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Paatos - Karlsruhe

08.11.2006 | 22:03

04.11.2006, Substage

Zu einem besseren Zeitpunkt hätte der liebe Gott die kalte Jahreszeit nicht auf uns hereinbrechen lassen können. Kaum begeben sich die nordischen Düsterprogger von PAATOS auf ihre erste Headliner-Tournee durch mitteleuropäische Gefilde, verabschiedet sich der goldene Oktober und läutet den bitterkalten November ein, in dem wir uns wieder auf frühe Einbrüche der Dunkelheit freuen können. Wesentlich trauriger als die Tatsache, dass man fortan wieder mit Schal und Jacke zur Konzert-Location marschieren muss, ist allerdings die Zahl von lediglich vier Musikfreunden, die sich nur wenige Minuten vor dem offiziellen Einlass um 19:00 Uhr vor den Toren des Substage in Karlsruhe befinden.

Hätte man das schwedische Quintett doch nicht als Headliner losziehen lassen sollen? Wenn selbst die Betreiber des Substage auf ihren Zetteln THE DRAFT als heutige Hauptattraktion stehen haben. Die Freunde des guten Geschmacks stehen nun mal nicht auf "langes" Anstehen in der Kälte und begeben sich demnach auch erst kurz vor knapp mit der Straßenbahn ans Ettlinger Tor, so dass zum Konzertbeginn der (noch) vertragslosen britischen Band LO EGO dann doch knapp 30 Menschen den Weg vor die Bühne gefunden haben. Das ist es vielleicht, was das Szeneverhalten bei anspruchsvoller Musik ausmacht: Selbst bei einer noch so unbekannten Vorgruppe sucht man einen direkten Kontakt zur Band und setzt sich nicht teilnahmslos in die am weitesten entfernte Ecke.
So kann der - was Ansagen und Interaktion betrifft - gelegentlich etwas schüchtern agierende Fünfer aus Nottingham, der im Vorfeld der Tour für LIQUID SCARLET eingesprungen ist, im Laufe seines Gigs jede Menge Applaus einheimsen. Und den hat er sich auch redlich verdient: Mit einem interessanten Mix aus kleinen Neo-Prog-Anleihen, neueren ANATHEMA- und PORCUPINE TREE-Klängen sowie qualvollen Metalphobien der Marke CULT OF LUNA oder CALLISTO wissen LO EGO was sich musikalisch gehört, und mit plötzlichen Ausbrüchen in punkige und neumetallische Gefilde ("Let's play a heavy song!") verblüffen sie jeden, der sich von Anfang an auf ein durchweg verspieltes Musizieren eingestellt hat. LO EGO - eine Band, die man im Auge behalten sollte!

Im Auge behalten, muss man PAATOS um ihre beeindruckende Frontdame Petronella Nettermalm (die Ehefrau des Schlagwerkers Huxflux) nicht mehr. Spätestens nach dem überwältigenden "Silence Of Another Kind", welches in diesem Frühjahr erschienen ist, dürfte sich der Name PAATOS in der Szene der düster-progressiv Bewanderten herumgesprochen haben. Mit 'Still Standing', dem vielleicht eingängigsten und zugleich dramatischsten Song der neuen Platte, und 'Happiness' gelingt der Truppe ein toller Einstand, den das inzwischen auf etwa 50 Köpfe angewachsene Publikum zu regelrechten Begeisterungsstürmen verleitet. Ein Hingucker bzw. Farbtupfer ist selbstredend die bereits angesprochene Petronella, die nicht nur mit ihrem weißen Kleid, auf dem auch zwei bis drei rot-orangefarbige Blumenblüten dargestellt sind, und ihrer Ausstrahlung (welche schwedische Frau hat die nicht?) glänzt, sondern auch mit ihren ausdrucksstarken, ans Herz gehenden gesanglichen Qualitäten enorm punkten kann. Weitere zwei Darbietungen von der aktuellen CD ('Your Misery', 'Shame'), und spätestens jetzt müssten alle Besucher der frostigen Aura, die von allen PAATOS-Songs ausgeht, erliegen: Wer sich hier zwischenzeitlich aus seiner Trance, die einen definitiv zum Nachdenken - über sich und die Welt - anregt, lösen kann und den Weg zum Bierstand findet, ist fast schon zu beneiden. Denn eigentlich erübrigt sich das Aufzählen der gut anderthalbstündigen Setliste. Im Bann haben einen die Schweden ja sowieso von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wer kümmert sich schon darum, dass 90 Prozent aller Ansagen mit den Wörtern "Thank you" verbunden sind, oder dass Bassist Stefan Dimle sich nach jedem Stück artig verbeugt? Niemand, absolut niemand! Das, was von PAATOS dargeboten wird, fällt in kein Schema F und erzeugt kein Gefühl des Schon-mal-Da-gewesen-seins, zumal sich bei den Schweden völlig überraschend progressiv verschachtelter und verspielter Jux und Tollerei mit leicht verdaulichen, keineswegs sperrigen Passagen die Waagschale halten. Ist das nun das flüssige 'Falling', die THIN LIZZY-Coverversion 'Don't Believe A Word' oder das von einem ellenlangen instrumentalen Vorgeplänkel eingeleitete 'Absinth Minded', es passt, genau wie der nahezu markelose Sound, der dich drückend in die Knie zwingt, schlicht und ergreifend gesagt einfach alles. Als die Band erstmals richtig rockige Wege einschlägt (das letzte reguläre Lied 'Sensor'), scheint es, als hätte jeder darauf gewartet, um seinem Bewegungsdrang in Form von leichten Headbangeinlagen nachzugehen. Man will mehr von PAATOS, und so lässt man sie nach der größeren Solosession am Ende von 'Sensor' noch nicht endgültig von der Bühne. Erst nach den beiden Frühwerken 'Téa' und 'Quits' vom 2002er-Debüt "Timeloss" ist dann Schicht im Schacht - und spätestens nachdem die Band ein letztes Mal geschlossen auf die Bühne gekommen ist, um sich beim Publikum redlich zu bedanken, dürften auch die Letzten aus ihrer Trance erwacht sein, um draußen einer kalten Novembernacht entgegen zu treten.

Es gibt sie also noch, die Konzerte, die einen besonderen Charme versprühen und den Zuschauer an einer gewissermaßen einzigartigen Magie teilhaben lassen. Hebt die Tassen auf PAATOS!

Setlist:
Still Standing
Happiness
Your Misery
Shame
Hypnotique
Falling
Gasoline
Absinth Minded
Don't Believe A Word (THIN LIZZY-Cover)
Look At Us
Won't Be Coming Back
Is That All?
Sensor
---
Téa
Quits

Redakteur:
Christian Falk

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