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ZIMMERS HOLE: Interview mit Jed Simon

14.07.2008 | 11:24

Der großartigste Albumtitel des Jahres? Ganz klar: "When You Were Shouting At The Devil, We Were In League With Satan". Urheber: ZIMMERS HOLE. Die durchgeknallten Devin-Townsend-Schützlinge bringen mit ihrer dritten Scheibe wieder einmal das Kunststück fertig, True Metal, Aggression, Niveau und einer gehörige Portion Humor zu einem mächtig zündenden Cocktail zu verwursten. Zudem ist der mit knallharten, unwiderstehlichen Hymnen vollgepackte Silberling ein böser, heftiger Tritt ins Gemächt aller Warmduscher und Pussy-Metaller. Kein Wunder, dass Gitarrist Jed Simon bester Laune ist...

Martin:
Jed, eure Platte hat mich echt umgehauen. ZIMMERS HOLE klingen anno 2008 entschlossener denn je. Bisher wurde die Band von vielen wohl als ein Nebenprojekt von STRAPPING YOUNG LAD gesehen. Devin Townsend hat SYL allerdings auf Eis gelegt, damit ist ZIMMERS HOLE in den Fokus aller Beteiligten gerückt. "When You Were Shouting At The Devil..." muss eine ganz besondere Scheibe für euch sein.

Jed:
Super, dass dir das Album so gut gefällt. Ich kann dir sagen, wir sind auch verdammt stolz darauf. Klar, war es dieses Mal ein anderes Gefühl während der Produktion, ein ganz anderer Entstehungsprozess. Du hast recht, seit es SYL erstmal nicht mehr gibt, konzentrieren wir uns zu 100% auf ZIMMERS HOLE. Wir haben alles daran gesetzt das bestmögliche Album zu machen, um unsere eigene Band voran zu bringen und zu etablieren. Das Ergebnis ist die wahre, reine Essenz von ZIMMERS HOLE, es dokumentiert unsere leidenschaftliche Liebe zum wahren Metal.

Martin:
Dabei wirken die neuen Songs vor allem kompakter, direkter und dynamischer. Erzähl doch mal ein bisschen was über den Songwriting-Prozess!

Jed:
Unser Ziel war es, ein - zumindest für unsere Verhältnisse - traditionelles, gradliniges Metal-Album zu machen. Die vorherigen Scheiben war auch schon "metal as hell", aber stellenweise zu experimentell und manchmal vielleicht sogar ein wenig konfus und albern. Wir wollen uns weiter entwickeln, man könnte sagen seriöser werden, und diese Platte ist der erste Schritt. Unser Wunsch und Ziel ist es, als Metal-Band anerkannt und geschätzt zu werden, nicht als Fun-Combo. Manche Leute bezeichnen das, was wir machen, als Parodie. So haben wir das nie gesehen, auch wenn wir denken, dass Metal und Humor durchaus zusammen passen und gehören. Was das Songwriting angeht - früher ist vieles beim gemeinsamen Jammen entstanden. Das ist inzwischen nicht mehr so ohne weiteres möglich, da ich in Philadelphia lebe und Gene (Hoglan – Schlagzeug) in Los Angeles. Darum fange ich jetzt meistens an und probiere verschiedene Dinge aus, die mir so einfallen, und gebe dann Rohfassungen von Songs an die anderen weiter. Einige Tracks sind aber auch gemeinsam entstanden, als wir uns auf den Studio-Aufenthalt vorbereiteten.

Martin:
Apropos Studio: Ihr habt dieses Mal ziemlich viel Zeit dort verbracht. Woran habt ihr so lange herum geschraubt?

Jed:
Ja, die Arbeiten an "When You Were Shouting At The Devil..." haben schon eine ganze Weile gedauert, sechs Monate in etwa. Da war allerdings auch einiges an Leerlauf dazwischen. Wie schon erwähnt, wir leben alle an verschiedenen Orten und waren an den verschiedenen Phasen der Produktion natürlich in unterschiedlichem Maße beteiligt, das ist nicht immer leicht zu koordinieren.

