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ENFORCER, EVIL INVADERS - Essen

20.05.2022 | 14:26

05.05.2022, Turock

Mit Power und Elan durch den Abend.

Eine Underground-Vollbedienung von vier hungrigen, spielfreudigen Anwärtern auf den künftigen Heavy-Metal-Thron. Wenn die Anforderungen an solch einen Abend sogar übertroffen werden können, dann hat das "Kings Of The Underground"-Quartett alles richtig gemacht.

Ich habe es vermisst, dieses Gefühl, nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag noch eine knapp einstündige Autofahrt in Kauf zu nehmen, um tagesabschließend mit Gleichgesinnten im Essener Turock zu stehen und eine live-haftige Machtdemonstration des Undergrounds zu genießen. So geschehen am Donnerstag, den 5. Mai, zum Auftakt der "Kings Of The Underground"-Tour mit ENFORCER, EVIL INVADERS, AMBUSH und COBRA SPELL. Tagsüber war es sonnig und frühlingshaft und der kleine Bruder des Freitags auch nicht allzu langwierig wie befürchtet. Und so sitzt man daheim, klappt den Home-Office-Laptop zu und tauscht das weiße Hemd gegen ein T-Shirt der Belgier EVIL INVADERS aus. Schnell noch für Unsummen zur Tankstelle und so stehe ich pünktlich vor den heiligen Hallen in der Essener Innenstadt.

Die Vorfreude ist allen Anwesenden anzumerken, ist das Turock doch schon zu Beginn gut gefüllt und startet mit COBRA SPELL in diesen Erste-Sahne-Abend. Die Freude über die vermeintliche Pünktlichkeit weilt nur kurz, scheinen die Niederländer schon seit einigen Songs auf der Bühne zu rocken. Zumindest von außerhalb klingt ihr knackiger Hardrock der energischen Sorte sehr zum Abend passend und macht Appetit, nach den beiden EPs "Love Venom" und jüngst "Anthems Of The Night" das Team um Neu-Sängerin Kris Vega auch mal auf vollständiger Album- und Gig-Distanz zu bewundern. Abschließend kennt das Turock zumindest 'Animal (Fuck Like A Beast)' und dürfte das knackige 'Addicted To The Night' als Ohrwurm mit nach Hause nehmen.

Eine angenehm kurze Umbaupause und einen kleiner Plausch mit ENFORCER-Fanatikern aus den Niederlanden später, schlägt die Stunde für AMBUSH. Die Kronoberger aus dem hohen Norden haben mit drei mehr als stattlichen Alben noch um einiges mehr auf der Habenseite und sind die perfekten Anheizer für das, was an diesem Abend noch folgen wird. Langsam wird die Turock-Luft auch stickiger, wohliger und bekannter, es tut nicht nur mir merklich gut, diese Bretter wieder mit energischer Livemusik zum Beben zu bringen. Zurück zum AMBUSH-Quintett, das innerhalb von einem dreiviertelstündigen Set den Spirit des Achtziger-Schwermetalls recht authentisch und spielfreudig repräsentiert. Das Publikum weiß astreines Stahlgut wie 'Infidel', 'Possessed By Evil' und vor allem die 'Desecrators'-Abrissbirne und 'Natural Born Killers' abzufeiern, und bekommt mit Frontmann Oskar einen erstklassigen Sänger vor den Latz geknallt. Jedoch auch in Sachen Dynamik und Riffgewalt macht AMBUSH sehr viel Freude, prädestiniert auch für die größeren Bühnen dieser Republik.

