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YOB: Interview mit Mike Scheidt

27.09.2005 | 19:10

YOB sind eines der heißesten Eisen im Feuer der Doomszene und haben neben schwerer Musik auch sehr tiefgründige und philosophische Texte im Gepäck, die ihre Alben zu einem sehr spannenden spirituellen Trip machen können, wenn man gewillt ist, sich darauf einzulassen. Deshalb sprach ich mit Frontmann Mike Scheidt (im Foto rechts) dieses Mal nicht nur über musikalische Dinge, sondern auch über die philosophischen Hintergründe der YOBschen Lyrik, über fernöstliche Wege zur Ergründung des eigenen Bewusstseins und über die verschiedenen Auffassungen menschlicher Realitäten. Nicht unbedingt immer leicht nachvollziehbar, aber auf jeden Fall sehr interessant. In jedem Fall offenbaren sich neue Perspektiven, die einem helfen können, den eigenen Horizont zu erweitern. Doch lest selbst...

Rüdiger:
Hallo Mike, wie waren denn die Reaktionen von Fans und Medien auf "The Illusion Of Motion"?

Mike:
Die Reaktionen, die wir bekamen waren vorwiegend wohlwollend bis überschwänglich. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir so viel Unterstützung bekommen.

Rüdiger:
Zwischen dem Vorgänger und der neuen Scheibe lagen ja nur zehn Monate. Warum ging das so schnell? Habt ihr schon vor Veröffentlichung der letzten Platte an den Songs gearbeitet?

Mike:
YOB arbeitet immer an irgendwelchen Stücken. Die Inspirationen fliegen uns einfach so zu. 'Kosmos' ist das älteste der vier Stücke und die anderen drei gediehen während der Aufnahmen zu "The Illusion Of Motion".

Rüdiger:
Im Studio selbst habt ihr euch aber mehr Zeit genommen als letztes Mal? Was war anders?

Mike:
Zum einen hatten wir ein größeres Budget. Das erlaubte uns mehr Zeit darauf zu verwenden, die Mikrophone richtig einzustellen und Klangfarben zu finden, die wir wirklich mochten. Es erlaubte uns auch, das richtig anzuhören, was wir gerade aufgenommen hatten und so konnten wir noch kleine Modifikationen und Änderungen hier und da vornehmen. Darüber hinaus werden wir durch jeden Liveauftritt, jede Probestunde und jede Aufnahmesession zu einer besseren Band. Als wir das Studio für die Aufnahmen zu "The Unreal Never Lived" betraten, waren wir stark und selbstbewusst.

Rüdiger:
Wie der Vorgänger hat auch das neue Album einen recht philosophisch klingenden Titel mit einer tieferen Bedeutung...

Mike:
Die Texte zu "The Unreal Never Lived" folgen noch immer den Schwingungen des fernöstlichen Mystizismus und der Quantenphysik. Der Albumtitel ist ein Zitat von Sri Nisargatta, einem indischen spirituellen Lehrer, der bis zu seinem Tode im Jahre 1998 in Bombay lebte. Er sagte, dass sich die mentalen Geschöpfe der Welt, der Gesellschaft und der Philosophie auf der Oberfläche dessen abspielen, was wir "Realität" nennen. Ohne unsere Teilnahme, existieren sie überhaupt nicht. Oder sie existieren, aber nur in einem Durchgangsstadium. Wir nennen einen Baum einen Baum, und weil wir ihn so genannt haben und man es so gelernt hat, bleibt es dabei. Das haben wir geschafft, aber im Grunde wissen wir nicht, was ein Baum wirklich ist. Wir wissen auch nicht, was ein Mensch wirklich ist. Das sind nur Namen für kommunikative Zwecke. Die wirkliche Realität, die ein Baum hat, bedarf nicht unserer Etiketten. Er IST einfach nur. Das ist ein sehr unvollkommenes Beispiel für den Geist unseres Albumtitels.

Rüdiger:
Dazu passt auch das Artwork der Scheibe, das mir sehr gut gefällt. Besonders die Tauben und Raben. Wer hat es erstellt?

Mike:
Das Cover wurde von mir selbst und Aaron Edge von Odeum Graphic - http://www.odeum.org/ - erstellt. Aaron hat wirklich tolle Arbeit für uns geleistet.

