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Euroblast-Festival 2013: The Ninth Coming - Köln

21.10.2013 | 22:17

11.10.2013, Essigfabrik

Unter dem Motto "The Ninth Coming" lockt das Euroblast-Festival mit allem, was im Djent, Progressive- und Tech-Metal angesagt ist und angesagt sein wird in die Essigfabrik. Und schreibt Geschichte.

Samstag

Ist es wirklich schon 14.00 Uhr? Gefühlt um 8.00 Uhr morgens lassen sich die ersten Besucher von LIFEFORMS Leben einpusten. Sehr tight, aggressiv und mit einer verdammt tief tönenden Gitarre sowie dem Album "Multidimensional" im Gepäck sind diese Amis genau das Richtige, um Tag zwei einzuläuten. Bereit? Als erstes fällt übrigens auf, das nun zwei Leinwände links und rechts die Hauptbühne zieren. Sehr cool, denn so ist man bei heißen Gitarrenduellen quasi direkt auf der Bühne.
[Jakob Ehmke]

Am Vorabend mit seiner Band TEXTURES noch als Headliner abgefeiert steht Keyboarder Uri Dijk am frühen Samstagnachmittag mit seinen Instrumental-Soloprojekt THE ULEX wieder auf der Bühne. Der Bühnenaufbau ist recht spartanisch und so wird auch nur das Keyboard live eingespielt. Alle anderen Instrumente wie Gitarre, Bass und Schlagzeug werden leider nur als Samples wiedergegeben. Zu hören gibt es die Songs der "Old Giants" EP. Der moderne Elektro Djent wird von harten Gitarrenklängen vorangetrieben und mit Dub Step Passagen verfeinert. Musikalisch ist das alles sehr gut, leider ist die Liveumsetzung recht unspektakulär, da Uri von seinem Keyboard und Laptop komplett eingenommen wird. Unterm Strich bleibt ein solider Auftritt der mit einer kompletten Live-Band um einiges besser ankommen würde.
[Christian Stricker]

DISPERSE haben bereits letztes Jahr abgeräumt. Die Jungs aus Polen spielen eine verträumte Djent-Variante mit einem unglaublich talentierten Gitarristen und tollem Sänger. Präsentiert werden primär Songs vom aktuellem Album "Living Mirrors". Die Vier haben richtig Bock, es macht viel Spaß ihnen zuzusehen und zu merken, wie Songs wie 'Unbroken Shiver' oder 'Message From Atlantis' in die Glieder gehen und man ähnlich wie bei SKYHARBOR auf einmal ganz weit weg ist mit den Gedanken. Gitarrist Jakub Zytecki bekommt immer wieder Szeneapplaus, auch sonst ist die Show absolut atemberaubend.
[Jakob Ehmke]


Auf CIRCLES bin ich ehrlich gesagt ziemlich heiß. Das Debut-Album "Infintas" wurde gerade veröffentlicht und die Begeisterung dafür kann ich nicht genug betonen. Die Australier starten mit der ersten Singelauskopplung vom besagten Album: 'Another Me'. Gleich fällt der erneut fantastische Sound auf und die klasse Performance der Aussies, die zeigen, das Eingängigkeit im Djent kein Widerspruch sein muss. Und dann dieser Sänger! Perry Kakridas zeigt, dass er auch live ein unvergleichbares starkes Organ hat, sowas hört man nicht alle Tage! 'As It Is Above' und 'Respones' sind dann aber leider die einzigen weiteren Tracks des Debüts, der Fokus liegt auf der - auch großartigen - EP "The Compass". Eine gute Wahl, denn 'Eye Embbeded' kennen erstaunlich viele und mit einem der besten Breakdowns im Metal wird der Song gebührend abgefeiert.
[Jakob Ehmke]

Die Show von EVER FORTHRIGHT habe ich als eine der intensivsten des Wochenendes in Erinnerung. Geboten wird technischer Metal auf schwindelerregendem Niveau, gepaart mit Fusionseinlagen - samt Saxophon-Solo - und einem Energiebündel von Sänger: Chris Baretto (Ex-PERIPHERY und auch neuerdings bei MONUMENTS). Wie ein Wirbelwind fegt der Sänger mit auffälliger Frisur über die Bühne und trifft die höchsten und tiefsten Töne. Extrem unberechenbar und extrem quirlig - vor allem extrem tight - werden Tracks vom selbstbetiteltem Debut gespielt. Höhepunkt ist definitiv das beängstigend brutale 'Spineless'. Meine Fresse, ist das krass! Chris nimmt ein Bad in der jubelnden Menge, andere sind wie ich total verwirrt, was da gerade passiert ist. Unglaublich! Alle, die da waren, wissen es.
[Jakob Ehmke]

