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Obituary - Frankfurt

28.01.2008 | 05:59

24.01.2008, Batschkapp

Fast zwei Jahre nach der Reunion-Tour präsentieren sich OBITUARY an alter Wirkungsstätte, genauer gesagt in der Frankfurter Batschkapp. Mit im Schlepptau hat der kultige Florida-Fünfer AVATAR aus Göteborg und HOLY MOSES. Auffallend ist, dass knapp zwanzig Minuten nach dem offiziellen Einlass um 19 Uhr kaum Fans in und um die Batschkapp herum anzutreffen sind. Hat das Death-Metal-Urgestein an Anziehungskraft verloren?

Von Anziehungskraft kann beim Opener AVATAR nicht die Rede sein, rätseln doch viele Anwesende über die musikalische Ausrichtung des Quintetts. Der Bandname lässt zumindest darauf schließen, dass die Combo dem klassischen Power Metal frönt. Angesichts des Bandnamens, der Assoziationen zu den Anfangstagen von SAVATAGE weckt, ist dies auch kein Wunder. Doch weit gefehlt! Nach einem klassischen Intro legen die Jungs einen amtlichen Start aufs Parkett. Stilistisch kann man Einflüsse von AMORAL, IN FLAMES und sogar BOLT THROWER ausmachen. Neben dem Sologitarristen ist der Sänger ein absoluter Hingucker. Dies liegt nicht nur an seiner sehr eigenwilligen Performance, sondern auch daran, dass er seinen Durst mit Hilfe eines Fünf-Liter-Benzinkanisters stillt. Scheinbar scheint ihm das Gebräu der Marke Eigengemisch sehr zu munden - im Gegensatz zum Publikum, denn bis auf Höflichkeitsapplaus ist da nicht viel zu holen. Dafür sind die Solopassagen sehr melodisch gehalten. Ansonsten wirkt das Treiben auf der Bühne ein bisschen blutleer, was auch daran liegt, dass der Drummer mehr neben dem Takt rumpelt als trommelt.

Bei HOLY MOSES kehrt sich das Bild um 180 Grad. Mit Atomic Steif (ehemals SODOM) hinter den Kesseln kann man auch nicht viel verkehrt machen, wobei mich seine Leistung nicht gerade überzeugt. Nach dem obligatorischen Reggae-Intro, welches sich über die Länge von fünf Minuten erstreckt, zieht das Quartett mächtig vom Leder. Im Vergleich zu AVATAR werden die Thrash-Recken euphorisch empfangen. Bei Klassikern wie 'Life Destroyer' und 'Nothing For My Mum' geht ordentlich die Post ab, und die ersten Circle-Pits werden gebildet. Zwar erinnert Sabina nach dem Trinken von Flüssigkeiten an einen Springbrunnen und kann nur in einem Takt bangen, doch steckt sie den AVATAR-Frontmann in punkto Charisma locker in die Metalkutte.

Während die Backgroundchöre von Michael (b.) und Oliver (g.) Ähnlichkeit mit alten ACCEPT-Klassikern haben, weckt das musikalische Grundgerüst Erinnerungen an KREATOR zu "Pleasure To Kill"-Zeiten. Als Sabina das obligatorische 'Too Drunk To Fuck' ansagt, muss sie die Fans dahingehend enttäuschen, dass Gerre (TANKARD), der auch anwesend ist, keine Lust hat, mit ihr die Bühne zu teilen, da "er nicht immer im Mittelpunkt stehen will". Daraufhin wird ein Ersatz-Gerre auf die Bühne gezerrt, der sich in den vier Minuten ordentlich die Birne weichbangt und auch beim Backgroundgesang aushilft. Zwar kommt er mit seiner Körpermasse nicht ganz an das Frankfurter Original ran, ist aber auf dem besten Weg dahin.

OBITUARY spielen indes in einer ganz anderen Liga. Das beweisen allein schon die Zuschauerzahlen, denn mittlerweile hat sich die Kapp ordentlich gefüllt. Schon das Regen-Intro lässt die Fans frohlocken, und gleich darauf knallen die Jungs 'Find The Arise' aus den Boxen. Schon der Gitarrensound von Trevor Peres ist unverkennbar OBITUARY. Der Sound, John Tardys Gegrowle und das auf den Punkt groovende Drumming von Donald Tardy sind so einzigartig, dass keine andere Combo annähernd an den Florida-Fünfer rankommt. Ähnlich wie bei AC/DC ist es dieser ureigene simple Sound, der zwar einfach klingt, aber nicht so einfach zu reproduzieren ist.

Gespannt durfte man sein, wie sich Allen-"Knacki"-West-Ersatz Ralph Santolla (ehemals DEICIDE und ICED EARTH) schlägt. Dabei muss man ihm attestieren, dass er Allen bei den Soli mindestens zwei Mal in die Tasche steckt. Mit verdammt viel Gefühl werden sie förmlich zelebriert, was für jeden Anwesenden dank des vorzüglichen und glasklaren Sounds einen Genuss darstellt. Tieftöner Frank Watkins ist am heutigen Abend Meister im Grimassenziehen, während man das Gesicht von John Tardy vor lauter Haaren nur ab und zu betrachten kann. Dafür ist der Mann mit der originellsten Death-Metal-Röhre im Universum gesegnet.

Selbst einzelne Songs von "Frozen In Time" finden sich in der Setlist wieder und wirken nicht wie auf der letzten Tour wie ein Fremdkörper. Dafür werden die Klassiker von "Cause Of Death" begeistert aufgenommen, was auf die Tracks des aktuellen Albums "Xecutioner's Return" nicht so zutrifft. Dies kann aber auch daran liegen, dass sich die meisten das Album noch nicht zugelegt haben. Dennoch finde ich's persönlich schade, dass z. B. von "The End Complete" kein einziger Song vertreten ist. Dies schmälert die Perfomance der Jungs um keinen Zentimeter, denn am heutigen Abend stellen sie unter Beweis, warum gerade sie als Headliner fungieren. Diese Routine und Tightness müssen sich die beiden Anheizer-Kapellen erst noch erarbeiten.

Das obligatorische Drumsolo wird auch heute zelebriert, aber ein Highlight stellt es nicht gerade dar. Eher eine Überbrückung bis zum Zugabenblock. Und dieser wird mit 'Slow Death', das mit coolem Tribaldrumming aufwarten kann, eingeleitet. Nach 'Second Chance' vom aktuellen Album haut die Combo mit 'Slowly We Rot' den ultimativen Klassiker aus den Boxen und bringt damit die Matten zum letzten Mal zum Schwingen.

Zwar waren die Jungs nur 75 Minuten auf der Bühne, doch die hatten's wahrlich in sich. So wie Ralph von seinen Bandkollegen während der Songpausen geknuddelt wird, denke ich nicht, dass Allen West ins OBITUARY-Lager zurückkommen wird. Insgesamt kann man festhalten, dass die Jungs im Vergleich zum letzten Gig in der Kapp wesentlich besser drauf waren. In der Form bildet das Quintett die Speerspitze des Death Metals. Jetzt müssen sie nur noch einen amtlichen Klassiker raushauen, dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Setlist:
Intro
Find The Arise
On The Floor
Chopped In Half
Turned Inside Out
Threatening Skies
By The Light
Face Your God
Lasting Presence
Insane
Black Inside
Evil Ways
Drop Dead
Contrast The Dead
Stand Alone
---
Drumsolo Donald
Gitarrensolo Ralph
Slow Death
Second Chance
Slowly We Rot

Redakteur:
Tolga Karabagli

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