Rüdiger:
Der Opener trägt den Titel 'Quantum Mystic'. Baut das inhaltlich auf dem Konzept zu "The Illusion Of Motion" auf?

Mike:
Ja! Das Stück handelt erneut von Sri Nisargatta, der über weite Strecken des 20. Jahrhunderts gelehrt hat. Seine Lehren waren sehr undogmatisch und folgten nicht nur einer Religion oder Philosophie. Sein Stil war sehr praktisch, geradlinig und enorm hingebungsvoll. Das Beeindruckendste an ihm war, dass er keine formelle Erziehung genossen hat und erst im mittleren Alter lesen gelernt hat. Wenn du seine Bücher und Reden liest, dann ist es unglaublich, wie tiefgründig er spirituelle Fragen mit subtilem Verständnis diskutieren konnte.

Rüdiger:
Und wer war sein Lehrmeister?

Mike:
Sein Lehrer war Sri Siddharameshwar Maharaji. Nisargatta traf ihn, als er 34 Jahre alt war und hatte seine Erleuchtung mit 37. Er lehrte dann für den Rest seines Lebens.

Rüdiger:
Das Gesicht auf dem Rücken des Albums führt uns zum Buddhismus. Behandelt ihr auch buddhistische Konzepte?

Mike:
Ja, und zwar dergestalt, dass ich mich in vielen Fragen sehr tief im Zen Buddhismus und anderen buddhistischen Gedanken wiederfinde. Ich liebe das wahrhaft Undogmatische am Buddhismus, und sein Ziel, dich im Endeffekt sogar vom Buddhismus selbst zu erlösen. Sie verstehen, dass Worte und Gedanken nicht die Dinge selbst erfassen. Sie sind lediglich Werkzeuge um Phänomene und Erfahrungen zu beschreiben, die Worte nicht vermitteln können.

Rüdiger:
Du erwähntest speziell den Zen Buddhismus. Kannst du diesen Zweig etwas näher beschreiben?

Mike:
Ja, ich denke, ich finde mich am ehesten im Zen Buddhismus wieder. Zen ist sehr geradlinig und sehr geschickt darin aufzuzeigen, wie unser Geist und unsere Vorstellungen unsere Erfahrungen färben und verzerren. Zen bietet keine Erlösung, keine Götter, keine Dämonen und keine Erlöser. Er fügt dem Leben des Individuums nichts hinzu. Es ist eher ein Prozess der Subtraktion, wenn überhaupt. Jeder Glaube und jede Annahme wird im Zen auf die Probe gestellt. Jeder Moment ist wahrhaft neu. Der Einzelne soll kein neues Glaubenssystem entwickeln oder "rechtgläubig" werden um erlöst zu werden. Er erforscht, was dahinter steckt. Das, was keinen Gedanken und keinen Glauben braucht um zu bestehen, aber dennoch jeden Glauben und jeden Gedanken überlebt. Und echter Zen ist überhaupt nicht Zen. Zen ist nur ein Wort.

Rüdiger:
Wir kommen jetzt recht weit weg von YOB, doch da du dich für Buddhismus interessierst, würde mich auch deine Meinung zum Dalai Lama interessieren, den ich sehr bewundere.

Mike:
Die unermüdliche Kraft und Hingabe des Dalai Lama ist erstaunlich. Er ist kein Separatist. Er besucht christliche und katholische Kirchen genauso wie buddhistische Tempel. Er kritisiert den Glauben anderer nicht, auch wenn er ihn nicht teilt. Sein Ziel ist es, die Menschen und ihre Glaubensvorstellungen zu vereinen. Das ist unglaublich mutig.

Rüdiger:
'Grasping Air' handelt von dem Leiden, das Menschen in ihrem Leben erdulden müssen. Was sind aus deiner Sicht die Gründe für dieses spirituelle Leiden?

