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Down - Hamburg

08.06.2006 | 12:55

19.05.2006, Große Freiheit

Meine neueste Entdeckung im musikalischen Paralleluniversum ist, dass die Band DOWN ein echtes kleines Phänomen ist. 1994 gründeten fünf Musiker aus unterschiedlichen Bands ein kleines SABBATH-lastiges Projekt, nennen es DOWN und saufen sich in der heimischen Garage die Hucke voll. Heraus kommt ein Album, das ohne Airplay oder viel Livepromotion sofort ein Bestseller in der Hard'n'Heavy-Nische wird. Nach einer Auflösung und einer Reunion erscheint 2002 ein zweites Album, das in der Gunst der Fans ebenso hoch angesiedelt ist und den Status der Band als Undergroundstar in Granit meißelt. 2004 erschießt ein Volldepp den PANTERA/DAMAGEPLAN-Gitarristen Dimebag Darrell. Auch heute noch wirkt dieses Ereignis nach, welches sich unter Anderem in dem Rücktritt zahlreicher Künstler, aber auch in verschärften Sicherheitsbedingungen bei den Konzerten manifestiert. Auch sah sich DOWN-Sänger Phil Anselmo dadurch zu einem Rückzug aus der Musikszene genötigt.

Aber es kam alles anders.
Und so begeben sich DOWN 2006 zum ersten Mal in ihrer Karriere auf Europatour. Unser Land der schönen Landschaften und weltberühmten Bauwerke wurde dabei nur zweimal besucht, in Köln und in Hamburg machten die Amis halt. Trotz Anselmos vermeintlichen Streits mit Darrell widmete er nicht nur dieses Konzert, sondern die ganze Tour seinem verstorbenen Ex-Kollegen. So traurig die Umstände im Vorfeld auch sind, dadurch entstand an diesem Abend hier (und sicherlich auch während des Rests der Tour) eine ganz besondere Atmosphäre, die es so nie wieder geben wird. Es war eine Mischung aus Trauer und Wut, aber auch aus Trotz und Solidarität. Dieses Publikum an jenem Abend in der Grossen Freiheit hat bewiesen, dass Musikliebhaber völlig unterschiedlicher Altersgruppen, sozialer und ethnischer Herkünfte und "Szenezugehörigkeiten" gemeinsam einen tollen Abend erleben können. Es lag neben der Spannung ein völlig harmonisches Gemeinschaftsgefühl in der Luft.

DOWN spielen einen Musikstil, der gern als Southern Rock bezeichnet wird. Logischerweise rührt das daher, dass die Bandmitglieder aus den Südstaaten der USA stammen und deren Lebensstil und Einstellung vollblutig verkörpern. Orientiert an 70er-Jahre-Rockgiganten wie LED ZEP und BLACK SABBATH, aber ungleich blueslastiger und zeitgleich metallischer kreieren Anselmo und Compagnons einen atmosphärischen Stilmix. Unspektakulär, aber eindringlich. Sehr intensiv und kraftgeladen, sehr emotional. Keine Musik für ein Tanzkränzchen, eher als niveauvoller Hintergrund zum Lesen, Schreiben oder Jack Daniels. Musikalisch beeindruckt mich an DOWNs Album "NOLA" vor allem dieser faszinierende Groove. Bassgitarre und Schlagzeug erzeugen ein wuchtiges Soundgerüst, das sich zusammen mit den Riffwänden vor mir auftürmt wie eine exakt abgeschnittene Waldgrenze aus meterhohen Eichen, hinter denen die Dunkelheit lauert, schwül und stickig, mich ummantelt und zu einem leichten Opfer macht für Kaimane und Moskitos. Zugegeben, etwas schwülstig, aber nicht von ungefähr laufen DOWN mit der Standarte der Konföderierten auf. Und sie treten den Yankees mächtig in den Arsch. Denn jenseits der stimmungsvollen Gemütlichkeit sind DOWN auch mit einem ordentlichen Packen Wut und Aggression unterwegs, die sich niemals in Highspeed-Doublebass-Nummern, sondern vielmehr im tief aus der Seele kommenden Gesang Anselmos manifestieren. Ein Gesang, der eigentlich nur zwei Gesichtsausdrücke hat, zwischen diesen er aber sehr differenziert variieren kann. So ähnlich, als gebe es zwischen Schwarz und Grau etwa zwei Dutzend verschiedene Farbabstufungen. Das funktioniert im Zusammenspiel mit der Rhytmusfraktion der Band unheimlich gut. Die Gitarren von Pepper Keenan und Kirk Windstein lenken das ganze geschickt in die richtigen Bahnen, ohne sich im Kopf zu limitieren, so dass DOWN ein überraschend kontrastreiches musikalisches Spektrum bedienen.

