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Hells Pleasure Metal Fest - Pößneck

24.07.2007 | 23:33

20.07.2007, Motocross-Strecke

Der Samstag muss so aber ein Stück später anfangen. Und so lässt ein katernder Besuch der Metropole Pößneck und ihrer Einkaufsmöglichkeiten - Tanke, Lidl, Rewe - so viel Zeit ins Land streichen, dass die Doomer von EARTH FLIGHT leider verpasst werden. Doch zumindest verzieht sich das schwere Gefühl der Alkoholerfahrungen des Vortags, weil zunehmend häufigere Regenschauer immer wieder für die nötige Abkühlung sorgen. Eine der Bands, die mit den Unbilden des Wetters ihre Bekanntschaft machen, sind DEFLORATION. Den Jungs ist das aber sichtlich egal, weil ihre Musik auf dem Prinzip beruht, das Leben als Party anzusehen. Die thüringische Band spielt nämlich Death Metal in der Art, wie er vor fünfzehn Jahren seine Hochzeit hatte. Das machen sie beim Hells Pleasure mit arger Inbrunst und können so ihre zahlreichen Fans mitreißen. Ob allerdings der Frontmann in seiner Schlachterhose auch in anderen Landesteilen solch ungeteilte Zuneigung einsammeln könnte, darf bezweifelt werden: DEFLORATION sind einfach eine lokale Kultband, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nun folgen Freunde der Langsamkeit, DOOMSHINE, eine der hoffnungsvollsten Bands im deutschen Doom-Sektor. Nur haben sie an diesem Nachmittag zunächst einmal irrsinniges Pech: Der Gitarrengurt von Sänger Tommy Holz reißt nach wenigen Klängen, was in Ermangelung eines adäquaten Ersatzstücks mehrere Minuten Zwangspause bedeutet. Doch die Band behält ihre gute Laune und wagt einen zweiten Anlauf - und belohnt ihre Fans mit gar göttlichen Doomklängen der Marke SOLITUDE AETURNUS. Ist das schön, ist das schön, ist das schön; so spukt es die ganze Zeit im Kopf herum, als die Schwaben Songs ihres fantastischen "Thy Kingdom Come"-Debüts spielen und diese von der sagenhaften Stimme von Sänger Tommy veredelt werden. Dazu trägt der Mann am Mikro eines der Shirts unserer POWERMETAL.de-Aktion gegen Hass und Gewalt - auf einem Festival der Kategorie Hells Pleasure ein wohltuendes Zeichen, weil solch eine Party natürlich auch Spacken anzieht.

Denn natürlich sind beispielsweise die Stände vor dem eigentlichen Festival-Gelände so eine Sache für sich. Dort ist zum Beispiel ein Stand von Det Germanske Folket bzw. Ur-Europa zu finden, eines der Label, die genau in der Schnittmenge liegen, die es zwischen Pagan Metal, Germanentum und übersteigertem Patriotismus gibt - und die mit Bands wie ANGANTYR oder RIGER eben auch solche Kapellen bewerben, die nicht zu Unrecht umstritten sind, weil ihnen vorgeworfen wird, mit ihrer Einstellung die Grenzen zwischen Metal und tumben Nationalismus immer mehr zu verwischen. Auf dem eigentlichen Festival-Gelände tut sich unterdessen wenig: EURE ERBEN können mit ihrem Thrash zumindest mich nicht sonderlich überzeugen. Und auch HELRUNAR knüpfen im Anschluss kaum an den begeisternden Auftritt an, den sie beim vergangenen Party.San abgeliefert haben - obwohl ihr Sound ordentlich kraftvoll aus den Boxen springt. Zumindest schafft es die deutsche Pagan Metal-Hoffnung aber, ihre Anhängerschar nachhaltig zu überzeugen. Und darum geht es ja. Bis zum nächsten echten Highlight müssen nun noch OPERA IX überstanden werden. Die Italiener spielen Black Metal, der allerdings so viel Keyboard-Unterstützung erhält, dass der eigentlich gut gemeinte Sound eine gnadenlose Bonbon-Klangfarbe bekommt. Außerdem sieht der Keyboarder aus wie ein Direktimport vom Wave-Gotik-Treffen. Für schwarzes Metall ist so etwas nicht besonders dienlich. Eine Band zum Lachen oder zum Essen. Doch da gibt es wieder einen kleinen Meckergrund: Die Becher für 0,50 Euro dürfen nicht vom Festivalgelände mit herunter genommen werden, auch wenn sie noch halbvoll sind. Dazu gibt es nur einen Imbissstand mit Bratwurst und Steak, aber ohne vegetarische Speisen. Doll ist das nicht.

