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HORIZIS - Livestream von der Warehouse Stage - Gummersbach

06.12.2021 | 19:16

27.11.2021, Warehouse Stage

Nerd-Metal perfekt in Szene gesetzt im Livestream

Hatten wir uns nicht gerade erst gefreut, dass so langsam endlich wieder mehr und mehr Konzerte stattfanden nach der langen erzwungenen Pause durch Corona? Doch da kommt schon die nächste Infektionswelle in diesem Winter angerollt und Liveshows werden reihenweise wieder einmal verschoben, was uns Musikfans mit der einzigen Alternative zurücklässt: Livestreams. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat wahrscheinlich jeder von uns den ein oder anderen erlebt, wobei die Qualität von Angeboten mit statischen Kameras und schlechtem Sound bis hin zu einem Augen- und Ohrenschmaus wie etwa bei den grandiosen Streams von BEHEMOTH reicht. Doch man muss nicht nach den ganz großen Acts schauen, um auf der heimischen Couch großartiges musikalisches Entertainment zu erleben, denn mit der Warehouse Stage in Gummersbach stellt auch ein relativ kleiner Club schon seit Beginn der Pandemie mit beständiger Regelmäßigkeit Streams auf die Beine, die sich vor den ganz Großen im Business nicht verstecken müssen. Grund genug für uns, einen Blick zu riskieren und uns das Konzert von HORIZIS aus Aachen einmal genauer anzuschauen.

Seine Musik bezeichnet das Sextett dabei übrigens als Nerd Metal. Was man sich darunter vorstellen kann? Nun, sagen wir, die Aachener verbinden ihren modernen Metalcore im Stile von BRING ME THE HORIZON und PERIPHERY mit einer durchaus überraschenden Folk-Schlagseite und Texten, die von Pen & Paper bis PC-Games alles abdecken, was einem Nerd so im Kopf herumgeistert. Los geht es nach kurzem Intro dann auch direkt mit Vollgas und der Nummer 'Knightfall', die schnell klar macht, wer bei HORIZIS das Rückgrat des Sounds bildet. Das soll keinesfalls die Leistung von Gianni und Chris an den Gitarren oder Daniel an den Drums schmälern, aber für mich ist es vor allem Ramon, der wie ein Derwisch zwischen seinen Tasteninstrumenten und dem Laptop hin und her wechselt und mit seinen Keyboards und Samples dem harten Riff-Gewitter immer wieder melodische Farbtupfer verpasst. Ebenso macht das Gesangsduo eine starke Figur, wobei Bassistin Martha eher zarte Klargesänge beisteuert, während Fronter Basti sich im Stile von Anders Friden und Mikael Stanne mit seiner druckvollen Stimme durch die Songs growlt und shoutet. Die Kompositionen sind dabei zu Beginn des Sets eher etwas vertrackt und proggig, was zumindest Neulingen den Einstieg in den Nerd-Metal-Kosmos etwas erschweren dürfte. So richtig startet das Sextett dann aber mit dem ultra eingängigen 'God Of Fire' durch, dem mit dem epischen 'Oceans' und dem leicht folkig angehauchten 'Acedia' direkt noch zwei richtige Knaller zur Seite gestellt werden. Danach gehen die Aachener mit dem BRING ME THE HORIZON-Cover 'Sleepwalking' volles Risiko, denn allzu oft verhebt man sich als Band gerne auch mal an einem solchen Genre-Klassiker. Doch nicht so HORIZIS, die dem Track würdig Tribut zollen, ohne zu weit vom originalen Arrangement abzuweichen. Ein weiteres Highlight am heutigen Abend. Gleiches kann ich nicht von der aktuellen Single 'Total Party Kill' behaupten, die bei mir irgendwie nicht so recht zünden will. An der Performance der sechs Musiker liegt das aber keinesfalls, denn wie eingangs erwähnt zocken sich alle Beteiligten mit einer Souveränität durch ihre Kompositionen, die man so eher bei alten Hasen erwarten würde. Einzig bei den Songenden darf noch nachgeschärft werden, denn statt mit einem sauber koordinierten Abschlag zu enden, stolpern die Nerd-Metaller ab und zu noch etwas unbeholfen aus den Songs heraus, was den sonst so professionellen Eindruck der gesamten Show ein wenig trübt. Selbige endet dann nach etwas mehr als einer Stunde noch einmal mit einem echten Knüller, denn Basti, Martha und Co. haben sich mit dem passend betitelten 'Farewell Song' die stärkste Eigenkompositon für den Schluss aufgehoben. Ein rundum gelungener Track, der von feinen Riffs bis zur großen Hookline alles im Gepäck hat, was ein echter Metalcore-Hit braucht. Somit kann ich Freunden moderner Metal-Töne auch ein Antesten nur dringend empfehlen, denn auch wenn ihr wie ich mit Dungeons & Dragons und Co. nichts anfangen könnt, kann man die Songs des Sextetts bestens als das genießen, was sie sind: einfach richtig starker moderner Metalcore mit guten Hooks und feiner Keyboard-Arbeit.

Wo wir von guter Arbeit sprechen, möchte ich an dieser Stelle auch noch kurz auf die Crew der Warehouse Stage eingehen, die auch an diesem Abend wieder einen astreinen Job abliefert. Der Sound ist druckvoll und präsent, was gerade bei Streaming-Konzerten keine Selbstverständlichkeit ist, und auch die Kamera-Arbeit, die einen Mix aus verschiedenen Steadicams und zwei bewegten Kameras präsentiert, rückt die Musiker immer ins rechte Licht und hat die Action auf der Bühne immer gut im Blick. Der wohl größte Pluspunkt ist aber die tolle Lichtshow, die auch einer Bühne auf einem großen Festival angemessen wäre und dem Gesamterlebnis im heimischen Wohnzimmer die Krone aufsetzt. Ja, da dürfen sich viele andere Streams wirklich eine Scheibe von abschneiden. Und das beste, ihr könnt nicht nur die Show von HORIZIS jederzeit auf dem YouTube-Kanal der Warehouse Stage noch einmal anschauen, auch alle anderen Konzerte der letzten 18 Monate stehen euch zur freien Verfügung. Musikalisch reicht die Bandbreite von Singer-Songwriter über Alternative Rock bis hin zu Metal und dank eines hervorragenden Händchens bei der Auswahl der Bands, gibt es einige echte Perlen zu entdecken. Ein wenig Stöbern lohnt sich hier also definitiv.

Live geht es übrigens auf der Warehouse Stage mit LOST KEYS am 18. Dezember um 20:00 Uhr weiter - auch hier dürfte sich Einschalten wieder lohnen!

Redakteur:
Tobias Dahs

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