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HEATHER NOVA - Augsburg

01.11.2015 | 08:40

22.10.2015, Parktheater

Für das Herz und für das Auge.

Langjährige Leser wissen, dass wir auch gerne mal über den Tellerrand hinausschauen. In diesem Fall schauen wir mal von unserem Rockschemel herunter auf Songwriter-Pop aus Bermuda. Denn die karibische Sängerin Heather Nova macht auf ihrer aktuellen Tour zum zehnten Album, musikalisch passenderweise "The Way It Feels" betitelt, Station in Augsburg. Da ich schon seit einiger Zeit ein Freund der Lieder und Stimme der Multiinstrumentalistin bin, lasse ich es mir nicht entgehen, die Dame live zu erleben. Und wer mir folgen möchte, kann im folgenden Text den einen oder anderen Link zu einen Video finden, das man sich schön nebenbei anhören kann, um dem Text eine akustische Begleitung zu geben.

Das aktuelle Album wurde übrigens via pledgemusic.com von den Fans finanziert, mir inklusive, bevor es im internationalen Vertrieb verfügbar gemacht wurde. Die Sängerin hat auf der ganzen Welt mittlerweile eine durchaus beachtliche Anhängerschar, wobei sich die Frage stellt: Wer sind die? Das Konzert findet im Parktheater in Augsburg statt, und der Name ist Programm. Eine Theaterbühne, bestuhlter Publikumsraum, und eine Klientel, das so auch zu "Hamlet" oder "Der Babier von Sevilla" oder eine Vernissage passen würde. Dazu Häppchen. Ja, ich bin auf einer Veranstaltung gelandet, die sich durchaus von unserem üblichen Futterspektrum unterscheidet. Im Saal herrscht eine etwas steife Atmosphäre, aber der als Anheizer fungierende MISHKA, seines Zeichens Bruder Heather Novas, löst mit seinem Songwriter-Reggae die Verkrampfung ein wenig. Barfuß und nur mit einer akustischen Gitarre bewaffnet darf er eine halbe Stunde lang solieren und hinterlässt einen guten Eindruck. Etwas schüchtern, aber sehr sympathisch, bleibt mir vor allem ein Lied mit dem mutmaßlichen Titel 'Love You' in Erinnerung, sowie das darauffolgende 'Rock Steady' von seinem aktuellen Album "Roots Fidelity". Gut, unterhaltsam, aber dann doch für meinen Geschmack etwas zu sehr im Reggae verwurzelt, und in dem Stil finde ich leider kein Zuhause.

Dreißig Minuten Pause. Angekündigt und ordentlich durchgehalten. Wir sind im Theater, das sollte man nicht vergessen. Alles ist ordentlich organisiert, die Konversation ist gepflegt, die Stimmung freundlich, aber von Euphorie weit entfernt. Ich ertappe mich bei dem Gedanken mich zu fragen, wie im Theatersaal Stimmung aufkommen soll. Um es vorweg zu nehmen: gar nicht. Stattdessen Höflichkeitsapplaus, als Heather Nova die Bühne betritt. Heather nimmt die Gitarre, und nur Arnulf Lindner am Cello unterstützt sie. 'Treehouse', 'Like Lovers Do' und die neue Single 'Lie Down in the Bed You've Made' eröffnen den Abend. Ich bin derweil noch beschäftigt, ein paar Fotos zu schießen, und kann deswegen nur am Rande den musikalischen Vortrag wirklich genießen, aber es fällt sofort auf, dass die Sängerin trotz ihrer mittlerweile großen Erfahrung schüchtern, fast verloren auf der Bühne wirkt. Der Mikrophonständer ist mit tropischen Blumen verziert, riesigen Blüten, exotisch und schon fast übertrieben schön. Das passt ausgezeichnet zur Musik der zierlichen, aber schönen Frau, die ihre gefühlvollen Lieder in das Rund singt und haucht.

Mit dem Song 'The Archaeologist', der, wie sie erzählt, bei einem Besuch der italienischen Stadt Pompeji entstanden ist, folgt eines der besten Stücke des aktuellen Albums. Heather variiert neue und alte Stücke, lässt die reduzierten Lieder ihrer mittleren Phase zerbrechlich und grazil allein die Bühne füllen, um dann aber wieder mit ihren beiden Mitmusikern, hinzu kommt noch Persussionist Che Albrighton, lauter und direkter ein Lied der frühen oder aktuellen Phase einzubauen, das opulenter daherkommt und die Stimmung geschickt verändert. Im Publikum gibt es die ersten Anzeichen für Begeisterung bei den Liedanfängen, wenn ein paar Fans die Lieder erkennen, aber im Allgemeinen herrscht weiterhin Theateratmosphäre. Man traut sich kaum, mit dem Papier zu rascheln. Ein Herr rechts von mir bewegt sich und seine Sohlen quietschen auf dem Steinboden. Ich erwarte, dass ihn jemand zur Ruhe mahnt. Passiert aber nicht.

Heather schreitet in der Zwischenzeit weiter im Programm fort. Schon früh gibt es meinen Lieblingssong 'Island', gefolgt von dem großartigen 'Sea Glass' vom neuen Album. Mittlerweile glaube ich, dass die zurückhaltende Künstlerin, die übrigens mein Jahrgang ist, aber im Gegensatz zu mir mehr als ein Jahrzehnt jünger wirkt, tatsächlich das absolute Gegenteil eines Entertainers ist. Sie wirkt so schüchtern, dass man ihr zurufen möchte "Komm, geh aus dir heraus, wir sind alle deinetwegen hier, du hast nichts zu befüchten!". Sie erzählt nur gelegentlich ein paar Worte, bedankt sich artig und zeigt sonst ihr Talent an verschiedenen Instrumenten. Kurz vor dem Ende des Sets gibt es mit 'Heart And Shoulder' noch einen heimlichen Hit, der als Single immerhin im UK in die Charts eingestiegen war, dann verlässt sie die Bühne, um nur kurz darauf noch einmal zurück zu kehren. Sie erzählt, dass sie Schulterprobleme hat, aber die Schmerzen auf der Bühne weg sind, bedankt sich beim Publikum und gibt noch zwei Lieder zum Besten, bevor nach 90 Minuten der letzte Ton des Songs 'Paper Cup' verklingt und endgültig Schluss ist.

Heather Nova live ist ein außergewöhnliches Konzerterlebnis, das ich mir noch schöner in einem noch kleineren Club vorstellen könnte, wobei ich nicht unbedingt meine, dass die Bestuhlung der Atmosphäre zuträglich ist. So ist es eher eine Veranstaltung zum Zusehen gewesen, aber Konzertstimmung gab es zu keiner Zeit. Stattdessen einfach wunderschöne Lieder einer bezaubernden Frau in einer romantischen Kulisse. Ja, ungewöhnlich, aber absolut sehens- und hörenswert.

[Besten Dank an Heinz Lamers von www.heathernova.de für die Hilfe bei den Namen der Musiker].

https://www.youtube.com/watch?v=ddgjOwk3pMw

Redakteur:
Frank Jaeger

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