum: Klassiker! Und so bekommen die Anwesenden mit 'Spreading The Disease' und dem Übersong 'I Don't Believe In Love' sofort zwei absolut Highlights aus dem Progmeilenstein "Operation: Mindcrime" serviert.  Und siehe da, schon recken sich die ersten Fäuste gen Hallendecke und jede Zeile der Refrains wird lautstark von den Anwesenden geschmettert. Ab jetzt hat die Truppe um La Torre das Publikum im Griff und wird es auch für die folgenden 100 Minuten nicht mehr von der Angel lassen.

Passend zum Motto der Tour "Return To History" besteht die Setlist ausschließlich aus Material der Alben bis einschließlich "Empire", also der erfolgreichsten und wohl beliebtesten Phase der Band. Einzige Ausnahme bildet das brandneue 'Arrow Of Time', welches bereits die erste Auskopplung aus dem im Herbst erscheinenden neuen Longplayer darstellt. Überraschenderweise fügt sich der Song nahtlos in den Reigen der Klassiker ein und erntet dementsprechend auch kräftigen Applaus. Ist dieser Song ein Fingerzeig auf die übrige Qualität des Materials, dann steht uns hier mit Sicherheit der beste Release aus dem Hause QUEENSRYCHE seit "Empire" bevor.

Rein musikalisch kann man den Urgesteinen auf der Bühne natürlich nichts vormachen. Die Rhythmussektion um Rockenfield und Jackson legt einen soliden Groove aufs Parkett, während Lundgren und Wilton sämtliche Register an der Gitarre ziehen. Besonders sticht zusätzlich die Leistung von La Torre am Mikrofon heraus. Er singt die Klassiker des Backkatalogs nicht nur deutlich besser als es Tate in den letzten Jahren konnte, zusätzlich ist er auch ein absoluter Sympathieträger. Ständig ist er am Bühnenrand zu finden und sucht den direkten Kontakt zum Publikum. Eine Episode, die seine Bodenständigkeit verdeutlicht, trägt sich zu Beginn der Zugaben zu. Ein Fan in der ersten Reihe lässt seine Jacke in den Graben zwischen Bühne und Absperrung fallen und sofort ist La Torre zur Stelle um dem dankbaren Fan die verlorene Jacke anzureichen. Eine solche Umsichtigkeit legt sonst kaum ein Frontmann an den Tag.

So ist es ingesamt nur verdient, dass die Amerikaner im Laufe des Abends immer bessere Reaktionen einfahren können. Die Stimmung der Fans steigt mit jedem gespielten Song, wobei insbesondere das hervorragend vorgetragene 'Silent Lucidity', 'Eyes Of A Stranger' und 'Jet City Woman' den größten Beifall ernten. Das reguläre Set endet schließlich nach 70 schweißtreibenden Minuten mit 'Empire' vom gleichnamigen Platinalbum. Die Kölner haben aber noch Lust auf mehr und so lockt der anhaltende Applaus die Band für zwei weitere Zugaben auf die Bühne. Mit 'Queen Of The Reich' und dem abschließenden 'Take Hold Of The Flame' werden die anwesenden, glücklichen Prog-Jünger dann nach 100 Minuten in den verregneten Abend entlassen.

Draußen vor dem Underground reiben sich anschließend nicht wenige die Augen beim Blick auf die Uhr. Das Konzert endete bereits um 22:00 Uhr, eine doch recht ungewöhnliche Zeit für eine Metalshow. Ein Blick auf den Terminplan der Truppe aus Seattle klärt den Umstand aber schnell auf. In weniger als 20 Stunden müssen die Jungs beim Wacken Open Air bereits auf der Bühne stehen und so machen sich die Roadies bereits Minuten nach dem Konzertende daran, das Equipment zügig zu verladen.

Als Fazit bleibt am Ende nur zu sagen, dass mit QUEENSRYCHE in dieser Form wieder absolut zu rechnen ist. So stark und enthusiastisch hat man die Formation seit Mitte der Neunziger nicht mehr erleben können. La Torre ist weit mehr als ein würdiger Ersatz für Tate und die übrigen Mitglieder scheinen auch die Freude an der eigenen Musik wiedergefunden zu haben. Fans, welche diese  legendäre Band bisher noch nie auf der Bühne erlebt haben, sollten das jetzt schleunigst nachholen! Gelgenheit wird sich sicher bei der anstehenden Tour zum im Herbst erscheinenden Album "Condition Hüman" bieten.

Setlist: Anarchy-X, Nightrider, Breaking The Silence, I Don't Believe In Love, Walk In The Shadows, En Force, Warning, Silent Lucidity, The Needle Lies, NM 156, Arrow Of Time, The Lady Wore Black, My Empty Room, Eyes Of A Stranger, Jet City Woman, Empire, Queen Of The Reich, Take Hold Of The Flame

Redakteur:
Tobias Dahs

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