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ProgPower USA - Atlanta, Georgia

16.09.2009 | 12:30

12.09.2009, Center Stage

Das ProgPower-USA-Hallen-Festival lädt zum zehnten Geburtstag, und ich feiere wenigstens einen Tag lang mit.

Das ProgPower USA Festival feiert zehnjähriges Jubiläum und ist somit nur ein Jahr jünger als sein europäischer großer Bruder, hat ihn in Sachen Besucherzahlen aber bereits lange überholt. Treue Fans reisen seit Jahren aus allen Möglichen Ecken des Landes immer wieder dorthin und sorgen somit stets für volles Haus. Und da das gemütliche Hallen-Event mit Einzel-Spielzeiten nicht unter einer Stunde für mich seit meinem Umzug nach New York City den einzig halbwegs gut erreichbaren Ersatz zu Wacken und Co darstellt, mache auch ich mich bereits zum dritten Mal auf den Weg in das ca. 1500 Kilometer entfernte Atlanta, um neben guter Musik auch ein wenig südliche Sonne zu genießen. Leider fällt aus beruflichen Gründen der Trip dieses Jahr kürzer aus als gewohnt, denn den ersten Festivaltag kann ich mir mangels Urlaub knicken. Aber da fast alle Acts, die ich sehen will, für den Samstag gelistet sind, setze ich mich eben erst am frühen Morgen desselben in eine Delta-Airlines-Maschine, um gute zwei Stunden später bei angenehmen 28 Grad in der Hauptstadt des Bundesstaates Georgia zu landen. Schnell die Jacke verstaut und mit dem gut funktionierenden U-Bahn-System ins Zentrum gefahren, wo ich einen kleinen Fußmarsch später meine Zahnbürste in einem Super-8-Motel deponiere. Ist zwar nicht so stimmungsvoll wie Zelten, aber einige schwarze Gestalten haben offenbar die gleiche günstige Absteige als Domizil auserkoren. Hossa, ich bin zu hause!

Die vielbeklagte Wirtschaftskrise macht jedoch auch vor diesem Metal-Fest nicht halt. Zum ersten Mal seit langem ist das ProgPower USA im Vorfeld nicht ausverkauft, und Veranstalter Glenn Harveston macht entgegen seiner Gewohnheiten sogar Tagestickets locker, um die amphitheaterähnliche Center Stage doch noch etwas voller zu bekommen. Am gewohnt hochwertigen Billing - darunter auch viele europäische Bands, die man in den Staaten sonst eher selten zu sehen bekommt, sowie ein exklusiver Headliner-Auftritt von FATES WARNING, deren einzige US-Show des Jahres hier stattfinden soll - kann es jedenfalls nicht liegen.

Am Freitag haben CAGE, MINDFLOW, das DIABLO SWING ORCHESTRA, SABATON, ROYAL HUNT und CRIMSON GLORY somit trotzdem vor vollem Haus gerockt, wie man mir sagte, und auch bei der ersten Band des zweiten Tages merkt man nichts von der angespannten Finanzlage, denn das ProgPower-Publikum zeigt sich gewohnt loyal und bereits um 16.30 Uhr starke Präsenz. Kleine Zugeständnisse finde ich höchstens in den nach meinem empfinden leicht gesunkenen Getränkepreisen (zu meiner großen Entzückung gibt es die Halbliter-Dose Red Stripe, ein sehr genießbares jamaikanisches Bier, für hierzulande relativ günstige fünf Dollar) und der Tatsache, dass gekühltes Wasser kostenlos zur Selbstbedienung auf dem Tresen steht. Wobei ich anfangs eher einen Glühwein gebrauchen könnte, da ich bei den frostigen Temperaturen - Air Condition rult nicht! - froh über das soeben am Merchendise-Stand erworbene wärmende Leibchen bin.

Die zuletzt etwas hochwertigere, aber durch Wartezeiten bei diversen Lieferservicen auch etwas zeitaufwändige Verpflegung fällt dieses Mal einfach, aber nahrhaft aus. Von der großen Pizza für fünfzehn Dollar werden drei Leute satt, und schmecken tut sie auch. Im Vergleich zu den kalten Sandwiches und der neun Dollar teuren Lasagne definitiv die beste Option!

Doch bis zum Abendessen sind es noch ein paar Stunden hin, und CIRCUS MAXIMUS geben meinen persönlichen Festival-Einstand. Die Norweger waren mir bisher nur namentlich ein Begriff, doch ehrlich gesagt ist das genau die Art von Prog Metal, mit dem ich eher weniger anfangen kann. Das liegt vor allem an der für meinen Geschmack zu schwachbrüstigen Stimme von Michael Eriksen, welche einfach deutlich besser klingt, wenn sie von gleich vierfachen Background-Vocals unterstützt wird. Somit sind die vielstimmigen Gesangharmonien der größte Pluspunkt des Quintetts, und gerne hätte ich auch mehr von dem metallischeren Timbre von Schlagzeuger Truls Haugen gehört, der als einzig Langhaariger der Band auf putzige Art deplaziert aussieht und auch singenderweise noch sehr gekonnt sein Drumkit malträtiert.