Martin:
Das Ergebnis klingt jedenfalls großartig. Vor allem der Gitarrensound ist eine Macht. Wie habt ihr den so hinbekommen?

Jed:
Am Klang der Gitarren haben wir in der Tat sehr lange rumgebastelt. Ich wollte einen richtig fetten, druckvollen Sound haben. Ich habe dafür zwei verschiedene Mesa Boogie Amps kombiniert. Außerdem ist die Wahl der richtigen Mikrofone sehr wichtig. Benutzt habe ich ein Shure 57, ein Senheisser MD421 und ein Royer, alle durch ein Chandler Pre-Amp.

Martin:
Welche Rolle hat Devin Townsend gespielt?

Jed:
Er war für die Gesangsaufnahmen zuständig und hat das Album abgemischt. Schlagzeug, Gitarren und Bass haben wir zuvor komplett selbst aufgenommen. Devin hat wirklich die bestmögliche Vocal-Performance aus unserem Frontmann The Heathen herausgeholt. Außerdem hat Devin am Ende noch ein paar Keyboards und Samples eingebaut, er hat ein großartiges Gespür dafür, wie man mit solchen Farbtupfern das Klangbild gewaltig aufwerten kann.

Martin:
Seit meiner Jugend bin ich ein großer Bewunderer von Gene Hoglan, ich halte ihn für einen der besten, wenn nicht den besten Metal-Schlagzeuger überhaupt. Es muss ein Wahnsinnsgefühl sein, mit einer solchen Legende zusammen zu arbeiten!?

Jed:
Ja, Gene ist wirklich großartig. Er hat von Beginn an einen gewaltigen Einfluss ausgeübt auf die Speed-, Thrash- und Death-Metal-Szene. Der Mann ist ein Naturtalent, er kann wirklich alles spielen, jeden Stil und jeden Ausdruck. Wir sind ja schon eine ganze Weile mit ihm befreundet, die Zusammenarbeit zwischen uns läuft immer sehr locker und entspannt. Im August des letzten Jahres hat unser ehemaliger Schlagzeuger Steve die Entscheidung getroffen, dass er durch seine anderen Verpflichtungen einfach nicht mehr genug Zeit für ZIMMERS HOLE aufbringen kann und will. Das war schon ein Schock für uns und hat zu einigen Verzögerungen geführt. Immerhin hatten wir 15 Jahren gemeinsam Musik gemacht. Aber wir haben seine Entscheidung akzeptiert, es gab da kein böses Blut zwischen uns. Gene war immer schon ein großer Fan von dem, was wir mit ZIMMERS HOLE gemacht hatten. Also riefen wir ihn an und baten ihn, uns aus der Klemme zu helfen. Er sagte nur: "Nächste Woche bin ich in Vancouver". So kam es dann auch. Gene enterte die Armoury Studios und hat gigantische Arbeit geleistet. Wir sind stolz und glücklich, ihn in der Band zu haben.

Martin:
Mir bedeuten vor allem die alten DARK ANGEL-Alben sehr viel. Mit dem Stoff bin ich eben aufgewachsen. Wäre es nicht cool, mit ZIMMERS HOLE ein Remake eines alten DARK ANGEL-Gassenhauers aufzunehmen?

Jed:
Oh, ich selbst bin auch ein riesengroßer DARK ANGEL-Fan. Was die Cover-Version angeht ... tja, wer weiß, eines Tages ... bei dieser Band ist alles möglich, hahaha!

Martin:
Saucool ist ja wohl auch der Albumtitel: "When You Were Shouting At The Devil, We Were In League With Satan". Die einfache Interpretation wäre so etwas wie: Während ihr blöden Poser MÖTLEY CRÜE gehört habt, haben wir immer schon VENOM vergöttert. Nur fühle ich mich da persönlich in einer Zwickmühle, denn mir gefällt "Shouting At The Devil" besser als "In League With Satan". Trotzdem liebe ich ZIMMERS HOLE. Was stimmt also mit mir nicht?