Die ehrwürdige Grosse Freiheit auf der Reeperbahn erwartete mich also mal wieder. Ein äußerst angenehmes Venue, das mit einer Kapazität von gut 1.000 Musikbegeisterten eine angenehme Stimmung zu erzeugen weiß. Dies rührt einerseits vom netten Personal her, andererseits aber auch von der erfreulich abwechslungsreichen Getränkekarte, der cleveren Innenraumgeographie und nicht zuletzt vom so gut wie immer exzellenten Sound. Außerdem entspricht die Einlass-Zeit auch der auf der Eintrittskarte. Woanders steht man auch mal 'ne Stunde an. Hier aber nicht, also rein in die gute Stube den obligatorischen Gang zum Merch-Stand angetreten. T- und Tourshirts für 20 Eier sind nicht besonders günstig, halten sich aber noch im Rahmen (Das Ticket schlug im VVK übrigens mit 26,50€ zu Buche. Stichwort Ausländersteuer und so). Ein angenehmer Nebeneffekt vom Merchbesuch sind immer die gut informierten Crewler, die auch hier mal eben ausplauderten, welche Prominenz heute Abend zu Gast sein würde. Ohja, zum ersten Mal als Kultband auf Europatour, da müssen die Kollegen aus der alten Welt natürlich vorbeischauen. Äh, jetzt wäre es natürlich das Salz in der Suppe, wenn ich sogar berichten könnte, wer da war, oder? Aber außer dem HATESPHERE-Sänger hab ich alle vergessen, weil die mich nicht interessierten. Aber so fucking what.

Entgegen meiner getrübten Erinnerung war an der Bar dann doch guter Bourbon erhältlich. Also flugs einen Jackie Cola (6,50 EUR ohne Pfand [es gibt keinen Becherpfand in der Freiheit]) in die Hand und die nächste angenehme Überraschung sondiert (außer der sexy Bedienung - manchen Leuten stehen Brillen einfach verdammt gut): Wo einem sonst vor dem Konzert meist eher unterdurchschnittlich begabte Bands von der Bühne entgegenquäken, haben DOWN hier eine akkurate Leinwand drapiert, auf der neben allerlei Homevideos aus dem Bandleben einige hochkarätige Liveclips von Hard'n'Heavy-Klassikern kredenzt wird. METALLICA, MOTÖRHEAD, SABBATH, LED ZEP, ...ein buntes Potpourri der Rockgeschichte sorgt für Kurzweile. Pünktlich um 19:30 Uhr stand ich zentral im (belüfteten!) Innenraum, und eine halbe Stunde später fiel dann auch der Vorhang.

Die Stimmung im Saal war schon in den letzten 20 Minuten nahe am Siedepunkt. Mit dem Fallen des Vorhangs, dem Auftritt der Band und dem Erklingen des Intros brachen aber alle Dämme. Allein während der ersten zwei Minuten müssen das ein halbes Dutzend Crowdsurfer und geschätzte 15 Bierbecher gewesen sein, die zwischen der steil gehenden Menge hin- und herflogen. Die Leute tickten förmlich aus, als Phil Anselmo im roten Hemd die Bühne enterte und die ersten Verse von 'Lifer' wie Fleischbrocken in die hungrige Meute spie. Dabei war das Aggressionspotenzial trotz aller Aufgeregtheit ungewöhnlich niedrig. Es herrschte vielmehr die pure Freude unter Gleichgesinnten, wie ich sie auf Konzerten eher selten erlebe. Während des ganzen Sets zeigten sich die Zuschauer ungemindert begeistert, johlten und brüllten und reckten die Pommesgabeln unter die Decke. Die Band und allen voran Anselmo zeigten sich sichtlich angetan und auch ein bisschen gerührt ob all der ihnen entgegengebrachten Zuneigung. Es war wie die Preisung des Messias.