Diese durften die EVIL INVADERS-Wüteriche mit ihren vorherigen Alben "Pulses Of Pleasure" und "Feed Me Violence" schon beackern, steht mit dem neuen "Shattering Reflections"-Rundumschlag jedoch ein Album auf ihrer Habenseite, das sie von ihrer nicht minder gewaltigen, aber auch sehr abwechslungsreichen Seite zeigt. Die Band weiß, was die Stunde geschlagen hat und lässt zum Auftakt dieser Tour nichts anbrennen. Einzig ein Cover wie 'Violence And Force' oder 'Witching Hour' hätte diesem Auftritt die Krone aufgesetzt, doch auch mit ausschließlich eigenem Material machen Joe und Co. nichts falsch. Im Gegenteil, von Minute zu Minute füllt sich das Turock mehr und mehr, die Fäuste werden gereckt, es kommt Bewegung in die Menge und viele Matten kommen nach ungeschüttelten Monaten wieder zum Einsatz. Der Sound ist, wie es sich für dieses zweite Zuhause für Metalfans gehört, wieder eine Wucht und selbst die letzte Reihe wippt bei 'As Life Slowly Fades', 'Tortured By The Beast' und 'Broken Dreams In Isolation' energisch mit den Füßen. So gibt es einen kunterbunten Speed-Metal-Blumenstrauß der drei bisherigen Alben, denn sowohl der 'Sledgehammer Justice'-Schlag als auch das atmosphärische 'In Deepest Black', sowie die Titelsongs der ersten beiden Schädelspalter sind heute astreine Türöffner und machen schlichtweg Freude. Meine niederländischen Freunde von vorhin bekommen von EVIL INVADERS auch nicht genug, sodass es beim abschließenden 'Raising Hell' in der Luft förmlich knistert. Ein toller Auftritt, bei dem der jugendliche Wahnsinn genauso wenig fehlen darf wie die übliche Posen am Ende.

Und dann schlägt die Stunde von ENFORCER und das Turock wartet gespannt auf das schwedische Power-Quartett mit einem brandneuen Gesicht am Bass. Garth Condit gibt auf dieser Tour seinen Einstand und anders als bei seiner ehemaligen Combo MONTE LUNA geht es bei ENFORCER um einiges schneller und spritziger zu Werke. "Zenith" von 2019 klingelt noch immer in den Ohren und den guten Eindruck, den die Jungs auf ihrem aktuellen Livealbum "Live By Fire II" hinterließen, können sie auch am heutigen Abend rechtfertigen. Die Halle ist aufgrund der drei vorherigen Bands auf Betriebstemperatur und mit 'Destroyer' und 'Undying Evil' entern Wikstrands Olof und Co. die Bretter. Von Beginn an ist Bewegung in der Bude, das Turock feiert, headbangt und mosht, dass sich die Balken biegen, und mit einer bestens aufgelegten Band und solchen Brechern wie 'Kiss Of Death', 'Below The Slumber' und dem knackigen 'Take Me Out Of This Nightmare' im Gepäck macht das Ganze noch mehr Freude. Doch auch etwas ältere Perlen wie 'Running In Menace' und 'Live For The Night' werden folgerichtig ins Publikum gepfeffert. Sprechchöre und Stagediver werden ebenso in Empfang genommen wie der Glaube, nach 26 langen Corona-Monaten einen Hauch Normalität in der mehr als gut besuchten Halle zu spüren. Es wird gegrinst und gefeiert, mit 'Die For The Devil' und 'Zenith Of The Black Sun' Granaten neueren Datums präsentiert und während sich der neue Saitenzupfer sehr gut ins Mannschaftsgefüge einfügt, spielen sich Publikum und Band gegenseitig die feurigen Bälle zu. 'Katana' und 'Midnight Vice' beenden schließlich den Zugabenteil nach etwas mehr als einstündiger Spielzeit und während sich alle ausgepowerten Anwesenden glücklich und zufrieden anlächeln, verhallen erst nach mehreren Minuten die ENFORCER-Sprechchöre langsam.

Und während sich nach diesem pickepackevollen Abend langsam die Reihen lichten und die letzten Getränke vernichtet werden, schleicht sich neben dem wohligen Gefühl der Nostalgie ein Hauch von Vorfreude ob der kommenden Ereignisse im Turock, im Ruhrgebiet und in Konzert-Deutschland ein. Zwar sind vier Bands an einem Abend eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, doch viel zu lange haben wir hierauf warten müssen und nehmen ein ohnehin schon explosives Package wie dieses mit Kusshand. Es war ein toller Abend.

Redakteur:
Marcel Rapp

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