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Cradle Of Filth - Dresden

20.12.2008 | 09:55

11.12.2008, Reithalle

Das Jahr endet laut und dreckig – das "Filthfest" verjagt den Weihnachtsmann.

2008 neigt sich dem Ende zu – kein Grund, sich nicht die Ohren mit einer Ladung Metal der Spitzenklasse durchpusten zu lassen. Erneut geht der Blick nach Dresden, wo die Crème de la crème der Extrem-Metal-Sektion ihr Zelt aufschlägt. Mit MOONSPELL, GORGOROTH und CRADLE OF FILTH hat sich ein besonders finsteres Triumvirat in der Reithalle angemeldet.

Also ab für den wilden Ritt. Den Anfang machen allerdings ASRAI, die sich fast gänzlich ohne Licht auf der Bühne herumtreiben. Die Halle ist auch noch sehr übersichtlich und wackelt nur vereinzelt mit dem Kopf. Der uninspiriert wirkende Gothic Metal lässt auch keinen Grund erkennen, das frisch gestylte Haupthaar zu schwingen. Einzig Basser Martin kann durch seine Bühnenpräsenz für Hingucker sorgen. So ein Cowboyhut zieht ja eigentlich immer. Sängerin Margriet bemüht sich, Stimmung in den Laden zu bekommen, scheitert aber ein ums andere Mal an dem noch kalten Dresdner Publikum. So sind doch alle froh, als nach 'In Front Of Me' Feierabend ist.

1. Whisper
2. Your Hand So Cold
3. Stay With Me
4. Awaken
5. Delilahs Lie
6. In Front Of Me

Besser machen es da die Griechen von SEPTIC FLESH. Für viele Besucher sind sie schon der heimliche Headliner. Seth Siro Anton wirbelt an seinem Bass herum wie ein junger Derwisch. Die ersten Reihen fressen ihm von Beginn an aus der Hand und hängen an seinen hasserfüllten Lippen.

Die Musik, die ich dem symphonischen Black Metal zuordnen würde, lässt die kalten Glieder auftauen. Die Köpfe wackeln, und die Biere leeren sich auf einmal ganz schnell. Mit ihrem neuen Album "Communion" haben sie die Kritiker wieder überzeugen können, und auch die Fans haben sie bereits nach den ersten Klängen auf ihre Seite gezogen. Was hier weggerotzt wird, ist einfach traumhaft. Sänger Anton kämpft sich den Wolf, um auch die letzten Reihen zum Feiern zu bewegen – mit diesem fetten Sound gar kein Problem. Ob ihnen das die anderen Bands nachmachen können? Einfach wird es nicht.

Wenn es aber jemand schaffen kann, dann die Portugiesen von MOONSPELL. Mit ihrem letzten Album "Night Eternal" haben sie zu alter Stärke zurückgefunden. Ihre diesjährigen Auftritte beim With Full Force und beim M'era Luna waren allesamt große Klasse, daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sie vom Start weg punkten können.

Die ordentlich gefüllte Reithalle verbreitet geile Stimmung, als das Intro 'In Memorian' erklingt und in den ersten Kracher 'Finisterra' übergeht. Doch lange bleibt man gar nicht in der Vergangenheit. Denn die neuen Tracks können vollends überzeugen. So versprüht 'Night Eternal' brutal-düstere Stimmung und schickt den Weihnachtsmann zurück zum Nordpol. Bei 'Moon In Mercury' spielen sogar die Rentiere verrückt - und lassen ihn doch durch den Schornstein der Reithalle purzeln. Das sorgt für mächtig Nebel auf der Bühne. Die Portugiesen schnappen sich den Sack und verteilen mit 'Blood Tells' und 'Opium' leckere Geschenke. Nun aber Schluss mit der guten Laune. 'Vampiria' verbeißt sich in die Ohren der Anwesenden. Der Weihnachtsmann nimmt seine Tierchen (deren Köppe wie bekloppt durch den Raum bangen) und flüchtet. Sänger Fernando kann mit Drückebergern aber nix anfangen und lässt mit 'Alma Mater' und dem Übersong 'Full Moon Madness' den Himmel aufreißen. Schnee fällt auf die Erde und lässt den Weihnachtsmann schwer in Gang kommen – so verabschieden sich die Portugiesen beim begeisterten Publikum und machen sich auf die Suche.

01. In Memorian
02. Finisterra
03. Night Eternal
04. Moon In Mercury
05. Blood Tells
06. Scorpion Flower
07. Opium
08. Vampiria
09. Alma Mater
10. Full Moon Madness

Wo die Norweger von GORGOROTH für ihre Bühnenstatisten suchen mussten, will ich gar nicht wissen. Erneut darf sich der Betrachter nackte Menschen mit schwarzen Hauben auf dem Kopf reinziehen. Lecker ist das nicht. Wieso die Statisten aber ihre Masken kurz vor dem Auftritt noch abnehmen und sich so für alle potentiellen Beziehungen disqualifizieren, ist mir schleierhaft. "Na, meine Tochter, was macht denn dein Freund so?" - "Ach, Mama, er hängt mit einer Kappe auf dem Kopf nackt bei GORGOROTH auf der Bühne." - "Ach, das ist ja fein, meine Tochter."

