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Cryptopsy/Decrepit Birth - Berlin

03.06.2008 | 15:46

30.05.2008, K17

Welche Mengen an Haar-Spülung und Pflegekur werden Éric Langlois und Matt McGachy nach einer Show verbrauchen? Diese Frage stellt sich, wenn die beiden CRYPTOPSY-Musiker zu erleben sind. In Berlin spielen die zwei Langhaarfetischisten mitsamt ihrer Band an jenem 31. Juni, ein paar Stunden vor dem internationalen Kindertag. Und machen klar: Der Geburtstag für ganz junge Leute wird erst später gefeiert. Vorher kommt Grind. Samt Death und Core und ganz vielen technischen Pausen im feuernden Soundgewitter.

Dennoch ist es ein seltsames Konzert für den Schreiberling - als er ankommt, sind nach regulärer Arbeit und einer Bahnpanne schon zwei Bands fertig mit der Instrumentenkunde. GRIND INC. und UNMERCIFUL scheinen aber schon eine gute Vorarbeit geleistet zu haben, die Nacken der rund 300 Fans sind bereits warm. Das hilft den fünf Jungs von DECREPIT BIRTH. Seit ihrem aktuellen Album "Dimishing Between Worlds" stellen sie mehr als einen bloßen Geheimtipp dar. In Berlin zeigen sie, warum das so ist: Wenn Matt Sotelo und Dan Eggers zusammen-gegeneinander Gitarre spielen, glüht das kleine Death-Metal-Herz. Und erinnert sich an solche Bands wie die unvergessenen DEATH oder ihre Nachkommen von NECROPHAGIST bis SINNERS BLEED. Denn die Gitarrenharmonien, die DECREPIT BIRTH verbrechen, klingen einfach zu schön, brennen sich tief in die Seele. 'Reflection Of Emotions' ist so ein Beispiel, an dem sich die gesamte Klasse dieser Band zeigt: Wunderbare Schlagzeugarbeit und filigrane Gitarren lassen Träume fliegen, kaum wahrnehmbar ist das brutale Organ von Frontmann Bill Robinson. Der Typ, der ein wenig wie Paule Speckmann aussieht, kann dennoch Akzente setzen, weil er die Fans anheizt: "Make some noise for yourself, motherfuckers!" Und noch etwas fällt auf: Frappierend ist der Unterschied zwischen den neuen Songs wie 'A Gathering Of Imaginations' und älteren Sachen aus der "... And Time Begins"-Periode, die wesentlich ungeschliffener klingen. Dem Publikum sind solche Feinheiten aber offenbar egal: Die Fans feiern alle Songs. Und haben damit ja auch recht. Die Neuentdeckung des Jahres rockt einfach.

An diesem fulminanten Auftritt müssen sich CRYPTOPSY messen lassen. Sie tun es mit Erfolg. Denn noch immer sind die Kanadier eine der brutalsten Bands dieses Planeten. Gleich der erste Song 'Worship Your Demons' macht das klar. Mit einer unglaublich agilen Bühnenshow starten die Musiker durch, Musik zum Bier-Tee. Vor allem der wie wahnsinnig kreisch-growlende Frontmann Matt McGachy fällt auf, auch weil seine wild umherfliegende Mähne so lang ist. Und immer wieder bewegt er seine Arme im Kreis, fordert die begeisterten Fans zum Circle-Pit - die dem Angebot gern folgen. Schnell kommt die Band so ins Schwitzen, besonders Gitarrist Alex Auburn perlt vor Schweiß, sein Glatzenstirn ist nass. "Make some fucking noise!", schreit McGachy zwischen Klassikern der Zerstörungskunst wie 'Slit Your Guts', 'Carrionshine' und 'Cold Hate, Warm Blood'. Genial kommen auch die zum Teil dreifachen Schreie, wenn McGachy, Auburn und der zweite Gitarrist Chris Donaldson gemeinsam ins Mikro brüllen. Es ist die Hölle. Kurz vor dem Ende folgt noch der fast obligatorische Gruß an die anderen Bands. Und dann wird weiter gehackt, der akustische Wahnsinn in Potenz, zu dem auch Bassist Éric Langlois wie ein Besessener seinen Haare wirbeln lässt. Das einzige Manko bleibt die Zugabe - nur ein Song. Nach mehr als einer Stunde CRYPTOSY-Erdbeben lässt die einsetzende Pausenmusik den Adrenalinpegel schlagartig sinken. Das Grinsen über diesen grandiosen Auftritt aber bleibt - und der Wunsch, Éric Langlois und Matt McGachy nach so einem Auftritt ein Fass voll Haarkur zu schenken, damit sie auch in zehn Jahren noch so schöne Haare haben ...

Setlist:
Worship Your Demons
Crown Of Horns
Abigor
We Bleed
Carrionshine
Adeste Infidelis
Depenestration
Slit Your Guts
Cold Hate, Warm Blood
Silence The Tyrants
Phobophile

Redakteur:
Henri Kramer

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