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Farsot/Agrypnie - Mühltal/Darmstadt

23.09.2008 | 17:22

07.09.2008, Steinbruch-Theater

FARSOT + AGRYPNIE + GEIST + WEIRD FATE

Pünktlich zum ersten Ton treffen Carsten und ich im Steinbruch ein, um unsere Lauscher diesen Abend durch schwarzmetallische Klänge verwöhnen zu lassen. Den ersten Dämpfer bekomme ich allerdings schon zu Beginn, als ich erfahre, dass ATRAS CINERIS aus gesundheitlichen Gründen absagen mussten. Ich hätte schon gern gewusst, ob die Jungs live was können. Schade, aber dafür bekommen die anderen Bands etwas mehr Spielzeit gutgeschrieben. Auch nicht schlecht.

Eröffnet wird der Abend von WEIRD FATE, einer mir bis dato unbekannten Combo, die sich – wie auch an der wunderbar klischeehaften Pandabärchenbemalung klar zu erkennen ist – ganz dem Black Metal verschrieben haben. Um den Gig insgesamt noch atmosphärischer zu gestalten, haben die Jungs und Mädels überall auf der Bühne Kerzen und Kerzenleuchter verteilt, was zugegebenermaßen irgendwie kuscheliges Wohnzimmer-Flair schafft. Wir bekommen traditionelle Black-Metal-Kost serviert, und dank der Kerzen wirkt die Musik tatsächlich leicht atmosphärisch. Der Sound ist okay, habe ich (besonders im Bruch) schon wesentlich schlimmer erlebt. Was der Atmosphäre eher weniger guttut, ist die begeisterte Langeweile, mit der die Musiker auf der Bühne stehen. Allerdings passt dies ja auch irgendwie zum Black-Metal-Klischee, bloß keine Gefühlsregungen zu zeigen, geschweige denn Spaß zu haben! Denn Spaß ist im Schwarzmetall bekanntlich ein ganz dünn gesätes Pflänzchen. Die meiste Langeweile hat wohl die Keyboarderin, die tatsächlich eine Hand auf dem Keyboard hat und die andere in der Hosentasche (zumindest sieht das von unten so aus) und deren Gesicht so regungslos wie das einer Wachsfigur wirkt. Hätte eigentlich nur noch gefehlt, dass die gute Dame immer wieder mal während des Spielens auf ihre Armbanduhr schaut, wie lange das Ganze hier noch dauert. Das Publikum ist dementsprechend verhalten und traut sich nicht, näher als zwei Meter an die Bühne heranzugehen. Alles in allem bieten WEIRD FATE durchschnittlichen Black Metal, weder schlecht noch besonders herausragend.

Anders wird das bei der nächsten Band, nämlich GEIST. Wo WEIRD FATE vorher teilnahmslose Langeweile verbreitet haben, geben GEIST wirklich alles. Besonders Sänger Cypher D. Rex scheint mit seinen lustigen Hosenträgern auf der Bühne ganz ordentlich in seiner Rolle aufzugehen. Der Sound ist wieder akzeptabel, wobei ich hier mal eine Lanze für die Männer am Mischpult brechen muss. Der Steinbruch ist, glaube ich, wirklich eine der größten Herausforderungen für einen Mixer. Leider ist die Snare-Drum meiner Meinung nach etwas zu blechern.

Die Musik der Bielefelder ist düster und treibend und scheint dem Großteil des Publikums zuzusagen, die Meute rückt etwas zur Bühne auf, und wir können die ersten geschüttelten Mähnen ausmachen. Etwas fällt mir bei GEIST allerdings negativ auf, nämlich die viel zu langen Intros vor manchen der Songs, die immer wieder den Wind aus den Segeln nehmen. Ansonsten bieten GEIST eine grundsolide Vorstellung. Wir hören Songs wie 'Kainsmal' oder einen richtig geilen neuen Titel vom kommenden Album "Galeere". Viel zu schnell sind die Jungs dann aber am Ende ihrer Show angekommen und verabschieden sich. Als Outro wird ein recht seltsam anmutendes (und langes) Gedicht gewählt.
[Hagen Kempf]

