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Dark Emotions Festival - Leipzig

13.09.2006 | 00:39

08.09.2006, Volkspalast

Eigentlich heißt er mit Künstlernamen Neo-Scope. Doch theoretisch müsste er Goldie heißen. Der Sänger von DOWN BELOW hat nämlich fast goldblondes Haar, als Topfschnitt. Er hat die Ehre, das zum ersten Mal stattfindende Dark Emotions Festival in Leipzig zu eröffnen.
[Henri Kramer]

DOWN BELOW, das sind neben Neo-Scope der Gitarrist Carter, Bassist Convex und Drummer Mr. Mahony. Als sie beginnen, ist es kurz vor 20 Uhr, und der Volkspalast ist noch kaum gefüllt. Nur vereinzelte Anwesende stehen vor der Bühne und warten gespannt. Mit einer Coverversion des FALCO-Songs 'Rock Me Amadeus' versuchen DOWN BELOW, die Stimmung im Saal zu heben. Aber obwohl Goldie in seinem Anzug und mit seinen blonden Haaren im Scheinwerferlicht hell erleuchtet ist und selbst sein Gesang an manchen Stellen dem Turm von Pisa ähnelt, erhält er zum Abschluss freudigen Applaus aus den lockeren Reihen. Hart und rockig ist es. Goldie gibt sich so sexy wie immer und streicht sich gern das ein oder andere Mal durch sein "güldenes Haar". Nicht nur weiblichen Fans wird dabei warm ums Herz. Er selbst kommt scheinbar auch sehr ins Schwitzen und legt nach und nach sein Jackett und später sogar sein Hemd ab. Oberkörperfrei rockt es sich eben noch am besten. Seine Bandkollegen hingegen halten die Temperaturen in ihren dunklen Hosen und passenden weißen Hemden gut aus. Auch das Publikum reißt sich bei Songs wie 'How You Die In Space' nicht die Kleider vom Leib. Die Musik von DOWN BELOW ähnelt zwar Gothic Rock und ist auch recht eingängig, aber eben nicht besonders aufregend. Trotzdem gibt es Zugaberufe, und "jetzt darf auch getanzt werden", wie Goldie anmerkt, denn seiner Meinung nach ist das Publikum jetzt schon super drauf. Zum Abschluss gibt es eine Coverversion von 'A Question Of Time'. Doch die Zeit von DOWN BELOW ist auf der Bühne nun erst einmal vorbei.
[Franziska Böhl]

Nachdem also schon DOWN BELOW gezeigt haben, dass gitarrenlastige Klänge manchmal in Richtung Schlager abdriften können, sind HEILAND an der Reihe, um den finalen Beweis dieser These anzutreten. Doch anders als beim Musikantenstadl - dort regelt das Dirndl - haben HEILAND eine Frau in weißer Unterwäsche und mit silbergrauer Maske mitgebracht. Die Blondine wird von Sänger Martin höchstpersönlich auf das Podest auf der Bühne geleitet. Dort darf sie stehen, sich einigermaßen lasziv bewegen und teilweise echt und teilweise nur Playback singen. Aber so oft ist das Mädchen auch nicht dran. Und bei den krachenden Gitarren von HEILAND geht ihre Stimme sowieso öfter einmal unter. Denn die Band hat zwar durchaus auch typische Gothic-Metal-Elemente in ihren Sound integriert, doch diese werden glücklicherweise häufig durch Industrial-Einflüsse gestählt und schmackhaft abgehärtet. Doch nur am Anfang. Denn irgendwann geraten HEILAND in die Kitschecke. "Ich bin schuld", schluchzt der Frontmann und versucht einen Blick in die Augen in der Maske seiner Partnerin zu erhaschen. Das nächste Lied, 'Dominus und Domina', macht das Verhältnis zwischen den beiden klarer. Ab jetzt heißt es dauerheulen. Ob über die "Tränen dieser Welt", die in einem Refrain besungen werden, oder über 'Sodom und Gomorrha', die laut Heilandtheorie durch schwarzen Regen ganz schön nass gemacht werden. Es sind solche Texte, die HEILAND mit zunehmender Dauer ungenießbarer machen. Als der Sänger dann noch zu einer klavierbegleiteten Ballade ansetzt, ist es ganz aus: Es klingt, als sollten die Zuschauer vor lauter Verzweiflung über seine Stimmkünste gleich mitheulen. Zieht der gute Mann auf der Bühne doch jeden seiner häufig vorkommenden "Ei"-Laute (Beispiele: Abseits, Zeit, bleibt) so laaang, dass sein Refrain mit "Es tut mir Leid" zu einem "Es tut mir Leeeeeiiiiiiiieeeeed" ausleiert. Und fast folgerichtig hört auch die nächste Schnulz-Midtempo-Deutschtext-Goth-Rock-Industrial-Nummer auf den passenden Namen: "Sie wissen nicht, was sie tun..."

