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Eisregen, Pungent Stench - Berlin

20.01.2005 | 02:13

15.01.2005, K17

Berlin, Alexanderplatz, U-Bahnsteig. Ein junger Mann - schwarz in der Wahl seiner Kleidung und der Farbe seiner Fingernägel - geht forschen Schritts in Richtung Gleis. Kurz vorher stoppt er und lässt sich in einer fließenden Bewegung im Schneidersitz nieder. Der Blick: finster. Er hat einen Walkman bei sich, seine Umwelt nimmt er deswegen nicht wahr. Etwa eine junge Frau, die hinter ihm lachend mit ihrem Begleiter tuschelt: "Auch wenn der betet, kommt die Bahn nicht eher." Wo der junge Herr hin will: Zu EISREGEN ins K17. Dort sollen die aktuellen "Meister" der Provokation spielen - das neue Album "Wundwasser" stieg im Herbst auf Platz 87 der Media Control-Charts ein, dafür sind zwei ältere Scheiben auf dem Index gelandet. Die Band aus Thüringen wird begleitet von PUNGENT STENCH. Die österreichischen Jungs um Martin Schirenc sind sozusagen fast schon EISREGENs Brüder im Geiste, schließlich hat der makabre Humor von Alben wie "Club Mondo Bizarre" auch schon für schlaflose Nächte bei besorgten Sittenwächtern gesorgt. Doch passt dieses Package wirklich zusammen?

Vor der Beantwortung dieser Frage dürfen COLLAPSE 7 auf die Bühne im großen Saal vom K17. Die Band von "Ex-und-nun-trotzdem-bei"-PUNGENT STENCH-Bassist Mario spielt "Apocalyptic Death Metal". Die bedeutungsschwangere Wortkreation hört sich live wie eine Mischung aus ZYKLON und einem Bombenangriff an, aggressiv und bedrohlich peitschen COLLAPSE 7 ihren bösartigen Death Metal unters Volk. Die Musik ist dabei jedoch nicht nur brutal, sondern besitzt gleichzeitig dunkle Melodien, die viel zur rabenschwarzen Atmosphäre im Sound des Quartetts beitragen. Mario, der bei PUNGENT STENCH kaum ans Mikro tritt, kann hier mal richtig zeigen, was in seiner Stimme steckt: Es ist ein kraftvolles, tiefes Grunzorgan, das er immer wieder über den finstren Sound von COLLAPSE 7 legt. Da bleibt nach über einer halben Stunde Spielzeit mit Stücken des Debüts "In Deep Silence" nur ein Fazit übrig: Moderner und anspruchsvoller Extrem-Metal muss nicht immer aus Norwegen kommen, Österreicher können das auch. Und noch etwas wird unter dem Passus "bemerkenswert" abgespeichert: Die offensichtliche Wirkung von Mario auf das weibliche Geschlecht. Der sinngemäße O-Ton einer Freundin: "So gut wie der aussieht, gehört der hinters Mikro - bei PUNGENT STENCH ist er neben Martin Schirenc immer untergegangen."

Ob diese These stimmt, davon dürfen sich die Fans gleich im Anschluss überzeugen - Mario zupft bei seiner PUNGENT STENCH "alten" Band wieder Bass. Doch eigentlich zu früh, oder? Obwohl PUNGENT STENCH auf den Plakaten der Tour als Headliner angekündigt sind, tauschen sie in Berlin die Plätze mit EISREGEN - sozusagen ein Wachwechsel im Milieu der ewigen Provokateure. Doch der Wechsel hat Folgen, denn die Fanschar von PUNGENT STENCH und EISREGEN ist doch sehr verschieden. So kommen viele Fans der Österreicher erst im Verlauf des Gigs dazu, in der fälschlichen Annahme, nicht die komplette Show von EISREGEN ertragen zu müssen. Deren Fans fordern dagegen immer wieder mit Sprechchören den Auftritt ihrer Helden - solche Ignoranz haben PUNGENT STENCH einfach nicht verdient. Sänger und Gitarrist Martin Schirenc lässt sich von dem Schmäh-Gebrüll nicht aus dem Konzept bringen. Für die Kostverächter gibt's deshalb ein paar derbe Death-Metal-Schläge vom Kaliber 'Shrunken And Mummified Bitch' oder 'For God Your Soul...For Me Your Flesh' vor die taube Nuss. Auch die Riffs vom neuen Album "Ampeauty" werden ausgiebigst unters Volk geschleudert, allerdings sind die Songs hier noch nicht im Klassikerhimmel und damit in meinem Gedächtnis angekommen. Nur: 'Fear The Grand Inquisitor' hat gefehlt - nix mit Frauenschreien zu doomigen Death Metal-Klängen. Solch barbarisches Horrorgekreisch hätte dann vielleicht sogar die EISREGEN-Fans zu sehr geängstigt. So feiern nur die PUNGENT STENCH-Anhänger, welche sich in überschaubaren fünf Reihen fröhlich prügeln. Der Rest verharrt. Warum nur so wenig? Vielleicht ist das Problem von PUNGENT STENCH, dass sie anno 2005 nicht mehr provozieren können und wollen wie noch in früheren Zeiten, aber ihnen immer noch das Image der Tunichtgute anhaftet und jeder von ihnen krasse Bühneneinlagen erwartet. Dabei sind sie aber zur Zeit (nur) eine verdammt geile und schweinemäßig rockende Band, die am ehesten mit ENTOMBED noch zu vergleichen ist. Wie cool und lässig die Jungs Killerriffs zocken können, beweist das abschließende 'Klyster Boogie'. Alles ohne Klischee und Provokation, dafür mit viel ehrlichem Metal-Spirit im Blut. Yeah!

