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Amphi Festival 2015 - Köln

29.09.2015 | 19:04

25.07.2015, Lanxess Arena

Für alle Freunde der düster-elektronischen Musik ein unbedingtes Muss.

Das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite und ich nutze die Zeit, um ein bisschen den nun geöffneten Markt zu besuchen. Kleidung und Schmuck in Hülle und Fülle. Doch viel Zeit bleibt nicht, bis ich hinunter in die Arena gehen muss.

SITD

SITD spielt heute als erste Band. Viele Besucher haben sich um diese Zeit schon hier in der Halle eingefunden und ich stelle mich ein wenig abseits an den Rand, um die Show sehen zu können und den Tag gemütlich beginnen zu lassen. Langsam wiege ich mich zu den sanften Klängen elektronischer Musik. Eine kurze Unterbrechung gibt es, als Chris von AGONOIZE die Bühne betritt. Er darf nun ein Liedchen mit trällern. Aber ausgerechnet 'Snuff Machinery'? Na gut. Ich schließe die Augen, versuche seine Stimme, die etwas zu sehr brüllt, zu ignorieren, und genieße den Club-Hit schlechthin. Mit mir feiern Tausende zu früher Stunde die deutsche Musik-Combo, die erst Ende der 90er die Bühne der schwarz-elektronischen Szene betrat. Obwohl die Band in den letzten Jahren bei keiner dunklen Tanzparty fehlen darf, spielt sie recht selten auf Festivals und gibt auch nur sehr sporadisch Konzerte. Umso mehr müssen wir die Gelegenheit hier und jetzt nutzen. Das Aufwärmprogramm ist leider zu schnell zu Ende, aber es hat meine müden Knochen auf den folgenden Act super vorbereitet.

PATENBRIGADE:WOLFF

Jetzt wird es sehr, sehr elektronisch. Ich gehe in den hinteren Teil der Halle, um genug Platz zum Tanzen zu haben. So habe ich auch einen freien Blick auf die Bühne, die sich mittlerweile in eine Mischung aus einem gut sortierten Chemikalienbedarfsladen und einer Baustelle verwandelt hat. Alle haben orangefarbene Baukleidung an, es sind Warnschilder angebracht, Absperrbänder und andere Gerätschaften liegen ebenfalls bereit. Mit Sicherheit eines der kreativen Highlights des heutigen Tages. Wer keinen Humor hat, sollte nun die Halle verlassen. Tonaufnahmen von Telefongesprächen werden eingespielt und mit Pieps-Tönen untermalt. 'Feind hört mit' ist ein energiegeladener Song, der zum Tanzen zwingt. Ich sehe keinen, der still steht. Auf der Bühne tummeln sich eine Menge Menschen: zwei Praktikanten, die immer wieder Bauschilder hochhalten, das Publikum animieren oder auf Begrenzungspfosten Gitarre spielen. Sängerin und Sänger, Keyboarder, Bauarbeiter und und und. Ich habe den Überblick verloren. Alle wuseln herum, jedoch scheint jeder zu wissen, was er wo, wann und wie tun muss. 'Die Brücke' ist noch tanzwürdiger und der Bass ist so unglaublich gut und dröhnend, dass ich mich flach auf den Boden lege und das "Boom, Boom, Boom" durch meinen Körper fließen lasse. Wow, das fühlt sich grandios an. Unbedingt nachmachen. Bei 'Freunde der Technik' kann ich allerdings nicht mehr ruhig liegen bleiben und wende mich wieder dem Tanzen zu. Während 'Gefahrstoffe' richte ich als Laborant doch mal meine volle Aufmerksamkeit auf die Bühne. Netterweise werden da, noch nach alter Gefahrstoffverordnung, die Gefahrstoffe samt Bildchen erklärt. Das macht Spaß und ist der perfekte Start in den Tag. Bei 'Der Brigadier trinkt Bier' gibt es natürlich Biertrinkspiele mit dem Publikum. Durch ein Plastikrohr, das wie eine Zementrutsche aussieht, wird vom Schauplatz des Geschehens Bier ins Publikum geleitet, welches dankbar getrunken wird. Die Stimmung in der Halle ist ausgelassen und spaßig.

