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ONSLAUGHT und MASTER - Nürnberg

18.10.2013 | 20:38

14.10.2013, Hirsch

Premiere des Slaughterfests vor deutschem Publikum. TANTARA, M-PIRE OF EVIL, MASTER und ONSLAUGHT stehen in den Startlöchern...

Shit, Staumeldung auf dem Navi! Und dabei bin ich doch sowieso schon zu spät dran, denke ich mir als ich im Auto sitze, um nach Nürnberg zu fahren. Das "Slaughterfest" steht an und am 14.10. macht es halt im Hirsch, Nürnberg. TANTARA, M-PIRE OF EVIL, MASTER und ONSLAUGHT spielen hier ihre Tourpremiere auf deutschem Boden und ich komme fast zu spät. Es ist schon 18:30 Uhr, als ich rechts in die Vogelherdstraße einbiege und eigentlich sollten jetzt bereits die ersten Klänge aus den Boxen dröhnen. Doch was ist das? Keiner da? Ich stehe vor verschlossenen Türen, vor denen nur eine Hand voll Langhaariger wartet. Verspäteter Einlass, sagt mir einer aus der recht überschaubaren Menge, die vor dem mit Ketten behangenen, gußeisernen Tor über die Verzögerung rätselt. Ein Tourplakat mit EXUMER darauf ziert übrigens die Pforten des Hirschs immer noch. Das war nur eines von vielen Vorzeichen für einen zwar sehr obstrusen, dafür äußerst unterhaltsamen Heavy Metal-Abend. Anscheinend hat die kurzfristige Absage von EXUMER den Fans die Lust auf das Konzert verschlagen. Vielleicht ist es auch die am kommenden Wochenende anstehende Straubinger "Metal Invasion", bei der die Bands ebenso halt machen. Jedenfalls betreten nur gefühlt 50-70 zahlende Gäste die Halle des alten Fabrikgeländes. Der Grund, warum sich Tür und Tor eine Stunde später geöffnet haben, ist den Zuschauern immer noch nicht bekannt, wird ihnen aber einen überraschenden Abend bescheren.

Jedenfalls entern um 19:30 die Thrasher von TANTARA die Bühne und moshen das recht lichte Publikum mit einer Best Of-Setlist ihres ersten Albums "Based On Evil". Zugegeben, die Jungs gefallen mir auf Platte nicht wirklich, denn ihr Bay Area-Thrash wirkt dort etwas langsam und fade. Live hingegen ist das eine komplett andere Geschichte. TANTARA zaubert mich in eine Welt, wo Heavy Metal noch Heavy Metal ist. Mit einem glasklaren (und überraschend druckvollen) Sound und einer Virtuosität, die Ihresgleichen lange suchen muss, spielen die Norweger jede Poserband an die Wand. Ich habe es bei einer Tour dieser Größenordnung selten erlebt, dass einer Vorband bereits ein so guter Sound gestattet wird, wie ihn TANTARA bekommt. Die Jungs wissen das natürlich zu schätzen und zu nutzen. Leadgitarrist Isak zeigt bereits beim ersten Song 'Prejudice Of Violence', was er drauf hat. Sänger und Rhythmusklampfer Fredrik beherrscht sein Instrument nicht weniger gut. Bei 'Human Mutation' zocken sie ein gedoppeltes Solo, das mich vor Neid richtiggehend erröten lässt. Und dabei thrashen die Jungs noch was das Zeug hält. Gepose hier, Gebange da. EXODUS und NUCLEAR ASSAULT lassen grüßen. Eine beachtliche Show für ihr junges Alter. Fredrik stellt übrigens nach 'Mass Murder' noch Isak mit den Worten "he's 18, so this is legal' vor. Ich selbst war mit 18 froh darüber, meine Gitarre überhaupt richtig halten zu können. Mit dem fast romantisch beginnenden 'The Killing Of Mother Earth' beschließen die Jungs das Set mit einer Ballade im Stile der alten METALLICA. Geiler Gig.
Doch es ist bis jetzt immer noch ungeklärt, warum die Show inzwischen gut eine Stunde Verzögerung hatte. Der Auftritt von M-PIRE OF EVIL soll das Geheimnis lüften. Ich, der totale VENOM-Fan, fiebere dem Auftritt von Mantas natürlich total entgegen und freue mich auf alte Klassiker. Nun kam's. Wer steht den hinter der Klampfe? Ist die Band inzwischen so groß, dass sie sich Roadies leisten können? Nee, das ist doch Allen Leigh Chambers von ONSLAUGHT! Ich rufe Demolition Man zu, wo denn Mantas sei und er verlautbart in einer kleinen Ansprache, Mantas habe sich verletzt. Beim Wäschewaschen hätte er sich das Kreuz verrenkt und kann deswegen nicht spielen. Das stattliche Alter lügt wohl doch nicht; that's Rock 'n' Roll. Trotzdem wollen sie versuchen, so der Sänger weiter, das Publikum zu rocken. Er entschuldigt sich zugleich für ein kurzes Set, dass nach 'Blackened Priest' und 'Welcome To Hell', beides natürlich VENOM-Songs (aber wem sag ich das) schon auch fast zu Ende sein sollte. Allen Leigh Chambers konnte aufgrund der kurzen Zeit nicht mehr Songs lernen. Trotzdem geben sich die alten Herren richtig Mühe, sich den Allerwertesten abzuthrashen. Demolition Man, der optisch ein bisschen Onkel Vester von der Adams Family gleicht, greift dafür ganz tief in die Trickkiste des Gruselkabinetts. Auf seine KISS-mäßige Zungenshow-Einlagen folgt sogar ein Biss auf eine Kunstblutkapsel. Der Grund für die Verspätung ist nun endlich offenbar, doch was nun folgt, ist mir in meiner nun inzwischen 15-jährigen Konzertgeschichte noch nicht passiert. Kurz nach den letzten Tönen der Show beginne ich lauthals, 'Countess Bathory' zu rufen - immer wieder, immer lauter. Und die Musiker reagieren darauf. Demolition Man fragt mich, "are you sure" und auf das Nicken des Drummers hin wird der Song eingezählt und in einer "Drum and Bass"-Version gezockt. Einfach nur geil! Das ist wahrer Heavy Metal! Man macht aus dem, was man hat, einfach das Beste. Danke Jungs!