Nun kannte ich als DOWN-Noob zwar nur die Songs vom ersten Album, aber im Großen und Ganzen kann man diesen Auftritt eigentlich nur saucool gefunden haben. Diese Kapelle rockte die Hütte einfach wie Sau und trat mit ihrem zackigen Groove tausendfach Arsch. Die freigesetzte Energie, die von der Bühne kam, von der Menge reflektiert und zurückgeworfen wurde, konnte man förmlich an den Haarspitzen spüren. Der ganze Raum war elektrisiert vor Spannung. Bis kurz vor Ende des Sets blieb es ein unterhaltsamer Abend, der vielleicht statt dem einen oder anderen schwermütigen Achtminüter die eine oder andere schnellere Nummer hätte vertragen können, zumindest für meinen Geschmack. Aber dennoch war ich am regulären Ende des Sets schon hochzufrieden. Songs wie 'Lifer', 'Ghosts Along The Mississippi', 'Eyes Of The South' und vor allem 'Temptation's Wings' waren exorbitant gut, der Rest konnte mich immerhin noch gut unterhalten. In der Mitte des Sets gab es noch ein mehrminütiges Stück, das mich zeitweise etwas anödete, einfach weil ich es zum ersten Mal hörte und es mir eher eintönig vorkam. Störte mich aber nicht weiter.

Der Hammer war aber das Encorepackage:
Angefangen mit 'Jail', einer Akustiknummer, die wie keine andere das Bild von schwülen Sumpflandschaften heraufbeschwört, die man mit einem baufälligen Seelenverkäufer durchschippert, umgeben von sirrender Hitze, drückender Feuchtigkeit und den weiter oben bereits erwähnten Viehzeugs. Nicht nur ich war Opfer anhaltender Gänsehautschauer, als der Publikumschor den Refrain mitsummt. Es folgte der Obergroover und Bandklassiker 'Stone The Crow'. Der Kessel kocht jetzt endgültig über, niemanden hält es auf seinem Platz. Diese Stimmung war echt der Oberburner. Der Grundriff des Songs hallte noch stundenlang in meinem Gedächtnis nach, ein echter Ohrwurm und ein Muss auf jedem Grillfetenhitsampler. Sehr geil. Zum guten Schluss spie das Quartett dem frohlockenden Publikum noch 'Bury Me In Smoke' vor die Füße, ein wuchtiges Riffmonster, das mir die Magengrube erschütterte und minutenlang vor sich hin hämmerte. Vor allem die Schlussminuten dieses Stücks sind echt Wahnsinn und beschlossen diesen Abend würdig. Grandios.

Das Programm wurde begleitet von einer unaufdringlichen Lightshow. Lediglich das häufige Aufblenden der Oratoriumsscheinwerfer nervte etwas. Dafür war der Sound einwandfrei, ohne jeden Makel und glasklar dröhnte der Ton aus den Boxen, jederzeit transparent und auch nicht zu laut. Nur Phils Mikro hatte mit der einen oder anderen Übersteuerung zu kämpfen, so dass es drei bis vier Mal etwas heulte. Ansonsten spitze. Alles in allem ergibt das ein außergewöhnliches Konzertereignis einer außergewöhnlichen Band in einer außergewöhnlichen Stimmung. Eine Empfehlung erübrigt sich, da sich diese Gelegenheit so nie wieder bieten wird. Jedes Konzert ist ohnehin anders als das vorherige. Aber abzüglich der besonderen Umstände kann ich nur sagen, dass DOWN live noch um einiges besser sind als auf Platte, sehr viel härter und intensiver rüberkommen, dabei aber komplett authentisch. Es war ein verdammt cooler Abend, der sich gelohnt hat.

Setlist (ohne Anspruch auf Richtigkeit und/oder Vollständigkeit):

Lysergik Funeral Procession
Lifer
Ghosts Along The Mississippi
Losing All
Eyes Of The South
Rehab
New Orleans Is A Dying Whore
Lies, I Don't Know What They Say But...
Temptation's Wings
Underneath Everything
Learn From This Mistake
Pillars Of Eternity
Jail
Stone The Crow
Bury Me In Smoke

Gastautor Maik David

Redakteur:
Gastautor

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