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Dark Beyond-Festival - Döbeln

07.07.2004 | 03:04

19.06.2004, Gewerbegebiet Mockritz

Es ist zehn Minuten vor acht Uhr. Der Himmel ist wolkig. Die Sonne brennt woanders: In Portugal hat das deutsche Fussball-Team gerade gegen Lettland zu Ende getrauerspielt. Mehrere tausend Kilometer weiter tönt in einem Gewerbegebiet bei Döbeln die Auftakthymne zum "Dark Beyond"-Festival. Eine Musikstück, so hinreißend schlecht mit dem Keyboard eingespielt, dass selbst die Quasi-Niederlage der Nationalmannschaft plötzlich Nebensache wird. Das Ohr will es wissen: Wer macht diesen Klang, wer ist dafür verantwortlich. Trapp, Trapp, lauf, lauf.

Mitten auf einer Wiese gegenüber von einem Autohaus steht ein übermannhoher und mit weißer Plane verkleideter Metallzaun, dahinter steht eine Bühne. Insgesamt wirkt das Festival-Gelände nicht viel großzügiger als der Vierrad-Verkaufs-Tempel samt Parkplatz gegenüber - niedlich. Doch woher kommen diese heulenden Keyboard-Klänge? Die Blicke richten sich ?gen Bühne. Es sind BLASPHEMER aus Chemnitz. Die fünf Jungs haben keine Homepage, dafür aber vier richtig fette Porno-Sonnenbrillen - also die mit dem Goldrand. Nach der Eröffnungs-"Grausamkeit" aus dem Keyboard spielen BLASPHEMER eine Art Black Metal in Gedenken an Bands wie HELLHAMMER, nur eben mit elektrischer Tastenunterstützung. Ihr Sänger mit Gel-Kurzhaar und kurzen Hosen scheint mit seinen Sonnenbrillen-Blicken nach oben und unten etwas zu suchen. Nur was?

(Henri Kramer)

Neben den verwirrten Blicken ins Nichts besitzt er aber noch eine weitere Pose: sich hechelnd auf seinem Knie aufstützend, als hätte er einen Tausendmeterlauf hinter sich. Dabei hat er sich vorher minutenlang nicht bewegt. Die meiste Zeit gleichen er und seine Band einem Wachsfiguren-Kabinett. Standbildern gleich wird nicht ein Haar geschüttelt, keine Mine verzogen, nur Lärm fabriziert, unterbrochen von viel zu lang dauernden Keyboard-Soli. In der goldenen Abendsonne wirkt dieser Auftritt mehr als skuril, wie ein zu Raum und Zeit gewordener elendiglich zäher Kaugummi. Darin gefangen schaut sich gerade mal ein Sechstel der vielleicht dreihundert angereisten Festival-Besucher mit gehörigem Abstand zur Bühne das Musik gewordene Grauen da vorne an. Ungläubig das Geschehen betrachtend wird man das Gefühl nicht los, dass der Fünfer einen an der Waffel hat. Songtitel wie 'Kopfkrieg' oder 'Pure Fucking Sickness' bestärken den Verdacht. Irgendwie verstehen die Fans den Humor von BLASPHEMER nicht. So wird aneinander vorbeigesungen und musiziert. Derweilen sucht der DEATH IN JUNE-T-Shirt tragende Sänger weiter im Himmelblau. Bald ist es jetzt zu spät dafür, denn unheilvoll Dunkelheit kündigt sich tröpfelnd an.

(Wiebke Rost)

Setlist BLASPHEMER:
Infected Blood
Last Dream Of Jesus
Cortex Stimulation
Pure Fucking Sickness
Kopfkrieg
Synther Shinsk
Rache
Bloodstorm

Tja, PERSECUTION klingen da von der Bühne herab schon etwas anders, professioneller. Zwar verfinstert sich vor ihrem Gig erst einmal der Himmel ganz arg und bedrohlich, doch können die Stollberger das Wolkenmeer mit ihrem schwedisch angehauchten Melodic Death Metal locker zerfetzen. Sänger Steffen ist wohl einer der besten Gesangsakrobaten im Sachsenländle - mühelos wechselt er zwischen Grunz- und Kreischparts, schafft dazu aber noch eine klare Stimme, die irgendwo zwischen Simen von ARCTURUS und Vintersorg liegt. Kein Wunder, dass er auch der neue Sänger von ANDRAS ist. Gleichzeitig ist das musikalische Multi-Talent bei PERSECUTION auch für geniale Songs wie 'The Sinner Takes It All' oder 'The Tower Of Barad-Dur' verantwortlich - wo bei BLASPHEMER die Mosher noch lachten, moshen jetzt die Lacher. PERSECUTION spielen sogar ein paar neue Songs. Diese fallen längst nicht so melodisch aus wie die Stücke vom Debüt "Mental Chaos", klingen frickeliger und erreichen fast SADUSsche Sphären. Leider kommt eine neue Scheibe nicht vor Ende 2004. Bis dahin kann der blondgelockte Gitarrist ja noch ein bisschen mit seinem Bart rumspielen - heute hat er zwei kurze Metall-Zöpfe am Kinn...