Jed:
Nein, nein, mit dir wird schon alles okay sein, Bruder, hahaha! Wir persönlich haben halt ein Problem mit Typen, die sich wie Mädchen anziehen und behaupten, sie seien Metal. Wir meinen diesen Titel durchaus ernst und schon so, wie du ihn verstehst. Dieses ganze Haarspray-Metal-Ding war schon in den Achtzigern nicht lustig und heute ist es das noch viel weniger. All diese tuntig durchgestylten Flachpfeifen mit ihren ach so tollen bunten Klamotten, diesen dämlichen weißen Gürteln und den niedlichen Tattoos ... DAS IST NICHT METAL! Die Mission von ZIMMERS HOLE ist es, all diese aufgeblasenen Arschlöcher mit bretthartem, waschechtem Metal zu den Witzfiguren zu degradieren, die sie schon immer waren. Bands wie EXODUS zum Beispiel repräsentieren den wahren Metal. Aber mach dir keine Sorgen wegen deiner kleinen Geschmacksverirrung, hahaha! Jeder darf mögen, was er will. Even I sometimes "shouted" a little bit, too!

Martin:
Wie um Himmels Willen kommt man auf einen Songtitel wie 'Anonymous Esophagus'?

Jed:
Hahaha, dazu gibt es eine sehr lustige Geschichte. Während einer Tour vor ein paar Jahren machten wir Station in Quebec. Die lokale Vorband kündigte einen ihrer Songs an, der 'Ominous Octopus' hieß. Der Sänger hatte aber einen mächtigen französischen Akzent und es war ziemlich schwer ihn zu verstehen. Einer unserer Kumpels rief zu mir rüber: "Hey, Jed, was hat der gerade gesagt? Das klang wie 'Anonymous Esophagus' oder so." Ich habe mich halb tot gelacht und diese Situation nie mehr vergessen. Ich wusste immer, ich würde das eines Tages als Songtitel benutzen.

Martin:
Du hast eingangs erwähnt, dass ihr keine Metal-Parodie sein wollt. Wenn man dann aber einen Song wie 'Hair Doesn't Grow On Steel' hört, kann man sich schon fragen, ob das als MANOWAR-Tribute oder Verarschung gemeint sein soll.

Jed:
Der Song ist weder Parodie noch Tribute! Ich hatte einfach Lust, einen epischen Power-Metal-Song zu machen. Wenn die Leute meinen, er klingt nach MANOWAR, dann habe ich überhaupt kein Problem damit. Ich besitze nicht einmal ein MANOWAR-Album. 'Hair Doesn't Grow On Steel' hat auch eine ernsthafte Botschaft, nur halt eben auf unsere ganz spezielle Weise verpackt. Weißt du, in meinen Augen ist der Metal gerade in einer schwierigen Phase. Es fehlt einfach der Respekt vor den wahren, großen Helden. Warum interessieren sich die Leute immer noch für Typen wie Vince Neil oder Brett Michaels? Ich habe die Schnauze so voll von abgetakelten Rockstars in Reality-Shows und Boulevard-Magazinen! Diese Leute werden wie Halbgötter behandelt und ich frage mich, warum nur? Womit habe die diesen Status verdient? Damit, dass sie viele Platten verkauft haben? Das reicht zumindest für mich nicht aus. Haben diese Leute musikalisch irgendetwas Großartiges geleistet, einen Stil geprägt, nachfolgende Generationen inspiriert? Pustekuchen!! Würdest du wie Vince Neil klingen wollen? Ich wette nicht! Wir sollten uns an die wirklich Unsterblichen erinnern wie Robert Plant, Ace Frehley, Angus Young oder meinetwegen auch Stevie Wonder. Das sind die wahren Götter, die hatte diese unvergleichliche Magie. Wer zur Hölle ist dagegen Vince Neil? Die eigentliche Idee zum Songtitel stammt übrigens von einem Bekannten, der Bodybuilder ist und sich immer die Brusthaare entfernte, weil er fand, dass keine Haare auf seinem gestählten Körper wachsen sollten, hahaha!

