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ANNIHILATOR - Köln

21.10.2010 | 15:31

12.10.2010, Luxor

Nach sage und schreibe dreizehn Studioalben machen die Kanadier ANNIHILATOR auch wieder in Deutschland Halt und stellen einen mehr als großartigen Auftritt auf die Beine. Sie kamen, sie sahen und sie siegten.

Wenn wir mal ehrlich sind, gibt es nach einem längeren Arbeits- bzw. Unitag nichts Schöneres, als im Anschluss gemütlich mit Gleichgesinnten bei ein, zwei Bierchen die Seele baumeln zu lassen. Oder besser gesagt: die Sau rauszulassen. Und bei wem könnte man das am besten tun, als bei einer der besten Live-Bands auf diesem Planeten, ANNIHILATOR.

Warum im Vorfeld die Location gewechselt wurde (vom Kölner Stollwerk ging es ins Luxor), erschließt sich mir nicht im Geringsten. Das Luxor am Bahnhof Köln-Süd entpuppt sich als äußerst gemütliche Rockbar. Bei einer maximalen Kapazität von 500 Menschen ist klar, dass es einmal mehr möglich ist, die Band um Mastermind und Grinsekatze Jeff Waters ganz nah zu sein. Speziell diese Fannähe und Bodenständigkeit ist in Anbetracht des hohen Status und Ansehens der Band mehr als beachtlich.

Doch bevor sich diese Gelegenheit bietet, stürmt der erste Support-Act ADIMIRON aus Italien gegen 20.20 Uhr auf die Bretter. Diese können jedoch mit ihrem eintönig, wenig variablen Death Metal verhältnismäßig wenige Menschen vor die Bühne locken. Die überlangen, meist kaum voneinander zu unterscheidenden Songs bestätigen diesen bescheidenen Eindruck. Der Großteil der Meute widmet sich aus diesem Grund derweil dem Fernseher, der über dem Merchandise-Stand das wenig prickelnde Spiel Deutschland gegen Kasachstan ausstrahlt. Fast mit dem Abpfiff verlassen die italienischen Deather die Bühne und machen die Bahn frei für den Umbau.

Danach betreten die recht jungen Hardcore-Thrasher SWORN AMONGST aus dem Vereinten Königreich die Bühne, die sich bereits eine Vielzahl der Besucher erspielen. Ihre Songs, überwiegend im Midtempo angesiedelt, kommen im kleinen Luxor richtig gut an und rufen während der 45-minütigen Spielzeit viele nickende Köpfe und positiv überraschte Gesichter hervor. Speziell die letzten beiden Uptempo-Kracher, 'Rules Of Engagement' und der Titeltrack der neuen, insgesamt dritten Platte "Severance", können voll und ganz überzeugen. Von den Engländern wird man zukünftig noch einiges hören, so viel ist schon mal sicher.

Gegen kurz nach zehn ist es dann endlich so weit: Mit 'Ambush', dem Opener des neuen Albums, entern ANNIHILATOR die Bühne und starten mehr als rasant. Mit den folgenden 'Clown Parade' und 'Plasma Zombies' zeigen Dave Padden samt Mannschaft, wo der Frosch die Locken hat, und überzeugen darüber hinaus mit einem sehr guten drückenden Sound und einem noch besser aufgelegten Jeff Waters, der in jeder Minute demonstriert, wie viele Grimassen er doch hervorzaubern kann.

Bei dem brachialen 'King Of The Kill' kommt ein Zuschauer auf die Bühne, der die zweite Strophe recht ordentlich in das Mikro brüllt, was sogar Herrn Waters beeindruckt. Man merkt der kompletten Mannschaft stets die enorme Spielfreude und Motivation an. Oft animiert sie die Menge, lautstark mitzusingen, was diese auch spätestens bei dem äußerst schnellen 'Ultra-Motion’ beherzigt. Die Stimmung im Laden ist ausgelassen, und die Freude, ANNIHILATOR endlich wieder auf der Bühne zu sehen, ist in jedem Moment allgegenwärtig.

Danach folgen mit 'Set The World On Fire' und 'W.T.Y.D.' (Welcome To Your Death), was spaßeshalber und spontan in der ersten Reihe in "Welcome To Your Jeff" leicht abgeändert wird, weitere Klassiker des Backkataloges.

Jeff Waters ist sich auch nicht zu schade für Interaktion und Konversation mit dem Publikum. Und so plaudert er aus dem Nähkästchen u. a. über die verschiedenen Aussprachen des Bandnamens in früheren Tagen und bedankt sich mehrmals bei seinen Die-hard-Fans, auf die der Vierer jederzeit zählen konnte.

Oft kommt er in den Zuschauerbereich und lässt sich während seiner Soli mit den Zuschauern ablichten, was denen mindestens genauso viel Freude bereitet wie ihm selbst. Dave Padden, der zum Erstaunen seines Bandchefs bereits acht Jahre in der Band weilt, übertrifft sich bei 'The Fun Palace' im Übrigen selbst und gibt generell eine mehr als gute Figur ab, genau wie Drummer Carlos und Bassist Campuzano.

Wer im Übrigen denkt, ANNIHILATOR würden auf dieser Tour fast ausschließlich Songs aus ihrem aktuellen, selbstbetitelten Album auf die Meute loslassen, der hat sich gewaltig geirrt. Beinahe jedes Werk der Kanadier wird berücksichtigt, von "Alice In Hell" über "Set The World On Fire" bis hin zur 2010er Platte, so dass ein großes Potpourri des bisherigen Schaffens geboten wird.

Überraschenderweise wird auch ein Akustikteil mit 'Phoenix Rising' und 'Sounds Good To Me' aus dem Ärmel geschüttelt, bei dem insbesondere die mehrstimmigen Vocals für eine wohlige Gänsehaut beim Publikum sorgen, ehe der ganze Laden mit meinem persönlichen Thrash-Highlight 'Phantasmagoria' zum Beben gebracht wird. Was hier in punkto Abwechslung und Härte vom Stapel gelassen wird, ist definitiv aller Rede wert.

Im Zugabenteil wird der "Alice In Hell"-Opener 'Crystal Ann' zelebriert, während die Abrissbirne 'Alison Hell', bei dem die Band noch mal alles gibt, den standesgemäßen Abschluss bildet. Und obwohl viele Fans lautstark eine weitere Zugabe verlangen, kann man es den Herren auch nicht verübeln, dass sie nach rund 110 Minuten Spielzeit die Segel streichen und sich zu Recht feiern lassen. Zwar fehlt mir persönlich 'Never, Neverland' und der eine oder andere Song von "All For You", was der bombigen Setliste dennoch keinen Abbruch tut.

Wer die "Wayne's World"-Filme kennt, wird nach solch einem großartigem Auftritt mit den berühmten Worten "Ich bin unwürdig, ich bin Staub" auf die Knie fallen. Bei einem solch fulminanten und mehr als sympathischen Eindruck zu Recht.

Setlist:
Ambush
Clown Parade
Plasma Zombies
King Of The Kill
Betrayed
The Box
Hell Is A War
Time Bomb
Ultra-Motion
Set The World On Fire
W.T.Y.D.
The Trend
The Fun Palace
Akustik-Medley: Phoenix Rising/Sounds Good To Me
Tricks And Traps
Bliss/Phantasmagoria
Crystal Ann
21
Alison Hell

Redakteur:
Marcel Rapp
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