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Burgnächte Rosslau - Rosslau

29.09.2005 | 00:10

23.09.2005, Wasserburg

... frostig auch die restliche Nacht. Am nächsten Tag sehen manche Festivalbesucher etwas lädiert aus, weil sie im Zelt übernachtet haben. Kein Wunder, bietet das Gelände auch nur eine Duschkabine. Das festinstallierte Wasserklo ist inzwischen auch schon überflutet, die zusätzlichen zwei Dixies sind auch nicht das Gelbe vom Ei - da haben die schminkbewußten Besucher ein wenig den "Guten Morgen"-Zonk gezogen. Und die Bands ab 14 Uhr? Erst sind es DRYLAND mit Goth-Rock, der in der Fachpresse als Newcomer-Entdeckung gelobt wird. Und dann? Kaaaaaater-Musik. Frauengesang einer Blondine, Akustik-Klampfe, Bass, Keyboard. Langsam. Nur die Stimme der Frau dominiert. Bandname: PILORI. Resultat: Fortwährender Genuss führt zu dem Drang, mal wieder kräftig schluchzend in ein Taschentuch zu schnauben und anschließend darin schnarchend zusammenzusacken. Langweilig. Grunz. (Henri Kramer)

Sollten es die Äuglein und Öhrchen geschafft haben, wieder zu funktionieren, folgen LAMENT. Die Jungs veröffentlichten zu Beginn des Jahres ihr erstes offizielles Album "Last Dance of Summer". Die Musik wirkt überwiegend melancholisch und vor allem gitarrenorientiert. Trotzdem ist alles viel zu ruhig, die Augen fallen halb wieder zu, das Schlummerland scheint nicht mehr weit. Seltsamerweise füllt sich jedoch der Platz vor der Bühne, wahrscheinlich liegt es am Charme der Jungs oder an der zarten Stimme des Sängers, die allerdings auch kraftvoll und tieffühlend rüberkommen kann. Irgendwie hat sie auch etwas von THE CURE- eben deep, depressed and dark, aber doch in Ordnung. (Franziska Böhl)

Als Alternative zu durchschnittlichen Bühnendarbietungen hält Markus Förster eine "politisch bedenkliche" Lesung im Verlies im Hof der Rosslauer Burg. Doch Pustekuchen, viel zu wenig Sarkasmus ist in seinem Vortrag enthalten, viel zu wenig Schärfe. Ein politisches System, dass sich gerade wieder als herrliche Realsatire aufführt, ist eben kaum zu pointieren - und wenn, dann nicht so butterweich, wie es der noch sehr jung wirkende Förster tut. Tipp: Mehr "Titanic" lesen und weniger stark den Vortragsstil von Oswald Henke kopieren. Draußen sind LAMENT inzwischen fertig; es kommt ein Bursche auf die Bühne und bereitet sich darauf vor, dem Ausdruck Stille eine neue Bedeutung zu geben. (Henri Kramer)

Der junge Mann heißt Boris Benko. Er ist der Sänger von SILENCE. Zusammen mit Primoz Hladnik, dem Keyboard-Klavier-Spieler, gründete er die Band 1992 in Jugoslawien. Normalerweise schreiben sie Filmmusik, etwa zu "Winnie The Pooh" - und wirken damit von der Sache her irgendwie deplatziert auf so einem Trauerweiden-Festival. Doch das Zwei-Mann-Projekt kommt äußerst gut an beim Publikum. Bei der Stimme von Benko auch kein Wunder: Zarte, sanfte Töne wechseln mit starkem, kraftvollem Gesang, der so wunderbar von dem Klavier unterstrichen wird, dass es pure Entspannung für die Sinne darstellt. Feeling and Emotions werden bei SILENCE wohl ganz groß geschrieben. Very Nice! (Franziska Böhl)

