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Anathema - Köln

28.05.2012 | 12:06

24.04.2012, Bürgerhaus Stollwerck

Atemberaubend, atemberaubender, ANATHEMA.

Mein geschätzter Kollege Holger Andrae hielt vor zwei Jahren fest, dass man von einem ANATHEMA-Konzert, ganz egal, unter welchen persönlichen Voraussetzungen man es besucht, nicht enttäuscht werden kann. Ich als riesiger Fan der Briten und zudem auch Liebhaber der letzten, sehr positiv gestimmten Platten wollte diese These nur zu gerne mal wieder auf die Probe stellen.

Allerdings beginnt AMPLIFIER den Abend als erste und einzige Vorband (letzteres halte ich im Übrigen für äußerst lobenswert). Und ich muss gestehen, dass meine bisherigen Erfahrungen mit dieser Truppe nicht die besten waren. Die Platten haben mich auch noch mehrfachem Reinhören nicht gereizt und als Vorband von DREDG vor ziemlich genau einem Jahr fand ich die vier Herren mehr als fad und anstrengend. Doch heute Abend kann AMPLIFIER einiges gut machen. Zwar sind sie 15 Minuten früher als geplant auf den Brettern des Bürgerhaus Stollwerck (weshalb die Location zu diesem Zeitpunkt eher spärlich gefüllt ist), aber das macht der Band selber scheinbar wenig aus. Die ganze Mannschaft ist in schwarz gekleidet (stilsicher mit Oktopus-Krawatte versteht sich) und wirkt trotz dieser Uniformierung wie ein ziemlich wilder Haufen; jeder hat seine ganze eigene Art, Musik zu leben. Das sieht chaotisch und interessant zugleich aus, passt darüber hinaus aber auch bestens zur Musik AMPLIFIERs. Diese kommt in erster Linie spacig-groovend mit einem wunderbar transparenten, aber auch dringend so benötigten Sound aus den Boxen. Aber dennoch: Melodien, Harmonien, Rhythmen – eigentlich alles ist schwer zu greifen. Und doch wirkt die Musik oftmals leicht verdaulich, fast schon oberflächlich; ich bin mir allerdings auch darüber im Klaren, dass die tiefe Ebene erkämpft werden will – und das geht sicher nicht beim direkten Live-Konsum. In anderen Momenten ist die Musik eher stoisch dröhnend und stur im Rhythmus verharrend. In wieder anderen glaubt man, dass man soeben eine Vorstellung von der Größe des Universums erlangt hat, nur um wenig später festzustellen, dass es doch bloß das Wissen darum ist, dass das Kölsch nach wie vor 2,50€ kostet. In jedem Fall ist AMPLIFIER heute eines: nicht gewöhnlich. Und das meine ich dieses Mal – im Gegensatz zu letztem Jahr – durch und durch positiv. Das sieht der Rest des Publikums genau so, welches zum Ende des Auftritts hin richtig warm wird, so dass die Briten mit einem sehr warmen Applaus und sogar Zugabe-Rufen verabschiedet werden. Chapeu, meine Herren! Überraschung gelungen!

Dass ANATHEMA mich positiv überraschen können, das ist nahezu ausgeschlossen. Mich hat die Band erst 2010 über das Jahr verteilt gleich dreimal dermaßen verzaubert, dass ich retrospektiv wohl nichts anderes als die umgangssprachliche "eins plus mit Sternchen" vergeben kann. Von daher bin ich vor Beginn eher skeptisch, fast schon angespannt, ob die Jungs und das Mädel dieses Level auch bloß ansatzweise erreichen werden. Aber nachdem es nach einer verhältnismäßig langen Umbaupause (Soundprobleme?) endlich los geht, muss ich feststellen: Anspannung ist so ziemlich das allerletzte, was ein ANATHEMA-Konzert mit sich bringt. Und das sehen wohl alle Besucher des mittlerweile prall gefüllten Saals zu, welche die Band zu den Klängen von PINK FLOYDs 'A New Machine' auf der Bühne herzlich willkommen heißen. Eröffnet wird mit 'Untouchable (Part 1&2)', was sehr gut repräsentiert, wofür ANATHEMA anno 2012 steht: verträumte, leicht entrückte, dabei allerdings stets wohlig melancholische Klänge, die einen nicht mit dem Vorschlaghammer treffen, sondern sich beständig unter die Haut legen, bis der gesamte Körper und Geist davon ergriffen ist und man gar nicht anders kann, als sich in diesem Gefühl fallen zu lassen.

