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Anathema - Bochum

04.12.2001 | 13:16

02.12.2001, Zeche

Bis zum Einlass war mir nicht bekannt, wer denn nun den Supportpart für ANATHEMA auf dieser Tour bekommen hatte. Da stand dann ein handgeschriebener Zettel, dass man sich auf die BLOODFLOWERZ freuen dürfte. Na dann.
Als um 20.00 Uhr die Band die Bühne betrat, dachte ich es käme eine College-Rock-Band auf die Bretter. Vier kurzhaarige, smart aussehende Burschen schnappten sich ihre Instrumente und rockten los. Nach ein paar Takten kam dann Frontgöre Kirsten auf die Bühne gelatscht, um den Sound der Band zu komplettieren. Düsterer Rock, der in erster Linie von Kirstens Stimme lebt bzw. leben soll, denn leider ging die Gute zu Beginn im Sound doch etwas unter und war deutlich zu leise abgemischt. Vielleicht lag es daran, dass mich die Songs nicht wirklich überzeugen konnten. Aber auch der nicht wirklich innovative Düstersound, der mich an SECRET DISCOVERY in ihrer "A Question Of Time"-Phase erinnerte, war jetzt irgendwie Besonders. Mit zunehmender Spielzeit kam Kirstens Stimme immer besser zur Geltung und die Songs wie das demnächst als Single erscheinende "Diabolic Angel" oder das balladeske "Tears Of The Night" hatten bessere Strukturen und waren deutlich eigenständiger als das zu Beginn gespielte Material. Auch die Reaktionen aus dem Publikum nahmen mit Dauer der Spielzeit (immerhin 50 Min.) zu und es gab nach der anfänglichen Zurückhaltung doch noch einen sehr ordentlichen Höflichkeitsapplaus. Insgesamt ein guter Auftritt für einen Newcomer, auch wenn am Stageacting zwar noch etwas gearbeitet werden darf. Aber zumindest Kirsten und Basser Jojo (wem dessen Gesicht bekannt vorkam, dürfte bei IN EXTREMO gewesen sein, als diese MCF als Vorband hatten ;-)) wirkten äußerst sympathisch, auch wenn die Ansagen von Kirsten manchmal etwas arg schleimig rüberkamen ("es hält sich das Gerücht die Zeche sei der beste Club in D"; später als es kaum Applaus gab: "Das Gerücht bestätigt sich") Aber das sind Kleinigkeiten, an denen man gut arbeiten kann; hab da schon deutlich peinlichere Sachen erlebt. Das Debüt-Album erscheint im nächsten Februar und man sollte dann die Augen und Ohren offen halten. Mehr über die Band erfahrt ihr auf http://www.bloodflowerz.de .