Mike:
Das Leben selbst ist Leiden. Und was ist Leiden? Es ist eine Wahrnehmung. Manchmal physisch, manchmal mental, oder beides. Leiden ist nicht gut oder schlecht, es ist ein Teil des Lebens. Aber es gibt unnötiges Leiden. Leiden, das wir selbst verursachen durch unser Anhängen an Gewinn und Verlust, durch unsere Fixierung auf unsere Identität und unseren Widerstand gegen den Wandel. Starrer Glauben und Dogmen stimmen nicht mit dem konstanten Fluss des Lebens überein. Die Dinge ändern sich immerzu. Dem zu widerstehen ist eine vergebliche Anstrengung. Mit Dingen verhaftet zu sein, welche dem konstanten Wandel und der Vergänglichkeit unterliegen, ist schmerzhaft. Unseren Selbstwert über die Gedanken und Vorstellungen anderer Menschen und der Gesellschaft zu definieren, ist schmerzhaft. Vorstellungen und Gesellschaften kommen und gehen. Imperien kommen und gehen. Sogar Planeten und Sterne kommen und gehen. Wer wir aber im Inneren unserer selbst sind, ohne Definitionen und ohne den Einfluss äußerer Glaubensvorstellungen und Annahmen, das ist wirklich interessant. Das heißt nicht, dass man nicht schlafen und essen soll, das heißt auch nicht, dass man nicht lieben oder Sex haben soll. Es heißt nicht, dass man nicht kreativ sein soll. Wir haben diese Dinge genauso wenig unter Kontrolle wie den Sonnenaufgang. Diese Dinge nicht zu tun ist genauso schädlich wie das Rauchen von Zigaretten. Man stirbt schneller den Hungertod als dass man an den Folgen des Rauchens stirbt. Wenn es uns aber darauf ankommt, wie uns die Leute sehen, wie sie unsere Kreativität und Liebe sehen, wenn es uns von Dingen abhängig machen, die wir mögen und Dinge verabscheuen, die wir nicht mögen, dann leiden wir. Wir leiden, wenn wir nicht in der Lage sind unsere eigene Furcht zu überwinden und ihre Begründetheit zu hinterfragen. Menschen erschaffen alle Kriege, Hungersnöte, mentalen Leiden, Morde und all die Dramen, die daraus resultieren.

Rüdiger:
Wie soll ich's beschreiben? Für mich sieht es so aus, als sei 'The Mental Tyrant' eine metaphorische Umschreibung für Leute, die so tun, als wüssten sie die Antwort auf alle Fragen, die sie sich selbst noch nicht mal gestellt haben und für alle Rätsel, die sie niemals versucht haben selbst zu lösen. Ist das nachvollziehbar?

Mike:
Ich versteh schon, was du sagst. Im Hinblick auf deine Gedanken behandelt 'The Mental Tyrant' das Ego selbst. Das Ego ist im Prinzip eine lebende Wesenheit. Seine Nahrung sind die Gedanken. Gedanken sind Energie, allerdings weniger substantiell als ein Hamburger. (lacht) Dennoch halten Gedanken und Denkweisen ganze Gesellschaften zusammen. Wenn ein Individuum beginnt festzustellen, dass die Realität mehr umfasst als es denkt, dann beginnt ein Prozess, welcher dazu führt, dass sich der Glauben der Person ändert. Vielleicht werden die Leute weniger starr als sie es früher wurden, weniger engstirnig. Dieses Ego, das lange von bestimmten Gedanken genährt wurde, durchläuft ebenfalls einen Wandel. Das ist oft sehr schmerzhaft. Für viele Leute sind ihr geliebter Glauben und ihre Vorstellungen etwas, das sie in Sicherheit wiegt. Wenn sein Glauben stirbt, dann kann dies einen Menschen sehr verängstigen. Deshalb ist es sehr verlockend die Wahrnehmung von Dingen, die den eigenen Glaubenshorizont überschreiten, einfach zu leugnen und alles zu kritisieren, abzuwerten und zu töten, was immer auch ihr Sicherheitsgefühl bedroht. Das ist seit Jahrtausenden Realität. Das starre Ego desjenigen, der sehr an seiner Philosophie hängt, ist wie eine Rüstung. Doch die ultimative Enttäuschung für diese Leute ist, wenn ihre Gedanken keine Substanz haben. Sie werden nicht verhindern, dass sie sterben. Sie werden nichts zur Entstehung bringen, das nicht mit der Realität ihrer selbst im Einklang ist. So ist es in der Tat: "The Unreal Never Lived".

Rüdiger:
Eure Songs sind sehr lang und in gewisser Weise auch perseverativ, mantrisch und meditativ. Gilt das für euch als Musiker genauso wie für mich als Hörer?