Hauptgrund meiner Anwesenheit sind ganz klar ORPHANED LAND. Die Israelis machen nicht nur spannende, mit mittelöstlichen Klängen gespickte progressive Musik, sondern sind auch noch unglaublich sympathisch und brachten mit dieser geballten Power in der Vergangenheit sogar sonst eher träge Redaktionskollegen zum kollektiven Mithüpfen. Nur die Schnellsten sind sie nicht gerade, denn das fünf Jahre nach "Mabool" längst überfällige neue Studioalbum "The Never Ending Way Of ORWarriOr" wird im Zweifelsfall sogar erst 2010 in den CD-Spielern ihrer Fans landen. Was die Formation um Sänger Kobi Farhi allerdings nicht daran hindert, gleich sechs unveröffentlichte Werke in die abwechslungsreiche Setliste zu streuen!

Ein Stück namens 'Baraka' wird geschickt mit 'The Kiss Of Babylon' verwoben und knüpft ein wenig dort an, wo die Israelis dreizehn Jahre vorher mit dem darauffolgenden 'El Meod Naala' standen, sprich: Ein Teil der neuen Tracks scheint eher folkloristisch auszufallen. Gleichzeitig führt der nächste Appetithappen 'The Paath 1' die progressive Ausrichtung von "Mabool" weiter aus, denn dieser epische Longtrack ist wunderbar verschachtelt und vielseitig. Angekündigt werden die bisher nur auf den Studio-Masterbändern verewigten Titel übrigens nicht.

Die Ansagen den Sängers fallen insgesamt eher spärlich aus, doch angesichts der geballten Spielfreude sämtlicher Beteiligter kann man keinesfalls von mangelnder Kommunikation sprechen. Headbangen ist zumindest bei mir während 'Birth Of The Three" angesagt (der gemeine ProgPower-Besucher gibt sich eher zurückhaltend und empfindet Fäuste-in-die-Luft-Recken bereits als Höchstmaß der Begeisterung), bevor sich das Publikum beim nächsten Dreierpack von "ORWarriOr" ('Olat Hatamid', 'Sapari', 'From Broken Vessels') wieder eher in andächtigem Staunen übt. Da die Stücke ineinanderzufließen scheinen, kann ich schwer rekonstruieren, welcher davon welche Elemente enthielt. Aber ich mache in einem ein paar erstaunlich ruppige Thrash-Metal-Zitate aus, die sehr gut in das Gesamtkonzept passen.

Alt und neu reichen sich dann nochmals in Form von 'Thee By The Father I Pray' (von "El Norra Alila") und dem letzten bisher unveröffentlichten Track 'Disciples Of The Sacred Oath Vol. 2' die Hand. So viel Unbekanntes könnte bei manch anderer Formation als Stimmungstöter wirken, aber heute und hier geschieht das für mich Unglaubliche: Nach einem letzten Warm-up mit dem wie immer großartigen 'Ocean Land' bringen ORPHANED LAND zum finalen 'Norra El Norra' (mit ein paar Zitaten aus 'Ornaments Of Gold') selbst die gemütlich in der hinteren Hallenhälfte in ihren Sitzen lümmelnden Amerikaner zum Aufstehen und Hüpfen! Wer hier jemals eines der leidlichen Sitzkonzerte besucht hat, weiß, wie viel Überzeugungskraft dafür nötig ist. Und auf "ORWarriOr" bin ich nach den live dargebotenen, die komplette Stilbreite der Band abdeckenden Songs jetzt noch mehr gespannt.

Dinner time! Nur zu gerne zolle ich meinem hungrigen Magen Tribut und stärke mich bei Pizza und etwas einseitigen Gesprächen in der der Center Stage anhängenden Bar, die auch als Verkaufsraum für den Metal-Markt herhalten muss. Einseitige Gespräche insofern, als dass ich Gesellschaft von einem mir seit dem achten (und meinem ersten) ProgPower Festival bekannten älteren Mann aus Georgia habe, dessen Südstaaten-Akzent so krass ist, dass ich auch mit über die Jahre gewachsenen Englischkenntnissen nur knapp die Hälfte verstehe. Und bevor ich bei jedem zweiten Satz ein fragendes "Excuse me?" in Richtung meines Gegenübers loslasse, nicke ich meistens einfach nur freundlich. Na ja, manch deutschen Festivalmitstreiter versteht man mit zunehmendem Alkoholkonsum immer schlechter, hier ist es halt ein grundsätzliches Problem ...

