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WOLVENNEST: Interview mit Corvus von Burtle und Festivalbericht zur Castle Party

27.07.2021 | 13:41

WOLVENNEST hat nach monatelangem Lockdown einen ersten Auftritt vor Publikum. Grund genug, mit Corvus von Burtle, dem Sprachrohr der Band, ein anregendes, informatives Gespräch zu führen und ihn außerdem zu weiteren Konzerten in diesem Jahr zu befragen. Zudem wird ein Blick auf die Castle Party geworfen, bei der sowohl Gespräch als auch Konzert stattfinden.

Bei der Castle Party in Bolków, Polen handelt es sich um das größte Gothic-Festival unseres Nachbarlandes, welches mit zwei Bühnen aufwartet - eine direkt neben der Ruine Bolkoburg und eine weitere im Park der Kleinstadt, bei welcher sogar der Bereich vor der Bühne überdacht ist. Nachdem das Festival im letzten Jahr aus allseits bekannten Gründen verschoben wurde, wagen sich die Veranstalter bereits in diesem Sommer an ein volles Programm. Der Einsatz hat sich gelohnt, denn aus Sicht eines Besuchers scheint die gesamte Veranstaltung trotz etwas Regen hier und da erfolgreich zu sein. Vom 08.07.2021 bis zum 11.07.2021 bieten mehrere Künstler diverse Stilrichtungen der dunklen Musikkultur an. Ein paar wenige Künstler wie beispielsweise KÆLAN MIKLA (Island), NYTT LAND (Sibirien) und ATARAXIA (Italien) mussten aufgrund von Reisebeschränkungen ihre Teilnahme leider nochmals auf nächstes Jahr vertagen. Adäquater Ersatz war jedoch glücklicherweise mit Bands wie WOLVENNEST (Belgien) und DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND (Österreich) schnell gefunden.

Für WOLVENNEST, eine Band, welche eher für psychedelischen Black Metal in Verbindung mit Dark Ambient und Ritual steht, ist es das allererste Konzert im Rahmen eines Gothic-Festivals, wie Gitarrist Corvus von Burtle im Interview vor dem Konzert am Samstagabend bekennt. Ich meine, bei dieser Aussage in seinen Augen eine gewisse Neugier erkannt zu haben und sei es nur die Neugierde auf die Reaktion der Festivalgänger zu ihrem Auftritt. Zu gern würde ich den Musiker und seine Kollegen nach dem Konzert noch nach ihrem Eindruck vom bisher ungewohnten Publikum fragen. Doch besser von vorn beginnen: Zuerst begegne ich kurz Bram Moerenhout (Schlagzeug) am Merchstand. Falls sich nun ein Leser die Frage stellen sollte, ob die neuen, im Frühjahr angekündigten Merch-Artikel bereits verfügbar sind, so lautet die Antwort: "Sie sind noch nicht fertig, aber bald." Kurz darauf stößt bereits Corvus zum Gespräch hinzu, welches nachfolgend in einem ruhigeren Teil des Festivalgeländes im Stadtpark stattfindet.

Einleitend teile ich dem Musiker mit, dass das aktuelle Album "Temple" in meinen Augen außerordentlich gut gelungen ist, "weshalb die Vorfreude auf das Konzert nicht nur aufgrund des Lechzens nach Livemusik nach monatelanger Abstinenz besonders groß ist. Auch einige polnische Festivalbesucher, mit denen ich vorab ins Gespräch kam, sehen dem Auftritt freudig entgegen." Corvus nimmt dies erfreut zur Kenntnis und weist in diesem Zusammenhang darauf hin: "Doch heute Abend spielen wir Stücke von allen drei Alben." Mein Hinweis auf die monatelange Abstinenz führt zu einem kurzen Abdriften zum pandemischen Thema. Hierzu meint Corvus, wie erfreulich es für Künstler sei, mit dem Fortschritt bei den Impfungen nun endlich wieder Konzerte planen zu können: "Ich befürchte, ein erneuter Lockdown wäre für Künstler, die gerade erst wieder Hoffnung schöpfen, fatal und psychisch nur schwer zu verkraften." Die Daumen bleiben gedrückt, dass dieser Fall nicht eintritt.