Und noch eine "Außenseiterband" betritt an diesem Nachmittag die Bühne. Die DARK SUNS als neben DISILLUSION zweiterfolgreichste Metal-Band Leipzigs machen gar keinen Hehl daraus, dass sie hier vor dem falschen Publikum spielen. "Wir hoffen, ihr habt mit uns hier Spaß oder auch nicht, wie ihr wollt", bereitet der singende Drummer Nico Knappe die Zuschauer vor. Doch die trauen sich nicht so recht, in die aufziehende Soundwand aus progressiv-melancholischen Gitarren, einem orchestralen Keyboard und lautem Schlagzeuggetrommel hinein zu tauchen. So ist der Platz vor der Bühne erst nur von Fotografen übersät, mit der Zeit kommen noch ein paar normale Fans dazu. Die DARK SUNS stört das wenig, sie schwelgen mit sichtlich beseelten Mienen in ihren Kompositionen und verlassen sich besonders auf ihr jüngstes Werk "Existence", dass ihnen quer durch Europa Ruhm und Anerkennung einbrachte. Doch in Roßlau können sie trotz Songs wie "You, A Phantom Still" nur wenig reißen - obwohl die tolle klaren Stimme von Mr. Knappe auch live immer besser klingt und sein Grunzorgan als Kontrast ebenso immer brachialer zu werden scheint. Da scheint ihm und den anderen vier Jungs die jüngst absolvierte Tour mit den Prog-Göttern von PAIN OF SALVATION sehr geholfen zu haben – sie sind jetzt spätestens eine wunderbare Liveband. Nur hier auf der falschen Bühne. Da passen THANATEROS schon besser ins Konzept des Festivals. Denn Mittelalter-Metal zieht beim schwarzen Volk eigentlich immer, auch wenn er so durchschnittlich wie eben THANATEROS klingt. Gut, Sänger Ben Richter sieht in seiner fellenen Puschel-Kluft ganz originell aus, die Musik reicht aber kaum an Szene-Standards wie SUBWAY TO SALLY heran. Trotzdem hüpfen mehr Fans als bei den DARK SUNS durch die Luft vor der Bühne. Und ein Besucher vorn recht gibt seinem Kumpel zu verstehen: "Ja, ich will mich hier befriedigen." Die Antwort: "Such' dir eine Mauer." Tut er nicht, sondern schüttelt weiter die Haare. Am Ende des Gigs werden der zu Befriedigende und die anderen Fans mit einer paar Feuerschluckeinlagen verwöhnt, ehe Ben Richter noch mehrer Flammenfontänen in die Höhe schießt. Lässiger Kommentar: "Mein Mund ist trocken." Die einzig wirklich coole Szene einer sonst sehr vorhersehbaren Show. Besser machen es da schon FIELDS OF THE NEPH..., ähhh, NFD. Die Jungs kommen fast alle von der alten Goth-Rock-Kultband uns spielen nun deren Sound, natürlich noch mit ein paar eigenen Ideen zusätzlich. Aber die Richtung ist sonnenklar: Zurück zu den Wurzeln des Szene-Sounds. Spötter könnten dazu sagen: Die alte Leier: "Einen Schritt vor, einen Schritt zurück." Doch NFD sind noch ein bisschen mehr, vor allem ein wenig schneller als die Konkurrenz. Dazu ist Sänger Peter 'Bob' White alles andere als ein Normal-Gruft mit seinem flammend-roten Dreadlock-Iro. Wenig Ansagen konzentrieren den Gig auf die Musik, die dennoch nicht so schnell langweilig wird - völlig ok, gute Ware, wenn auch manchmal ein wenig zu altmodisch. (Henri Kramer)

Die Dunkelheit bricht des zweiten Festivaltag bricht herein und um einer Erkältung zu entgehen, wäre vielleicht eine Paracetamoltablette nicht schlecht. Was passiert, wenn zu viel davon genommen wird, verrät Thomas Sabottka. Er ist Autor der Romane "Play" und "Playback" und hält im Verlies des Burghofes eine Lesung über "(In Rotwein getränkte) Paracetamolträume". Als Intro gibt es ´Endlich schön´ von Alexander von Sprengt zu hören: Ein hässlicher Mensch will vor sich selbst weglaufen, kann aber nicht und so begibt er sich auf die Suche nach den diversen Möglichkeiten endlich schön zu sein. Es folgen Texte, die sich mit Stille, dem perfekten Solo-Erlebnis und natürlich den Paracetamolträumen befassen. Und auch wenn Sabottka recht oft auf seine Blätter sieht und wenig Kontakt zum Publikum hält, die Texte verleiten zum Zuhören - nur leider haben zunächst nur vier Besucher den Weg ins Verlies gefunden und auch zum Ende hin ist der Raum zwar besser gefüllt, aber leider noch weit entfernt vom Prädikat 'voll'. Wahrscheinlich warten die meisten Zuschauer schon auf den bayrischen Dialekt, der gleich von der Bühne dröhnen wird. Es sind CHAMBER, die nun folgen: Willkommen beim kleinen, schwarzen Kammerorchester. Neben Violinen, Gitarren und einem Kontrabass, gibt es eine Cello. Und dazu Gesang, der hauptsächlich von Frontmann Max Testory kommt. Er bringt eine eher tiefere Stimme mit und vertont damit die Texte des aktuellen Albums "Miles Away". Die Bewegungsarmut der Künstler auf der Bühne scheint sich gut den eher ruhigen, aber stimmungsvollen Liedern angepasst zu haben. Mitreißend wirkt es nicht, doch dem Publikum gefällt es trotzdem. Oder will nur keiner gehen um gute Plätze in den vorderen Reihen der folgenden Bands zu haben? Wie auch immer, Höhepunkt bei CHAMBER bildet der letzte Song: Es ist ein Cover des RAMMSTEIN-Stücks 'Engel'. Neben Max singen nun auch Katharina und Elisabeth Kranich, die sonst Cello und Violine spielen - und dann ist Schluss. Nun haben auch die Jungs von den Futterständen einen Grund zur Freude. (Franziska Böhl)

