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Heavy Metal - nix im Scheddel...? Nr. 77 - Leipzig

19.10.2007 | 15:19

13.10.2007, Kulturbundhaus

Die Tage werden kürzer und die Nächte länger - als Äquivalent zu dieser meteorologischen Tatsache könnte man den Besuch beim 77. "Heavy Metal - nix im Scheddel...?" bezeichnen, zumindest wenn man das auf den amtlich zu befeiernden Konzertabend und den möglicherweise etwas verkaterten Folgetag bezieht. Also nix wie hin, zumal ein schickes Dreierpack mit zwei einheimischen Bands und einer sehr weit gereisten Kapelle lockt.

Zunächst sind durchaus bekannte, aber doch unerwartete Klänge zu vernehmen. Männer mit langen Bärten? Oh, falsche Tür erwischt, denn die ZZ TOP-Coverband ist heute nicht die Ursache des Besuchs im Kulturbundhaus. Glücklicherweise schallt just in diesem Moment das vertraute Scheddel-Intro von nebenan herüber. Also nix wie hin, denn eben entern die vier Göttinger von THE ATMOSFEAR die Bühne.

Und die legen gleich los wie die Feuerwehr und schießen ihren pumpenden Death Metal unter's Volk, welchiger als Mittel gegen zu große Eintönigkeit auch in thrashigen Gefilden wildert und mit allerlei melodischen Versatzstücken daherkommt. Das sorgt für Kurzweil und Auflockerung des dennoch ziemlich brutalen Geballers. Frontsau (man verzeihe mir diesen Ausdruck) Olle grunzt dazu derbst ins Mikro, allerdings ist er auch der Einzige, der auf der Bühne bewegungstechnisch ordentlich was her macht, außerdem turnt der Gute auch gerne mal durch die ersten Reihen des anfangs noch etwas zurückhaltenden Publikums.
Obwohl THE ATMOSFEAR musikalisch beileibe nicht schlecht sind, redet man nach dem Gig weniger über die Mucke an sich, als über den Frontmann der Göttinger Band, der in mehreren Belangen hervorsticht. Obwohl die Leute seiner Aufforderung, doch etwas näher zur Bühne zu kommen, teilweise Folge leisten, versucht er zum Schluss ein paar Unglückliche eigenhändig an die Stage zu zerren, was natürlich nicht uneingeschränkte Zustimmung bei den "Opfern" findet. Auch seine Ansagen sind nicht durchweg gelungen, allerdings fünf mal (!) hintereinander "Seid ihr (wirklich) alle da?" zu fragen, sorgt dann schon wieder für Erheiterung. Insgesamt ist's aber eine durchaus unterhaltsame Angelegenheit und darauf kommt es schließlich an.

Die Thüringer (genauer gesagt: Pößneck) von DEFLORATION spielen anschließend eine räudigere, Grindcore-lastige Variante des Death Metals. Auch hier werden natürlich keine Gefangenen gemacht, das Tempo wird deutlich angezogen und Sänger Uwe glänzt mit krassem Gegrunze und einer Mimik zum Fürchten. Allerdings geraten die Ansagen des Frontgurglers, welche in feinster thüringischer Mundart gehalten sind, ganz im Gegensatz zur Mucke beinahe kabarettistisch und fallen in jedem Fall sehr lustig aus. "Das neue Album ist noch so neu, da weiß ich grad gar nicht, wie der Titel heißt". Is doch wurscht, so wie er die Songtitel ins Mikro röhrt, versteht sie eh keiner, hätte also gar niemand gemerkt. Eine Frage muss sich der Gute dennoch gefallen lassen: "Was zum Geier ist eine Monibor Tox?"
Während Death-Metal- als auch Grindcore-Bands ihre schnellsten Songs gerne mit "Jetzt kommt ein ruhiges Stück" ankündigen, ist der "CANDLEMASS-Coversong" tatsächlich ein getragenes Stück Midtempo-Death-Metal. Ansonsten werden die Lauscher der Zuhörer aber mit einem brutalen, aber auch recht gleichförmigen Death-Metal-Gewitter im Fahrwasser von Combos wie CANNIBAL CORPSE und DYING FETUS zugeballert. Aber das können die (De-)Floristen gut.

Die Truppe, die jedoch ohne Frage das Highlight des Abends darstellt, hatte einen längeren Anreiseweg hinter sich bringen müssen. Die TOURETTES (formerly known as TOURETTES SYNDROME - umbenannt aber wohl nicht wegen Verwechslungsgefahr mit der hiesigen "Gabber"-Grindcore-Band, denn nicht nur qualitativ liegen Welten zwischen diesen beiden Bands) kommen aus dem fernen Australien, der eine oder andere wird vielleicht ihren Auftritt auf der Wet Stage des diesjährigen Wacken Open Air verfolgt haben.
Die Einladung zum größten Metalfestival kam durchaus nicht von ungefähr, denn man merkt schnell, es hier mit echten Könnern zu tun zu haben. Da ist eine deutliche eigene Note herauszuhören, verpackt in abwechslungsreichen und packenden Songstrukturen als Mixtur aus Death Metal, Rock, Doom und Alternative. Dazu hat man mit Michele Madden eine Frontfrau am Start, die mit Ausstrahlung und einer starken Stimme gesegnet ist, die sie sehr variabel einzusetzen weiß. Auch wenn die Vielseitigkeit des Materials allgegenwärtig ist, so geht es doch immer heftig und kompakt zur Sache. Bei zwei, drei Songs fühlte ich mich an ARCH ENEMY erinnert, wobei Micheles Growling noch ein Spur tiefer daherkommt als das von Kollegin Angela Gossow.
Auch in Sachen Bühnenperformance passiert hier einiges. Shouterin Michele scheint genau zu wissen, wie sie sich wirkungsvoll in Szene zu setzen hat - überhaupt wirkt die Frau zwar aggressiv und angepisst, bewegt sich aber im nächsten Moment beinahe lasziv über die Bühne. Dann wirkt sie wieder wie eine Furie, mit der überhaupt nicht zu spaßen ist, und speit fiese Fladen Aule um sich herum.
Zusammenfassung eines überzeugenden Auftritts: Die TOURETTES haben starke Songs im Gepäck, die durch monströse Riffs und das größtenteils tiefe Gegrowle der Frontfrau veredelt werden, die allerdings schon ab und an unter Beweis stellt, dass sie auch ordentliche Clean Vocals beherrscht. Ihre Mitmusiker spielen sich derweil tight und versiert durch die Songs und überlassen ihrer Frontfrau komplett das performative Feld, was diese auch vollständig auszufüllen weiß. Diese Band sollte man sich auf jeden Fall merken.

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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