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Dismember - Berlin

24.11.2004 | 11:38

18.11.2004, K17

Am Anfang des Konzertabends mit der schwedischen Sauf- und Death-Metal-Gesellschaft DISMEMBER steht der Arbeitgeber, der dafür sorgt, dass der schreibwütige Redakteur das K17 in Berlin nicht pünktlich betreten kann - so stehe ich erst im kleinen Konzertsaal der hauptstädtischen Metalhochburg in der Petenkofer Straße, als schon zwei Bands durch sind, es haben schon SOUL DEMISE und ANATA gespielt. Die Einschätzung zu SOUL DEMISE kommt aus berufenem Kumpelmund: "Wie immer, eben cooler Melodic Death Metal." Und zu ANATA? "Ein fettes, technisches und sehr griffiges Gitarrenbrett, völlig auf die Fresse..." Schade. Dafür entschädigen die leicht unausprechlichen PSYCROPTIC, die zu viert und mit nur einer Gitarre auftreten. Trotzdem klingen die Australier nicht dünn, im Gegenteil: Das ist das volle Death Metal-Brett, frisch lackiert und mit extra scharfen Kanten. Zwischen schnellen Grooveparts stehen immer wieder geschickte Frickeleien, am ehesten erinnert der Sound an spätere CARCASS-Meisterwerke. Nur Ersatz-Sänger Jason Peppiatt - Frontgurgler Matthew Chalk ist für die Tour wegen persönlichen Verpflichtungen verhindert -fällt gegen seine Kollegen an den Instrumenten etwas ab, seine Stimme klingt oft zu gepresst. Außerdem sind von seinen einst langen Haaren nur noch vier Zöpflein übrig geblieben, die aus der restlichen Glatze herausbaumeln. Dazu hat er noch ein Ziegenbärtchen und wirkt damit eher wie ein Hardcore-Hippie als ein gestandener Death Metal-Schreihals. Doch wenigstens stehen links und rechts von ihm Gitarrist Joe Haley und Bassist Cameron Grant; die beiden Langhaardeckel schrauben sich beim Spielen ihrer Instrumente fast um die Wette ihre bangenden Schädel ab. Soviel Energie überträgt sich bei Songs wie 'The Colour Of Sleep' auch auf zwei Reihen vor der Bühne, hier fliegen die Haare im Millisekundentakt durch die Luft. Da grinsen sie kollektiv, diese australischen Todesblei-Tüftler. Sehr feiner Gig.

Weniger filigran, dafür aber noch wirkungsvoller, läuft der Auftritt von DISMEMBER. Kriegsintro, kratzender Kettensägen-Sound, flackerndes Rotlicht: Ausnahmezustand - genau so muss ein Konzert dieser schwedischen Kultfiguren klingen. Sänger Matti Kärki wirkt nicht so betrunken wie etwa auf dem Party.San-Open Air, bei dem er am Ende des Auftritts sogar mehrere Male sturzbetrunken auf die Bühne flog und im Liegen weitergrunzte. In Berlin dagegen ist er nur angeheitert, ausreichend gut gelaunt also, um die Fans in Scharen bei ihrer Mosher-Ehre zu packen und sie abgehen zu lassen. Es gelingt, mit Sprüchen wie "Alcohol ist my best friend" gewinnt Matti die Fan-Herzen. Auch der Rest der fünfköpfigen Band wirkt an diesem Abend seltsam verjüngt. Hier hat niemand das Gefühl, echte Death Metal-Stars auf der Bühne zu erleben, sondern ganz normale Fans. So tragen die Musiker ganz selbstverständlich die T-Shirts von befreundeten und angebeteten Bands wie GRAVE oder DANZIG, trinken Bier und lachen nach jedem Song. Diese entspannte Haltung wirkt sich jedoch nicht auf die Songs aus, Klassiker wie 'Casket Garden' krachen in ungehobeltem Tempo und brutaler Boshaftigkeit aus den Boxen. Dazu befinden sich die Haar-Matten der Musiker permanent im Dauerkreisel-Modus. Die Gitarristen David und Martin stehen oft fast innig nebeneinander und posen in guter alter JUDAS PRIEST-Tradition. Und dann haben DISMEMBER anno 2004 noch einen Live-Trumpf in ihrer Tasche: den NECROPHOBIC-Bassisten Johan Bergebäck. Der blonde Hühne treibt die Fans mit seinen auffordernden Gesten zu immer neuen Höchstleitungen. Songs wie 'Soon To Be Dead' vom legendären "Like An Everflowing Stream"-Debüt werden so zu echten Triumphzügen - DISMEMBER schaffen es, die rund 200 Gäste fast kollektiv in Ekstase zu versetzen. Vom neuen Album "Where Ironcrosses Glow" gibt es zum Beispiel das den großen Vorbilder von IRON MAIDEN gewidmete 'Tragedy Of The Faithful', dass an seinem begeisternden Schluss tatsächlich Gitarrenläufe bietet, wie sie die eisernen Jungfrauen zu ihren besten Zeiten auch verwendet hätten. Für den schlechten Humor ist später noch Frontmann Matti zuständig, der von Song zu Song mehr Spaß an der Show zu haben scheint: "How many bitches did you skin so far - Skin Her Alive!" Dazu streckt der kleine Mann seine Zunge raus und wirkt damit einmal mehr wie ein todesmetallisches Rumpelstilzchen. Weitere Attribute fallen zu DISMEMBER ein, etwa MOTÖRHEAD des Death Metal. Denn wie Lemmy und Konsorten sind DISMEMBER ihrem Sound seit Jahren treu, waren es auch in Zeiten, in denen niemand mehr solch scheinbar altmodische Musik wie ihre hören wollte. Nach sechzig Minuten sind sie erst einmal fertig, Zugaben werden stürmisch gefordert. Vom Stockwerk unter dem Konzertsaal dröhnt schon die parallel stattfindende EBM/Elektro-Disko. Da muss man doch was machen, sagen sich DISMEMBER und zocken noch das Titelstück der "Hate Campaign"-Scheibe und 'In Death's Sleep' vom ersten Album. Göttlich. Nacken weg. Danach verrennt der Abend im Flug. DISMEMBER entern samt dem restlichen Tourtross die K17-Elektro-Disko "Schwarzer Donnerstag", trinken. Bassist Johan tanzt angetrunken sogar noch zu NINE INCH NAILS ab - verdammt cool und nett, diese Schweden. So voll Metal, dass sie zwei Tage später SOUL DEMISE an ihrem letzten Tourtag im sächsischen Annaberg in ein Feinschmecker-Restaurant einladen. Und unheimlich trinkfest sind DISMEMBER noch dazu...

Redakteur:
Henri Kramer

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