"On your knees before the master!", röhrt eine dreckige Stimme räudig aus den Boxen. Ein ziemlich verwegen dreinblickender Paul Speckmann grölt aus voller Kehle die Textzeilen des ersten Songs von MASTER - es ist natürlich 'Master' von der gleichnamigen 90er LP - in das etwas zu hoch justierte Mikro. Die schmutzig, verwaschene Stimme und das zu hohe Mic erinnern natürlich an Heavy Metal-Gott Lemmy, dem Speckmann auch durch ein wortkarges opening huldigt. "Good evening, Nürnberg! We're MASTER", kommt dem Opener zuvor.  Zwar weniger agil als die Jungspunde von TANTARA, dafür aber mit einem deutlich höheren Kultfaktor, rocken die tschechisch-amerikanischen Ur-Death-Metaller das inzwischen lebhaft beteiligte Publikum. Die Fans rufen Speckmann Songwünsche und Kommentare zu, die Paul scherzhaft aufgreift und beantwortet. MASTER ist spürbar bei der Sache. Dazu haben die Herrschaften einen verwaschenen Sound, der dem der LPs ziemlich nahe kommt. Vor allem der Drum-Sound, der natürlich vor lauter Triggering fast platzt, hört sich wie auf der "On The Seventh Day God Created ... Master" an. Selbst technische Probleme mit dem Mikrofon können Death Metal-Pionier Speckmann nicht davon abhalten, auf der Bühne richtig einen drauf zu machen. Unter 'Submerged In Sin' wechselt er einfach von einem Mikroständer zum anderen und lässt sich von den hörbaren Justierungsversuchen des Tonmenschen nicht aus der Ruhe bringen. Mit einer wirklich profimäßigen Coolness prostet er den Fans weiter zu und übertüncht die kleine Panne eines sonst reibungslosen Gigs. Die Show enthält alles, was man über MASTER wissen muss. Fast alle mehrfach veröffentlichten Kultnummern - sei es unter dem Namen MASTER, DEATH STRIKE oder dem SPECKMANN PROJEKT - kommen zum Zuge. Auch Brecher der zweiten Scheibe und ein paar jünger Stücke, wie z.B. 'Shoot to Kill' oder 'Slaves Of Society', zieren das Set. 'Remorseless Poison', 'Judgment Of Will' oder 'Submerged In Sin' lassen fast keine Wünsche offen. Die Playlist enthält sogar 'Re-Entry And Destruction' von der unveröffentlichten Platte. Lediglich der Kultsong 'Funeral Bitch' fehlt. Dagegen wird mit 'Pay To Die' als Zugabe die Show gebührend abgerundet, so dass jeder Fan von einfacher, aber ehrlicher Musik auf seine Kosten kommt. MASTER ist halt schlichtweg eine authentische Truppe, wofür der Kopf der Truppe steht (zumindest will er von den Fans als nahbar wahrgenommen werden). Selbst vor und nach dem Gig sucht Paul deswegen auch den Kontakt mit den Fans. Ich nutze natürlich die Gelegenheit, um mich über seine Karriere als Buchautor zu informieren. Auf meine Frage, ob er nun endlich einen Verleger für sein bereits fertig geschriebenes Enthüllungswerk gefunden hätte, erwidert er mir, niemand würde sich trauen, die Wahrheit über den Death Metal ans Licht zu bringen. Ob er damit den Kern der Realität trifft, bezweifle ich. Trotzdem würde ich das Manuskript gerne lesen. Sein Bildband erscheint hingegen in ein paar Wochen.

