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Ignite - Bochum

30.04.2007 | 20:44

26.04.2007, Matrix

Ausverkaufte Gigs wie der heutige sind in der Bochumer Matrix nicht gerade der Bringer. Spätestens ab dem von der Bühne aus gesehen zweiten Viertel des schlauchartigen Kellergewölbes kann man zusammengepfercht stehend und unter zwei Metern Körpergröße den Bären auf den Brettern wenig bis gar nicht beim Steppen beobachten. Einige der zahlreich erschienenen Mädels haben exzellente Sicht auf den Rücken des Vordermanns bei gleichzeitigem Ganzkörper-Radiofeeling. Ach ja: Weil's affenheiß ist, gibt's auch noch lecker Schweiß von allen Seiten.

Aufgrund von Problemen in der Konzert-Transportlogistik entgehen mir die in Bochum als Anheizer fungierenden Essener Emocoreler THE BREAKING DAY leider komplett, während ich von den auf Platte gut reinlaufenden, zwischen Punk, Hardcore und Rock rumwuselnden IGNITE-Buddys BURNTHE8TRACK nur noch eineinhalb Songs mitkriege. Der Applaus am Ende ist zwar nicht überschwänglich, aber zumindest wohlwollend.

Richtig los geht es für mich mit dem Albtraum aller Hardcore-Puristen (die aber eh nicht anwesend sind), DEATH BY STEREO. Die live auf Quintettgröße angewachsenen Amis sind schon optisch ein bunt zusammengewürfelter Haufen: Matten, Glatze, angetäuschter Iro – alles dabei. Und musikalisch geht's genauso farbenfroh zur Sache. Es wird Hardcore-Geballer mit Punkrock und Ohoho-Backings vermengt, und man vernimmt immer wieder schicke MAIDEN-Twin-Guitar-Attacken, wie in dem coolen 'This Curse Of Days', und erlebt ein kurzes Drumsolo (!) mit. Das funktioniert prächtig und verkommt dank der musikalisch einwandfreien Leistung und des souveränen Vorturners Efrem Schulz auch auf der Bühne niemals zur Parodie. Der Sänger sorgt für Action, und mit jedem weiteren Song wächst der Applaus. Nach sehr gutem Stoff wie 'Lookin' Out For #1', den "Into The Valley Of Death"-Pretiosen 'The Plague', 'Beyond The Blinders' sowie 'I Wouldn't Piss In Your Ear If Your Brain Was On Fire' und rund einer Stunde Spielzeit haben die Jungs mit Sicherheit ein paar neue Plattenkäufer hinzugewonnen. Starke Performance!

Dass DEATH BY STEREO ungewöhnlich lange zocken durften, hat vermutlich mit dem Headliner zu tun. Denn die Voraussetzungen für die nun folgende IGNITE-Show sind alles andere als optimal. Sänger Zoli Teglas hat seine gesundheitlichen Probleme, die den Fünfer dazu zwangen, den ursprünglich für Februar angesetzten Europaabstecher zu verschieben, immer noch nicht in den Griff bekommen können und muss sich nach der Tour erneut (?) einer Operation unterziehen. Entgegen des Rats seines Arztes, der ihm zwei Wochen vor dem Abflug in die alte Welt nahe legte, die Gigs wiederum abzublasen, kämpft er sich diesmal allerdings durch das Programm. Ein Drahtseilakt, der Konsequenzen hat: Das Bremen-Gastspiel drei Tage zuvor musste gecancelt werden, weil bei Zoli nix mehr ging, und auch heute in Bochum merkt man, dass der Frontmann nicht so kann, wie er gerne würde. Die Sirenen-Vocals lässt er notgedrungen oftmals stecken, während sein Stageacting gehemmt wirkt. Gleiches gilt für seine Bandkollegen, die ebenfalls nicht vollends aus sich rausgehen, was Bassist Brett Rasmussen durch seine sympathische Art allerdings teilweise ausgleichen kann.

Trotz aller Widrigkeiten bleiben geile Songs geile Songs, und davon haben IGNITE mittlerweile jede Menge. Das aktuelle Album "Our Darkest Days" und der Vorgänger "A Place Called Home" machen dabei den Großteil der Setlist aus; mit 'Call On My Brothers' und dem phänomenalen 'Embrace' schießt man aber auch zwei der dicksten Raketen aus der Vergangenheit ab. Die größten Reaktionen ernten dennoch die Nummern neueren Datums. Das U2-Cover 'Sunday Bloody Sunday', 'Fear Is Our Tradition', 'Who Sold Out Now?', 'Bleeding' und 'Let It Burn' werden vom gut aufgelegten Publikum lauthals mitgesungen und tüchtig abgefeiert. Und um die Begeisterung für einige gar nicht erst zum Problem werden zu lassen, hält Zoli zu Beginn 'ne kurze Ansprache, dass man auf die anderen Konzertbesucher Rücksicht nehmen solle, und beordert die Mädels, die es in die erste Reihe geschafft haben, auf die Bühne, von wo aus sie die Show verfolgen dürfen. Keine schlechte Idee, fliegen doch mitunter einige Leute durch die Luft.

Zwischen den Nummern lässt es sich Zoli nicht nehmen, noch weitere Worte ans Publikum zu richten. Es gibt kurze Statements zu Drogenmissbrauch und Irak-Krieg, und vor dem Hintergrund des Virginia-Tech-Massakers warnt er davor, in Deutschland eine ähnliche Gewaltbereitschaft wie in den USA entstehen zu lassen. Und da er nicht auf den Kopf gefallen ist, kommt das Ganze ohne erhobenen Zeigefinger. Die Aktion, einem Typen von vegankultur.de ein Forum zu bieten, ist hingegen völlig für den Eimer. Ich habe nichts gegen Veganer und/oder Tierschützer. Warum auch? Aber der kurze Monolog dient nicht der Information, sondern der Missionierung, und das ist überflüssig wie n Kropf.

Glücklicherweise kommt auch noch ein bisschen Musik aus der PA. Weitere Highlights wie 'Veteran', 'By My Side' sowie 'Poverty For All' stoßen ebenfalls auf viel Gegenliebe. Und mit den Zugaben 'Live For Better Days' und 'A Place Called Home', das von Zoli unterbrochen wird, weil der permanent divende BURNTHE8TRACK-Sänger Derek Kun im (sehr gesittet ablaufenden!) Pit irgendwas abkriegt, endet schließlich ein insgesamt immer noch unterhaltsames Konzert. Natürlich sind nicht mal sechzig Minuten IGNITE unterm Strich viel zu wenig, und einige Songs wie das famose 'Slowdown' werden nicht nur von mir schmerzlich vermisst, aber heute muss es eben anders laufen. Man kann nur hoffen, dass es Zoli nach dieser Tour nicht noch beschissener geht als vorher und dass er möglichst bald wieder hundertprozentig fit ist. Beim nächsten Mal, das hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt, wird man dann auch die wahren IGNITE sehen.

Redakteur:
Oliver Schneider

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