Nach mehreren Monaten ist das Konzert bei der Castle Party der erste Auftritt von WOLVENNEST vor Publikum, wofür die Bandmitglieder bereits zwei Tage zuvor unproblematisch per Flugzeug angereist sind. Auf Nachfrage bestätigt neben Corvus auch Shazzula (Gesang und Theremin), welche (nach dem Desinfizieren ihrer wertvollen Hände) ebenfalls ein paar Minuten erübrigt: "Natürlich freuen wir uns riesig darauf, wieder live vor Publikum auftreten zu können. Nach der langen Zeit sind wir sehr dankbar, dass dies wieder möglich ist." Ergänzend fügte sie hinzu: "Ich mag den Heugeruch, der hier in der Luft liegt." Insofern ist anzumerken, dass der vom Regen durchweichte Bereich zuvor um und vor der Parkbühne großzügig mit Heu bedacht worden war. Corvus merkt noch an: "Das direkte Feedback von Fans ist für Musiker unersetzlich. Das ist ein großer Unterschied zu unserer Performance beim Roadburn Redux, welche beinahe nicht stattgefunden hätte, da wir bis kurz vor Beginn noch auf ein negatives Testergebnis gewartet haben."

Auf die Frage, wie das Roadburn Redux-Erlebnis auf sie als Künstler gewirkt habe, antwortet Corvus: "Glücklicherweise war die Qualität des gesamten Events enorm gut, sowohl im Hinblick auf Sound und Video als auch die Zusammenarbeit der Teams. Wir haben die Kommentare zu unserem Konzert als THE NEST am Vortag gelesen. Dadurch ist auch bei uns echtes Roadburn-Gefühl aufgekommen, welches wir von unserem Roadburn-Auftritt vor wenigen Jahren noch vor Publikum bereits kannten. Diese positive Energie haben wir dann beim Konzert als WOLVENNEST am Sonntagabend mit auf die Bühne genommen." Im Zusammenhang mit THE NEST verrät er auch, weshalb Shazzula gesanglich nicht weiter beteiligt war: "Sie hat die Zeit im Lockdown gut zu nutzen gewusst und ist für ein Jahr zum Studium zurückgekehrt." Absolut verständlich also, dass ihrerseits neben dem Studium und dem Mitwirken am "Temple"-Album keine ausreichende Zeit für einen vollen Einsatz bei THE NEST blieb.

Mein Interesse gilt unter anderem auch der Art und Weise, wie WOLVENNEST mit seinen sieben Mitgliedern zu einem Song findet sowie woher die Dunkelheit und der Ritual-Einfluss stammen. Corvus äußert dazu: "Üblicherweise beginnt es einfach mit Herumprobieren. Einer von uns spielt irgendwas und wenn ein schönes Riff dabei ist, reagiert ein anderer darauf und fügt etwas hinzu. Indem jeder Musiker etwas beisteuert, baut sich ein Track Stück für Stück auf. Der Stil von WOLVENNEST hat sich weiterentwickelt - etwas weniger Dark Ambient, dafür mehr Ritual. Für den veränderten, verbesserten Sound ist auch unser Drummer Bram verantwortlich." Ein Teil der Dunkelheit wird von Déhà beigetragen, welcher weder bei der Castle Party zugegen ist, noch beim Konzert am 10.09.2021 in Leipzig dabei sein wird. Wer ihn mit WOLVENNEST live auf der Bühne erleben möchte, sollte Konzerttermine und Festivalauftritte der Band in Belgien und in der Niederlande ins Auge fassen.

