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Eläkeläiset - Wiesbaden

25.05.2010 | 23:19

15.05.2010, Schlachthof

Finnisch verordneter Frohsinn für alle!

Sollte man mal gesehen haben.  Die wären unglaublich lustig. Aha. Sagt ein alter Freund. Und da ich ja bekanntlich sehr gutgläubig bin, mache ich mich auf ins nicht so weit entfernte Wiesbaden, um im Schlachthof dem finnischen Humppa beizuwohnen, ohne zu wissen, was mich überhaupt erwartet. Die Örtlichkeit sollte sich noch als sehr passend benannt erweisen, aber dazu werde ich später noch kommen. Erstmal noch zu meinem ersten großen Fehler, vor dem ich jeden warnen möchte, der einmal die Gelegenheit nutzt, zu ELÄKELÄISET zu gehen: Niemals, aber auch niemals selber fahren.

Aber der Reihe nach. Im Saal angekommen dauert es auch nicht lange, bis das Licht ausgeht und sich fünf merkwürdig aussehende Herren hinter die aufgestellten Tische setzen. Ja, Tische, und ja, auf der Bühne. Das sieht eher nach Lesung aus denn nach Konzert, und das recht übersichtliche Drumset mit dem sympathisch übergewichtigen Drumonkel könnte auch locker von der Silberhochzeitsfeier aus dem Vereinsheim der nächsten Kleingartenanlage ausgeliehen sein.  Man erwartet förmlich, dass gleich der 'Schneewalzer' erklingt und Onkel Erich seine Tusnelda aufs Parkett führt. Außerdem an Bord: Ein Bass, ein Akkordeon und zwei Keyboards. Also keine Gitarre? Na gut, dafür sind sie sonst scharf bewaffnet, denn von Bier über Wein steht alles gut sichtbar auf dem Tisch und das kleine, aber feine Strichrentier als Backdrop ist auch wirklich lustig. Es steht der Fete also nichts im Wege,und das Publikum ist auch enthusiastisch.

Was dann folgt, ist aber mit normalen Worten kaum zu beschreiben: Ekstase, Alkoholmissbrauch, brutalste Verstümmelung fremden geistigen Eigentums. Gemütlichkeit im Drogenrausch. Eine Polonaise. EINE POLONAISE???? Ja, einmal quer über'n Saal. Allgemeines Trinken und Tanzen, schnelle Rhythmen und Akkordeontöne, Polka, Foxtrott, das kann man doch alles noch schneller spielen, oder?

Jeder der Musiker darf mal singen, natürlich alles auf Finnisch. Ein besonders mit Lokalkolorit überzogenes Stück zementierten Frohsinns wird als 'Sauerkrautpolka' angesagt, woraufhin die Stimmung fast Gottlieb Wendehals’sche Höhen erklimmt. Ich erkenne 'Smells Like Teen Spirit'. Diese Version könnte Kurt als Racheengel herbeirufen, um die Band in einem Inferno aus Blut und Heiterkeit zu enthaupten. Musikalisch könnte das eigentlich nur noch von einer Bayrischen Blaskapelle getoppt werden, obwohl – ich bin nicht sicher, ob eine Steigerung überhaupt möglich ist. Ich ertappe mich beim Mitzappeln und halte mich betrübt an meinem Bier fest, dass in Anbetracht der Tatsache, dass ich zurückfahren muss (ich fahre betrunken natürlich total super und sicher, weiß aber, dass die Blauberockten diese Einschätzung sicher nicht teilen würden), leider mein einziges ist. Und deshalb: Um mich herum Alkoholekstase, mittendrin ich, nach einer halben Stunde ganz sicher als einziger nicht Angetüddelter im Saal. Die Musiker inbegriffen, versteht sich.

Das ist total witzig. Habe ich schon erwähnt, dass alle Lieder auf Finnisch gesungen werden? Ich verstehe nix, der Rhythmus zieht mich mit, manchmal glaube ich, einzelne Lieder schon mal gehört zu haben, aber bei diesem musikalischen Schlachtfest kann man nie sicher sein. Ist das wirklich ein Song von den BEE GEES? Der Wahnsinn tobt, einer der Keyboarder erklimmt den Tisch und bewegt sich komisch, tanzen mag ich das nicht nennen. Ich glaube, der ist voll. Dann zieht er seine Weste und sein Hemd  aus und wirft sich einen Überzug aus Leinen über, Marke "Ich war mal ein Kartoffelsack". Das Publikum johlt, ich lache. Warum? Keine Ahnung. Man muss einfach. Nancy Sinatras 'These Boots Are Made For Walking' wird gnadenlos durch den Humppawolf gedreht. Bei METALLICAs 'Enter Sandman' wird in Ermangelung passender Instrumentierung das Riff kurzerhand gesungen, während man wieder an mir vorbeipolonaisiert. Einer der enthusiastischen jungen Menschen hatte eine Metal-Kutte an. Ich glaube, ich halluziniere.

Auf der Bühne passiert nichts Außergewöhnliches mehr, aber die Unnachgiebigkeit, mit der Frohsinn auf die Meute abgeschossen wird, ist unglaublich. Eine finnische Stalinorgel der Heiterkeit. Dazwischen Ansagen, von denen ich nur die Hälfte verstehe, ich denke, es ist die Hälfte, die auf deutsch überhaupt einen Sinn ergibt. Ich versuche, mich mit einem alkoholfreien Bier selbst zu überlisten. Sieht außerdem nicht so doof aus wie ein Glas Wasser. Mitleidige Blicke beim Bestellen desselben zeigen mir, dass man in mir den ELÄKELÄISET-Frischling ausgemacht hat. Ich glaube, das Rentier auf dem Backdrop lacht mich aus.

Ich habe nicht auf die Uhr gesehen und sämtliches Zeitgefühl verloren, spätestens als 'Ace Of Spades' erklingt (glaube ich zumindest), aber die fünf Finnen geben die Vollbedienung. Erste Anzeichen von Erschöpfung machen sich bei den Damen vor mir breit, die Schritte werden schwerer, die Sprünge weniger hoch, der Elan scheint sich zu verflüchtigen. Die Polonaise scheint langsamer, die Musiker sind mit alkoholschwerer Zunge noch schwieriger zu verstehen. Es ist Zeit, das Weite zu suchen, ich werde wiederkommen und mich besser vorbereiten. Das heißt, die gesamte potenziell misshandelbare Musikgeschichte durchhören. Und einen Fahrer mitzubringen. Irgendeinen anderen Frischling werde ich ja wohl auftun können. Und dann wird gefeiert. Humppa forever!

Redakteur:
Frank Jaeger

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