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Ektomorf - Berlin

20.02.2007 | 10:25

07.02.2007, K17

Als ich mit Elke vor dem K17 ankomme, zweifeln wir erstmal, ob das die richtige Location ist. Das Publikum ist sehr jung und ziemlich punkig angehaucht. Nach einem kurzen Realitätsabgleich stellt sich zum Glück heraus, dass wir richtig sind und wie geplant heute EKTOMORF unser Gehör beglücken sollen.
[Thomas Mellenthin]

Als Vorgruppe von EKTOMORF hat man einen schweren Stand - denn wer als Fan der Ungarn nicht schon Monate vorher mit dem Training für den zu erwartenden Hüpf-Marathon beginnt, darf sich keinesfalls bereits bei den Support-Acts derart verausgaben, dass ihm vor dem finalen "Jump! Jump!" die Puste ausgeht. Das wäre zumindest die schmeichelhafteste Theorie, um zu erklären, warum BLINDED COLONY und "Hallo, Herr KAYSER" (sorry, der Kalauer musste sein) vor einer erschreckend teilnahmslosen, zumal eigentlich recht gut gefüllten Halle antreten.

Möglicherweise liegt dies aber vor allem daran, dass die beiden Bands hierzulande noch kaum jemand kennt. Dabei haben BLINDED COLONY mit "Bedtime Prayers" ein sehr feines Album in der Schnittmenge zwischen Metalcore (aber von der guten Sorte) und melodischem Death Metal am Start, welches das ziemlich belanglose Debüt völlig vergessen macht. Den Hauptverdienst an dieser enormen Qualitätssteigerung trägt der neue Sänger Johan Schuster. Denn obwohl der schmächtige Kerl mit dem TOKIO HOTEL-Babyface vermutlich ohne Ausweiskontrolle nicht reingelassen wurde, liefert er mit seiner Mischung aus death-metallischem Gebrüll und Metalcore-lastigen Killerrefrains eine astreine Performance ab und erweist sich auch sonst als der größte Aktivposten auf der Bühne. Doch gerade hier liegt (neben dem leider wieder sehr scheppernden K17-Sound) der größte Schwachpunkt der Schweden, denn gepost wird noch viel zu wenig - und eine amtliche Bühnenshow gehört zu diesem Genre nun mal wie der Strom zur E-Gitarre. Bedenkt man jedoch, dass in Berlin erst der vierte Gig im Rahmen der bis Mitte März andauernden Tour stattfindet, bin ich zuversichtlich, dass BLINDED COLONY in Kürze live genauso eine Bank sein werden wie auf ihrem Zweitling. Von dem übrigens alle sechs Songs der Setliste stammen, und das ist verdammt gut so!

Setlist:
Once Bitten, Twice Shy
In Here
Heart
21st Century Holocaust
Bedtime Prayers
My Halo

Die große Unbekannte in der heutigen Konzert-Gleichung sind für mich KAYSER, zumal mir auch die Ex-Formation von Sänger Spice, die SPIRITUAL BEGGARS, schändlicherweise nur vom Namen her ein Begriff ist. Ihren BEGGARS-meets-SLAYER-Riffing-Sound ereilt trotz des vermutlich größeren Bekanntheitsgrads jedoch das gleiche Schicksal wie zuvor BLINDED COLONY - außer in den vorderen zwei, drei Reihen bewegt sich im Publikum gar nichts. Dabei gibt sich der Vierer erwartet professionell - alle Mitglieder konnten bereits Erfahrungen in anderen Bands sammeln - und weiß über die Spielzeit von ca. 45 Minuten recht gut zu unterhalten. Allerdings hätte sich Spice nicht unbedingt das Hemd aufknöpfen brauchen, denn seine enorme Bierplautze ist fast noch das beeindruckendste Element auf der Bühne.
[Elke Huber]

KAYSER klingen wie eine Mischung aus SLAYER und DANZIG, jedoch wirkt das ganze ziemlich langweilig. Natürlich ist der Herr hinter den Drums wahnsinnig schnell, aber leider nicht besonders abwechslungsreich. Das gilt auch ausnahmslos für seine Kollegen auf der Bühne: technisch sehr gut, aber ohne Herz. Einzig in der Disziplin des Posens sind die Schweden galaktisch gut. Gitarre und Bass werden mit viel Pathos gespielt, und sobald im dem Publikum eine Kamera startklar gemacht wird, potenziert sich nochmal der Posing- und Headbangingfaktor. Das ganze ist recht lustig anzusehen, qualifiziert die Jungs aber noch lange nicht für mein CD-Regal.

EKTOMORF lassen nicht lange auf sich warten, zum Intro von "Outcast" betreten die vier Ungarn die Bühne um mit dem gleichnamigen Opener des neusten Albums loszuknüppeln. Das Publikum dankt es mit einer Instant-Ekstase: im Moshpit fliegen überall Haare und Menschen hüpfen wie zugekokste Lemminge herum. Es geht von Anfang an recht wild zu.

Musikalisch wird ein guter Querschnitt durch die letzten beiden Alben "Outcast" und "Instinct" geboten. Smash-Hits wie 'Ambush In The Night' und 'The Holy Noise' sind vertreten, zwischen den Songs gibt es die üblichen Phrasen zu hören, besonders authentisch klingt das "We love you!" jedoch nicht. Möglicherweise liegt das auch an der "Lemmy-Kilmister-Mikrofonposition", die direkten Sichtkontakt zum Publikum beim Sprechen unmöglich macht. Zoltáns Parolen ("Jump! Jump!") wirken etwas vorformuliert und abgenutzt, irgendwo hat man das alles schon einmal gehört. Welche Ansage vor 'Show Me Your Fist' kommt, muss nicht explizit erwähnt werden. Man hat mitunter das Gefühl das "Live And Raw"-Video zu sehen.

Großartig ist jedoch Tamás, der bei jedem Song durch die Luft hüpft, als ob es keine Schwerkraft gäbe. Das von einem Stagediver versehentlich aus seinen Effects gerissene Kabel nimmt er sehr locker, einfach rein damit und weitergehüpft.

Apropos Stagediving: das klappt leider nicht so gut, elegante Absprünge sieht man nicht, es sieht meistens eher nach einem vorsichtigen Eintauchen ins Meer der Hände aus. Wahrscheinlich sind noch viele "Nichtschwimmer" im durchweg jungen Publikum vertreten.

Die äußerst kurze Spielzeit von knapp 45 Minuten (inkl. Zugabe!) ist eigentlich unakzeptabel. Viele Fans sind sicher ausschließlich für EKTOMORF gekommen und dürften etwas enttäuscht sein. Natürlich müssen gute Konzerte nicht zwangsläufig besonders lang sein, aber dass der Headliner nicht einmal eine Stunde auf der Bühne steht, ist keine besonders nette Geste den Fans gegenüber. Das kann auch die Abklatsch-Orgie nach dem Konzert nicht ausgleichen. Hoffen wir, dass sich bei Zoltán und seinen Kollegen keine Star-Allüren breit machen.
[Thomas Mellenthin]

Setlist:
Outcast
I Choke
I'm Against
Ambush In The Night
Set Me Free
Show Your Fist
We Rise
Holy Noise
Fuck You All
Leave Me Alone
Leech
I Know Them
Red I

Redakteur:
Thomas Mellenthin

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