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Merry Axe Mess VII - Mühltal

30.01.2012 | 23:24

09.12.2011, Steinbruch Theater

Das Gemetzel before Christmas im Steinbruch Theater geht in die siebte Runde

Wie schnell die Zeit doch vergeht. Schon wieder ist ein Jahr fast vorbei und Weihnachten steht mal wieder vor der Tür. Dass auch die Szene der harten Gitarren sich der Jahreszeit anpasst, beweisen die vielen themenbezogenen Konzertnamen. Da sind Events wie das Christmas Metal Meeting, das Christmas Metal Festival oder das X-Mas Metal Attack nur die Spitze des Eisberges. Derzeit finden unheimliche viele metallsiche Weihnachtsfeiern in den szenerelevanten Lokalitäten statt, und da will auch das Darmstädter Steinbruch Theater nicht hinten an stehen und präsentiert zum nunmehr siebten Mal das Merry Axe Mess Festival. Thematisch steht wie auch in den letzten Jahren brutaler Death Metal auf der Speisekarte, wobei es diesmal noch undergroundiger als sonst zugeht. Nachdem man im letzten Jahr mit MILKING THE GOATMACHINE noch einen bundesweit bekannten Headliner zu bieten hatte, setzen die Veranstalter diesmal zu 100% auf den Todesblei-Untergrund.

Denn Anfang machen heute CANDERO, die jeder kennen dürfte, der in diesem Sommer auf dem Deathfeast Open Air unterwegs war. Denn die Jungs waren ziemlich aktiv in Sachen Promotion. Jeder, der ihnen entgegen kam, erhielt ihre 4-Track-EP "Human Disease". Musikalisch ist es für mich also wenig überraschend, dass hier der slammigste Slam Death Metal gespielt wird, den es zur Zeit wohl in Deutschland gibt. Jeder Song enthält so unglaublich viele Breakdowns, dass es schon fast weh tut. Aber jedem Subgenre seien die jeweiligen Eigenheiten gegönnt. Ebenso tolerant muss man sein, wenn es um das Aussehen der vier Herren geht. Lange Haare sind hier nämlich Mangelware ebenso wie dunkle Klamotten. Gerade Fronter Yannic sieht mit seinem weißen T-Shirt und seiner kurzen Trainingshose aus, als käme er gerade aus dem Fitness-Studio, in welchem er viel Zeit zu verbringen scheint. Denn er tobt auf der Bühne herum wie ein Derwisch. An Enthusiasmus fehlt es den Jungs nicht, dafür jedoch an Abwechslung. Die Songs, die während der halben Stunde Spielzeit zum Besten gegeben werden, unterscheiden sich für das unbedarfte Ohr nur im Detail und reißen über weite Teile leider nur bedingt mit. Alles in allem sind jedoch Ansätze vorhanden, die ausbaufähig sind. Da ist es auch nicht so tragisch, wenn der Sänger mit einer geschätzten Schuhgröße 39 (was meine Begleitung sinngemäß bemerkt) geschlagen ist.

Als nächstes betreten AGONY AND SCREAM die Bühne und grenzen sich nicht nur mit gleich zwei Vokalisten vom Opener ab. Auch musikalisch gibt es hier deutlich weniger Slams (was aber nicht wirklich überrascht) und auch bei der Wahl der Zutaten ist man variabler. Mal groovend und mal mit einer Portion Grind gehen die Hainburger zur Sache und präsentieren direkt zu Beginn ihre aktuelle "Fluchtpunkt"-EP in voller Länge. Respekt verdienen auch die Vocals. Denn neben Growls gibt es auch viele Screams, die zum Glück nicht so gepresst klingen wie bei all den Deathcore-Jüngern, sondern eher keifend bis kreischend sind, wie man es aus dem Black Metal gewohnt ist. Zu meckern gibt es nicht viel, einzig die etwas vertrackt-technischen Parts gehen noch nicht so ganz ins Ohr und verkomplizieren die Songs nur unnötig. Dafür weist der neue Song, den man zum Besten gibt, viel Potenzial auf und macht Vorfreude auf den kommenden Release der Band. Auch dem kleinen, aber hochmotiverten Publikum gefällt das Ganze und so lässt es sich zu mehr als nur Höflichkeitsapplaus hinreißen.