(Henri Kramer)

...und proben zusammen mit den anderen von PERSECUTION. Dafür hatten sie bisher nämlich noch nicht genug Gelegenheit und so verirrt sich manches mal die Gitarre oder der Bass. Das kann natürlich auch daran liegen, dass hier alle Monitore stumm jegliche Funktion verweigern. Dennoch, auch wenn hier live manchmal noch ein paar Sachen nicht ganz parallel laufen, können sich andere Bands mal auf die Nachsitzbank setzen und von den kompositorischen Fähigkeiten von PERSECUTION nur lernen. Kreativ übersprudelnd, brachial, aggressiv und dennoch wohlklingend - angesichts solcher Qualitäten braucht eigentlich niemand so abgeklärte übercoole Bands wie BLASPHEMER. Denn, was wirkliche Kälte ist, werden uns MORRIGAN beweisen...

(Wiebke Rost)

MAYHEMIC TRUTH waren Kult, ihre Nachfolger MORRIGAN sind es wieder. Zu zweit kommen Beliar und Balor auf die Bühne. Beliar ist in evil schwarz-weiß Schminke getaucht. Balor setzt sich an sein Drum. Beliar hängt die Gitarre um. Es beginnt... Rabenschwarzer Black Metal saugt die anbrechende Dunkelheit an, diese beiden Freaks haben eindeutig zu lang BATHORY von der ersten bis zur fünften Scheibe gehört. Finster, dämonisch, irgendwie erhaben - so könnte man den Auftritt beschreiben. Beliar keift und singt klar, seine Gitarre fest im Griff- und Blickfeld. Dazu nur das Getrommel. Was für ein herrlicher Old School-Sound! Das Publikum spaltet sich - vor der Bühne maximal 30 Mosher, die restlichen 200 bis 300 Leute begucken das Spektakel aus respektabler Entfernung. So sehen sie auch, wie der Bühnennebel nie direkt Belial berührt - der Typ hat echt ?ne Aura. Prädikat für Morrigan: Düster immer, sonnig nimmer...

(Henri Kramer)

Ein Preis für MORRIGAN in der Kategorie "lupenreiner waschechter Black Metal": Corpspaint pur, grimmige Mine und die sich widerlich windende scharlachrote Zunge von Beliar. Wahnsinn, wie diese zwei uralten Randfichten im deutschen Black-Metal-Wald hier ganze Bands an die Wand spielen! Keine Nieten, keine Posen, kein Abschied. Unvermittelt wie sie kamen verschwinden die zwei urwüchsigen dunklen Gestalten wieder in der sprichwörtlichen Versenkung. Viel Aufleben wir man um MORRIGAN wohl nie erleben, dafür immer mal wieder ein geniales Album oder so bewegende Auftritte wie heute. Der letzte Song 'Morrigan', noch aus MAYHEMIC TRUTH-Zeiten, hallt noch lang im verzauberten Ohr nach. Wer nicht gemosht hat, ist inzwischen schon fast gefroren. Kalt und nass - das ist keine gute Vorraussetzung für ein langes und feuchtfröhliches Festival. Und auch der Bühnentechnik bekommt so was gar nicht.

(Wiebke Rost)

Bei SINNERS BLEED passiert es dann. Die Anlage fällt aus. Nicht nur ein bisschen, ab und an müssen ganze Instrumente klangtechnisch dran glauben. Außerdem geht die Klampfe von Saiten-Huscher Lille in die ewigen Gitarren-Jagdgründe - zumindest hat sie einen nicht reparablen Kabelbruch. Deshalb kann er die letzten zwei bis drei Songs gar nicht mehr mitspielen. Doch trotzdem sind die Berliner extrem motiviert: Treffsicherer fabriziert zur Zeit in Deutschland kaum eine andere Band technischen Todesblei auf so hohem Niveau. Diesen fünf Jungs merkt man dazu noch an, dass sie heiß sind und Bock haben zu spielen. Und dies nicht nur auf großen Festivals wie dem "Inferno" in Oslo, sondern eben auch einem Mini-Metal-Picknick wie dem "Dark Beyond". Klar, dass da die Leute gleich zu Dutzenden bei Death Metal-Granaten wie 'Deamons' oder 'Sinners Lust' moshen.

