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Anvil - Würzburg

10.09.2007 | 14:28

01.09.2007, B-Hof

ANVIL sind nicht totzukriegen - und das ist auch gut so! Die Kanadier um Sänger, Gitarrist und Bandkopf Lips (alias Steve Kudlow) haben wieder einmal einen kurzen Abstecher nach good old Germany gemacht. Das einzige Deutschlandkonzert der Band in Würzburg lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Auch ein neues Album namens "This Is Thirteen" hat die zum Trio geschrumpfte Band im Gepäck, und im Schlepptau nicht weniger als vier Supportbands beim Auftritt im kleinen, aber feinen B-Hof in Würzburg. Schätzungsweise 150 bis 180 Zuschauer erleben an diesem Samstag einen ausgesprochen gelungenen Konzertabend. Bühne frei!

Als ich im B-Hof eintreffe, zocken bereits die Belgier SOLENOID, die Opener-Band des Abends. Die letzten zwei Songs ihres Sets bekomme ich noch zu hören. Musikalisch bewegt man sich im Fahrwasser des Normal-Metals mit einigen rock-'n'-rolligen Versatzstücken. Die Band erhält Anstandsapplaus von leider nur etwa vierzig Bangern, die sich vor der kleinen Bühne tummeln. Der Rest tummelt sich vor dem Gebäude und dürfte sich biertechnisch für den ANVIL-Auftritt vorbereiten.

Bei CRIMSON STEEL versammeln sich schon einige Zuschauer mehr. Anders als der Name erahnen lässt, spielt die Band keinen epischen Metal, sondern reinen Old-School-Thrash-Metal. Ziemlich ungestüm, aber leider nicht immer gekonnt holzt sich die Band durch einfach strukturierte Thrasher im Highspeed-Tempo. Spielfehler und diverse Timing-Probleme (vorwiegend zwischen Gitarre und Schlagzeug) inklusive. Nichtsdestotrotz machen Abrissbirnen wie 'Protector Of Thrash', 'Steel Blood Slaughter' oder die Groovewalze 'Toxic Warhead' durchaus Spaß. Cool ist die Sirenenstimme von Sänger Gerrit P. Lutz (jaja, die Pseudonymfraktion!), der recht hohe Screams ins Mikro schreit. Mit zunehmender Spieldauer des Sets klingen CRIMSON STEEL allerdings eher langweilig. Daher: ab in den Proberaum. Das Zusammenspiel sollte in Zukunft timing-sicherer klingen.

Aufgrund eines Backstage-Interviews mit Lips von ANVIL verpasse ich leider die ersten beiden Songs der polnischen Band CRYSTAL VIPER. Doch das, was mir zu Ohren kommt, als ich wieder vor der Bühne stehe, versetzt mich in Verzückung. CRYSTAL VIPER spielen feinen klassischen Metal, der sich soundmäßig irgendwo zwischen RUNNING WILD und alten WARLOCK on Speed bewegt. Die Gitarrenharmonien, die die Gitarristen Andy Wave und Pete Raven (Live-Sessiongitarrist) auf dem Griffbrett zaubern, klingen wirklich fein und erinnern manchmal auch an IRON MAIDEN. Die Lieder klingen treibend, kraftvoll und bieten recht viel Abwechslung. Aushängeschild von CRYSTAL VIPER ist die zierliche Sängerin namens Leather Wych (alias Marta Gabriel), die eine große, kraftvolle Metal-Stimme besitzt, die sowohl an Doro Pesch als auch an die Sängerin der kanadischen Underground-Metalband BLACK KNIGHT erinnert. Mit Hingabe und Stil intoniert die kleine Lady schnörkellose, treibende Metalsongs, die keinen Old-School-Fan kalt lassen.

Recht früh in ihrem Set überrascht die Band mit einer MANILLA ROAD-Coverversion. Es ist 'Flaming Metal System', das von Marta gekonnt und originell umgesetzt wird. Die Publikumsreaktionen sind beachtlich. Die Polen geben unter anderem das schmissige 'Night Prowler' sowie das deftig nach vorn preschende 'City Of The Damned' zum Besten. Bei 'Island Of The Silver Skull' erhält Marta spontan Unterstützung von einem Fan, der den Refrain in das Mikro shoutet. Spielerisch ist der Auftritt der Polen hervorragend. Marta ist sichtlich überrascht in Anbetracht des sehr enthusiastischen und aufgeheizten Publikums. Mit 'Anvil Of Doom' gibt es sogar einen neuen Titel zu hören, der auf dem kommenden Studioalbum erscheinen wird.

