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Heaven Shall Burn,Death Reality, Sethquen - Dresden

27.03.2004 | 10:12

26.03.2003, Titty Twister

Der Abend beginnt mit einer Überraschung: HEAVEN SHALL BURN und DEATH REALITY als Support stehen heute auf dem Programm im Dresdner „Titty Twister“. Doch was da zu Beginn des noch jungen Abends plötzlich auf der Bühne steht, sieht gar nicht männlich aus. Etwas verlegen greift eine schlanke Sängerin in Träger-Top und Tarnhose zum Mikro und stellt ihre Band SETHQEN vor. Der sächsische Dialekt verrät ihre Herkunft. Nach der üblichen Gitarenstimmerei legen sie endlich los mit schleppenden Midtemporiffs und entsprechend zähem Drumming, während die grazile Gestalt am Mikro sich erst mal in den Rhythmus einwiegt um dann ganz unerwartet mit tiefstem Gegrunze loszulegen. Wo auch immer sie den Resonanzraum für ihr Gegrummel herholt, in jedem Fall zieht es die gestandenen Metaller aus dem noch lose im Raum verteilten Publikum staunend vor die Bühne. Musikalisch bewegen sich ihre Spielgefährten im langsamen Death- bis Doom-Metal-Bereich ohne große Einfälle oder Tempiwechsel. Wenn da nicht diese Sängerin wäre, die mal grunzt, mal keift und auch mal leise mit gebrochener Stimme spricht, im einen Augenblick so lächelt, als würde sie hier gar nicht zu diesem Konzert gehören und im nächsten wieder mit schmerzverzerrter Mine und einer den ganzen Körper erfassenden Spannung das Mikro umklammert, dahinein ihren Hass loszuwerden. Die Wünsche der Fanrige nach Sex vertröstet sie auf „später“ und die Schlampenrufe lassen sie lächeln. Extrem cool wird eine Kippe angezündet, gemosht und dem „God Of Metal“ gehuldigt. Am besten steht SETHQEN wohl der Song ‚World Of Doom’, bei dem nun die ersten Matten mit weiter Amplitude kreisen. Ein echter Qualitätssprung ereignet sich schließlich, als beim letzten Song der neue Gitarrist „Messer“ hinzukommt. Das lässt ja für die Zukunft dieser jungen Band hoffen. Dann ist Schluss und endlich ertönt wieder die schönste Pausenmusik aller Zeiten, welche den Konzertbesucher heute schon beim Eintritt in den unterirdischen Aztekentempel des „Titty Twisters“ begrüßte. Zeit für ein kühles Bier. Hierbei vollbringt der hiesige Barmann immer wieder ein artistisches Kunststück. Mit einem und nem halben Arm entkrönt er Flasche um Flasche! Viel Zeit zum darüber Nachdenken bleibt jedoch nicht, denn schon stehen die Mannens von DEATH REALITY auf der tiefliegenden Bühne, vor der sich nun langsam der Raum mit moshwilligen Menschen füllt. Diese bekommen sogleich ein echtes Brett serviert, dass sich gewaschen hat. Diese sächsische Band macht ihrem Namen alle Ehre, trotz Monitorproblemen und schlechtem Sound. (Ist das das ewige Schicksal der letzten Band vor dem Haupt-Act?) Sänger Jürgen hat seine Stimme gut geölt und growlt sich souverän durch alle Songs, die ausnahmslos Tempokiller sind. Dafür ist nicht zuletzt der mit besten Fähigkeiten ausgestattete Drummer Martin verantwortlich, welcher einfüßig ein Blastdrumming hinlegt, welches andere nicht mal mit zwei Füßen bewerkstelligen. Zwischen die nicht minder rasenden Riffs mischen sich immer wieder ganz dezente Leadgitarren, wie man sie vielleicht von AETERNUS kennt. DEATH REALITY geht es doch aber vor allem um technischen Death Metal Richtung CANNIBAL CORPSE und entsprechend präzises Spiel. Daran haben sie offensichtlich große Freude. Möge diese in noch abwechslungsreichere Alben als das schon sehr überzeugende 2003er „Flash Still Bleeds“ einfließen. Heute Abend haben sie auf jeden Fall schon mal die Leichen aus den Sitzsärgen im „Titty Twister“ geknüppelt. Mit dem Verweis aufs FUCK THE COMMERCE VII verlassen die vier die nun gut vorgewärmte Bühne. Zeit sich mit den anwesenden Konzertgänger ein bisschen heiß zu machen auf das neue Album von Disillusion. Man kann es kaum noch abwarten bis zur Album-Premiere in Leipzig, woran sich eine Tour schließt, die DISILLUSION am 23.4.2004 eben auch ins Dresdner „Titty Twister“ führt. Doch Gemach, jetzt sind erst mal HEAVEN SHALL BURN dran, für die sich plötzlich ein doch etwas verjüngtes Publikum vor der Bühne eng an eng drängt. Es braucht auch nicht lang, nur ein par weltkritische Shouts von Frontmann Markus Bischoff eingepackt in ein Hardcore-lastiges Death Metal-Gewandt und die Horde ist außer Rand und Band. Wildes Pogen breitet sich wellenartig aus und alle sind sie textsicher dabei. Da macht es nichts, dass der durch eine Erkältung angeschlagene Sänger nach eigener Aussage auf dem letzten Loch pfeift. Bereitwillig teilt er sein Mikro mit den Fans, währenddessen er einem von ihnen liebevoll die Hand aufs krause Haupthaar legt. Unbändig springt er immer wieder von der Bühne in die Fanschar, lässt sich durch den Saal tragen um dann wieder auf die Bühne zu purzeln und weiter zwischen blutigem Handtuch am Schlagzeug und äußerstem Bühnenrand hin und her zu rennen. Unbeeindruckt wischt er sich das Blut aus seiner Nase und vom Kinn ab; weiter geht’s durch die zwanzig Songs an diesem Abend. Gegen sein Acting verblasst fast, was der Rest der Band leistet. Dabei zieht sich Bruder Eric an seinem Bass nicht minder enthusiastisch in die Höhe, hält ihn immer wieder senkrecht vor der Brust, während die Beine weit gespreizt fast im Spagat enden. Zweifelsohne sind seine tiefen Seiten stark prägend für den himmlisch brennenden Sound von HEAVEN SHALL BURN, der im Song ‚Burn Within’ wohl am meisten zu tragen kommt. Sein MISERY INDEX-Shirt verweist zudem auf musikalische Vorlieben Richtung Ex-DYING-FOETUS. Die beiden Gitarristen liefern dazu an AT THE GATES erinnernde Schwedentod-Riffs. Allein dreckig klingt hier gar nichts, denn auch der Sound im Titty Twister ist auf magische Weise glasklar geworden. So bleibt das ganze Konzert über ein wunderbarer Flow in der Musik von HEAVEN SHALL BURN und im Publikum. Das fordert dann natürlich auch Zugaben und bekommt derer zwei. Mehr gibt es dann von ihnen beim WITH FULL FORCE zu sehen. Ein gut Teil der Fans ist nach dem Pogo auch erst mal geschafft und pilgert durch die frostige Dunkelheit nach Hause. Schluss ist damit aber noch lange nicht im „Titty Twister“ – hier wird noch eine lange Nacht durch gerockt und gemetalt.

Wiebke Rost

Gastautor

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