Ja, die Punk-Jungs an der Pilzpfanne jubeln. Endlich die nächste Band überstanden. Die nächste Darbietung wird ihnen da mutmaßlich besser gefallen haben - denn die Schweden von ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO sind die trommelverstärkte Antwort auf Heulsusenmusik. Zwei Leute erscheinen zu Beginn des Gigs auf der Bühne, ihr Blick sagt Langeweile. Cool gehen sie zu ihren aufgebauten Stehdrums und fangen an darauf zu schlagen. Vom Band laufen dazu harte Gitarren und opulente Keyboards, im Hintergrund flimmern auf einer Großleinwand verzerrte Sexvideos und Kriegsbilder. Die Grundmusik ist langsam, die Trommeln dazu schnell gespielt und hypnotisch, sehr rhytmisch eben - und schweineaggressiv, wie der wavige Fast-Sprech-Gesang auch. Eine fantastische Lichtshow rundet denn technisch-kühlen Gig ab. Musik nicht für die Massen, aber für gottlose Seelen und Industrial-Süchtige bestens geeignet. Das bei ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO fast schon vereiste Herz wird erst beim SEELENFUNKEN-Tanz um Mitternacht herum wieder aufgetaut. Vor der Hauptbühne vollführen ein paar Feuerkünstler wiederum eine waghalsige Show - und nutzen als Begeleitmusik IN EXTREMO, SUBWAY TO SALLY und Co. Dann schreibt eine Festivalbesucherin eine Geburtstags-SMS und beendet die Nachricht mit dem Satz: "Jetz kommen Diary *freu*". Tja, die Hauptband des Tages hat ihren Platz im Billing sicher verdient, denn vor der Bühne drängen sich inzwischen alle rund 500 Besucher des Festivals. Die Band von Frontmann Adrian Hates spielt eine Mischung aus Goth und Rock, eben melancholisch, romantische Klänge, wie sie bei regelmäßigen Besuchern des Wave Gotik Treffens so beliebt sind. Auf der Bühne breiten sie ihren Sound recht professionell for ihren Hörern aus, ohne das nun die totale Euphorie aufkommen will - doch auch dies mag an der eher zurückhaltenden Art der Gothics dieser Welt liegen. Oder eben daran, dass DIARY OF DREAMS zwar eine recht bekannte Band sind, aber nun nicht die totalen Überhits in ihrem Programm besitzen. Nach gut einer Stunde ist der Schluss da, letzte Aftershow-Tänze folgen. Schlafen. Oder Frieren. Oder beides. Träumen. Revue passieren lassen. (Henri Kramer)

Besseres Wetter als Bands? Irgendwie scheint das für die von Sonne verwöhnten Burgnächte zu passen. Doch, da das Festival zum ersten Mal stattfindet, ist es in Ordnung, aber trotzdem nicht sonderlich mitreißend. Zu viel Schnarchnasenmusik, selten Höhepunkte und mitreißendere Musik. An hartem Elektro fehlt es fast gänzlich - wobei das wohl kaum zur betont beschaulichen Atmosphäre der Burgnächte passt. Hingegen kann sich über die Preise für das leckere Essen und die Getränke nicht beschwert werden. Nachts ist es auch nicht zu laut um im kalten Zelt einschlafen zu können, außer die Temperaturen lassen die Zähne klappern vom vielen Zittern. Nur eins wirkt besonders abschreckend: Die Dusche. Eine einzige ist doch zu wenig, aber vielleicht soll nur vermieden werden, dass am Folgetag noch jemand, der gezeltet hat, gut aussieht - so als Erkennungszeichen und Abgrenzungsmerkmal. (Franziska Böhl)

Letzte Anmerkungen vom metallischen Tellerrand: Ja, auch Gruftis können bei einem Festival Spaß haben. Doch die Begeisterungsfähigkeit ist dennoch nicht so ausgeprägt, dass bei den Burgnächten das totale Partyfeeling aufkommen will - da sind die Damen und Herren der Wave- und Gotik-Szene dann doch ein wenig zu cool. Ansonsten kann aber auch Homo Metalicus seinen Spaß haben - und sei es wegen der vielen hübschen weiblichen Fans. Oder wegen der fairen Preise für alkoholische Produkte des Festivalbedarfs. Oder wegen NOCTULUS - dessen Platz am Ende eher einer kleinen Müllkippe gleicht. Vielleicht hat das Black Metal-Raumschiff eine Bruchlandung auf seinem Kopf hingelegt? (Henri Kramer)

Redakteur:
Henri Kramer

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