(Henri Kramer)

Naja, in Oslo waren's schon ein paar mehr. Dort haben SINNERS BLEED echt abgesahnt und zudem für Verwirrung gesorgt. Lobpreisend waren die Nachberichte im Internet zu ihrem Gig da oben. Mancher hatte sich ganz besonders viel Mühe gemacht und auch die originale Setlist dazu abgedruckt. "Was ist das nur für ne komische deutsche Art?", wird sich danach der Norweger gefragt haben. Über Deutsch- und Englischkenntnisse verfügt in Norwegen ja jeder, bat Denglisch sey dont no. Schaut selbst, was ich meine! SINNERS BLEED haben herzlich gelacht und grinsen schon wieder. Was soll man auch sonst tun, ob so widriger Umstände. Die Gitarre war eh alt. Sie können froh sein, dass sie nicht noch später aufgetreten sind!

(Wiebke Rost)

Die coole "Rate"-Setlist von SINNERS BLEED

Intro
Womper Tomper
ÄgonieOfSelfVerpeil
Dimens
Luder Gaym
Pihaint Se Fähl
Bautz
Incheck Dit
Norbert Äinschel

ATANATOS haben zu Beginn einen sichtlich schweren Stand gegen SINNERS BLEED. Doch das ändert sich im Verlauf des Sets. Immer mehr Leute kommen nach vorn um ihr Haupthaar mit ordentlich Schwung durch die Luft zu schleudern. Das kommt auch davon, dass heute die ziemlich schwangere Keyboarderin kaum den an sich geilen Thrash-Sound mit ihrem Instrument "veredeln" kann. So bleibt es eine reine "Remember Damals"-Show für alte Thrash-Fanatiker, die Songs hören auf Namen wie 'Eternal Domination' - und das ist dann doch schon ganz schön geil. Gitarrist und Sänger Jan ist nietenbewehrt und agil ohne Ende, x-mal flitzt er über die Bühne. Doch gerade als die Stimmung richtig gut ist - Stromausfall! Ein spontanes Drumsolo rettet die Stimmung, bis die Sicherung wieder eingesetzt ist... Dann geht's auch schon zu Ende: Eine scharfe Version von JUDAS PRIESTs 'Nightcrawler'.

(Henri Kramer)

Setlist ATANATOS:
Left For Deaths Cold Embrace
Eternal Domination
Ripped From My Inner Eyes
Nightfall
Beast Awakening
SODOM
Dreaming Whilst Demons Cut Throat
Imperator
A.T.A.N.A.T.O.S.
Nightcrawler (JUDAS PRIEST)

Die Technikprobleme haben den Zeitplan längst umgeworfen. Es ist kalt. Es ist dunkel. Und endlich kommen PURGATORY. Die Neu-Zonenland-Helden machen nicht lange Zicken, sondern brettern sofort los. Keine Gnade, nichts, so muss blasphemischer Death Metal klingen, wenn er nicht von DEICIDE kommt. Meister 'Spitzbart' René an der Gitarre ist wie gewohnt am Dauer-Moshen, Sänger Sick brüllt die restlichen Verbliebenen vor der Bühne zusammen. Nach drei Songs - Pffffsch... Wieder Strom weg. Wieder warten. Wieder die Sicherung. Langsam nervt es. Doch PURGATORY brettern wieder...

(Henri Kramer)

Souverän! PURGATORY sind keine Schwuchteln! (Daher verbitte ich mir mal den Vergleich mit DEICIDE!). Gelassen meistern sie die Situation, spielen ihr Set bis zu Ende und sorgen dafür, dass das "Dark Beyond" bleibende Eindrücke im Nacken hinterlässt. Da sollte sich unsere deutsche Elf mal ein Beispiel drannehmen: Wissen, was man will, wohin damit und dann Tor. Keine Kompromisse! Aber das sagt sich so schön...

(Wiebke Rost)

Redakteur:
Wiebke Rost

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