Die Bühne wird während des Intros in Nebel getaucht, während mit AGRYPNIE der heimliche Headliner des Abends an der Reihe ist. Die Schlaflosen bolzen sogleich 'Und führet mich nicht in Versuchung' vom Debüt raus, Schlagzeuger René tritt ordentlich in die Doublebass, Basser Carsten springt durch die Luft. Und Sänger Torsten postiert wie immer einen Fuß auf dem Monitor und bellt seine Texte in die Menge, das Mikro in der linken Hand haltend, den Ellenbogen ziert ein Pentagramm. Der Ex-NOCTE OBDUCTA-Sänger haut sich auf die Brust, packt mit beiden Händen den Mikroständer, schließt die Augen, Strobo-Licht flackert, dann reißt Torsten die Arme hoch. "Tach!", begrüßt er die gefüllte Bruch-Tanzfläche und fügt mit Wink an den Sound hinzu: "Wir sind die Band, die mehr Bass braucht." In der Tat lässt die Akustik zu wünschen übrig: Eine Gitarre ist permanent nicht zu hören, während Torsten bei jeder Ansage mit einem quietschenden Mikro kämpfen muss. Die plötzlich angehende Saalbeleuchtung tut ihr Übriges, soll aber nicht der einzige Aussetzer der Technik bleiben. AGRYPNIE nimmt's mit einem Schmunzeln, haut das neue 'Kerker' raus und freut sich über die bangende erste Reihe. "Das letzte Mal waren gerade mal fünfzehn Leute da", erzählt Torsten grinsend. Als Höhepunkt stöpselt er selbst eine Gitarre ein, während sich sein Saitenkollege Andreas ein langes, dunkles Blasinstrument schnappt. "Das war nur ein Rohr aus dem Baumarkt", gesteht Torsten hinterher lachend den anwesenden POWERMETAL.de-Nasen. Der beabsichtigte Ton war bei dem Sound eh kaum zu vernehmen, und zum Abschluss gibt's auch noch einen ziemlichen Fauxpas: Als AGRYPNIE kurz die Bühne verlassen, wird trotz der "Zugabe!"-Rufe und entgegengesetzter Absprache Musik aus der Dose eingespielt – obwohl auf der Setlist noch 'Auf den nackten Korridoren' steht. So kann man eine Band auch um ihren verdienten Applaus bringen. Doch wie steht es so schön auf dem Shirt des Mischers: "Ich distanziere mich von diesem Sound."

Unschön und leider ebenfalls erwähnenswert sind die beiden besoffenen Vollidioten in der ersten Reihe, die beim aggressiven Bangen ihr Bier permanent auf die Bühne kippen und fast Torstens Gitarren-Fußpedal erwischen. Was können die beiden froh sein, dass der genervte Frontmann an diesem Abend Chucks statt der üblichen Docs anhat. Sonst hätt's sicher Tritte gegeben. Als die beiden Trottel auch noch jedes Bierglas absichtlich auf den Boden schmeißen und selbst von der sichtlich verzweifelten Freundin des einen nicht beruhigt werden können (Mädel, such dir einen anderen Freund!), werden die beiden endlich vom Türsteher hinausgeschoben. Um zwei Minuten später doch wieder vorne zu stehen, zumindest vorübergehend. Und dabei hieß es mal: Wenn man aus dem Bruch fliegt, dann richtig. Schade, dass so ausgerechnet der Auftritt von AGRYPNIE einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Setlist:
Intro
Und führt mich nicht in Versuchung
Mauern
Kerkerseelenwanderung
Cogito Ergo Sum
Fenster zum Hof
Exit

Als sich die Tanzfläche schon halb geleert hat, hängt das erste Backdrop des Abends auf der kleinen Bühne: Vier schlichte weiße Striche auf schwarzem Grund, Kratzspuren gleich, künden vom Auftritt des Headliners FARSOT. Und die fünf Jungs, bleich geschminkt wie BEHEMOTH, wollen von Anfang an klarmachen, wer hier die düsterste Band des Abends ist. Der Sänger hängt unentwegt an seinem Mikrofonständer, als sei dieser sein letzter Strohhalm. Als ihm sein Gitarrist nach einem Song etwas ins Ohr säuselt, reagiert der Frontmann erst gar nicht, um dann "mehr Gitarre auf dem Monitor" ins Mikrofon zu röcheln. Als der Mikroständer kurz vor Ende eine Weile herrenlos in der Gegend rumsteht, fragt man sich für einen kurzen Moment ernsthaft, ob der Sänger gerade das Zeitliche gesegnet hat. Aber FARSOT bedeutet nicht nur Show, sondern auch überraschende musikalische Qualität. Etwa mit der "Thematik"-Tetralogie 'Hass', 'Tod', 'Angst' und 'Trauer' vom im Oktober erscheinenden Album, wobei die letzten beiden Titel den ersten dank ruhiger Bass-Zwischenspiele deutlich überlegen zu sein scheinen. Einer der Gitarristen feuert unentwegt die Arm in Arm bangende Meute an, während der Sänger kurz vor Ende wortlos von der dunklen Bühne verschwindet. Dann folgt der Drummer und schließlich die Saitenfraktion. Vielleicht hätte der Abgang etwas düsterer gewirkt, wenn beim Öffnen der Tür Backstage nicht das Licht gebrannt hätte. So wirkt das Ganze dann doch recht kindisch. Dennoch haben die Jungs technisch scheinbar einiges drauf und erhalten ordentlichen Applaus. Alles in allem ein netter Einblick in den schwarzen Underground.
[Carsten Praeg]

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Leonard Kötters (The Nature Of Music).

Redakteur:
Carsten Praeg

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