Doch genug der Misstöne, auf zu DESASTER, bei denen wieder der komplette Platz vor der Bühne besetzt ist. Das Kommen soll sich Lohnen: Wie immer machen DESASTER klar, dass sie im Fahrwasser von deutschen Kult-Thrashern wie KREATOR oder DESTRUCTION mindestens in der Bundesliga der extremen Bands mitspielen können. Es ist einfach die irrsinnige Live-Energie, die DESASTER-Auftritte immer wieder zu einem Erlebnis machen. In Pößneck lassen die Jungs dabei keine Experimente zu, sondern setzen auf die Standards, die sie so beliebt gemacht haben: Klassiker wie 'Profanation' oder 'Metalized Blood', das mitreißende Gitarrenspiel von Infernal, die rausgesteckte Zunge des geschminkten Bassisten Odin, die ständig gleichen Bewegungen von Sataniac, wenn er ins Mikro kreischt. Klar, die meisten Zuschauer sehen DESASTER garantiert nicht zum ersten Mal - aber die Band besitzt einfach einen solch hohen Unterhaltungs- und Kultfaktor, dass es auch in Pößneck zu einer fetten Metal-Party reicht.

Längst nicht so oft auf den Bühnen im Osten Deutschlands zu finden sind dagegen SECRETS OF THE MOON. Und leider kommt ihr hintergründiger Black Metal in Pößneck nicht gänzlich so druckvoll ins Ohr wie vorher vermutet. Dabei geben sie sich alle Mühe. Doch fehlt ein wenig die Art der Live-Energie, die eine Band wie DESASTER eben auch nur durch jahrelanges Üben gewinnen konnte. Dazu wirken die Geheimnisträger des Mondes noch ein wenig zu statisch auf der Bühne, zu sehr mit dem Boden verwachsen. Dennoch, schlecht ist der Gig nicht, die Fanreaktionen beweisen es. Und die Setlist ist gut gewählt, weil Stücke wie 'Metarmorphosis' oder 'Ghost' zeigen, dass SECRETS OF THE MOON zur Speerspitze des intelligenten deutschen Black Metals jenseits solcher Spackenvereine wie ABSURD oder TOTENBURG gehören. Mit einem formidablen 'Lucifer Speaks' beenden denn auch SECRETS OF THE MOON ihre Show: Der Teufel hat (fast) schon gesprochen.

Bei MORTUARY DRAPE heißt es im Anschluss vor allem Ausruhen und Warten. Denn zwar sollen die Italiener Kult sein, sind es aber nicht. Gegründet haben sie sich schon 1986, so liest man. Doch müssen zwangsläufig alle Bands aus dieser eigentlich goldenen Epoche gleich zwangsläufig gut sein? Bei MORTUARY DRAPE zumindest wirkt der Gig eher einfältig als böse, schon allein die Bühnenutensilien - unter anderem ein hässliches violettes Tuch mit einem gelben umgedrehten Kreuz - sind mit wenig Stil gewählt. Ein paar Fans gefällt das Treiben trotzdem, der Rest macht sich beim Bier seelisch und moralisch auf den Gig von SHINING bereit.