Wie schon beim diesjährigen Wacken Open Air stößt diese Art der Bühnendeko nicht immer auf Gegenliebe. Die meisten wollen Musik hören – diese haben die Norweger zwar auch anzubieten, aber das pseudoböse Getue lenkt doch zu sehr davon ab. Gaahl, der sich vorher vergnügt den MOONSPELL-Auftritt gab, hat sich die böse Laune übergezogen und spart mit Mimik, wo er nur kann, während seine Mitstreiter um die Wette posen.

Mit 'Procreation Satan' eröffnet ein Werk des 2003er Albums "Twilight Of The Idols" das Set. So richtig raushören kann man jedoch nicht, ob ein Song nun vom aktuellen "Ad Majorem Sathanas Gloriam" stammt (ein Blick auf die Setlist zeigt, dass es jede Menge sind) oder aber vom '97er "Under The Sign Of Hell". Der Sound ist zwar nicht matschig, aber doch weit weg von optimal.

So stampfen Gaahl und King durch das elfteilige Programm und ziehen jede Menge Würstchen durch die Brötchen. Finster, finsterer, GORGOROTH? Auf jeden Fall, denn der Schmachter 'Unchain My Heart!!!' ist wirklich nicht nur was für frisch Verliebte. Nach elf Hassfetzen ist Feierabend – die Hölle öffnet sich wieder und verschluckt die Norweger mitsamt ihrer offenherzigen Statisten. See you on the other side!

01. Procreation Satan
02. Untamed Forces
03. Carving A Giant
04. Incipit Satan
05. Profetenes Åpenbaring
06. Sign Of An Open Eye
07. Wound Upon Wound
08. God Seed (Twilight Of The Idols)
09. Teethgrinding
10. Prosperity And Beauty
11. Unchain My Heart!!!

Seltsamerweise leert sich die Reithalle bereits jetzt. Hallo? Will keiner den Headliner CRADLE OF FILTH sehen, der erst kürzlich nach einigen tristen Jahren eine feine Scheibe veröffentlicht hat? Offenbar ist es wohl einigen schon zu spät. Die Geisterstunde beginnt bald und offensichtlich haben wohl einige Angst, die nächsten Opfer von Gaahl und King zu werden. Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird nackt aufgehängt.

Als dann die Briten um Giftzwerg Dani die Bühne betreten, geht die Luzi (oder Luzifer) aber endlich ab. Mit dem brandneuen 'Shat Out Of Hell' knüppeln sie gleich erbarmungslos den Staub von den Wänden. Die Menge tobt, Dani gleich mal mit. Mit seinen hohen Plateauschuhen gar keine leichte Sache.

Mithilfe einer schicken Video-Show kommt düstere Atmosphäre auf, auch wenn die nicht vorhandene Kommunikation mit der Meute für Unterkühlung sorgt. So rappeln sich die Briten durch ihr Programm, ohne sich großartige Schnitzer zu leisten. Der Sound ist für CRADLE-Verhältnisse prima. Man erkennt jeden Song, leider auch, dass sich viele Übersongs heute nicht auf der Setlist tummeln. So wird die geniale "Midian"-Scheibe gar nicht gewürdigt. Auch das neue Werk "Godspeed On The Devil's Thunder" wird nur selten gestreift. Mit 'Principle Of Evil Made Flesh' und 'Under Huntress Moon' wird tief in die Vergangenheit geschaut. Das gefällt offenbar vielen neuen CRADLE-Fans nicht, und so verlassen sie die Knüppelorgie. Schade, denn so verpassen sie mit 'Cruelty Brought Thee Orchids' einen echten Klassiker, der mir im wahrsten Sinne des Wortes das Fell über die Ohren schlägt.

01. Intro
02. Shat Out Of Hell
03. Gilded Cunt
04. Dusk And Her Embrace
05. The 13th Caesar
06. Nocturnal
07. Twisted Nails
08. Principle Of Evil Made Flesh
09. Honey And Sulphur
10. Under Huntress Moon
11. Outro
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12. Cruelty Brought Thee Orchids

Somit sind fünf Bands geschafft. Das Trommelfell hat es überlebt, wir den folgenden Schneesturm auch. Wer sich noch kurz vor Weihnachten den Nacken verkrüppeln will, sollte unbedingt dem Tross folgen und sich ins Getümmel stürzen. Heiße Ohren garantiert!

Redakteur:
Enrico Ahlig

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