Während des Auftritts der Polen schleicht sich der Rezensent kurz zum Merchandise-Stand, in der Hoffnung, noch eine der neuen ANVIL-CDs abgreifen zu können (die die Band nun im Eigenvertrieb unter das Volk bringt). Doch Pustekuchen! Vor meinen Augen kauft ein Fan die letzten zwei Exemplare. Zähneknirsch! Aber es gibt doch noch einen Grund, sich zu freuen: Denn nach zahlreichen CRYSTAL VIPER-Rufen aus dem Publikum spielt die Band sogar noch eine Zugabe. Das schnelle 'The Last Axeman' (das übrigens dem früheren OMEN-Sänger J.D. Kimball - R.I.P. - gewidmet ist) sorgt noch einmal für hammermäßige Stimmung. CRYSTAL VIPER sind eine Band, deren Namen sich qualitätsbewusste Metaller, die auf klassischen, rauen Metal abfahren, unbedingt merken sollten. Das Debütalbum "The Curse Of Crystal Viper" rotiert bei meiner Wenigkeit jedenfalls seit dem 02.09.2007 fleißig in meinem CD-Spieler. Mit dem Sound der Band könnt ihr euch hier vertraut machen.

Was nun folgt, werte ich als fast noch größere Überraschung. PORTRAIT aus Schweden klingen, als ob man das Rad der Zeit zurückgedreht hätte. Das Quintett ist eine nahezu perfekte Reinkarnation der frühen MERCYFUL FATE anno 1983/1984. Das fängt an beim Gitarrensound oder den Arrangements der Lieder und endet bei Sänger Phillip Svennefelt, der King Diamond stimmlich ebenfalls ähnelt, besonders in mittelhohen Tonlagen. Wer PORTRAIT als Rip-off titulieren würde, würde der Band jedoch Unrecht tun. Denn einzelne Passagen werden nicht geklaut, die Schweden haben vielmehr den Sound der Dänen perfekt verinnerlicht. Außerdem: Wo gibt es denn noch Bands, die imstande sind, den Sound von MERCYFUL FATE authentisch umzusetzen?

Das Quintett kredenzt uns schmackhafte Eigengewächse der Marke 'Black Hole Of Doom', 'Welcome To My Funeral' oder 'Into The Nothingness'. Und instrumental macht PORTRAIT auch niemand etwas vor. Sehr stark! Die Schweden kommen wie zuvor schon CRYSTAL VIPER prima beim Publikum an und können noch euphorischere Reaktionen erzeugen. Nachher gibt es ordentlich Applaus für die Band und viele "Portrait! Portrait!"-Rufe. Alle Headbanger, die eine Eintrittskarte für das KEEP IT TRUE-Festival am 03.11.2007 in Dittigheim haben (das Festival ist bekanntlich schon lange ausverkauft), können sich auf eine verdammt gute Liveband freuen, die richtig Spaß macht! Es wird Zeit, dass die Band endlich ein vollständiges Studioalbum aufnimmt. Derweil können sich Metal-Gourmets an einigen Klangproben erfreuen.

