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EverEve Listening Session - Stuttgart

27.01.2003 | 07:22

10.01.2003, Kathys Keller-Kemenate

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg zum Propheten – genauso kann es passieren, dass nicht der Redakteur zur Band kommt, sondern umgekehrt. So geschehen an einem frostigkalten Freitagabend, als sich Micha aka MZ Eve 51, besser bekannt als Sänger der Cyber Gothic-Rocker von EVEREVE, in meinen beschaulichen vier Wänden einfand, um mir in einer kleinen Privat-Listening-Session das im März erscheinende neue Werk „.enetics“ vorzustellen, da meine Wenigkeit Mitte Dezember 2002 nicht die Zeit gefunden hatte, an der offiziellen Listening Session im Frankfurter Studio teilzunehmen.
Bevor jedoch die Lauscher gespitzt und die elf brandneuen Tracks hörtechnisch in Angriff genommen wurden, galt es, die noch leeren Mägen zu füllen, was ein kleiner Spaziergang zum ortsansässigen Chinesen schnell behob.
Eine gute Stunde später, satt und zufrieden zurück im trauten Wohnzimmer, nahm die gemütliche Session – begleitet vom „romantischen“ Flug einiger Obstfliegen (oder was auch immer das sein mag, was da in meinen Topfpflanzen mutiert) – ihren Lauf.

Was gleich zu Beginn auffällt, ist die Tatsache der im Vergleich zum Vorgänger „E-Mania“ deutlich gedrosselten Cyber-Elemente, nicht die Elektronik setzt auf „.enetics“ prägende Akzente, sondern kerniges, dynamisches Gitarrenriffing, welches nur noch in vereinzelten Stücken von den Synthesizern übertrumpft wird. Auch was den Gesang von Micha angeht wird an Effekten und Filtern weitestgehend gespart, was ihm dafür umso mehr emotionale Tiefe verleiht.
Thematisch setzt sich „.enetics“ primär mit der Frage „Bin ich wirklich frei, kann ich mich verwirklichen?“ auseinander, jedoch handelt es sich um kein Konzeptalbum, vielmehr dient die Thematik als Art roter Faden, der subtil durch die elf Songs führt. Dass bei der Wahl keine „Wir-sind-happy-und-haben-uns-alle-lieb“-Scheibe rauskommen konnte, ist klar, außerdem fällt es schwer, sich EVEREVE – und das nicht nur wegen der bewegten Vergangenheit der Band – ohne eine dunkelgefärbte (aber deswegen nicht depressive!) Note vorzustellen.
Jetzt aber zu den Songs:


“This Heart“
Gleich zu Beginn der erste Knaller: Groovige Bass-Line, explosive Riffs, gut darauf abgestimmte Synthesizer, die sich deshalb aber nicht gleich in den Vordergrund drängen. Immer noch „cyber“, aber mit richtig gut-rockigem Drive. Würde sich nicht schlecht als Singleauskopplung – sollte denn eine angestrebt werden – eignen.

“The More She Knows“
Weiter geht’s im Mid-Tempo-Bereich mit nicht minder fetten Gitarren. Die Keyboards agieren hier noch hintergründiger als beim Opener, der Hauptfokus liegt auf den wuchtigen Sechsaitern und Michas Gesang. Leider nicht ganz so mitreißend, trotzdem gut gemacht.

“Abraza La Luz (Embrace The Light)“
Das, wie unschwer am Titel zu erkennen, in spanischer Sprache eingesungene „Abraza La Luz“ bringt – neben den typisch fordernden Gitarren – noch eine ganze Portion an gänsehautfördernder Atmosphäre mit, wozu die Synthie-Chöre und ins Mystische spielenden Melodien ihren Teil beitragen. Klasse Nummer, nicht nur wegen ihrem exotischen Flair durch die fremdsprachigen Vocals.

“Her Last Summer“
Erst balladesk mausert sich das Stück mit verstreichender Spielzeit zu einer im Vergleich mit den Vorgängern entspannten Rocknummer mit ungewohnt unbeschwert-leichtem Charakter – was der Band aber alles andere als schlecht zu Gesicht steht.