Nach einer halbstündigen Umbaupause kamen dann endlich die lang ersehnten Headliner auf die Bühne und stiegen mit "Pressure" vom aktuellen Meisterwerk "A Fine Day To Exit" ein. Schon hier war klar, dass ANATHEMA nicht die großen Entertainer sind. Les Smith spielt seine Key-Parts im Hintergrund ohne viel Schnörkel. Bassist George Roberts hat als Vorbild für seine Live-Performance wohl Ian Hill von JUDAS PRIEST, zumindest würde er mit einem Bierdeckel als Bühne völlig auskommen. Kann natürlich daran gelegen haben, dass er große Probleme mit seinem Verstärker hatte, der vor der Show den Geist aufgab (meine Begleitung meinte nur: "riecht hier komisch verschmort". Gute Nase!) und man noch bei Showbeginn fieberhaft an ihm rumwerkelte. Auch Schlagzeuger John Douglas kommt ohne große Show-Einlagen aus und spielt seine Parts präzise und sorgt für den nötigen Soundteppich. Nur die Brüder Cavanagh kommunizieren wenigstens – mehr oder weniger – ansatzweise mit der Crowd. Bei Danny beschränkt sich das auf ein paar Mal mit den Armen rudern, um die Meute anzuheizen, während Frontmann Vincent mit sympathischen Ansagen und einem ordentlichen Zug aus der Beck's-Flasche den deutlich besten Eindruck hinterlässt.
Aber was bei einer Band wie ANATHEMA zählt, ist deutlich die Musik. Es war wohl klar, dass sich die Band auf die letzten drei Werke konzentrieren würde und so wunderte es nicht, dass es nach dem genannten Opener mit vier Songs von "Judgement" weiterging ehe mit "Empty" endlich der erste Track von dem wundervollen "Alternative 4" Werk gespielt wurde. Dabei bestach vor allem Danny mit wundervollen Soli bei nahezu allen Songs, während Vince ständig zwischen E- und Akustik-Gitarre wechselte. Die etwa 750 Anwesenden in der gut gefüllten Zeche sahen es ähnlich wie ich und feierten die Band gut ab. Viele Köpfe wackelten freudig hin und her (wieder mal herausragend eine langhaarige Blondine neben mir... ;-)) , einige Träumten vor sich hin (ich! :-)), andere hatten die ein oder andere Träne im Auge bei den Melancholie versprühenden Kompositionen der Engländer. So soll es sein.
Auffällig war, dass die Setlist sehr "Judgement"-lastig war. Insgesamt acht Songs wurden vom 99er-Album gespielt, während es lediglich vier vom aktuellen Longplayer und nur zwei (zwei!) vom genialen "Alternative 4"-Werk in die Setlist schafften. Dabei gab es von DEM Band-Klassiker "Fragile Dreams" eine semi-akustische Version zu hören, die mit dem Original nicht mehr allzu viel zu tun hatte. Schade eigentlich. Die Frühwerke wurden lediglich gestreift, so gab es vom "Eternity"-Werk nur "Angelica" zu hören und "The Silent Enigma" wurde mit "Nocturnal Emission" und im Zugabepart noch mit "A Dying Wish" gewürdigt.
Überhaupt war der Zugabeteil etwas anders als bei anderen Bands. "One Last Goodbye" wurde Merch-Mann Bob gewidmet, ehe das genannte "A Dying Wish" erklang. Das Instrumental "2000 & Gone" artete in eine spontane Jam-Session aus und wurde von Vince sogar mit Vocals versehen. Das ganze versprühte eine ungeheure Lagerfeuer-Atmo, die verstärkt wurde als Vince und Danny sich zusammen hinsetzten und auf ihren Klampfen zockten. Den endgültigen Abschluss gab dann eine Coverversion von PINK FLOYD (wem sonst?), denen mit "Is There Anybody Out There?" vom genialen "The Wall"-Werk Tribut gezollt wurde. Damit hatten die Briten ihre Arbeit dann auch fast zwei Stunden lang getan und sogar die übliche Dead-Line in der Zeche (23 Uhr) um eine glatte Viertelstunde überzogen. Aber es war ja leise ;-).

Fazit: Die BLOODFLOWERZ machten nach holprigem Start einen hoffnungsvollen Eindruck und man darf auf das Debüt-Album gespannt sein.
ANATHEMA laden zu einem zweistündigen Traumtrip ein, auf den man sich aber auch einlassen muss, sonst kann man es auch ganz schrecklich langweilig finden. Ich fand es sehr schön, auch wenn ich mir auf der Setlist noch ein paar Songs von "Alternative 4" (z.B. "Regret", "Re-Connect" oder "Inner Silence") gewünscht hätte. Sei es drum. Wenn ANATHEMA wieder in meiner Gegend spielen, bin ich wieder da.



Setlist ANATHEMA

Pressure
Deep
Pitiless
Forgotten Hopes
Destiny Is Dead
Empty
Looking Outside Inside
Make It Right
Fragile Dreams
Angelica
Nocturnal Emission
A Fine Day To Exit
Temporary Peace
Judgement
-
One Last Goodbye
A Dying Wish
2000 & gone
Is There Anybody Out There?

Redakteur:
Peter Kubaschk

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