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ORCHID, BLUES PILLS, SCORPION CHILD und ZODIAC - München

13.11.2013 | 20:57

09.11.2013, Backstage, Halle

Riesenboom auf authentische Rockbands mit Seventies-Flair!

Samstags abends um halb sieben schaut ein Großteil der (männlichen) Bevölkerung die Sportschau, wir pilgern jedoch ins Münchner Backstage, um uns das Retrorock-Package rund um die zur Zeit schwer angesagten BLACK SABBATH-Epigonen ORCHID anzuschauen.

Den Anfang macht zur großen Freude des Rezensenten ZODIAC. Im Oktober-Soundcheck überzeugte die aktuelle Scheibe "A Hiding Place" der Münsteraner mit einer tollen Mischung aus gefühlvollem Blues- und knackigem Hardrock (zum Review) und diesen Eindruck bestätigt die Band auch live. Oft ist ja der Sound bei vielen Vorbands eher bescheiden, doch hier ist dies absolut nicht der Fall. Der klare, singende Klang von Gibson-Gitarren and Orange-Amps (derzeit meine Lieblingskombination) und der bluesige, tiefe Gesang erfüllen die Halle mit warmen, unverfälschten Klängen. Die Band wechselt immer wieder zwischen groovig-rockenden Stücken und ausufernden Solopassagen, wirkt dabei höchst ausgebufft und professionell und bringt immer auch das nötige Gefühl mit ein. Tolle Band.

Das Gegenteil zu den sehr abgebrühten Bluesern von ZODIAC ist SCORPION CHILD. Die Texaner wirken wild und ungestüm, präsentieren sich als die Rock 'n' Roll-Poser vor dem Herren und machen auf der Bühne über den ganzen Auftritt bewegungsreiche Action. Das macht schon Spaß beim Zuschauen, doch leider ist die Musik in vielen Passagen zu lärmig geraten und der Gesang von Aryn Black kommt nicht richtig durch. Optisch wie stilistisch erinnert hier so einiges an LED ZEPPELIN, dazu gehören auch ausufernde Psychedelic-Jam-Passagen mit wabernden Echogeräten und Rückkopplungseffekten. Die räudige Show erinnert manchmal gar etwas an alte MÖTLEY CRUE. Mittlerweile ist es auch in den hinteren Reihe richtig voll geworden und die Band wird ziemlich gut abgefeiert, so richtig zünden will diese fast übertrieben auf Schweinerock getrimmte Show bei mir aber nicht.

Nach der im Backstage immer wieder leckeren Burgerpause geht es weiter mit noch leckererer Musik von BLUES PILLS. Am leckersten hier ist die blonde Sängerin Elin Larsson, deren Stimme  prominenten Vergleichen mit JANIS JOPLIN und ARETHA FRANKLIN standhalten muß. In der Tat singt das Mädchen mit viel Esprit, und ihre Stimme ist trotz ihres zarten Alters schon mit ordentlich rauhem Soul-Charme versehen und kann die Erwartungen durchaus erfüllen. Wenn man sich vor Augen hält, dass alle Mitglieder von BLUES PILLS nur knapp zwanzig Lenze zählen, ist es erstaunlich, wie souverän die Band mit dem zahlreich erschienen Publikum umgeht. Die Halle ist jetzt rappelvoll und BLUES PILLS begeistert die Leute nicht nur mit der Sängerin, sondern auch mit Classic-Rock-Jams im Stile von alten TEN YEARS AFTER oder CREAM. Wer damals noch zu jung war, um die alten Helden live zu sehen, bekommt jetzt eine Band geboten, die diese Zeit mit viel Liebe nachzeichnen kann. Der erst achtzehnjährige Gitarrist Dorian Sorriaux ist ein echtes Naturtalent an der Gitarre und ich möchte wetten, dass man von BLUES PILLS noch einiges hören wird. Die letztens erschienene Debut-EP "Devil Man" ist hier sicher erst der Anfang (zum Review).

Der Headliner ORCHID lässt sich jetzt einige Zeit, was bei der Hitze im Club ein wenig nervt. Die Gedanken schweifen zurück zum diesjährigen Rock-Hard-Festival, wo ORCHID einen überzeugenden Gig in sonniger Sommerhitze hinlegte. Wenn ich mich erinnere, was dort los war, wundert es mich nun gar nicht mehr, dass das Backstage aus allen Nähten platzt. Auch hier ist der Gesang bei den ersten Songs etwas zu leise und der Sound etwas unausgewogen, doch das legt sich schnell. Die knackigen Proto-Doom-Riffs von Mark Thomas Baker kommen wuchtig und druckvoll, die Rhythmus-Sektion groovt sich ein und der mit demselben Effekt wie auf CD belegte Gesang fügt sich nun perfekt ein. Im Vergleich zu den Frontmännern oder -frauen der vorherigen Bands ist Theo Mindell eher unauffällig. Kollektiv konzentriert sich ORCHID eher auf die Wirkung ihrer Musik und weniger auf ihr Wirken auf der Bühne. Und diese Musik ist ganz klar geprägt von alten BLACK SABBATH der Ozzy-Phase. Die Songs wirken jedoch nicht geklaut und haben enormen Wiedererkennungswert. 'Black Funeral' kriecht dunkel und geheimnisvoll aus den Boxen, 'Capricorn' animiert zum Bangen, 'Mouths Of Madness' ist allerbester Classic Heavy Rock. Es gibt natürlich Stimmen, die ORCHID musikalisch zu wenig originell und eigenständig finden, wie mein fotografierender Begleiter, der nach einigen Songs lieber die frische Luft vorzieht. Doch ich kämpfe mich am Ende sogar noch vor in die ersten Reihen, um die letzten Energien des Abends in Wasser und CO-2 zu verwandeln, denn es ist ein geiler Gig.

Zusammenfassend ist es ein sehr gelungener Konzertsamstag geworden. Es zeigt sich einmal mehr, dass handgemachte Musik mit Bezug auf die goldenen Siebziger einen riesigen Zulauf hat. Viele Leute (es war zwischen jung und alt und Mann und Frau kunterbunt gemischt) wollen einfach einen Gegenpol zu aktuellen Trends wie Produktionen mit Tausenden von Spuren, möglichst viele Noten in möglichst wenig Zeit, die Notwendigkeit eines Mathematikstudiums bei der Analyse der Rhythmen oder bis zur Unkenntlichkeit verfremdete weil tiefergelegte Gitarrensounds. Hiermit danke ich Labels wie Nuclear Blast, die es frischen Bands ermöglichen, die Ursprünglichkeit der Rockmusik einem großen Publikum zu präsentieren und auch mal einen talentierten Newcomer wie BLUES PILLS auf einer prominten Position eines solchen Billings zu positionieren. Hingehen!

Vielen Dank geht an Frank Zurheide für die Fotos!

Redakteur:
Thomas Becker
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