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ALTER BRIDGE - Düsseldorf

11.12.2013 | 17:57

04.11.2013, Mitsubishi Electric Halle

Ein nahezu makelloser Abend einer stets fantastischen Band.

ALTER BRIDGE ist mit Sicherheit eine der Bands der Stunde. Wurden die ersten drei Werke alle bereits entsprechend gefeiert und brachten der Kombo aus den USA auch die entsprechenden Erfolge ein, hauen sie mit "Fortress" ihr bisher vielleicht stärkstes Album heraus: Die Pole-Position im Soundcheck sowie die volle Punktzahl unseres Chefredakteurs sprechen nicht gerade gegen diese These. Nun sind die Herren Kennedy, Tremonti und Co. nach einiger Zeit Pause wieder unterwegs - und machen dabei unter anderem Halt in der Mitsubishi Electric Halle (ehemals Phillips Halle für all diejenigen, die sich nicht umgewöhnen wollen).


Vorab darf man sich eine Dreiviertelstunde HALESTORM geben. Wie immer bei derartig großen Touren ist das eine tolle Möglichkeit, sich unter professionellen Bedinungen vor einem großen Publikum zu präsentieren. Das gelingt der Band auch weitestgehend gut, denn ihr dreckiger Hard Rock wird schnörkellos und solide dargeboten. Die Band hebt sich natürlich vor allem durch Sängerin Elizabeth Hale ab, die eine für diese Musik perfekte Röhre hat und auch das Publikum durchaus zu animieren weiß. Es gibt sicher spannendere oder auch bessere Bands auf diesem Sektor, gut anhören kann man sich HALESTORM aber auf jeden Fall. Wenn ich anhören sage, dann meine ich das auch genau so, denn eines geht gar nicht: Trommler Arejay Hale fühlt sich scheinbar wie der größte Rockstar und lässt dies das Publikum auch zu jeder Sekunde merken. Hätte man Strichliste geführt, wären in der Spalte "Tricks/Posen" genau so viele Markierungen wie bei "Snare-Schläge". Das ist für einen Moment lustig und unterhaltsam, wirkt jedoch irgendwann ganz schön lächerlich und lenkt von der eigentlichen Performance der Band ab. Ich weiß nicht, ob er das Theater, sich derartig zu präsentieren und Spielchen mit seinen Roadies zu veranstalten, im Sinne der Band nicht lieber noch einmal überdenken sollte. Denn am Ende bleibt genau dieser Umstand am meisten hängen.

In der folgenden halben Stunde Umbaupause kann man dann herunterkommen, sich über das Herumgealbere an den Drums auslassen und sich vorfreuen. Denn was nun wartet, wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt, albern oder überheblich. Nein, ganz im Gegenteil: 'Addicted To Pain' eröffnet ein Konzert, das von Beginn an eine bemerkenswerte Schlichtheit ausstrahlt. Kein Backdrop, keine große Lichtshow - das fällt auf einer Bühne dieser Größe schon auf. Doch die vier Herren scheinen die Musik und ihre Personen für sich sprechen lassen zu wollen. Nach der ersten "Fortress"-Auskopplung geht es mit gleich drei Nummern von "Blackbird" weiter, und da im Laufe der 100 Minuten noch vier weitere folgen, kann man sich schon einmal kurz fragen, ob ALTER BRIDGE sich darüber im Klaren ist, welches Album kürzlich veröffentlicht wurde. Die Band scheint es nicht zu interessieren, das Publikum noch weniger. Denn seien wir mal ehrlich: Jeder ALTER BRIDGE-Song wäre es wert, live gespielt zu werden. Luxusprobleme.

Der Nackenbrecher 'I Know It Hurts' steht gleichberechtigt neben einer neuen Nummer wie 'Cry Of Achilles' oder alten Sachen der Marke 'Open Your Eyes': Man freut sich einfach über alles, was die Ohren erreicht. Bei 'Waters Rising' darf Mark Tremonti dann zeigen, dass er deutlich mehr als Backing-Vocals (und natürlich dickes Gitarren-Riffing) drauf hat. Und obwohl sein Gesang wirklich gut ist, merkt man, was diese Band - neben den immer eingängigen, immer emotionalen und immer guten Songs sowie einer perfekten Eingespieltheit - zu einem Großteil ausmacht: Die charismatische, eigenständige und einfach sensationell tolle Stimme von Myles Kennedy. ALTER BRIDGE ohne ihn ist einfach unvorstellbar. Er veredelt jede Komposition und macht aus guten Songs absolute Gänsehautnummern.

Eine davon ist natürlich 'Watch Over You'. Heute wird Myles Kennedy dabei von Elizabeth Hale unterstützt, welche den Track durchaus eigen und emotional interpretiert und ihm dadurch einen etwas anderen Charakter als im Original gibt. Die beiden Stimmen harmonieren wunderbar, so dass man hier von einer gelungenen Sache sprechen kann; ich muss allerdings gestehen, dass mir das Stück von Myles allein wohl noch besser gefallen hätte.

Ansonsten ist die Band natürlich mit Strom in den Instrumenten unterwegs und rifft sich sehr amtlich durch ihre Alternative-Rock/Metal-Hits. Die Kommunikation ist bei anderen Bands sicherlich noch stärker ausgeprägt, doch auch die Amis wissen ihr Publikum zwischen (sowie während) den Songs um den Finger zu wickeln und Sympathiepunkte einzufahren. Schlicht, doch dadurch irgendwie ehrlich. Größter Kritikpunkt des heutigen Abends ist ein persönlicher und darüber hinaus ein weiterer der Kategorie "Luxus": Da hat ALTER BRIDGE mit 'Calm The Fire' nicht weniger als den Song des Jahres geschrieben, präsentiert diesen aber nicht. Liebe Leute, wenn ihr euch das nächstes Mal noch einmal traut, dann... komme ich so oft wieder, bis ihr ihn spielt! Verdammt noch eins!

Die große Bühnen-Show hat ALTER BRIDGE auch heute wieder nicht abgezogen und ich bekomme langsam den Eindruck, dass das auch nie passieren wird. Stattdessen setzt die Band auf eine über jede Kritik erhabene Performance ihrer großartigen Songs, derer sie so viele hat. Die Wirkung dieser war, ist und bleibt jedoch so eindrücklich, dass es auch nichts anderem bedarf, um Fans glücklich zu machen. Etwas Schöneres kann Musik doch gar nicht bewirken. Und genau das scheint diese Band verstanden zu haben wie kaum eine zweite.

Setlist: Addicted To Pain, White Knuckles, Come To Life, Before Tomorrow Comes, I Know It Hurts, Cry Of Achilles, Ghost Of Days Gone By, Lover, Ties That Bind, Waters Rising, Broken Wings, Blackbird, Watch Over You, Open Your Eyes, Isolation. Zugabe: Slip To The Void, Metalingus, Rise Today.

Redakteur:
Oliver Paßgang

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