Nachdem mit 'Thin Air' und 'Dreaming Light' auch das stilistisch tendenziell ähnliche Vorgängeralbum bedacht wird, vollzieht die Band eine kleine Zeitreise mit uns. Stehen bleiben wir vor einem Album mit violett-weißem Artwork: "Judgement". Ist der Unterschied zu den aktuellen Sachen bei 'Deep' vielleicht noch nicht ganz so riesig, ist dies bei 'Emotional Winter' umso mehr der Fall. Die Studioversion überinterpretierend spielt sich die Band in einen klagenden, wahnhaft wirren Rausch, der gar nicht mehr enden will. Das kann man entweder anstrengend oder mitreißend finden; ich zähle mich zu letzterer Sorte. Einzig die Tatsache, dass drei Songs dieser Phase angekündigt, aber nur zwei gespielt werden, finde nicht nur ich etwas eigenartig. Sei's drum, ich freue mich, dass sie überhaupt bedacht werden.

Die führenden Personen auf der Bühne sind natürlich wie immer Vincent Cavanagh, dessen Stimme wohl zu den gefühlvollsten, mitreißendsten und mittlerweile auch punktgenauesten dieses Planeten gehört, sowie Daniel Cavanagh, der wie eh und je als "Bandkopf" posiert, das Publikum animiert und mit seinen feinen Gitarrrenleads für die das i-Tüpfelchen in diesen wunderbaren Klangwelten sorgt. Aber vor allem Lee Douglas ist einfach bewundernswert. Diese Frau ist die Personifikation des Sprichworts "Stille Wasser sind tief".; zurückgenommen, beinahe schüchtern steht sie abseits der Bühne, wartet brav auf ihre Einsätze und haut dann alles raus, was eine weibliche Stimme zu leisten im Stande ist. In kürzeren Pausen während eines Songs geht sie sanft zur Musik mit, stellt sich aber auch dabei total in den Hintergrund und wirkt extrem introvertiert – nur um einem im nächsten Moment wieder das Herz zu zerreißen. Gesteigert wird dies eigentlich nur noch, wenn gleichzeitig der Gesang von Vincent ertönt. Diese Symbiose zweier dermaßen zerbrechlicher, aber doch so kraftvoller Stimmen hat einen synergetischen Effekt, von dem man in der Physik wohl sonst nur träumen kann. Zum in-die-Knie-gehen.

An diesem Abend macht es zudem kaum einen Unterschied, ob ANATHEMA gerade 'Panic', rasant und eingängig, 'The Lost Child', gespenstisch und kaum greifbar, oder 'A Simple Mistake', ausufernd mit Licht-am-Ende-des-Tunnels-Attitüde, zelebriert – jeder Song ist ein absoluter Volltreffer. Ein Fakt, der einem ob der wahnsinnig tollen Diskographie der Briten nicht verwundern muss, aber durchaus immer wieder kann. Großartig.

Nachdem die Band von Seiten der Verantwortlichen mehr oder weniger sanft vermittelt bekommt, dass jeden Moment Feierabend sein muss, ist es Zeit, die letzten Hits rauszuhauen: 'Closer', 'A Natural Disaster', 'Flying' und natürlich 'Fragile Dreams' sind die letzten Songs (über dessen Qualität man wohl keine Worte mehr verlieren muss) des Konzerts, welches nach ziemlich genau zwei Stunden vorbei ist.

Und letztlich sollte Holger natürlich Recht behalten: Es ist vollkommen egal, unter welchen persönlichen Voraussetzungen man ein ANATHEMA-Konzert besucht; man verlässt die Location niemals enttäuscht, sondern verzaubert und ein wenig weggetreten, ob der vielen Emotionen schwebend oder schlichtweg begeistert; möglicherweise auch alles zusammen. Hoffen wir, dass dies noch viele, viele Jahre so bleibt.

Setlist: Untouchable Part 1, Untouchable Part 2, Lightning Song, Thin Air, Dreaming Light, Deep, Emotional Winter, A Simple Mistake, The Storm Before The Calm, The Beginning And The End, Universal, Panic, The Lost Child, Internal Landscapes, Closer, A Natural Disaster, Flying, Fragile Dreams

Redakteur:
Oliver Paßgang

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