Verbesserung auf dem Papier versprechen SECRET DISCOVERY. Denn die Band ist schon seit 1989 aktiv und wird seitdem für ihr melancholisches Gothic-Rock/Metal-Gemisch gerühmt. Und anfangs klingen sie auch noch härter und spielen bei 'Away' solche Melodien, für die sie einst bekannt geworden sind. Doch mit 'Lass mich los' und 'Tanz mit mir' driften SECRET DISCOVERY auch in Gefilde ab, die nur noch als durchSCHLAGERwachsen zu bezeichnen sind. Wenigstens hat Sänger Kai Hoffmann eine ausdrucksstarke Stimme und im Gegensatz zu DOWN BELOW und HEILAND auch den Stil, seine Bühnenshow ruhig und ausdrucksstark zu gestalten, statt affektiert durch die Gegend zu hechten. Unterstützt werden er und seine fünf Kollegen dabei durch eine recht abwechslungsreiche Lichtshow. Und ab und an kommen auch ein paar ältere Semi-Klassiker, etwa 'Down'. Dann ertönt auch der Sound, den man von einer Band wie SECRET DISCOVERY erwartet: hart, melodisch und dadurch dennoch weich. Aber spätestens, wenn Kai Hoffmann wieder anfängt, solche Textzeilen wie "Dein Herz hat kein Gesicht" zu singen, ist die ganze Stimmung wieder im Eimer. Es sollte deutschen Gothic-Metal-Bands verboten werden, mit deutschen Texten zu arbeiten, da können (fast) nur Peinlichkeiten rauskommen. Und so springt auch in Leipzig der Funke nicht über, was wohl auch an der mit zunehmender Dauer immer stärkeren Monotonie liegt, weil SECRET DISCOVERY eben überwiegend im mittelschnellen Bereich spielen und Abwechslung zwischen den Stücken eher wie ein Fremdwort wirkt. Ihr Sound wirkt einfach leicht berechenbar mit der Zeit. Nach 45 Minuten ertönen folgerichtig die ersten "Wääääälllllllle"-Rufe. Und kurz darauf: "Geht nach Hause!" Der SECRET DISCOVERY-Konter auf diese Provokation heißt 'Rebel Yell' von BILLY IDOL. Und das erste Mal bei ihrer Show tanzen auch vor der Bühne richtig viele Zuschauer. Man könnte meinen, dass dies eine prima Gelegenheit wäre, sich achtbar aus der Affäre zu ziehen und unter Jubel die Bühne zu verlassen. Doch den Gefallen tun SECRET DISCOVERY dem Publikum nicht, und so "schenken" sie dem Publikum noch ein goth-rolliges 'Hello Goodbye'. Der Applaus nach dieser ungewünschten Zugabe fällt entsprechend mager aus. Doch genug des Meckerns. Jetzt beginnt - während vor den Toren des Saals mit einer Single-Party bereits die zweite Veranstaltung im Kulturpalast tobt - die Warterei auf WELLE:ERDBALL. Die Minimal-Industrial-Elektronik-Könige lassen sich viel Zeit und verstecken sich hinter einem roten Theatervorhang. Der Aufbau dauert bis kurz nach null Uhr...
[Henri Kramer]

