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MÄGO DE OZ, FUROR GALLICO und NANOWAR OF STEEL - München

03.11.2015 | 00:07

27.10.2015, Backstage

Folk Metal, Pagan und das totale metallische Humor-Chaos - wer könnte da widerstehen?

Ein interessantes Package bricht an diesem Dienstag Abend über München herein. Natürlich sind die Fans wegen der Band MÄGO DE OZ aus Spanien da, die in unseren Breiten nur ganz selten mal zu sehen ist, aber die beiden Vorgruppen aus Italien sind auch etwas Besonderes. Ich bin daher nicht überrascht, dass es durchaus gut voll ist, obwohl ich noch ziemlich früh eintreffe. Vor allem T-Shirts der Spanier sind ein Zeichen dafür, dass sie trotz der Tatsache, dass sie in ihrer Muttersprache singen, auch in München und Umgebung zahlreiche Anhänger haben.

Kaum bin ich in der Halle und habe mir das Merchandise angesehen, vor allem das von NANOWAR OF STEEL, über deren Shirts lebensgroße Konterfeis von Horst Tappert, Heino und Arnold Schwarzenegger prangen, geht es auch schon los. Entgegen meiner Erwartung beginnt diese Band. Band? Ein Haufen Irrer ist das!

In der albernsten Weise kostümiert entern die Fünf die Bühne, und der Drummer, komplett gelb mit Schlafanzughose und Omas Pulli, legt los. Der Sänger mit dem schönen Namen Potowotominimak (okay, eigentlich heißt er Carlo Alberto, aber das ist langweilig) sieht aus, als ob er direkt aus einem VILLAGE PEOPLE-Video entsprungen sei, singt aber ganz großartig. Überhaupt: Um so affig auszusehen, übertrieben zu hampeln, noch jeden Blödsinn zu machen, den man sich nur ausdenken kann, und dabei trotzdem ordentlich Musik zu machen, dazu muss man schon ein durchaus ordentlicher Musiker sein, zumal man sich bei diesem "Outfit of Steel" auch noch bemühen muss, nicht gleich laut loszuprusten.

Und das ist ja auch eines der Erfolgsrezepte der Band: Sie ziehen zwar den Metal durch den Kakao, schaffen es aber, dabei ordentliche Songs zu schreiben. So ist 'Tricycles Of Steel', standesgemäß völlig falsch als "triseikels" ausgesprochen, grundsätzlich ein guter Metalsong. In den Soli hampelt der froschgrün agierende Gitarrist Mohammed Abdul übertrieben durch sein Gegniedel und Basser Gatto Panceri 666 (heißt das auf deutsch nicht "gepanzerte Katze"?) übernimmt die Ansagen. Er kann nämlich deutsch sprechen. Und erzählt wildes Zeug, entschuldigt sich dann damit, dass sie ja nur "behinderte Italiener" seien.

Im Folgenden prasseln auf uns so witzige Songs ein wie 'Metal-La-La-La' und das um einen Ausschnitt aus PINK FLOYDs 'The Wall' angereicherte 'Odino And Valhalla'. Ich glaube, er singt dabei tatsächlich "Hey - Odino - let us in the hall", aber ich kann es nicht beschwören. In dem komödiantischen Treiben ist nicht immer alles so deutlich zu identifizieren. Einige Lachattacken später, komplett mit Kostümveränderungen, landen wir bei einem Kurs "Metalsprache auf japanisch", in der wir allerlei Nonsens erfahren und der typische Metal-Jargon mit albernen Übersetzungen a la "Sushi", "Tamagotchi", oder "bukakke" verhonepiepelt wird, den die Band aber im anschließendenLied tatsächlich auch so singt.

Eine Tanzeinlage später zu 'RAP-sody' geht es dem Ende entgegen. 45 Minuten, die wie in Fluge vergehen, allerdings zugegebenermaßen nicht jeden im Publikum ansprechen können. Dazu ist es dann doch einfach zu, ja, man muss es so sagen, blödsinnig. Dass es mit dem Lied 'Schwanzwald' dann sogar noch alberner wird, hilft da sicher nicht. "Sei Willkommen im Schwanzwald, wo Bäume Bratwürste sind, die sind zwanzig Zentimeter hoch, wenn du sie reibst dann wachsen sie noch". Das ist dann schon wirklich hart an der Grenze zum Aushaltbaren, aber die Italiener sind unerbittlich. Zumal das Lied kein Metal, sondern höchstens Schlager mit Gitarre ist.

Hat NANOWAR OF STEEL nun neue Freunde dazugewonnen? Ich denke schon. Die grinsenden Gesichter zeigen, dass trotz eines gewissen Fremdschämfaktors die Freude an Kalauern und Witzen unter der Gürtellinie noch im grünen Bereich blieb. Am Merchandise gibt es dann auch entsprechende T-Shirts, darunter ein "totally not gay football shirt". Die Burschen sind echt kaum auszuhalten.