Infolge einiger etwas verzögerter Soundchecks hat sich die Spielzeit von ANVIL um schlappe zwanzig Minuten verkürzt. Ursprünglich sollten die Kanadier bereits ab 22.00 Uhr auf die Bretter. ANVIL, die seit kurzem als Trio unterwegs sind (der zweite Gitarrist Ivan Hurd verließ die Band vor einigen Monaten), starten mit dem wuchtigen 'March Of The Crabs' in ihren Set. Die Stimmung steigt schlagartig, und vor der kleinen Bühne ist ordentlich was los. Der nachfolgende Titeltrack der neuen Scheibe, das schleppende 'This Is Thirteen', wirkt nach dem turbulenten 'March Of The Crabs' doch etwas schwerfällig. Mit dem kultigen, schnellen '666' und der verdammt starken Rock-'n'-Roll-Nummer 'School Love' brechen dann alle Dämme: Weite Teile des Publikums moshen entfesselt mit und brüllen nahezu jede Liedzeile heraus. Allerorts wird die Luftgitarre herausgekramt. Man sieht Lips an, dass er die tollen Publikumsreaktionen genießt. Der mittlerweile 51-Jährige bearbeitet seine etwas abgetakelt aussehende Flying-V-Gitarre mit Herzblut, er post und schneidet Grimassen. Leider ist sein Gesang etwas leise abgemischt, aber der Sound insgesamt ist kraftvoll. Bassist Glenn Five haut fett in seine Fünfsaitige und liefert eine druckvolle Rhythmusgrundlage für die Lips-typischen, wilden Gitarrensoli. Einen zweiten Gitarristen vermisst man allenfalls bei sehr wenigen Songs.

'Jackhammer' knarzt gehörig durch das Gebälk und hält den Stimmungspegel auf konstant hohem Level. Die Frage, ob denn auch ein Song vom neuen Album "This Is Thirteen" okay sei, wird vom Publikum etwas verhaltener beantwortet. 'Flying High' ist eine ANVIL-typische Rock-'n'-Roll-Nummer, die allerdings mittelprächtig klingt. Anschließend darf Schlagzeug-Tier Robb Reiner bei 'White Rhino' sein Schlagzeug-Set standesgemäß bearbeiten. Während bei anderen Bands das Schlagzeugsolo oft stinklangweilig daherkommt, so ist das, was Robb Reiner hier mit seinen Sticks zaubert, ein echtes Brikett.

Lips zeigt Entertainer-Qualitäten und kommt prima beim Publikum an. Er ermutigt die Fans, per E-Mail mit ihm und der Band in Kontakt zu treten. Starallüren? Nicht bei ANVIL. Beim schnellen 'Winged Assassins' und dem epischen Klassiker 'Forged In Fire' ist Gänsehaut angesagt. ANVIL zelebrieren das mächtige 'Forged In Fire' geradezu. Zweifellos einer der ganz großen Klassiker des Heavy Metals. Mit dem gutklassigen 'American Refugee' (neuer Titel) und dem frenetisch mitgesungenen 'Metal On Metal' verabschieden sich ANVIL zunächst. Im Zugabenteil wird dann aber noch einmal amtlich gebrettert: 'Motormount' ist nichts anderes als ein wuchtiger Presslufthammer, der für wildes Headbangen und gnadenlos geile Stimmung im Publikum sorgt. 'Mothra' wird in einer sehr langen Version gezockt. Lips spielt ausgefallene, coole Soli. Er hebt seine Gitarre in die Höhe und singt in den Tonabnehmer seiner Sechssaitigen hinein. Nach dem tollen Soloteil verabschieden sich ANVIL nach etwa 95 Minuten mit ordentlichem Rumms an Schlagzeug, Bass und Gitarre. Der Applaus währt recht lange. ANVIL haben ihn sich redlich verdient. Ein klasse Konzertereignis!

Setlist:
March Of The Crabs
This Is Thirteen
666
School Love
Jackhammer
Flying Blind
Winged Assassins
Heat Sink
Computer Drone
Race Against Time
White Rhino
Forged In Fire
American Refugee
Metal On Metal
---
Motormount
Mothra

Ein prima Billing und live fast ausnahmslos sehr überzeugende Bands machten diesen Konzertabend zu einem wirklich besonderen Event. Mehr Metal geht nicht! Neben ANVIL waren insbesondere CRYSTAL VIPER und PORTRAIT sehr beeindruckend. Bei einem Eintrittspreis von zwölf Euro im Vorverkauf und fünfzehn Euro an der Abendkasse war dieser Abend mehr als lohnend. Wenn hier das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht stimmen sollte, wo denn dann? An dieser Stelle ein Lob an die Organisatoren. You rule!

Für die Fotos geht ein Dankeschön an Frank Hirnschal.

Redakteur:
Martin Loga

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