DAS ICH

Der Übergang zur nächsten Band gestaltet sich deshalb nicht ganz so einfach. Neben GOETHES ERBEN gibt es noch eine zweite Band, die meine Gothic-Jugend nachhaltig geprägt hat und auch noch heute einen großen Platz in meinem Leben einnimmt: DAS ICH. Es ist nicht verwunderlich, dass nicht nur für mich persönlich diese beiden Künstler-Projekte zusammen gehören. Ende der 80er haben sich die Mitglieder der beiden Bands in ihrer jeweiligen Gründungsphase bereits kennengelernt. Da es anfangs noch sehr minimalistisch, nihilistisch, lyrisch und theaterhaft bei beiden Ensembles zuging, wurden sie in der Szene unter dem Begriff "Neue Deutsche Todeskunst" subsumiert. Nicht die schlechteste Bezeichnung, wenn man sich die Texte mal näher anhört. Später entwickelten sich beide mehr in den musikalischen Bereich, GOETHES ERBEN wurden klassischer und DAS ICH elektronischer. So ist auch die heute hier vertretene, bunt gemischte Menge zu erklären. Eine Hälfte freut sich auf vertonte Gedichte á la Nietzsche und die andere Hälfte wartet auf EBM-lastige Rhythmen zum Tanzen. Ich hingegen freue mich auf einfach alles. Und Niemand wird heute enttäuscht. Los geht es mit 'Kannibale', einem recht elektronischen Stück mit gruseligem Text. Tanzen mag ich hier nicht hinten in der Halle, sondern das möchte ich mir gerne ganz weit vorne anschauen. Trotz der furchterregenden Erscheinung von Bruno und Stefan versprühen die beiden einen Charme und eine Höflichkeit, von der so manche Menschen noch eine Menge lernen könnten. Die Ansagen sind sympathisch, nie zu lang, und immer aus tiefstem Herzen. So bemerkt Stefan, dass die Bühne für ihn ja viel zu groß sei und er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage sei, die gesamte Länge der Bühne zu nutzen. Liebevollerweise rücken die beiden Keyboarder daraufhin in die Bühnenmitte und schon ist es etwas weniger leer. Wenn man bedenkt, dass vor gerade mal vier Jahren nicht feststand, ob Stefan jemals wieder eine Bühne betreten könnte, ist dieses, so wie jedes Konzert, ein kleines Wunder. Wir sind alle mehr als dankbar. Wie schon weiter oben in meinem Artikel angekündigt, gibt es hier heute eine kleine Live-Überraschung eines bekannten Liedes. Es trifft 'Kain und Abel'. Ein eigentlich kaum mit Musik hinterlegter, psychedelischer und äußerst düsterer Song. Doch live, hier und heute, wird das Kunstwerk etwas aufgelockert. Melodische Klänge werden behutsam an den gewaltigen Text geheftet. Dadurch wird das Lied greifbarer und ein wenig milder. Das verträumteste Lied hingegen dürfte 'Das dunkle Land' sein, das für die sonstigen Verhältnisse extrem melodisch und romantisch-zerrissen daher kommt. 'Gottes Tod' ist ebenfalls verändert, wenn auch nur leicht. Mit geschlossenen Augen singe ich den Text mit und fühle mich an längst vergangene Zeiten erinnert. Dann, Stille auf der Bühne: "Welchen Song wollt ihr denn noch hören? Einen hätten wir noch." Als keiner was sagt, gibt es spontan 'Probier's mal mit Gemütlichkeit'. Das ist mal was Neues. Macht Spaß und gute Laune, aber was fehlt bisher wirklich? Was will jeder hören? Was läuft auf jeder schwarzen Party? Genau: 'Das Destillat'. Nach einigen kleinen Seitenhieben ob der Unkreativität des Publikums, fängt die Zugabe an. Die Menschen in meiner Umgebung tanzen, singen und lassen sich von der euphorischen Stimmung dahintreiben. Wie schade, dass dieses Erlebnis danach zu Ende ist.

COMBICHRIST

Über und über tätowiert und mit einem Lächeln, das norwegische Gletscher zum Schmelzen bringt, betritt Ole die Bühne und mit ihm COMBICHRIST. Die nordische EBM-Aggrotech-Elektro-Combo mit Death Metal- und Rock-Einflüssen ist immer ein Garant für extrem spaßige und charismatische Unterhaltung der Extraklasse. Jeder kann mittanzen und mitsingen und 'Maggots To The Party' ist einer der besten Party-Songs überhaupt. Aber heute mag die Stimmung nicht so ganz richtig aufkommen. Ich für meinen Teil finde, dass die Menge zu groß ist, da ich immer das Gefühl hatte, dass zumindest Ole mehr Spaß an einem kleinen Publikum hat, mit dem er so richtig interagieren kann. In der riesigen Halle ist doch alles etwas anonymer. Und statt in der zweiten Reihe stehe ich heute mal in Reihe 200. Keine Chance, den wirklich beeindruckenden Sänger aus der Nähe anzuschmachten. Das verschiebe ich auf nächste Woche, wenn COMBICHRIST auf dem Wacken Open Air spielt. Das Set ist sehr gemischt. Aus allen Ecken seiner musikalischen Karriere würfelt der Sänger Lieder zusammen. Auch wenn der Künstler meist versucht, grimmig zu schauen, so macht er den Versuch normalerweise ziemlich schnell mit einem Lächeln wieder zunichte. Aber das kann ich heute von meinem Standpunkt aus nicht beurteilen. So konzentriere ich mich aufs Schreiben und aufs Tanzen. Mit dem eher metallischen Lied 'Throat Full Of Glass' können die meisten Festival-Besucher nichts anfangen und so finde ich die Stimmung eher etwas verhalten. Ich glaube, dass alle auf 'This Is My Rifle' warten. Das ist der berühmteste Elektro-Club-Hit der Truppe. Aber den gibt es heute nicht. Stattdessen gibt es 'Get Your Body Beat'. Na ja, das ist genauso elektronisch und wird genauso in den Clubs gespielt. Die Menge ist zufrieden und marschiert wieder im EBM-Style durch die Halle. Ich freue mich aber schon auf nächste Woche, wenn ich COMBICHRIST in kleiner Runde bestaunen kann.

