top banner 156
side banner 157

HIM/Anathema - London

04.10.2005 | 13:14

19.09.2005, Shepherd's Bush

Was ist denn in London so möglich? Viel. In seinem Urlaub kann es den Musi(c)k-Touristen zum Beispiel in die Konservenhochburgen "Electric Ballroom" oder "Slimelight" verschlagen. Zwei Diskos, die eine verströmt Rock und Metal, die andere Industrial und Gothic - die eine lockt mit tanzenden Mädels in runden Käfigen und Blut-Mangas auf vier Großbild-Leinwänden, die andere mit Donner-Industrial in einer alten Fabrikhalle, die Musik dazu direkt aus einem Hubschrauber-Cockpit, das eigentlich ein DJ-Pult ist. Freaks sind überall unterwegs, selbstredend: vom Am-Sack-Luftgitarren-Spieler bis zum Hitler-Imitat-Tekkno-Zucker-In-Armyklamotten. Verstört-Gestörte gibt es aber auch in dieser Montagnacht, direkt hinter der ehrwürdigen Halle des Shepherd’s Bush. Dessen Mauern haben schon Leute wie Iggy Pop oder Kylie Minogue gesehen und sind von mehreren Musik-Magazinen schon preisprämiert. Und nun haben gerade HIM gespielt. Ein paar Fans sind noch lange nicht müde, sie wollen Frontmann Ville Hermanni Valo näher kommen, möglichst ein Autogramm abstauben oder einen Schnappschnuss erwischen. Eigentlich ganz schön billig. Doch der Meister der finnischen Hit-Band hat ihnen an diesem Abend allen Grund gegeben eine glückliche Fanschar zu sein...

Rückblick: Vor HIM sind es die in kaum einer Vorankündigung erwähnten ANATHEMA, die dem ausverkauften Saal die Zeit bis zur Hauptband versüßen sollen. Das gelingt nur bedingt, was aber nicht unbedingt an der Band liegt. Denn ANATHEMA starten mit einem wunderschönen 'Fragile Dreams', schwelgen in 'Destiny Is Dead' und chillen sich durch ihr aktuelles "Natural Disaster"-Album. Die Gebrüder Danny und Vinnie Cavanagh harmonieren dazu vortrefflich auf der Theater-Bühne. Theater? Ja, dass Shepherd's ist ein altes Varieté-Theater, dass nun vor allem als Konzertsaal genutzt wird. An die Aufführungen früher erinnern noch der große Vorhang, die Bühnenhöhe und die Logenreihen über der eigentlichen Halle, wo die Besucher die Konzerte im Sitzen genießen, während unten die anderen Fans stehen oder hüpfen können: bei ANATHEMA bewegen sie sich aber kaum, sie schauen nur auf Frontmann Vinnie. Der ist passend zum Theatergefühl komplett in roten Stoff gekleidet und damit der schillernde Blickpunkt der frühen Abendstunden. Und nicht nur das: Dem ANATHEMA-Sänger und Gitarristen ist die Begeisterung für den eigenen Sound anzumerken, er kniet sich wortwörtlich in die Töne und jammt sich während seiner Sangespausen die Finger wund. Doch im Publikum bleibt es bis auf den für England standesgemäßen Applaus ruhig, selbst bei den schnelleren Nummern fliegen kaum Haare. Dennoch, ANATHEMA lassen sich nicht beirren und können nach einer guten Dreiviertelstunde mit hoch erhobenem Haupt von der Bühne marschieren, an der Bar feiern gehen und anschließend mit ein paar Mädchen London unsicher machen. Gute Entscheidung. Prost.

HIM sind danach in gewisser Weise der genaue Gegenpart von ANATHEMA. Die Band funktioniert zu fast hundert Prozent über ihren Frontmann Ville, wogegen sich die Cavanagh-Brüder eher als musikalische Einheit verstehen - zugespitzt heißt das Duell also Pop gegen Rock. Wobei der Pop-Vergleich HIM ehrt, denn sie sind verdammt gut in ihrem Fach. Von ihrem ursprünglichen Gothic-Sound anno 1996 haben sie sich freilich ganz schön weit entfernt - und doch klingen sie auch knapp zehn Jahre später in gewisser Weise noch wie in den Anfangszeiten. Dies liegt vor allem an Villes Gesang, der sich immer noch betont lässig ins Ohr bohrt und nicht mehr wirklich raus will. Selbst sein manischer Dauergriff zur Zigarette hat sein charismatisches Organ noch nicht geschädigt - und so kann Ville gleichzeitig spielerisch-cool seine Kippen wegschnippen und singen. Toll. Dazu trinkt er während des Auftritts ein Dosenbier. Auch gut. Und die Songs? 'Wicked Game' ist zum Beispiel in der rund 90 Minuten langen Setlist vertreten, dazu noch 'Poison Girl'. Die Fans sind happy. Ville interessiert das nicht weiter, er sieht ein wenig unnahbar aus in seinem dunkelroten Hemd samt schwarzem Schlips. Oh, und er hat sich auch am Kopf verändert: Die Haare sind recht kurz, ein wenig gelockt, aber wirklich kurz. Ville wirkt gleich noch jünger...
Ob im Publikum auf solche Details eingegangen wird, ist reichlich unklar. Denn vor allem ist die Gästeschar laut, die Fans drehen kollektiv ab. Unentwegt ziehen die Ordner kollabierende Mädchen aus den ersten Reihen in den Fotograben vor der Bühne - von den Logenplätzen aus ist dieses Schauspiel gar köstlich zu bewundern. Andere Mädels, die noch nicht bewusstlos sind, fotografieren dafür wie wildgeworden mit ihren Kamera-Handys oder üben ihre Stimme im Monster-Schreien: Ja, sie alle lieben Ville. Und seinen Nummer-Eins-Hit 'Join Me'. Er lässt sich von all den Heiratsanträgen und Schreien nicht aus der Ruhe bringen - Ville ist eben ein Vollprofi, weiß genau, wie er die Reaktionen des Fanvolkes steuern kann. Das tut er und seine "Heartagramm"-Liebhaber fressen ihm aus der Hand dafür. Tolle Leistung, Respekt!

Und die Fans vorm Club nach der Show? Die warten hektisch vor sich hin. Verschiedene Türen werden genauestens untersucht: Könnte er hier rauskommen? Oder eher da? Am Ende ist es eine kleine Seitentür in einer Nebenstraße. Als sie sich öffnet, sind die Fans da. Ville muss ein paar Autogramme unterschreiben, tut dies auch sichtlich gern. Dann geht eine Frau seines Managments dazwischen und sagt, dass es Zeit wird. Immer noch umringt von Fans läuft Ville nun flott zu zwei dunklen Autos am Straßenende. Die Fans können dort nicht einsteigen und müssen zusehen, wie ihr Idol wegfährt. Shit happens - und trotzdem sind alle glücklich. Die Kneipe neben dem Shepherd's Bush freut sich über den zusätzlichen Umsatz...

Redakteur:
Henri Kramer

Login

Neu registrieren