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Gazpacho - München

24.04.2009 | 10:31

07.04.2009, Backstage Werk

GAZPACHO: Spanische Kaltschalensuppe aus Norwegen rockt München!

Als Fan von Prog/Post/New-Artrock-Klängen hat man in diesen Wochen ziemlich gewonnen, denn etliche aufstrebende Bands aus diesen Genres sind derzeit auf Tour, und die meisten machen auch einen Abstecher nach München. Die erste Band dieser auch hinsichtlich des Wetters goldenen Tage sind die norwegischen Edel-Rocker GAZPACHO. Und was kann es Besseres geben an einem Sonntagabend, anstatt der üblichen Tatort-Bespaßung ein musikalisches Gourmethäppchen einzusacken, zumal der Event auch noch im traditionell mit Topsound gesegneten Backstage-Werk stattfindet.

"Gazpacho" ist eine spanische kalte Suppe aus ungekochtem Gemüse. Sie stammt aus Andalusien. Die Hauptzutaten sind Tomaten, Brot, Paprika etc. So steht es zumindest in Wikipedia. Das ist heute aber nicht ganz richtig. GAZPACHO ist ein norwegisches, wohltemperiertes Gebräu mit den Hauptzutaten charismatischer, hochemotionaler Gesang, Gibson-Les-Paul-Gitarre, aufwändig arrangierte, aber nie überladen wirkende Songs und Uhrenticken. Jawohl, Uhrenticken! GAZPACHO präsentieren nämlich ihr neues Konzeptalbum namens "Tick Tock". Dieses erzählt die Geschichte des Autoren Antoine de Saint-Exupéry, der bei dem Versuch, einen Langstreckenrekord mit dem Flieger aufzustellen, in der Sahara notlanden musste und dort fast verdurstete. Fünf Tage ohne Essen und Trinken, nur mit sich selbst allein, Tick Tock, nur das Schlagen des Herzens, Tick Tock, GAZPACHO machen Musik draus.

Manch einem mögen die Norweger schon 2004 aufgefallen sein, damals im Vorprogramm von MARILLION zur "Marbles"-Tour. Mit eingängigem Melancholic Rock eroberten sie damals viele Herzen und "When Earth Lets Go" ist immer noch ein tolles Album. Aber es hat sich einiges getan bei den Fjord-Recken. Der künstlerische Anspruch ist steil nach oben gegangen, und die Songs sind länger und komplexer geworden, ohne allerdings an Schönheit und Einprägsamkeit zu verlieren. Nun ist man künstlerisch wirklich auf Augenhöhe zu MARILLION, und das will was heißen!

Tragende Säule des GAZPACHO-Sounds ist die Stimme von Jan-Hendrik Ohme, 2004 optisch das norwegische Pendant zu KATATONIAs Jonas Renkse, heute eher an einen typischen Computer-Nerd erinnernd: wirre Haare, Nickelbrille und Bäuchle von zu vielen Chips und zu viel Bier. Singen kann er allerdings wie ein junger Gott (wobei ich noch niemals einen jungen Gott singen gehört habe), und wenn man die Augen zu hat, denkt man tatsächlich, MARILLION-Sänger Steve Hogarth erklärt einem mal wieder, wie die Welt funktioniert. Aber hier sind immer noch GAZPACHO, und die spielen an diesem Abend ihre über die Jahre gewonnene Live-Routine aus, beglücken das leider spärlich vorhandene Publikum mit einer Mischung aus grandiosen Longtracks von "Tick Tock" und "Night", ihrem 2007er Konzeptalbum, und alten, kürzeren Liedern wie der herrlichen Piano-Ballade 'When Earth Lets Go' oder 'Bravo'.

Alle Mitglieder spielen sich nach anfänglicher Schüchternheit immer mehr in einen Rausch, die Longtracks steigern sich nach oft zaghaftem Beginn am Ende zu Orgien, der Bass wummert tief in die Magengrube, und das Flugzeug stürzt ab. Total geil. Tick Tock. Am Ende sind alle glücklich. Hoffentlich auch GAZPACHO, die den Mut besaßen, ohne Support eine Headlinertour durchzuziehen. Schade, dass nur so wenige da waren.

Redakteur:
Thomas Becker

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