OOMPH!

Auf großen Bühnen dagegen zu Hause ist der nun folgende Act: OOMPH!. Äußerst gut gelaunt und fröhlich spielen die Braunschweiger los. Die Bühne ist mit sieben Leuten ganz schön voll und die Erklärung erfolgt dazu auch recht schnell: Hier gibt es keine Sample und nichts ist künstlich eingespielt. Alles ist live und handgemacht. Das finde ich sehr lobenswert und tanze zu den Liedern, die ich so kenne. 'Das weiße Licht' und 'Der neue Gott' machen live unglaublich viel mehr Spaß als in der Disco. Dann wird versucht, der elektro begeisterten Menge eine "Wall Of Death" zu erklären. Das hört sich ungefähr so an: "Wenn ich bis Vier gezählt habe, rennt ihr wie wild gewordene Stiere aufeinander zu. Aber wie liebe Stiere. Wenn ihr in der Mitte angekommen seid, umarmt ihr euch brüderlich". Ja, so macht das Mille (KREATOR) auch immer auf der Bühne. Es funktioniert hier nur halb. Die Menge teilt sich nämlich nicht und stattdessen umarmen sich die Meisten einfach. Das ist auch in Ordnung, denn die Hauptsache ist, dass alle Spaß haben. Und der wird bei OOMPH! heute Abend garantiert. Alle tanzen und springen vor der Bühne auf und ab und ich habe Angst aus der Halle zu gehen und wegen Überfüllung nicht wieder rein zu kommen. Also bleibe ich an Ort und Stelle stehen und genieße die Show und den exzellenten Sound.

VNV NATION

Langsam aber sicher nähern wir uns dem großen Headliner: VNV Nation. Ich durfte auf dem E-Tropolis Festival früher im Jahr 2015 schon in den Genuss der irisch-englischen Combo kommen und war damals höchst erfreut. Heute habe ich ähnliche Erwartungen. Ein großes Festival mit großartigen Bands neigt sich dem Ende zu. Und auch wenn der Sturm Vieles durcheinander gebracht hat und mit Sicherheit auch einige Menschen sehr enttäuscht sind, so ist das Festival im Großen und Ganzen eine wundervolle Erfahrung und ich freue mich auf das Jahr 2016. Aber bevor ich zu weit in die Zukunft abschweife, lebe ich noch einmal im Hier und Jetzt. Jubel und Applaus branden auf und die ersten Töne von 'Space & Time' erklingen. Die Halle ist zum Bersten voll. Kein Mensch steht noch still und mit leichten Tränen in den Augen erlebe ich die emotionsgeladene Stimmung. Leider kann mein Mann heute nicht dabei sein, da er ein paar hundert Kilometer weiter nördlich das Headbangers Open Air genießt. Aber in Gedanken bin ich bei ihm.

Ronan ist immer ein Garant für lustige Ansagen und er enttäuscht auch heute nicht. "So sieht also ein DEPECHE MODE-Konzert von der Bühne aus." Über seinen Witz kriegt er sich dann einige Zeit nicht mehr ein. Es ist einfach perfekt. Die Lichtshow, die unglaubliche Menschenmenge, die Liederauswahl, Ronans Gesang, die passenden Worte zwischen den Liedern und so vieles mehr. Ein krönender Abschluss. Selbst beim nachträglichen Berichtschreiben habe ich Gänsehaut. Als 'Illusion' startet, fließen die Tränen in Strömen. Genau wie ich denken nun alle hier im Saal an ihre lieben Mitmenschen. In ein paar Minuten ziehen all die schönen Momente an einem vorbei. "Everyone: Please don't go". Die Menschen singen. Es ist unbeschreiblich. Natürlich darf auch 'Control' nicht fehlen, das irgendwie heute Abend aus dem Rahmen fällt und eine kurze Unterbrechung des sehr emotionalen Sets darstellt. Als 'Nova' und danach als letztes Lied 'Perpetual' gespielt werden, kann ich nur noch wie angewurzelt stehen bleiben und leise vor mich hin mitsingen.
Ich gehe am liebsten, wenn es am Schönsten ist, um die Erinnerungen so lange wie möglich behalten zu können und deshalb gehe ich gelöst, beschwingt und unendlich glücklich noch während 'Perpetual' hinaus aus der Arena und fahre nach Hause.

Redakteur:
Yvonne Heines

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