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ACCEPT - Live Review - Berlin

28.06.2012 | 18:17

19.04.2012, Huxley´s Neue Welt

Egal, was ist: Schuster bleib bei deinen Leisten oder die wiedererlangte Spielfreude einer deutschen (und weltweiten) Metal-Legende.

Es hätte ein schöner Abend werden können: ein laues Lüftchen wehte durch die Straßen von Berlin-Neukölln, dem Stadtteil mit dem "größten Sozialamt Europas", der berüchtigten Rütli-Hauptschule und dem Flughafen Tempelhof, wo einst die "Rosinenbomber" der Allierten nach dem Mauerbau landeten, um die Berliner Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Nicht unweit dieses Airports machen heute ACCEPT am letzten Abend ihrer Deutschland-Tour Station und werden versuchen, Huxley´s Neue Welt in den Boden zu rocken, bevor die "Spring 2012 Tour" weiter rollt wie ein T-54 durch Europa (erst Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland, Tschechei, Polen sowie Russland). Ein schöner, geschäftiger Monat April für die Jungs - 17 Shows an 22 Tagen. Da kann man nicht meckern.

Seit ihrem (wievielten?) Comeback im Jahre 2010 mit dem Kracher "Blood Of The Nations" sind ACCEPT wieder verstärkt in Spiellaune, haben sich in der Zwischenzeit einen neuen Sänger gekrallt, nämlich Mark Tornillo (ex-TT QUICK), der die metaltypischen Shouts ebenso beherrscht wie die kraftvollen Mitten; zudem verfügt Herr Tornillo über ein sehr bluesiges Timbre, das exzellent zu 80er Jahre-Combos gepasst hätte wie BADLANDS, GREAT WHITEund ähnlichen. Man könnte auch sagen, dass ACCEPT jetzt deutschen Power-Metal mit amerikanischen Touch zum Besten geben.

Wo war ich stehen geblieben? Ach, ja, es hätte ein schöner Abend werden können. Kurz nach acht Uhr komme ich in die Halle und staune am Eingang nicht schlecht. Ruhig, leer, friedlich, kein Andrang. Auch die Security schnarcht mit offenen Augen. Sollten die Fans etwa wegbleiben bei einem Gig unterhalb der Woche? Haben die Leute die letzte Kohle eher fürs neue Album "Stalingrad" zusammengekratzt? Es ist viel banaler.

Der Support-Act HELL hatte seinen Set schon gleich zwischen Abendbrot und Sandmännchen absolviert, früher als deklariert. Auch ACCEPT steigen weit vor 21:00 Uhr auf die Bühne. Es greift immer mehr die Unsitte, dass Vorbands früher ihr Programm bestreiten als angekündigt. Die Headliner kommen dann ebenfalls auch schon mal 15 Minuten eher aus dem Backstagebereich. Wahrscheinlich sind "Sex, Drugs and Rock´n´Roll" auch nicht mehr so erquickend und spannend wie einst. Es scheint eher, als zwingen finanzielle Gründe die Bands zu einem strafferen Tourneeablauf als noch in den 80er Jahren. Damals haben die Stars mindestens 30 bis 45 Minuten auf sich warten lassen. Die gewollte Verzögerung war geplant, das Bier konnte in Strömen fließen. Es ging und geht immer ums Geld. So müssen auch die Musiker jetzt rechnen: Benzin, Hotels - alles teuer derzeit und die Bands sind heutzutage auch organisiert wie eine Firma, stets die Kosten-Nutzenrechnung im Kopf.

So, die Hölle von HELL war schon geschlossen, die Jungs saßen wohl schon im Nightliner-Bus, genossen ihren Feierabend bei ein paar Bierchen und DVDs. So wiel anders ist das bei denen dann doch nicht. Das Hallenlicht erlischt und ACCEPT stürmen mit den neuen Granaten 'Hellfire' sowie 'Stalingrad' in den Schützengraben und eröffnen das Batteriefeuer. Sehr mutig, die Herren. Was sogleich auffällt: die Spielfreude der Herren Schwarzmann, Frank, Baltes, Hoffmann und Tornillo sowie eine Songsauswahl, die versucht, es allen Fans recht zu machen. Was schwierig erscheint, denn viele Anhänger dürstet es lediglich nach den alten, bekannten Krachern aus den Achtzigern. Nostalgie ist immer Trumpf, Neues wird eher gelangweilt nebenher angehört.       Nach 'Stalingrad' kommen dann die bewährten Klassiker wie 'Restless And Wild', 'Living For Tonite', 'Breaker', 'Son Of A Bitch'. Die ersten Reihen schunkeln im Takt, bangen das Haupthaar. Im Ernst: das sind die Tracks, die ein ACCEPT-Fan hören möchte. Aber so ergeht es vielen Bands aus alten Tagen, die Setlists dato gleichen eher Best-Of-Programmen, die Bands scheuen das Risiko.