Es ist 22:00 Uhr und nach kurzer Umbaupause (kein Wunder, denn alle Bands benutzen dasselbe Drumset) erschallt das Intro von ONSLAUGHT, 'A New World Order'. Mit dem Track legt auch das neue Album, "VI" heißt das gute Stück, los. Über ONSLAUGHT braucht man ja nicht viele Worte verlieren. Mich hat die Truppe spätestens mit der überragenden "Killing Peace", der ersten Scheibe nach der Reunion, restlos überzeugt und ich mutierte 2007 zum totalen Fan. Mit 'Chaos Is King' als ersten Song setzen die Brit-Thrasher gleich auf das Erfolgsrezept ihres aktuellen Releases. Darauf folgt sofort der Titeltrack der "Killing Peace". Was will man also mehr? Na klar, MEHR THRASH! Und den sollen die Nürnberger Fans mit 'The Sound Of Violence' und 'Born For War' auch bekommen. Beides sind übrigens Stücke des 2011er Outputs "Sounds Of Violence" und bei letzterem taut die Menschentraube vor der Bühne so richtig auf. Der Song reißt mit und die Stimmung wird langsam ausgelassen. Mit geballten Fäusten in der Luft grölen die Fans den Refrain mit. Die martialischen Gesten von Sänger Sy Keeler treiben sie dazu noch an. Er ist ein wahrer Entertainer, denn er hat ein Gespür für seine Band. Immer wieder verlässt er bei den Soli der Songs die Bühne und macht sie frei für das Gepose von Allen Leigh Chambers, der die Band bei Livegigs unterstützt. Der Sound, der zu Beginn der Show etwas verwaschen war, ist inzwischen prügelhart und es macht richtig Laune, der Band zu lauschen. Mit 'Shellshock' von der "In Search For Sanity", bei dem die Backing Vocals live erst richtig gut zur Geltung kommen, tasten sich die Briten so langsam an die 80iger heran, aber trotzdem verweilen sie die erste Dreiviertelstunde eher in neueren Gefilden. 'Destroyer Of The Worlds', 'Burn' und '66' Fuckin' 6', ein Stück vom neuen Silberling, kommen also schon, bevor es richtig losgehen sollte. Die letzte Viertelstunde ist dann letztendlich aber doch fast ausschließlich für alte Nummern reserviert. Endlich! 'Let There Be Death' und 'Metal Forces' lassen die Herzen aller Freunde der 80iger Jahre höher schlagen. Dementsprechend geht bei den beiden Nummern nochmals die Post ab und die Fans schreien sich bei den Refrains die Seele aus dem Leib. 'Onslaught - Power From Hell' und 'Thermonuclear Devastation' sind natürlich die beiden letzten Nummer des Abends, mit denen sich ein äußerst gelungener Gig dem Ende entgegen neigt.

Redakteur:
Michael Sommer

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