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Porcupine Tree/Anathema - Berlin

05.05.2005 | 08:39

13.04.2005, Columbiaclub

'Sold Out'! Auch der Columbiaclub in Berlin konnte sich das berühmte Schildchen vor die Tür hängen. Kein Wunder. Immerhin dürften schon ANATHEMA den etwa 900 Leute fassenden Columbiaclub ziemlich voll machen und PORCUPINE TREE sind so 'was wie die Band der Stunde und das obwohl "Deadwing" nicht halb so zugänglich wie sein großartiger Vorgänger "In Absentia" ist. Aber Qualität setzt sich über kurz oder lang eben doch durch. Auch wenn es bei Steven Wilson und seinen Leuten 15 Jahre gedauert hat.


ANATHEMA
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Den Supportslot bei dieser Tour anzunehmen, war ein richtig cleverer Schachzug von ANATHEMA. Immerhin bewegt sich die Mucke der fünf Briten immer mehr in Richtung modernen Art Rock, wie ihn der heutige Headliner spielt. Entsprechend erlegt man mehrere Fliegen auf einen Streich. Man stellt sich einem größtenteils neuem Publikum vor, nutzt die Gelegenheit zwei neue Stück zu präsentieren und kann für ein neues Label werben, da man gerade ohne ein solches dasteht. Auch wenn Vince betont, dass man erst das neue Album fertig stellen wird, bevor man sich um den "Business shit" kümmert.

Dem Publikum ist das offensichtlich ziemlich egal, denn die gute Laune, die Vince heute versprüht, schlägt sich fix auf den gierigen Gast nieder. Kein Wunder, wenn man mit Perlen wie 'Release' und 'Pressure' loslegt. Damit wird früh deutlich, dass die Setlist mit Bedacht gewählt ist, konzentriert man sich doch auf komplexere Stücke, die nicht fern vom Stil des Hauptacts sind. Vor allem das mit verzerrten Vocals glänzende 'Closer' baut eine ungeheure Spannung auf und wird vom Volk euphorisch beklatscht. Und auch Nichtkenner der Band lassen sich zu Kommentaren wie 'saugeil' hinreißen. Mission 'Neue Fans erobern' hat man also spätestens bei Song vier erfüllt. Dabei lässt man sich auch von stotternden Motoren nicht aufhalten. Als Johns Drumkit mit technischen Problemen ausfällt, spielen Vincent und Danny kurzerhand eine akustische Version eines neuen Stücks, das noch mit einem 'Solo oder so' versehen werden soll. Ich bin gespannt. Beim folgenden 'One Last Goodbye' beschleicht mich kurze Angst, dass schon Schluss ist, doch diese verfliegt schnell als Vincent – wieder mal der einzige Aktivposten in der Band und an diesem Tag mit viel Charme und Humor ausgestattet – einen zweiten neuen Song ankündigt. Einen Namen gibt es noch nicht, aber dafür schöne, zweistimmige Vocals und eine Menge Atmosphäre. Dass die auf den letzten beiden Alben eingeschlagene Richtung weiter verfolgt wird, dürfte hiernach klar sein. Nicht klar war, dass 'Panic' auf der Setlist erscheint. Der wohl härteste Song der letzten Alben bringt dann auch einige Köpfe zum bangen. Vorbei ist es mit der Besonnenheit. Das legt sich auch nicht bei der ungemein rockigen Version des Überhits 'Fragile Dreams' vom göttlichen "Alternative 4"-Werk. 'Flying' beschließt den fast einstündigen Set, der ANATHEMA eine Menge neuer Hörer gebracht haben dürfte. Bleibt zu hoffen, dass sich die Leute beim neuen Album daran erinnern und so den sympathischen Briten endlich den Erfolg bescheren, den sie seit ihrem Monumentalwerk "Alternative 4" verdient haben.

Setlist
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Release
Pressure
Balance
Closer
Neuer Song (in den sie noch ein Solo oder ähnliches einbauen werden)
One Last Goodbye
Neuer Song II (mit schönen zweistimmigen Vocallines)
Panic
Fragile Dreams
Flying


PORCUPINE TREE
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Während der Umbaupause laufen auf einer Leinwand schon Videosequenzen und die Seitenwände werden ebenfalls mit Großdias hübsch gemacht. Spannung macht sich breit. Pünktlich um 22:30 Uhr betreten Steven Wilson und seine Mannen, erneut verstärkt von Tourgitarrist John Wesley, die Bühne. Jubel brandet mit den ersten Takten von 'Deadwing' auf. Ein perfekter, dynamischer Opener, der alle aktuellen Stärken der Band vereint. Toller Chorus, fetter Groove, unglaubliche Dynamik, exzellente Gitarrenarbeit und charismatische Vocals. Jenes Charisma spricht manch weibliche Begleitung dem jungenhaft wirkenden Steven Wilson allerdings ab. Und so ganz falsch ist das auch nicht, denn den Reiz eines PORCUPINE-TREE-Gigs macht nicht die Optik der Musiker aus, sondern die von der Musik geschaffene Atmosphäre. Es ist dieser magische Gitarrensound in Verbindung mit unglaublich dynamischen Spannungsbögen und dem exzellenten Gespür für großartige Melodien, die Steven Wilsons Kompositionen so einzigartig machen und die es Schaffen den Hörer schon nach wenigen Takten in ihren Bann zu ziehen. Und das völlig unabhängig davon, ob es harte, progressive Nummern wie 'Deadwing', Rockhits wie 'The Sound Of Muzak', purer Pop wie 'Lazarus' oder melancholische Dynamik wie bei 'Arriving Somewhere But Not Here' ist. PORCUPINE TREE können in allen Gewässern segeln.

Die Reaktionen des Publikums sind unterschiedlich. Von starrem Staunen bis hin zum ekstatischen Leiberzucken ist alles dabei. Während die einen vor lauter Faszination von der Perfektion des Sounds die Kinnlade nicht mehr hoch bekommen, sind die anderen von dem Groove der Rhythmusfraktion gefangen und müssen offensichtlich einfach bangen/tanzen/wasauchimmer. Nur den euphorischen Jubel nach jedem Song haben sie gemein.

Das macht auch Sinn, denn PORCUPINE TREE konzentrieren sich auf das aktuelle Album "Deadwing" (5 Songs) und den brillanten Vorgänger "In Absentia" (3 Songs). Also dem Material mit dem wohl die meisten Zuhörer vertraut sein dürften. Nebenbei gibt es natürlich die Sternstunden von "Lightbulb Sun" und "Stupid Dreams" zu hören ('Hatesong', 'Even Less', 'Shesmovedon') und als besonderes Schmankerl zwei Songs vom in Kürze wiederveröffentlichten "Up The Downstair"-Werk. Diesmal mit echtem Sound und nicht im heimischen Schlafzimmer aufgenommen, wie Steven Wilson versichert.

Damit waren nach etwa 90 Minuten alle glücklich und die Anwesenden durften sicher sein eines der Konzerthighlights des Jahres gesehen zu haben. Und vielleicht sogar das letzte Mal in heimeliger Clubatmosphäre, denn PORCUPINE TREE werden groß.


Setlist
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Deadwing
Sound Of Muzak
Lazarus
Halo
Hatesong
Arriving Somewhere But Not Here
Fadeaway
Burning Sky
Start Of Something Beautiful
Blackest Eyes
Even Less

Shesmovedon
Trains

Redakteur:
Peter Kubaschk

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