Es gibt diese Konzerte, da steht man nachher einfach da, redet vorerst mit keinem seiner Freunde, haut sich selbst gegen die Birne und fragt sich, was zur Hölle das denn gerade gewesen ist. THE ALGORITHM ist heute genau so ein Fall. Im Lineup um einen Gitarristen erweitert reißen Rémi Gallego (Synthesizer) und Mike Malyan (Schlagzeug) mit diesem unfassbaren Mix aus Djent, Elektro und allerlei Einflüssen, die man kaum genau zuordnen kann, die Essigfabrik auf eine Art und Weise nieder, die einen an den Festen der Musikwelt zweifeln lässt. Egal wie lange man schon Metal hört, so etwas dürfte den wenigsten bereits zu Ohren gekommen sein. Die Symbiose dieser -zig Elemente ist irgendwie chaotisch und funktioniert dennoch perfekt: Die Masse feiert nahezu durchgehend headbangend, teilweise tanzend. Manchmal erwische ich mich beim Lachen, manchmal kurz vorm Weinen, in den meisten Fällen allerdings ziemlich begeistert davon, dass es tatsächlich nochmal etwas Neues in der Metalwelt zu sagen gibt. Die drei Musiker ziehen eine unglaublich Show ab, insbesondere Meister Gallego drehte die Knöpfe, als hinge sein Abendessen davon ab, und es ist kaum Zeit darüber nachzudenken, was für ein eigenwilliger Mist diese Musik eigentlich ist, da man viel zu sehr mit Feiern beschäftigt ist. Komische Geräusche, geiles Geballer, schräge Grooves, gerade Tanzbeats: Alles kann, nichts muss. Einer der beeindruckensten Gigs überhaupt. Und ich spreche hier nicht vom Euroblast, sondern vom Jahr 2013.
[Oliver Paßgang]

Überall wo man hinkommt und TWELVE FOOT NINJA aufspielt, hört man nur positive Stimmen und erstaunlich viele kennen die verrückten Aussies bereits. Obwohl das Debüt-Album "The Silent Machine" gerade erst außerhalb Down Unders veröffentlicht wurde. Und auch heute gilt: TWELVE FOOT NINJA kam, spielte und siegte. Das fasst die Show eigentlich am besten zusammen. Nicht nur die Überhits 'Mother Sky' und 'Coming For You' werden betanzt und bemosht, egal, was die sprunghaften Ninjas spielen, landet einen Treffer. Bereits die Lieder an sich bieten eigentlich genug Unterhaltung, denn kaum eine Band schafft es derartig gekonnt, verschiedenste Genres miteinander in Symbiose zu bringen. Djent, Samba, Latin, Reggae, Progressive- und Alternative-Metal werden munter miteinander gemischt, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Dazu sind die fünf Musiker ständig in Bewegung, laufen und springen quer über die Bühne. Obendrein gibt es die tollen Vocals von Kin, der nicht nur mich stark an FAITH NO MORE erinnert. TWELVE FOOT NINJA ist der Beweis, dass an Originalität und Innovation im Metal noch längst nicht alles gesagt ist.
[Jakob Ehmke]

Den Samstagsheadliner markieren die Post-Metaller von THE OCEAN. Die Großmeister der Konzeptalben haben sich anno 2013 mit ihrem Album "Pelagial" den Meerestiefen verschrieben und haben dieses zuletzt auch immer komlett live dargeboten. Also stellt sich lediglich die Frage, ob es beim Euroblast die Version mit Gesang oder doch die rein instrumentale Variante werden würde. Zu sanften Klavier- und Unterwassergeräuschen des Albumintros 'Epipelagic' entert THE OCEAN mit ihrem Sänger Loic Rosetti die Bühne. Mit 'Mesopelagic' und 'Bathyalpelagic' steigen sie bei erstklassigem Sound in die Show ein. Begleitet wird das ganze "Pelagial"-Set von Unterwasseraufnahmen, die auf eine riesige Leinwand projiziert werden. Trotz zuvor monatelanger Welttournee sprühen THE OCEAN gerade so vor Spielfreude. Drummer Luc Hess drischt wie besessen auf sein Schlagzeug ein. Gitarrist Jonathan Nido jagt ständig über die komplette Bühne.
Und was Sänger Rosetti an Gesangsmelodien (sowohl bei den Growls als auch im cleanen Bereich) offenbart, ist einfach groß. Die größtenteils sehr atmosphärischen Songs werden immer wieder mit Riffgewittern und harten Schlagzeugpassagen durchbrochen. Die Band verzichtet auf Ansagen und zockt ihr jüngstes Werk erbarmunglos an einem Stück herunter. Je weiter THE OCEAN in ihrem Album voranschreitet, desto schwerfälliger und düsterer werden die Songs. Mit dem "Pelagial"-Schlussstück 'Benthic The Origin of Our Wishes' lassen Sie noch eine richtige Doomwalze über das Publikum rollen. Es folgen 'Firmament' und 'The Grand Inquisitor II: Roots & Locust', zwei Songperlen aus der jüngeren Bandhistorie, die eine perfekte THE OCEAN-Show beenden.
[Christian Stricker]

Und auf der Side Stage?