Die Spannung im Saal steigt, dann ertönt plötzlich 'Tanz mit deinem Gefühl', ein bekannter Song von DAS PRÄPARAT, einem Nebenprojekt von WELLE:ERDBALL-Sänger H.O.N.E.Y. Bereits jetzt wird getanzt und gepogt. Mit riesigem Jubel werden die Hauptacts des Abends empfangen. Mit gewohnter Attitüde begrüßt H.O.N.E.Y. die Fans. Anstatt des bekannten Intros "Hallo, hier spricht WELLE:ERDBALL, Symphonie der Zeit. Aus dem Äther schwingt und schwillt sie in die Ewigkeit." wird der Auftritt von WELLE:ERDBALL von einem neuen Song namens 'Graf Krolock' eingeleitet. Als nächstes folgt 'Tanzpalast', das allerdings passend zur Location in "Volkspalast" umbenannt wird. Doch nicht nur der Veranstaltungsort wird von den Minimalhelden gewürdigt, sondern auch der Commodore 64, denn immerhin werden die meisten ihrer Lieder zum größten Teil mit dem C64 produziert. Nun beginnen auch schon die ersten Klänge von 'Wir wollen keine Menschen sein'. Spätestens bei diesem bekannten Lied kocht die Stimmung im Saal. Eine Steigerung scheint kaum möglich. Es folgt eine gute Mischung aus älteren und aktuellen Stücken wie 'Chaos Total', 'Mensch aus Glas', 'Nur tote Frauen sind schön' oder 'Nicht von dieser Welt'. WELLE:ERDBALL scheinen es zu verstehen, die Stimmung die ganze Zeit über sehr weit oben zu halten. Knapp 300 Menschen, die sich versammelt haben, lächeln zufrieden, schwingen ihre Köpfe, tanzen oder pogen. Jeder nach seiner Fasson eben. Zwischendrin gibt es immer wieder kurze Ansagen, so auch vor 'Das Souvenir', in dem etwas zu den Petticoat-Kleidchen gesagt wird. Die Petticoat-Kleidchen, welche die beiden Frauen von WELLE:ERDBALL tragen, werden allerdings beim nächsten Song 'Alpha-Tier', das nur mit einem C64 produziert wurde, hinter einer Leinwand ausgezogen. Doch auch im Publikum lassen ein paar Männer im "Pogokreis" ihre Hüllen fallen, und manche beweisen bei 'Schweben, Fliegen, Fallen' sogar schauspielerisches "Können". Somit wird nicht nur auf der Bühne volle Power gegeben - mit kleinen Umsetzungen der Texte gibt sich zum Teil sogar das Publikum Mühe. Doch was wäre der Song 'Schweben, Fliegen, Fallen' ohne Luftballons? Dieses Mal sind in einem sogar 50 Euro enthalten. Die Jagd auf die Luftballons ist mit dem Ende des Liedes auch beendet. Zum folgenden Song, 'Der Telegraph', gibt es wieder etwas auf der Bühne zu sehen: Die WELLE:ERDBALL-Frauen stellen mit ihren Körpern und Armen drehende Telegraphen dar, zwischendrin singen sie - ob nun Playback oder nicht, spielt für das Publikum keine Rolle. Es folgen Songs wie '23' und 'Hoch die Fahnen'. Danach kommt eine Tonne auf die Bühne, und die meisten wissen, was nun kommt: 'Arbeit adelt!'. Doch bevor das Lied richtig beginnt, kommt von H.O.N.E.Y. erst ein Spezialgruß und Dank an den Hörerclub. Als nächstes fliegen kleine Papierflieger ins Publikum - und auch bei diesem Song jubelt das Publikum bereits vor den ersten erklingenden Tönen dem Lied 'Starfighter' entgegen. Der Tanzstil im Publikum wird nun aggressiver, doch scheinbar sind darauf nicht alle gefasst. Amüsanterweise tanzt auch Goldie von DOWN BELOW mit. Zum Ende folgen weitere bekannte Lieder wie 'Monoton und Minimal', 'Telefonsex' und 'Wo kommen all die Geister her'. WELLE:ERDBALL verabschieden sich zum ersten Mal an diesem Abend, aber die vielen Zugaberufe lassen die Band wohl nicht lange überlegen, und aufgrund eines Geburtstagswunsches wird 'Deine Augen' gespielt. Und da die Band die "Leute nicht so nach Hause gehen lassen" kann, darf sich das Publikum noch einen zweiten Zugabesong auswählen. Da der größte Applaus für 'Es geht voran' anstatt für 'Kontergan' oder 'Berühren' erklingt, gibt es noch diesen Song, und auch Keyboarder ALF gibt mit seinem Instrument noch eine Extraeinlage. Aber dem Publikum reicht es nicht, es will einfach nicht müde werden, und so wird noch 'VW-Käfer' gespielt. Nochmals verabschiedet sich die Band, und auch Sänger H.O.N.E.Y. möchte mit diesem Bild - das Publikum gibt einen extra langen Applaus - einschlafen. Allerdings kann H.O.N.E.Y. nicht als konsequent bezeichnet werden, denn keine Minute später wird noch 'Elektrosmog' gespielt. Der Saal bebt vor Freude. Doch irgendwann einmal gehen auch WELLE:ERDBALL wirklich, und in dem jubelnden Publikum befindet sich immer noch Goldie - völlig durchgetanzt.
[Franziska Böhl]

Redakteur:
Franziska Böhl

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