“SilverGod“
Erinnerungen an „E-Mania“ werden wach: Zu „SilverGod“ lassen EVEREVE die Cyber-Geschütze wieder etwas stärker auffahren, Loops und Elektrosounds ziehen sich prägnant durch das Stück. Die nötige Dosis an Härte fehlt deshalb aber natürlich auch nicht, das besorgen die obligatorischen, dynamisch riffenden Gitarren.

“X-istence (I’m Free)“
Ähnlich „Abraza La Luz (Embrace The Light)” versprüht auch dieser Track eine leicht-atmosphärische Note, die Zusammenarbeit rockender und elektronischer Elemente funktioniert ebenfalls einwandfrei.

“December Wounds“
Eisig wehender Wind, aufblinkende Eiszapfen, glitzernder Schnee – „December Wounds“ arbeitet gekonnt mit durch primär Keyboards umgesetzter Klangmalerei und erweckt sofort Bilder im Kopf der Hörers, die aber in schöner Regelmäßigkeit von einer Salve an hämmernden Gitarrenakkorden weggeblasen werden. Auch sehr gelungen: Der abwechselnd sanfte und aggressive Gesang von Micha, kurzweilige Abwechslung garantiert.

“Along Comes A Fool“
Eine weitere fetzige Nummer im Stile von „This Heart“. Beatlastig bringt der Song die Eingeweide zum Brodeln, Füße zum Wippen und Köpfe zum Nicken. Sogar Grunzgesang blitzt kurz zwischen den zackigen Rhythmen und soliden Riffwänden auf, das macht Laune.

“One More Day“
Wohl der „schwarze Song“ der Scheibe, zu düsteren Synthiesounds läutet eine typische „Gruftieglocke“ im Hintergrund die Szenerie ein; überhaupt lebt das Stück von seinem geheimnisvollen und dunkelbeseelten Flair. Es sollte mich nicht wundern, „One More Day“ – trotz eingepflanzten Rockkomponenten – in Bälde in einem Gothic-Club zu Gehör zu bekommen.

“Eat-Grow-Decay“
Schnell und fast maschinell geht es hier zur Sache, wieder lässt „E-Mania“ herzlichst grüßen. Das Tempo reißt leicht mit, ein Umstand, der das Stück zu einer klasse Live-Nummer werden lassen könnte.

“1951“
Und wie auch schon auf dem Vorgängeralbum lässt es sich Diplom-Psychologe Micha nicht nehmen, auch auf „.enetics“ mit „seiner“ Zahl 51 (mit welcher auch sein Pseudonym „MZ Eve 51“ kokettiert) aufzuwarten. Was genau hinter dieser Vorliebe steckt, wollte der gute Mann leider nicht verraten – wie auch immer, „1951“ allein als Song betrachtet kann sich mit seinen schönen, von sphärischen Keyboards untermalten Gesangslinien und dem schwermütigen Inhalt hören lassen. Ein gebührender Abschluss für ein gebührendes Neuwerk aus der EVEREVE’schen Musikschmiede.


Fans werden jetzt sicher bemerkt haben, dass sich auf „.enetics“ nicht – wie sonst üblich – ein Coversong befindet, aber Regeln sind ja bekanntlich dazu da, um gebrochen zu werden... .
Summa summarum hat es mir persönlich das neue Werk der Süddeutschen, obwohl ich „E-Mania“ nicht übel fand, mehr angetan als der Vorgänger, da man sich wieder mehr auf frühere Zeiten besinnt und die Gitarren stärker zum Zuge kommen lässt. „.enetics“ bringt genügend Druck und Schwung mit, um sich neben den bereits existierenden Anhängern weiteres Publikum und Zuhörer, die experimenteller Gitarrenmusik nicht abgeneigt sind, zu erschließen. Um es kurz zu sagen: EVEREVE rocken, und das nicht zu knapp!

EVEREVE – „.enetics“
VÖ: 24.03.2003

Redakteur:
Kathy Schütte

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