Martin:
Auf eurer Website kann man eure Vision von den zehn Heavy-Metal-Geboten nachlesen. Welche Belohnung erwartet mich denn im Metal-Paradies, wenn ich mich schön brav daran halte? Wahrscheinlich zumindest Vince-Neil-freie Zonen...

Jed:
Jeder Metalhead sollte diese heiligen Gebote befolgen, ist doch klar! Wer das tut, den erwarten im Jenseits 1000 Jungfrauen – oder 1000 Huren, je nach dem, was du bevorzugst, Bruder, hahaha!!

Martin:
Hätte ich mir eigentlich denken können. Welche der neueren Heavy-Metal-Bands findest du eigentlich so richtig klasse?

Jed:
Mein aktuelle Lieblingsband sind EVILE. Die rocken!!

Für alle, denen der Name nichts sagt: EVILE sind eine junge Thrash-Band aus Großbritannien, die im vergangenen Jahr ein beachtliches Debüt-Album mit dem Titel "Enter The Grave" über Earache Records veröffentlicht haben.

Martin:
Du und Byron, ihr habt früher doch auch in zwei gar nicht mal so üblen Underground-Thrash-Bands gespielt, ARMOROS und CAUSTIC THOUGHT hießen die. Beide Formationen haben je ein Album produziert, aber das von ARMOROS ist nie offiziell erschienen, wenn ich mich recht erinnere. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit? Werdet ihr eines Tages etwas von dem alten Zeug wiederveröffentlichen?

Jed:
Oh, das waren tolle, aufregende Zeiten. Wir haben damals Metal gelebt, geatmet, geschwitzt und geschissen, alles andere war unwichtig! Es gab auch harte Momente, aber unser Thrash-Sound hat uns immer wieder aufgebaut. Das ARMOROS-Album wird tatsächlich noch in diesem Jahr über das brasilianische Label Marquee Records veröffentlicht. Es freut mich sehr, dass das Teil nach all den Jahren doch noch erscheint. Ich bin nach wie vor stolz auf das Album. Einige Riffs und Ideen, die ich heute benutze, gehen auf diese Zeiten zurück. Ich habe eine ganze Sammlung alter Tapes, die ich immer erstmal durchhöre, wenn ich auf der Suche nach neuen Inspirationen bin.

Martin:
Zum Abschluss dieses Interviews möchte ich auch dich noch bitten, uns deine Top5-Metal-Alben kurz vorzustellen!

Jed:
Auf den ersten Platz würde ich "Bonded By Blood" von EXODUS setzen, für mich das beste Thrash-Album aller Zeiten und ein großer persönlicher Einfluss. Dann kommen SLAYER mit "Hell Awaits", ein bösartiges, düsteres Meisterwerk. Die Bronzemedaille geht an DARK ANGEL für "Darkness Descends". Dieses Album hat definitiv mein Leben verändert, eine atemberaubende Scheibe und ein Meilenstein des Metal. Schließlich möchte ich noch "Extreme Aggression" von KREATOR hervor heben - auf dieser Scheibe ist der Titel herrliches Programm – und MORBID ANGEL mit "Blessed Are The Sick", eine unglaublich intensive und innovative Scheibe, vor allem was die Gitarrenarbeit betrifft.

Soweit Jed, der übrigens vor kurzem die traurige Mitteilung zu verkraften hatte, dass seine geliebte Stiefmutter den Kampf gegen den Krebs endgültig verloren hat. Wer "When You Were Shouting At The Devil..." noch nicht im Regal stehen hat, sollte diesen äußerst unbefriedigenden Zustand unbedingt schnellst möglich ändern. Diese famose Platte wird eure verklebten Gehörgänge mal wieder so richtig amtlich durchpusten!

Redakteur:
Martin van der Laan

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