Bereits den gesamten Nachmittag über gibt es Spekulationen über den Gig. Wird er überhaupt stattfinden? Ist der selbstzerstörerische SHINING-Frontmann Niklas Kvarforth in der Lage zu spielen? Einer hat ihn schon gesehen, spricht von Verbänden an seinem rechten Arm: Verletzungen, die er sich wohl bei einem Gig vor dieser Nacht zugezogen hat. Gegen ein Uhr - oder ist es noch später? - ist es soweit. Sie kommen. Inzwischen hat sich der Ausläufer eines schweren Unwetters auch über dem Hells Pleasure ausgebreitet: Die passende Antwort des Wetters auf den Suicide Metal der Schweden. Und Niklas erscheint. Setzt seinen irren Blick auf. Spuckt viel Kunstblut. Schreit. Die angekündigten Mullbinden um seinen Arm verheißen nichts Gutes. Und die Band beginnt, ihre Oden an die Misanthropie zu spielen, sie lullen ein, sind ergreifend inszeniert. Bis sie plötzlich abbrechen müssen, weil wegen des Regens plötzlich die Stromversorgung der Bühne zusammenbricht. Wie geht ein Psychopath mit so einer Situation um, seinem Mikro zur Selbstdarstellung beraubt? Niklas legt sich einfach hin. Trinkt mit seiner Band ein Bier. Rund 20 Minuten dauert es, bis es weitergehen kann. Doch die Pause tut der Magie dieser wahnsinnigen Band keinen Abbruch. Vielmehr scheint Niklas während des Wartens noch ein paar mehr negative Schwingungen gesammelt zu haben. Denn plötzlich reißt er die Verbände von seinem Unterarm. Ein Gewirr an Schnittwunden zeigt sich. Gesund sieht das nicht aus. Gedankengänge: Waren so auch die frühen Auftritte von MAYHEM, herrschte dort eine ähnlich kranke Ritz-Atmosphäre? Und warum schreiben solche sichtlich mit sich und der Welt im unreinen stehenden Typen solch grandiose Musik wie etwa einen Song der Sorte 'Lat Oss Ta Allt Fran Varandra', der ein Riff besitzt, das wie ein Messer unter die Haut fährt? Wie soll eine Band überhaupt über Jahre hinweg spielen können, wenn sich ihr wichtigster Künstler ständig selbst zerfleischt? Wie kann er diese Show noch steigern? Will er das überhaupt? Sollte solche Musik überhaupt aufgeführt werden? Nicht wegen des vielen Blutes, sondern aus dem Grund heraus, dass es einem als Zuschauer schwer fällt, diesem Nilklas Kvarforth zuzuschauen: Er zelebriert die Musik und seine Verletzungen nämlich als etwas sehr Privates, blickt den Leuten im Publikum kaum einmal direkt in ihre Gesichter; es fühlt sich an, als dringe man als Zuschauer in seine eigene Welt ein, die wirklich nur ihm gehört. Es gibt viele Fragen, die so ein SHINING-Gig aufwirft. Dies ist denn auch Zeichen dafür, dass die Schweden mit gutem Grund als Headliner spielen, weil sie es noch viel mehr als die anderen Bands vermögen, den Geist zu beschäftigen. Beängstigend, aber unheimlich mitreißend, auf eine besondere Weise intelligent - gefährlich aber auch für einige Fans, die ihren Gedankengängen genauso folgen. Etliche Ritzereien an Besuchern nach dem Konzert zeugen von dieser These. Noch lange hallen die "Niklas!"-Schreie auch nach dem Gig noch durch die späte Nacht. Klar ist: Schon wegen der verstörend-faszinierenden Show von SHINING hat sich der Ausflug in diesen landschaftlich wunderschönen Teil Thüringens gelohnt.

Setlist SHINING:

Vemodets Arkitektur
Lat Oss Ta Allt Fran Varandra
Yttligare Ett Steg Närmare Total Jävla Utfrysning
Svart Industriell Olycka
Nagonting Är Jävligt Fel
Claws Of Perdition
Ännu Ett Steg Närmare Total Utfrystning
Submit To Self-Destruction
Längtar Bort Fran Mitt Hjärta

Redakteur:
Henri Kramer

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