Danach kommen blau Geschminkte. Erst einmal werden die Instrumente aufgebaut, dann ausprobiert. Das Ganze zieht sich in die Länge, dreimal muss die Flöte tröten, die Harfe ebenfalls, alles wird gecheckt und wirkt irgendwie chaotisch. FUROR GALLICO, eine Meute von acht Musikern und einer -in, mit den besagten blauen Streifen im Gesicht und teilweise in Schottenröcken, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben, werden als zweite Band spielen. Natürlich kommt nach über zwanzig Minuten des besagten Rumgeprobes keinerlei Stimmung auf, als die Band die Bühne verlässt und zu einem regulären Setbeginn selbige wieder betritt, aber das ist Nebensache. Was mich mehr stört ist die Tatsache, dass ich mit dem gebrüllten Pagan-Metal mit eingenudelter Klimper-Harfe mal so gar nichts anfangen kann. Das ist heftig, das Flöten könnte sich der beleibte Herr auch komplett sparen, hört man eh kaum, und spätestens ab dem dritten Song höre ich keine Unterschiede mehr. Alles wirkt wie eine Kakophonie, die der Sänger niederzubrüllen versucht.

Ich finde das ermüdend und ziehe mich weiter nach hinten zurück. Damit bin ich nicht der einzige, die Melodieliebhaber belagern Theke und Merch-Stand, während Freunde der härteren Klänge an der Front ihren Spaß haben. FUROR GALLICO hat durchaus einige Fans im Saal, aber da ich nicht zu ihnen gehöre und nicht viel Sinnvolles über die italienischen Gallier in Kriegsbemalung zu schreiben vermag, weil mir die Lieder zu eintönig sind, als dass ich etwas unterscheiden könnte, belassen wir es einfach dabei. Nach 45 Minuten ist Schluss und die Bühne wird umgebaut für den Headliner.

MÄGO DE OZ. Die Spanier sind in Deutschland keine große Nummer, denn sie singen auf spanisch. Damit starten sie in Europa außerhalb der iberischen Halbinsel mit einem beträchtlichen Handicap, und auch der Auftritt vor über einem Jahrzehnt beim süddeutschen Bang Your Head-Festival hat ihren Bekanntheitsgrad nur unwesentlich gesteigert. Im Vorfeld hatte ich große Bedenken, ob hier nicht die Band, ein paar unverwüstliche Metaller und ein beachtliches Hallenecho den Abend bestreiten würden. Ich bin froh, zu sehen, dass ich eines Besseren belehrt werde. In den Kreisen der metallisch Eingeweihten hat sich offensichtlich herumgesprochen, wie gut die Iberer sind. Zwar ist die Halle im Backstage nicht voll, aber gut besucht kann man das schon nennen.

Und sobald die Band die Bühne betritt, brandet Begeisterung auf. Das zentrale Element der Band ist, wie bei vielen anderen auch, der Sänger. Zeta, der seit drei Jahren in der Band ist, ist ein starker, charismatischer Frontmann, der in Leder gehüllt die Zuschauer sofort fest im Griff hat. Dazu eine Musikertruppe, die geradezu Spaß ausstrahlt. Im zweiten Song kommt dann auch noch Sängerin Patricia Tapia nach vorne, die nicht nur eine großartige Stimme beisteuert, sondern so aktiv ist, dass man kaum ruhig stehen bleiben kann. Ihre Begeisterung wirkt ansteckend. Wenn man das überhaupt schafft, bei diesen einschmeichelnden, mitreißenden Melodien, die neben den Gitarren auch von Josema an der Flöte und Carlos Prieto an der Geige großartig unterlegt werden. Einzig die Tatsache, dass Zeta, der durchaus mitteilungsbedürftig zu sein scheint, alle seine Ansagen auf spanisch macht, kommt mir, äh, spanisch vor. Versteht das ihr jemand? Tatsächlich, es gibt spanisch sprechende Enklaven im Publikum. Aber ich würde auch gerne wissen, was er da sagt. In Deutschland hätte man zumindest mal auf englisch reden können, oder? Das können Metaller nämlich zumeist.

Egal, MÄGO DE OZ heizen den Gästen tatsächlich 100 Minuten lang bestens ein, die Temperatur steigt und fällt auch bis zum Ende nicht ab. Große Folk-Melodien und harter Gitarrenrock, die Spanier gehören definitiv zur internationalen Spitze ihres Stiles. Es ist ein echter Glücksfall, dass die Band in München Station macht und uns ihr aktuelles Programm präsentiert. Ich erinnere mich gut an den Auftritt auf dem Bang Your Head, und auch an die Scheiben mit Sänger José Mario Martínez Arroyo, der mit etwas mehr Enthusiasmus als gesanglichem Können unterwegs gewesen war. Da ist der Neue am Mikrophon ein echter Quantensprung, und das sollte trotz der Sprachbarriere aus dem Geheimtipp MÄGO DE OZ eine Band machen, die auch die deutsche Szene unbedingt anchecken sollte. Im Bereich Folk Metal gibt es kaum etwas Besseres. Von mir aus könnten die Burschen jedes Jahr hier einfallen. Ich wäre jedesmal dabei!

Redakteur:
Frank Jaeger

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