Nicht ganz unbeabsichtigt verpasse ich darüber PAGAN'S MIND, die zugegebenermaßen den größten Fanzuspruch des Tages für sich verbuchen können. Aber die Faszination der Amerikaner für die norwegische Band war mir zwei Jahre zuvor schon ein Rätsel. Nimmt man die sich bei den folgenden Bands etwas leerende Halle als Maßstab, haben PAGAN'S MIND hier locker Headliner-Status, und das sicher zu Recht. Ich bevorzuge einfach die leider eher unterpräsentierte progressivere Seite des Festivals, die die powermetallischen Nordmänner nicht gerade vertreten.

Gegen deutschen Power Metal habe ich hingegen nichts einzuwenden, und schon gar nicht, wenn er von einem solch formidablen Live-Act wie BRAINSTORM kredenzt wird. Andy B. Franck gehört zu meinen bevorzugten Frontern dieses Genres, auch wenn er sich auf Englisch nicht ganz so locker präsentieren kann wie sein auch in der Fremdsprache noch sehr unterhaltsame Kollege Tobias Sammet von EDGUY. Somit verursachen witzig gemeinte Ansagen in Richtung "fünf deutsche Jungs machen Obama glücklich, indem sie hier shoppenderweise die Wirtschaft ankurbeln" bestenfalls ein höfliches Lächeln, und eine weitere Anekdote geht sogar völlig am Ziel vorbei. Denn wer die doch eher behäbigen Südstaatler mit dem als sehr energiegeladenen bekannten Publikum in Mexiko - der nächsten Station der BRAINSTORMschen Reise - vergleicht, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.

Musikalisch lassen die Heidenheimer jedoch bis auf anfängliche Aussetzer beim Gesang (Andy scheint Probleme mit den Texten zu haben, man sagt jedoch, sie seien erst kurz vor knapp gelandet, weshalb er dafür gerne die Jetlag-Karte zücken darf) nichts anbrennen. Seien es die beiden neuen, durchaus in der BRAINSTORM-Tradition liegenden Tracks des kommenden Albums "Memorial Roots" oder eben der Mix aus älteren und weniger alten Werken, die Deutschen geben ordentlich Gas und bilden für mich eigentlich schon den krönenden Abschluss des Tages. Denn bis zum Ende des nachfolgend aufgeschlüsselten Sets ist es fast Mitternacht, und der Tag war lang ...

Setlist:
Forsake (neu)
Worlds Are Comin' Through
Blind Suffering
High's Without Lows
Shiva's Tears
End In Sorrow
Fire Walk With Me
Falling Spiral Down
Shiver (neu)
Hollow Hideaway
All Those Words
Painside
How Do You Feel

Ich hätte wirklich, wirklich gerne bis zum Ende durchgehalten. Denn nachdem ich Ray Alder erstmalig durch sein Nebenprojekt ENGINE zur Kenntnis genommen habe, mir REDEMPTION eine Spur zu frickelig sind und ich FATES WARNING lange Zeit voreingenommen den "Ist mir etwas zu seicht"-Stempel trugen, hat seine Hauptformation mich auf dem Rock Hard Festival 2006 durch eine erstaunlich rockige und zugleich tief emotionale Show überrascht. Das wollte ich gerne noch mal erleben. Doch der frühe Flug, die Partys bei ORPHANED LAND und BRAINSTORM und die Tatsache, dass ich am nächsten Tag bereits die auch nicht gerade späte Rückreise nach New York antreten muss, reichen gerade noch für einen vielleicht dreiviertelstündigen Eindruck.

Ray Alder trägt wieder Matte und singt wie ein junger Gott. Die Songs rocken zum Teil fast schon ENGINE-würdig und sind an anderer Stelle völlig entrückt. Nicolas van Dyk (REDEMPTION) leistet einen Gastauftritt an den Keyboards. Bobby Jarzombek, offenbar ein langjähriger FATES WARNING-Gast, trommelt, und Frank Aresti ist erneut als zweiter Live-Gitarrist mit dabei. Um mich herum sehe ich schon recht wenige, aber dafür umso verzücktere Gesichter von überwiegend männlichen Fans, die im ProgPower-Forum später davon sprechen, dass die zweistündige Setliste sehr der von der "Live In Athens"-DVD ähnelt. Ray Alder wiederum ist entzückt ob der Begeisterung und liegt mit seinen Dankesbekundungen nur knapp unter der Michael-Jackson-Grenze.

Ich bin mir sicher, dass ich hier gerade den Rest eines großartigen Auftritts verpasse, aber ich zolle der Müdigkeit Tribut, schmeiße mich in ein völlig überteuertes Taxi und lasse es gut sein. Kleiner Tipp an den Veranstalter: Nächstes Mal bitte PAGAN'S MIND als Headliner buchen. Dann bleiben auch alle anderen, um sich vorher die viel großartigeren FATES WARNING anzuschauen, und für mich springt eine Mütze mehr Schlaf raus.

Redakteur:
Elke Huber

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