Inzwischen ist auch der Fan vom Alexanderplatz wieder unter die Aktiven dieser Welt zurückgekehrt. Bei den ersten beiden Bands saß er noch gravitätisch an der Wand und blickte bitter in die Welt hinaus, nun erhebt er sich und geht in die Reihe Numero Sieben. Um ihn herum haben sich viele in seiner Altersstufe versammelt, es herrscht dichtes Gedränge im K17, so an die 300 Leute sind inzwischen da. Wegen der Ab18-Begrenzung für das Konzert liegt der Altersschnitt vor der Bühne bei rund 19 Jahren, die meist älteren PUNGENT STENCH-Fans sammeln sich dagegen im hinteren Bereich des Saals oder gehen gleich in den angrenzenden Bar-Raum saufen. Von so weit hinten lässt für Nicht-EISREGEN-Fans gerade noch so ertragen, was sich nun eine ganze Stunde lang auf der Bühne abspielt. Ich bin kein EISREGEN-Fan, ich finde die Band einfach nur widerlich in ihrem Versuch, pseudointellektuelle Provokationen in dunkle Wald-und-Wiesen-Lyrics zu verpacken und mit verweichlichten Black-Metal-Sounds zu verbinden. Der Sänger klingt dabei so schlecht, dass jeder anständige Black-Metal-Kreischling aus Norwegen oder sonstwoher gleich vor lauter Lachkrämpfen tot zusammenbrechen würde. Mit sinnfreien Bemerkungen über die Bosheit der Zensur in unserem Land und Stücken der Marke 'Deutschland in Flammen' - wir haben Angst - verschafft sich die Band bei den Fans Respekt und Begeisterung. Dass sie ihr Publikum im Griff haben, daran lassen die Thüringer keinen Zweifel. Auch muss selbst der kritischste Kritiker der Berliner EISREGEN-Show ein durchgängig hohes Energielevel und einen ziemlich heißen Brennwert ohne Bühnenskandälchen bescheinigen - wohl kaum einer, der nicht nach der Hälfte des Konzerts ein durchgeschwitztes T-Shirt besitzt. Einer der wenigen Zuschauer ohne Schweiß auf dem Körper ist Mr. Schirenc von PUNGENT STENCH, der sich als Meister der Diplomatie erweist. "EISREGEN sind nicht unbedingt meine Lieblingsband", schmunzelt er. So feiert weiter ein Teil des Saals zu Songs wie 'Meine tote russische Freundin', der Rest sinniert in der Zeit, warum jedes "R" bei EISREGEN bis zum Exzess gerollt werden muss und ob manche Fans schon mit schwarz angemalten Fingernägeln zur Welt kommen. Achja, über den klinischen Drumsound lässt es sich auch prima lästern, nun ja, am besten hilft hier der Mantel des Schweigens. Deshalb an dieser Stelle Schluss und eine Frage: Wer hat nur diese seltsame Tour zusammengestellt? Kleiner Tipp: Beim nächsten Mal bitte EISREGEN mit den Nichtskönnern MYSTIC CIRCLE und SAMSAS TRAUM auf Sibirien-Tour, dafür PUNGENT STENCH und ENTOMBED auf große Europa-Fahrt schicken...
{Sprach's der eindeutige Meister der Nicht-Diplomatie ;-) - Anm. d. Lektors}

Redakteur:
Henri Kramer

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