Der Steinbruch füllt sich langsam. EPICEDIUM scheinen entweder einige Freunde dabei zu haben oder etwas bekannter im Untergrund zu sein, was nicht überraschen würde, immerhin gibt es die Kapelle bereits seit 1996. Bei ihrem Auftritt ist die Stimmung mehr als gut und die Feierbereitschaft der Zuschauer vor der Bühne steigert sich merklich. Die Frankfurter Buben machen viel Alarm vor und auf der Stage und prügeln sich durch zum Teil so neue Songs, dass die zwar laut Sänger Tommy keinen Namen haben, aber dafür gleich zwei Songtexte. Eine gewisse Alters-Milde ist der Hessen-Horde jedoch nicht abzusprechen, denn die Gitarren sind hier teilweise singend bis melodisch, was angenehm aus dem Restprogramm heraussticht. Da dürfte es nicht nur am DYING-FETUS-Cover 'Praise The Lord' gelegen haben, dass am Ende einige Zuschauer sich zu "Zugabe"-Rufen hinreißen lassen.

Ohne größere Verzögerungen geht es mit dem Co-Headliner BÖSEDEATH weiter. Jeder der regelmäßig in den Steinbruch geht, kennt diese Band und hat sie mindestens schon ein bis zwei Mal live erleben dürfen. Die Lokalmatadore genießen im Odenwaldraum inzwischen einen regelrechten Kultstatus und werden dementsprechend ordentlich abgefeiert. Die Band vertraut ihrem Publikum so sehr, dass man auch mal das Mikrofon ins Publikum reichen kann und ganze Gesangsparts an treue Fans delegiert. Mit 'Decapitate The Headless' gibt es auch hier einen neuen Track auf die Ohren, der laut Sänger Dän allen "Vollidioten" gewidmet ist. Wer damit gemeint ist, wird nicht näher erläutert. Ansonsten groovt und grindet man sich durch das Set, das nicht durchweg spannende Songs enthält und auch mal etwas eintönig daher kommt. Insgesamt überzeugt der Auftritt aber besonders die treuen Fans der Kapelle, die den Humor der Truppe zu schätzen wissen. Wie sonst könnte die Stimmung bei Tracks wie 'Gaahl Lagerfeld' und dem legendären 'Der Haas Ist Tot' ihren Höhepunkt erreichen. Meine Begleitung hält sich zwar bei diesen Fun-Songs krampfhaft die Ohren zu, ist damit sie aber in der Minderheit, denn die Darmstädter Extrem-Metal-Szene bedankt sich überschwänglich bei ihren Helden.

RETALIATION gebührt im Anschluss die Ehre das diesjährige Merry Axe Mess zu beschließen. Die Unterfranken waren mir bis dato zwar noch unbekannt, aber beweisen von Anfang an, dass ihnen die Pole-Position nicht zufällig in den Schoß gefallen ist. Gerade in Sachen Technik überzeugen die Bayern durch ein gutes Gespür und beweisen wie gut sich Brutalität und Melodie zu einem leckeren Cocktail verbinden lassen. Die im Wikipedia-Eintrag (die haben tatsächlich einen) gezogenen Parallelen zu AT THE GATES sind da nicht unberechtigt. Es ist so kein Wunder, dass die Stimmung bei den Besuchern sehr gut ist und die beiden Fronter Johannes und Chris leichtes Spiel haben. Ein letztes Mal an diesem Abend bekommen die (nicht gerade zahlreich erschienenen) Besucher einen Grund zum feiern und nutzen diesen auch. Wer kann bei diesen exakten Blasts und filigranen Riffs auch schon nein sagen? Kritische Worte fallen erneut nur von meiner Begleitung, die findet, dass die Band genauso klingt wie die meisten technischen Melodic Death Metal Bands heutzutage.

Das kann man so sehen - muss man aber nicht. Lieder wie 'An Ancient Wisdom' oder 'Vanitas' sind sehr gefällig und natürlich wird hier nicht das Rad neu erfunden, aber das wäre in diesem Rahmen auch etwas viel verlangt. Death Metal muss in erster Linie Spaß machen, und als nach dem Gig sich viele Besucher für ein letztes Bier plus Zigarette im Raucherraum einfinden, merkt man, dass es insgesamt ein guter Abend gewesen ist. Die Atmosphäre ist entspannt und die meisten Zuschauer scheinen zufrieden zu sein. Allerdings sollte man im nächsten Jahr versuchen mehr Besucher zu mobilisieren. Der Death Metal Underground hat auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit verdient.

Redakteur:
Adrian Wagner

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