Aufgrund von Soundproblemen eröffnen TORRENTIAL DOWNPOUR den Samstagnachmittag auf der kleinen Bühne mit zwanzig Minuten Verspätung. Musikalisch sind sie dem technischen und progressiven Metal zuzuordnen. Und so legen sich auch direkt beim ersten Song sehr brachial und mit einer großen Portion Gefrickel los. Der recht stämmige Sänger shoutet und growlt sich wie ein Berserker durch das Set. Die Songstrukturen sind recht chaotisch und der Vergleich mit der Band THE DILLINGER ESCAPE PLAN ist nicht von weit her geholt. Garniert wird das Ganze mit diversen Samples und Effekten, welche der Sänger über sein redepultähnliches Effektboard beisteuert. Diese wirken meisten doch recht unpassend und überflüssig. TORRENTIAL DOWNPOUR bieten eine sehr energiegeladene Show, die nach nur 20 Minuten schon ihr Ende findet.
[Christian Stricker]

Die Kölner Band VITJA, die eigenen Angaben zufolge nur fünf Minuten von der Essigfabrik entfernt beheimatet ist, geht so forsch zu Werke wie kaum eine andere Kapelle, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Aggressiv ohne Ende wird der Deathcore-/Tech-/Metal-Mix dargeboten, bei dem vor allem die üblen Vocals aller Lagen im Fokus stehen. Die Band macht ziemlich auf dicke Hose, das jedoch wenigstens richtig; so ist ein Song beispielsweise "gegen Schlampen". Der Sänger brüllt seinen Hass auf Alles und Jeden direkt in die Gesichter der ersten Reihe, was ein bisschen vom ansonsten zu technischen und songwriterischen Durchschnitt ablenkt. Ein richtig guter Sound und eine ebenfalls ordentliche Stimmung zu früher Uhrzeit führen jedoch dazu, dass man den Auftritt VITJAs durchaus als genutzte Chance bezeichnen kann. Insgesamt ein guter Auftritt.
[Oliver Paßgang]

Der Auftritt von THIRD EAR ist eher spärlich besucht. Zwar hat die Band einige Supporter aus ihrer brasilianischen Heimat mitgebracht und geht von Beginn an energiereich zu Werke, so richtig will der Funke jedoch nicht überspringen. Das liegt aus meiner Sicht an den etwas zerfahrenen Songs und am dem Fakt, dass man sich weder stilistisch noch qualitativ vom (zugegebenermaßen hohen) Euroblast-Standard abheben kann. Die Band hat trotzdem Spaß in den Backen (der Sänger startet einen Pit!); es sei ihr gegönnt.
[Oliver Paßgang]

Für mich geht es nun auch zurück zur Side Stage und zu den Griechen von TARDIVE DYSKENESIA. Die Band zieht eine ordentliche Menge vor die Bühne, der Sound drückt und die leckeren Riffs machen eine Menge Laune! Aber auch die Band freut sich ersichtlich heute aufzuspielen. Der Sound hat sich mittlerweile wohl auch unten eingependelt und somit kann man von einer guten Party sprechen. "Heavy Djental" beschreibt ein Kumpel von mir die Musik. Ja, das passt.[Jakob Ehmke]

 

Electroblast

Was tagsüber schon bei THE ALGORITHM angegklungen ist, sollte bei [TRAP.] noch weiter geführt werden: Elektronische Klänge sind auf dem Euroblast gern gehört. Es ist beachtlich, dass die Veranstalter genau wissen, wie weit sie gehen können und wie sie ihrem Publikum dennoch etwas vollkommen Neues bieten können. Die unkontrollierte Tanzparade, die hier fast eine komplette Stunde lang stattfindet, zeugt jedenfalls davon, dass Mauern dazu da sind, um eingerissen zu werden. [TRAP.] legt sich dafür aber auch ordentlich ins Zeug: Mit DJ-Pult sowie Laptop und Schlagzeug wird hier eine meist eingängige Dubsteb-Djent-Basis serviert, welche die Feierwütigen nur zu gerne aufnehmen, um sich mal richtig gehen zu lassen, wortwörtlich nach dem Motto: "Dance like nobody's watching!" Da werden Tanz-Moves ausgepackt, die man sonst nur auf richtig trashigen 90er-Partys sieht. [TRAP.] ist an dieser Stelle perfekt platziert. Anders, spannend, abgedreht: Toll!
[Oliver Paßgang]

HIER geht es zum Sonntag!

Redakteur:
Jakob Ehmke

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