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Amorphis - Helsinki

06.10.2006 | 07:04

16.09.2006, Nosturi

Kleine Sünden werden sofort bestraft, das ist die Wahrheit. Der Beweis: meine Freundin und ich denken uns, dass die Vorband von AMORPHIS, 45 DEGREE WOMAN, bestimmt eh nichts tauge und gehen lieber essen. Und siehe da, nicht nur werden wir mit horrenden Preisen wie sechs Euro pro Cider abgezockt, das Schlimmste wartet auf uns, als wir endlich im Nosturi eintreffen und doch noch drei Lieder der Vorband hören. 45 DEGREE WOMAN erweisen sich nämlich als richtig gut. Die Songs haben allesamt echten Drive, und der Sänger beeindruckt mit seiner ausgewöhnlich kraftvollen und melodischen Stimme. Die Lieder selbst sind rockig und mit einigen Elektro-Klängen gemischt. Irgendwie erinnert die Band stark an die neueren Sachen von PARADISE LOST.

Doch wie gesagt, nach drei Stücken, darunter auch sie Single 'My Child', verlassen die Herren die Bühne, und die Umbaupause beginnt. Da es das letzte AMOPRHIS-Konzert ihrer Tour ist, sind Leute aus dem ganzen Land und auch teilweise aus dem Ausland angereist. Die Halle ist ausverkauft und man kann sich eigentlich nur an Leuten vorbeischieben, wenn man zur Bar oder auf die Toilette möchte. Keine besonders relaxte Atmosphäre also, aber was nimmt man nicht alles in Kauf, um eine seiner Lieblingsbands nochmals live erleben zu dürfen. Leider bekommt meiner Freundin das Essen nicht so gut, und sie fühlt sich echt elend, hält aber tapfer durch. Trotzdem bleibe ich natürlich bei ihr - daher gibt es auch keine Fotos vom Konzert, ich bitte, es zu verzeihen.

Die Umbaupause dauert ziemlich genau 30 Minuten, dann beginnt das Intro und wird sofort mit den Schreien der Fans übertönt. Die Bandmitglieder kommen nach und nach auf die Bühne und lassen sich feiern. Zu Recht, denn über den Sommer hin haben AMORPHIS bewiesen, dass sie durchaus zu den besten Live-Acts Finnlands gezählt werden können und nun endlich auch zu alter Qualität vollständig zurückgefunden haben. Ein Hauptgrund dafür ist mit Sicherheit der neue Sänger Tomi Joutsen, der mit seiner Ausnahmestimme alten als auch neuen Liedern besonderes Leben einhaucht. Seine Stimme variiert sicher zwischen düsterem Growlen und den melodischeren Parts. Auch optisch ist Tomi mehr als faszinierend, seine bis zum Hintern reichenden Dreads schüttelt der Finne mal auf und ab, mal dreht er sie wie ein Propeller. Die Fans lassen sich gerne animieren, und Tomi dankt es ihnen mit einer Performance erster Klasse. Aber auch die anderen Bandmitglieder stehen ihrem neuen Frontmann in nichts nach: Besonders die Gitarristen und Songwriter Esa Holopainen sowie Tomi Koivusari haben sichtlich Spaß, ihre Kompositionen live zu präsentieren.

Die Setlist bildet einen gekonnten Schnitt durch die Karriere der Kalevala-Rocker und befriedigt sowohl alte als auch neue Fans. Nur das Album "Far From The Sun" wird irgendwie vergessen, aber ich glaube, dies wird allgemein eher begrüßt als verflucht. Klassiker wie 'My Kantele' und 'Alone' sorgen für Ganzkörpergänsehaut, während 'The Castaway' und 'Against Widows' zum Headbangen anregen. Das aktuelle Album "Eclipse" bildet natürlich einen zentralen Ankerpunkt uns so werden neben den Singles 'Under A Soil And Black Stone' und 'The Smoke' durchaus auch andere Songs wie zum Beispiel 'Born From Fire' zum Besten gegeben. Die erste Singleauskopplung des Albums, das herrlich ohrwürmige 'House Of Sleep', darf natürlich ebenfalls nicht fehlen und kommt auch prompt zur Zugabe. Die Menge rastet noch einmal völlig aus, und dann heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Die Finnen sind sichtlich gerührt von der Hingabe, die ihnen entgegengebracht wird und bedanken sich mehrmals, bevor sie nach einem tollen Konzert endgültig die Bühne verlassen. Die Fans drängen zum Ausgang mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil man durchaus noch beflügelt von der Performance ist, weinend, weil die Tour von AMORPHIS nun ein Ende gefunden hat. Ein grandioses Ende wohl, aber dennoch ein Ende. Gut, man kann es dem Sechser wirklich nicht verübeln, dass sie nach solch einer Monstertour auch mal wieder alle Viere von sich strecken wollen, und an das neue Album wird ja auch schon gedacht. Dennoch bin ich glaube ich nicht der einzige selbstsüchtige Mensch, der sich wünscht, dass die Pause vielleicht doch durch den ein oder anderen Live-Auftritt versüßt werden wird.

Redakteur:
Ricarda Schwoebel

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