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Colour Haze/Samavayo - Halle

28.01.2007 | 15:05

20.01.2007, Rockstation

Halle-luja, Stoner! "The Halleluja Stoner Night" nannte sich das im Folgenden reüssierte Ereignis, wir waren also Teil einer Motto-Show, die neben den mir bis dato unbekannten SAMAVAYO (was definitiv Nachholbedarf bedeutet) den (Zitat) "Psychedelic Krautrock-Blues" von COLOUR HAZE in die Rockstation befördert hatte.

Die Rockstation zu Halle ist ein schicker und gemütlicher Club, relativ klein und vor allem ziemlich abgelegen, wodurch sich keinerlei Anwohner durch nächtliches Krach-Geschredder im Schlaf oder bei sonstigen nächtlichen Aktivitäten gestört fühlen können. Dieser Umstand spiegelte sich dann auch darin wider, dass die erste Band des Abends, SAMAVAYO, erst um 22.15 Uhr loslegte. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Headliner in der Easy Schorre (Halles größter Rock- und Metalschuppen) schon fast bei den Zugaben angelangt. Aber da gerade COLOUR HAZE dafür bekannt sind, einen Gig auch schon mal spontan um ein paar "Minütchen" zu verlängern, war man hier an der genau richtigen Adresse.

Das Einzige, was störte und uns schlussendlich auch zu einem abrupten Verduften nach dem letzten Song des regulären Sets von COLOUR HAZE bewegte (es gab dann sicherlich noch die ein oder andere Zugabe), war die extrem verqualmte Luft, geschuldet dem Fehlen von Fenstern oder anderen Abzügen, so dass man nach einem mehrstündigen Aufenthalt in dieser sauerstoffarmen Zelle nah am Kollabieren war (trotz regelmäßiger Abstecher nach draußen an die frische Luft).

Der Abend war umschrieben mit COLOUR HAZE vs. SAMAVAYO, was bereits deutlich macht, dass letztere Band nicht gerade als unbedeutende Vorband abgekanzelt wurde. Und die Berliner gingen auch gleich richtig steil. Selbst bezeichnen sie ihr Geschrammel als "Addictive Rock" und ja, man konnte tatsächlich süchtig nach dem teilweise richtig heftig nach vorne peitschenden, groovigen "Heavy-Stoner" werden. Bereits mit dem Opener gelang es SAMAVAYO, sich perfekt in Szene zu setzen - ein druckvolles und donnerndes, durch Mark und Bein gehendes Riff riss die Anwesenden aus ihren Plauschereien und zog die Aufmerksamkeit voll auf die Band. Während sich im Mittelteil des Sets auch ein paar Längen ergaben und nicht ganz so zwingende Songs auf die Hörerschaft losgelassen wurden, hatten es die Stücke zum Anfang und zum Ende voll in sich und schossen mit griffigen Riffs und in einer bebenden Intensität durch die Rockstation. Nach einer reichlichen Stunde war dann Schluss mit dieser sehr coolen Band, und man konnte ein wenig Frischluft schnappen.

Bei COLOUR HAZE ging es dann wie gewohnt ein bisschen abgespaceter zu als bei den gradliniger rockenden SAMAVAYO, was aber nicht bedeuten soll, dass die Truppe um Stefan Koglek nicht auch mal mit druckvollem Geknatter übern Berg geschossen kommt. Trotzdem wirkten SAMAVAYO ein bisschen agiler auf der Bühne als die teilweise recht "verträumt" wirkenden Mannen von COLOUR HAZE. Das ist aber nicht als Kritikpunkt zu verstehen, denn wenn es darum geht, psychedelische Klangwelten zu kreieren, sind COLOUR HAZE ganz groß. Das klappt nicht nur auf Platte, sondern auch live in erstklassiger Manier. Die Klampfen produzieren schrille Tonfolgen, unterlegt von einem dumpfen Grollen und dem markanten Gesang des Stefan Koglek. Man steht einfach nur da und lässt das alles voller Genuss auf sich einprasseln. Auch das noch relativ frische Album "Tempel" fand ausgiebig Berücksichtigung. Mir war da allerdings für anderthalb Stunden Spieldauer insgesamt doch zu viel Gleichförmigkeit vorhanden, es fehlte einfach mal ein Überraschungsmoment. Aber ungeachtet dessen war's auf jeden Fall eine gelungene Show.

Als dann nach anderthalb Stunden der vorerst letzte Song verklungen war, machten wir uns schnurstracks auf den Heimweg und entflogen in die nächtliche Kälte. Welch ein Kontrast zu dem warmen Sound und der stickigen Luft innerhalb der Rockstation ...

Ach und noch was: SAMAVAYO-Sänger Behrang Alavi amüsierte kurz vor Ende des Auftritts mit der Ansage: "Jetzt gibt's noch drei Songs zum Hoppeln." Man stelle sich das einmal bildlich vor, bei Herr- und Frauschaften um die dreißig ...
[Stephan Voigtländer]

Zur Show derer von COLOUR HAZE hat auch Hr. Harz noch ein Wörtchen mitzureden:

Nachdem die Berliner SAMAVAYO nach grandiosem Beginn, schwächerem Zwischenstück und fulminantem Ende die Bühne verlassen, gibt es eine etwa fünfzehn Minuten lange Umbauphase. Alles unaufgeregt. Wie der gesamte Habitus der Psychologen aus Bayern sehr - sagen wir: entspannt - daherquillt. Drei Herren, die schätzungsweise gerade die dritte Dekade betreten haben. Manfred Merwald schwingt gekonnt die Hölzer. Philipp Rasthofer ist ein Basser, wie er im Buche steht. Hier gilt einmal mehr: Der Bass ist der Ruhepol. Der hochaufgeschossene Stefan Koglek ist dann derjenige, der durch seine Präsenz die Bühne, den gesamten Raum einzunehmen versteht. Nicht für sich, hier spricht die Musik. Kein Muckergehabe, keine Allüren und keine Kommentare. Wenn die Personalunion Koglek spricht, dann so leise, dass ich sowieso nichts verstehe. Die Töne flirren, rau strecken sich die punktgenauen Lärmwände, um gleich wieder in sich zusammenzufallen. Das Set ist ausufernd, sehr gut abgemischt, ein Mix aus den bisherigen Alben, welche dem deutschen Psychorock internationale Beachtung beschieden haben. Mein mitanwesender Bruder ist grindcoresk. Dem dauern die Songs manchmal zu lang, vor allem wohl die eher leiseren Passagen. Aber dabei ist es ja gerade mal so überfällig und auch so schwierig, sich mal Zeit zu nehmen. Die Scheißhektik vergessen.

Der Schwerpunkt liegt natürlich auf den Tracks des aktuellen "Tempel". Stilecht und zum guten Ton gehörend wird das alles mit extra entworfenen Bilderfolgen, sich in Wiederholungen wiederfindend, untermalt. Entworfen hat das Ganze Robert Königseder. Passt. Nach meiner anfänglichen Skepsis stelle ich beim Umsehen fest, dass die Bude doch sehr voll ist. Die Hackekids, die noch bei SAMAVAYO die Haare fliegen ließen, finden schwankend nur schwer durch die Enge zurück. Das geht nicht ohne Zehenquetschen ab. Egal, weiß ja, wie das ist. Die etwa 170 direkt Interessierten, welche sich vor der Bühne drängen, lassen schon nach wenigen Tönen ihre Euphorie erkennen. Später freien Lauf. COLOUR HAZE darf sich sogar über eine Art Vortänzer mit langem Kinnbart freuen. Er taucht nach etwa einer Stunde zwischen den Musikern auf. Von der Seite kann man seinen Zustand recht gut beobachten. Ich wette, der hatte Riesenpupillen. Schon recht zeitig ist er mir aufgefallen, da er sich von der ersten Minute an fast verzweifelt in die Haare greift. Es flippen etwa 30 Leute richtig aus. Die Bewegungen nehmen in Richtung Bar immer mehr zu. Nur die ollen Rocker und ihre Mamas stehen in Respektabstand und zischen ihre "Tschechenbierchen". Die überschminkten Mamas bekommen in Zwanzig-Minuten-Abständen Cola-Rum gereicht. Ich werde nie verstehen, warum es einige unter ihnen gibt, die sich nicht direkt mit dem Gesicht zur Bühne wenden. Stoisch schauen sie irgendwo in die Zuschauer. Aber sie sind da und hören wunderbare Musik.

Die Anleihen aus den Siebzigern sind unüberhörbar. Das Element, die Singstimme direkt auf die Gitarrenläufe zu legen - oder andersrum -, bringt Zuckungen in die Masse. Das Set wird mit einem langsamen Schweifen begonnen, ehe das Drumkit so steigernd bearbeitet wird, dass der erste herrlich laute Ausbruch genau die Wirkung hat, die er auch wollte. Die Anwesenden nicken rhythmisch, bewegen die Dröhnköppe. Viele lächeln. Es ist wirklich so: Freunde dieser Musik können das hier stundenlang hören. Ich auch. Wenn da nicht der Rauch wäre, eher wohl Qualm. Als ehemaliger Starkraucher und jetziger Nichtraucher ist die "Luft" hier trotzdem so was von dick, dass ich mich irgendwann so gar nicht mehr auf die Musik konzentrieren kann. Einige Male verlasse ich den Club, um draußen durchzuatmen. Das schmälert meinen Abend schon erheblich. Der COLOUR HAZE-Ansatz bedeutet sich Zeit lassen. Wird hier zelebriert, denn gefühlt geht das hier mindestens drei Stunden. Gut so. Die Zugaben höre ich dann nicht mehr, denn ... Es gibt hier einfach keinen Sauerstoff mehr.

Bemerkenswert an Bands ist, wenn sie auch den Uneingeweihten "nur" per Präsenz überzeugen. Spielend im doppelten Sinne gelingt das den drei Bayern glänzend, mit einer Leichtigkeit, die einem selbst die Ruhe wiederbringt. Man erwischt sich, wie die Gedanken schweifen. Sogar ohne Alk, ich bin heute Fahrer. Ich habe es endlich mal geschafft, die Rockstation zu besuchen. Es gibt ein Häufchen Unentwegter, welche umtriebig die Alternativszene in Sachsen-Anhalt bereichern. Einen ungefähren Eindruck davon erhält man unter http://www.halleluja-stoner.de/ . Der Schwerpunkt also liegt auf Doom und Stoner Rock - doch auch dem gepflegten Death Metal wird hier gefrönt. Ja, die Stimmung und der Abend an sich haben mich überzeugt, so dass von hier aus offiziell eine Empfehlung gegeben wird, das Programm in Halle an der Saale durchzuchecken.

In einem anderen Halle in Westfalen haben grade die Argentinier von unseren Handballern richtig einen drauf bekommen. Aber deren "Projekt Gold" ziehe ich das "Projekt Farbe" vor. Und das bedeutet, COLOUR HAZE hören, bis der Zahn wackelt.
[Mathias Harz]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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