Mike:
Die Stücke selbst sind Produkte eines meditativen Gefühls und wenn jemand anderes ein ähnliches Gefühl beim Hören von YOBs Musik hat, dann ist das toll!

Rüdiger:
Was kann der Mensch durch mantrische Meditation und Selbstreflexion gewinnen?

Mike:
Wir lockern unsere Kontrolle über das, was wir für unsere Leben und unsere Sinne halten. Ein Mantra ist in vielerlei Hinsicht etwas ähnliches wie ein Gedanke. Es ist aber ein weniger starrer Gedanke, sondern ein Gedanke, der unsere Art zu denken und zu sein wieder ordnet. Es ist aber nicht der Sinn eines Mantras, unsere Ideen und Glaubensvorstellungen durch andere zu ersetzen, an denen wir unsere Hingabe und unsere Rechtschaffenheit orientieren könnten. Es ist ein Mittel, unser Bewusstsein auf den einen Moment zurück zu lenken.

Rüdiger:
Verlassen wir nun die spirituelle Ebene und kehren wir zur Musik zurück. Einige Strukturen und Riffs auf "The Unreal Never Lived" erinnern mich an doomige Black-Metal-Sachen, wie etwa an die neueren SATYRICON. Besonders bei 'Grasping Air'.

Mike:
Ich liebe gewisse Black-Metal-Vibes und Bands wie SATYRICON, INQUISITION, VON und DARKTHRONE haben definitiv das Riffing von 'Grasping Air' beeinflusst.

Rüdiger:
Ihr habt auch eine Art von Kehlkopfobertongesang am Ende von 'The Mental Tyrant'. Ist der Gesang tibetischen Ursprungs? Eine Originalaufnahme oder ein Sample?

Mike:
Das hab ich alles selbst eingesungen. Ich habe einige Zeit in einem örtlichen tibetischen Zentrum verbracht und dort sogenannte Chenrezig-Übungen gemacht. Dazu gehörte es, dass wir auf Tibetisch sangen. Der Lama, der uns lehrte, ist selbst Tibeter, also sind die Gesänge sehr authentisch. Ich versuchte das Gefühl zu erzeugen, dass eine Gruppe von Leuten gemeinsam singt, so wie dies auch am Ende dieses Stückes zu hören ist.

Rüdiger:
Ihr wart heuer auf Amerikatour?

Mike:
Wir tourten in den letzten 14 Monaten mit THE HIDDEN HAND, ORANGE GOBLIN, LAMONT, GHOSTRIDE, GRAVES AT SEA und DOVE. Es war ein tolles Erlebnis und die beste Zeit meines musikalischen Lebens, mit diesen Bands zu touren.

Rüdiger:
Euer Label berichtet, dass eure Shows sehr innovativ seien...

Mike:
Ich weiß nicht, ob man sie "innovativ" nennen kann. Sie sind sehr ernsthaft, würde ich meinen. Wir lieben, was wir tun, und wir versetzen uns voll in die Musik hinein. Wir stehen auch nicht wie angewurzelt auf der Bühne herum.

Rüdiger:
Es folgt die entscheidende Frage, ob ihr uns auch mal in Europa beehren werdet.

Mike:
Wir werden es 2006 irgendwann nach Europa schaffen.

Rüdiger:
Würdet ihr gerne mal beim Doom Shall Rise spielen?

Mike:
Wir würden LIEBEND GERNE auf diesem Festival spielen. Daran besteht kein Zweifel.

Rüdiger:
Was steht sonst so an für die nähere Zukunft?

Mike:
Ich weiß es nicht. Wir machten Pause, seit wir von der Tour im Juni zurück waren und haben gerade wieder angefangen zu proben. Altes wie neues Material. Es ist geplant, dass wir im Frühjahr 2006 wieder anfangen live zu spielen. Danach hoffen wir, dass wir gegen Ende des Sommers unser fünftes Album, das dritte für Metal Blade, aufnehmen können.

Rüdiger:
So, das war's. Danke für die interessanten Auskünfte und dafür, dass du dir für uns Zeit genommen hast.

Mike:
Ich danke DIR für dieses Interview! Außerdem danke ich allen, die YOB unterstützt haben! DOOOOOOOOOM!!!!!!!!!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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