Die Mannen um Wolf Hoffmann jedenfalls beweisen Mut und füllen ein Drittel der heutigen Show mit Songs aus den beiden letzten Alben. Also vier Songs von "Blood Of The Nations" sowie drei von "Stalingrad". Dafür gebührt ihnen Respekt, denn sie könnten es sich auch leichter machen. Obwohl Mark Tornillo der Frontmann ist, das Zepter respektive die Gitarre schwingt Wolf Hoffmann. Allein schon ob seiner Statur und glänzendem Schädel füllt er den Bühnenplatz aus, wandert konsequent alle Ecken ab, stellt den Kontakt her zum Publikum und lächelt zufrieden. Der Mann scheint mit sich im Reinen. Sänger Mark bremst augenscheinlich auch die Sprachbarriere aus, mehr als "danke schön" und "wie geht´s" als Akündigung der nächsten Titel kommen da nicht. Ist auch nicht weiter tragisch, wir wollen keine ellenlangen Vorträge - wir wollen Metal!

Und ACCEPT geben uns Metal!

'Monsterman', 'Bucket Full Of Hate', 'Shadow Soldiers' peitschen wie Querschläger durch die Halle, dann stimmt Wolf sein Solo an, bevor die Fans wieder die Chöre brüllen können zu 'Neon Nights', 'Bulletproof', 'Losers And Winners' sowie 'Aiming High'. Was dezent negativ auffällt: der laut-schreiende, mitten-bis höhenlastige Sound in der Halle. Die Ohren stehen kurz vor dem Kollaps. Dann bebt der Saal so richtig ein erstes Mal, als 'Princess Of The Dawn' intoniert wird. Jetzt sind sie wach und hellauf begeistert. 'Princess Of The Dawn', meine Güte, das war schon 1982 ein simpler, aber knackiger Groover und ist es 30 Jahre später immer noch. Ein zeitloser Stampfer, ein Trademark-Song wie SAXONs 'Dallas 1 PM', IRON MAIDENs 'Number Of The Beast' oder JUDAS PRIESTs 'You´ve Got Another Thing Comin´'. Es ist wirklich das letzte Drittel der Show, das die Leute wieder auf die Beine bringt, denn einige (ältere) Fans blicken schon verstohlen zur Armbanduhr. Am nächsten Morgen ruft schließlich wieder die Arbeit.

Songs wie 'Up To The Limit', 'No Shelter', 'Pandemic' halten die Masse am Kochen, doch der Sturm bricht sich erst Bahnen, als das berühmte Verslein "Heidiheidoheida" vom Mischpult eingespielt wird. 'Fast As The Shark', was sonst, pumpt das Blut zum Herzen und wieder retour. Klasse Speed Metal, das tighte Zusammenspiel der Solinger Rocker macht Spaß, ACCEPT haben nichts verlernt.

"Die müssen doch noch 'Metal Heart' spielen", schimpft ein Nachbar seinen Kumpel an. "Machen sie doch bestimmt noch", antwortet dieser darauf. Als könnten ACCEPT Gedanken lesen, pocht 'Metal Heart' bombastisch aus der P.A.; 'Teutonic Terror' folgt zugleich, bevor, natürlich, Song Nummer 21, 'Balls To The Walls' die Anhängerschar noch ein letztes Mal befeuert. Der Magen hebt sich vor Freude und Sodbrennen lodert in der Speiseröhre wie das Höllenfeuer im Hades.

Das Set wurde vor 23:00 Uhr beendet, gediegen gehen alle nach Hause, ohne Gerangel oder Gepöbel. Auch Power Metaller werden älter, vernünftiger, gesitteter. Einige Stimmen kritisieren beim Rausgehen noch, dass zu viele neuere Songs gespielt wurden. Tragen ja auch alle nicht mehr ihre Tarnanzüge, Spandexhosen oder Strinschweißbänder aus den 80er. Doch, was soll's, auch damit muss man leben können. Das Leben geht weiter.

Es war ein gutes Metal-Konzert. ACCEPT sind immer noch eine gute Bank,  Sänger Tornillo hat sich gut eingelebt. ACCEPT anno 2012 machen definitiv Spaß. Es hätte ein schöner Abend werden können. War es auch!

Redakteur:
Dirk Ballerstädt

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