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Deicide - Berlin

04.02.2007 | 16:13

30.01.2007, Kato

Die Frage, wie sich der personifizierte Antichrist dieses Jahr am Mikro bewegt, wird an jenem Dienstagabend im Berliner Kato-Club nicht beantwortet. Denn Glen Benton, seines Zeichens selbsternannter Höllenfürst auf Erden und Frontmann bei DEICIDE, ist nicht zugegen, als seine Band zu spielen beginnt. Warum dies so ist, wird nicht geklärt. Dem Vernehmen nach soll Mr. Benton aber Probleme mit der amerikanischen Justiz haben. Doch die Death-Metal-Community ist groß, jede Band kennt viele andere Bands. Und so haben DEICIDE für den Berlin-Gig - gleichzeitig der letzte Tourtag ihrer Konzertreise - einen würdigen Ersatzmann gefunden. Der "Glückliche" hört auf den Künstlernamen Garbaty und ist sonst das Fronttier der polnischen DISSENTER. Er macht seine Sache definitiv gut und sieht optisch auch ein wenig wie der originale Mr. Benton aus. Auch die Fans stört die fehlende Präsenz des eigentlichen DEICIDE-Brüllhalses nicht - sie wollen Party machen und die alten Klassiker hören. Die Band bedient diesen Wunsch nach Kräften. 'Once Upon The Cross' leitet den Reigen ein. Schnell wird klar: Die Kult-Combo ist auch 2007 noch eine echte Bereicherung für die Death-Metal-Szene. Dies liegt vor allem an den beiden begnadeten Gitarristen Ralph Santolla (Ex-ICED EARTH) und Jack Owen (Ex-CANNIBAL CORPSE). Santolla hat sich in dem unglaublich brutalen Sound von DEICIDE vor allem auf die Frickelstellen spezialisiert, die er in Berlin mit echter Wonne und unglaublicher Spiellust zelebriert. In manchen Augenblicken scheint es gar, als winde er sich um seine Gitarre. Und dann wieder tritt er an den Rand der niedrigen Bühne und zeigt den Fans ganz dicht vor ihren Augen, wie schnell er auf seinen sechs Saiten hin- und hergreifen kann. Eine Offenbarung. Auch Jack Owen scheint recht glücklich bei DEICIDE. Denn hier darf er auch einmal selbst ans Mikro: Ab und an lässt er markerschütternde Keifer ab, die dem düsteren Gegrunze von Garbaty einen druckvollen Kontrast geben. Und ein begnadeter Gitarrist ist der Glatzkopf auch, aber dies dürfte sowieso klar sein. Doch zu Garbaty: Der Typ wirkt auf der Bühne wie der etwa gleichaltrige Bruder von Mr. Benton. Zwar besitzt er nicht ganz dessen krasses Tiefdruck-Stimmvolumen, doch für eine solide Unterlegung der DEICIDE'schen Zerstörungsklangwand reicht es allemal. Außerdem wirkt der polnische Sänger um Längen entspannter als Mr. Benton: Der Spaß an der Tour ist ihm anzusehen, immer wieder feuert er das Publikum an. Dementsprechend euphorisch sind die Reaktionen, egal ob die Band Stücke der aktuellen Platte "Stench Of Redemption" zockt oder sich auf Klassiker der Marke 'They Are The Children Of The Underworld' oder 'Lunatic Of God's Creation' verlässt. Eine rundum runde Sache also.

Wobei an dieser Stelle die Vorband nicht vergessen werden sollte. VISCERAL BLEEDING aus Schweden funktionieren wie DEICIDE als Abrisskommando mit technischem Anspruch. Ihr Auftritt klingt schlicht brutal und ausgefeilt extrem, was den Fans sichtlich gefällt. Zwischendurch kündigt Sänger Martin Pedersen an, dass die andere Vorband PSYCROPTIC an diesem Abend leider ausfallen muss: Deren Gitarrist sei wohl "extremly sick", so dass er krankheitsbedingt eben ausfällt. Und ohne Gitarre kein anspruchsvoller technischer Death-Metal-Grindcore, für den die Australier bekannt sind. Schade. Doch VISCERAL BLEEDING geben alles, damit dieser Verlust für die Berliner ausgeglichen wird - auch und gerade während des DEICIDE-Gigs. Denn wie es sich für den letzten Abend eine Tour gehört, muss noch einmal die Feier-Sau rausgelassen werden. Schon mitten im größten DEICIDE-Rausch rennen die fünf Schweden halbnackt und mit Perücken und Zöpfen geschmückt auf die Bühne und flößen den vier Gottesmördern alkoholische Getränke ein. Außerdem hat einer der VISCERAL BLEEDINGs in seiner Badehose einen Apfel versteckt ... Doch die richtige Show folgt erst, als DEICIDE die Bühne unter vielen Zugaberufen verlassen haben und gerade wiederkommen wollen. Plötzlich stürmen VISCERAL BLEEDING auch auf die Bühne, unter anderem haben sie zwei Tabletts voll kleiner Schnapsgläser mit dabei. Als diese sturzschnell ausgetrunken sind, wirken auch die DEICIDE-Musiker nicht mehr recht nüchtern. Und so dürfen VISCERAL BLEEDING den letzten Song komplett zocken, mit freundlicher Unterstützung von Jack Owen, Ralph Santolla und natürlich Drummer Steve Asheim. Es ist ein schickes Bild, wie der Frontmann der Schweden den Klassiker 'Serpents Of The Light' grunzt: Nur mit Shorts bekleidet und auf seinem kahlen Haupt eine schreiend blonde Perücke, die ihm beim Kopfschütteln ständig verrutscht. Die Fans rasten aus, die angetrunkene Musikermeute auf der Bühne sieht glücklich aus. Zum Ende hat ein sichtlich beschwipster Jack Owen für den fehlenden Kopf von DEICIDE noch eine ganz besondere Ansage: "Diese Weinflasche widme ich Glen Benton." Doch wird er nach so einem Gig noch wirklich vermisst?

Redakteur:
Henri Kramer

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