Weil wir beide Interesse am Auftritt der vor WOLVENNEST aufgetretenen Band DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND haben und bereits die ersten Töne zu vernehmen sind, runden wir das Gespräch mit einem kurzen Ausblick auf die weiteren Pläne der Band ab: "Zuallererst wollen wir einfach viel live spielen." Der Startschuss hierfür fällt in Polen bei der Castle Party als WOLVENNEST die Parkbühne betreten und mit dem herrlichen 'Mantra' "die Tore öffnen", um den Festivalbesuchern ihre spezielle Form von Liebe darzubringen, welche diese dankbar aufsaugen. Mit 'Swear To Fire' und 'All That Black' werden auch weitere Tracks des aktuellen Albums "Temple" gespielt. Wie angekündigt sind außerdem ältere Songs wie zum Beispiel das in Zusammenarbeit mit DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND entstandene 'Unreal', welches sowohl auf dem Album "WLVNNST" als auch auf dem Livealbum "Ritual MMXX" zu finden ist, in der Setlist enthalten.

Obwohl der Sound (nicht nur bei WOLVENNEST, sondern während des gesamten Festivals) stark bassgesteuert ist, wird die Energie der Musik gut transportiert. Das Publikum wird gleich mit dem ersten Song in Bewegung oder gar Verzückung versetzt. Als das letzte tiefe Riff des Openers verklingt und das Lied in das bezaubernde Outro hinübergleitet, stelle ich fest, dass selbst mir ein paar Tränchen von den Augen perlen. Welch ein Quell an Emotionen von WOLVENNEST freigesetzt wird, ist schier unbeschreiblich! Dieser Gefühlsstrom reißt jedenfalls während keiner Sekunde des gesamten Konzertes ab. WOLVENNEST versteht es, die von Anfang an erzeugte Stimmung bis zum fulminanten Schluss aufrechtzuerhalten.

Etwas unglücklich empfinde ich jedoch die Planung, dass leicht zeitversetzt auf der Bühne neben der Bolkoburg ein Konzert von CLOSTERKELLER beginnt, eine polnische Dark-Rock-Band, die traditionell einen jährlichen Auftritt bei der Castle Party absolviert, welchem die Festivalbesucher wohl ebenso regelmäßig frönen, wie ich im Nachhinein in Erfahrung bringe. Dementsprechend bin ich aber kurz leicht irritiert, als etwa nach der Hälfte des Konzertes von WOLVENNEST ein Teil des Publikums fast zeitgleich den Park verlässt. Ich mag mir nicht ausmalen, wie es auf die Mitglieder der belgischen Band wirken mag... Das verbliebene Publikum ergötzt sich jedoch an den dunklen, berauschenden Klängen, die professionell bis zum letzten Ton dargebracht werden, und wäre für eine Zugabe dankbar. Wie bei Festivals üblich sind Zugaben aber natürlich nicht vorgesehen.

Eine gute Wahl der Veranstalter war hingegen, die beiden Bands WOLVENNEST und DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND kurz hintereinander auftreten zu lassen, wodurch man durch die Stimmung, die beide Bands erzeugen, einen exquisiten musikalischen Abend ohne anderweitige musikalische Unterbrechung genießen darf. Weitere erwähnenswerte Konzerte beim Festival bieten unter anderem:
- NOWOMOWA, eine polnische JOY DIVISION-Coverband, welche auch eigene Stücke vorträgt,
- BLACK TUNDRA aus Polen, die mit roher Energie Sludge-Doom-Metal präsentiert,
- SELOFAN, ein griechisches Cold Wave/Minimal/Electro/Post Punk-Duo, welches netterweise neben aktuellen Songs wie 'Nichts' von "Partners In Hell" auch mit älteren Tracks, so zum Beispiel 'Ist die Liebe tot?' vom Album "Vitrioli" für Stimmung sorgt,
- ebenso wie LEBANON HANOVER, ein Dark Wave-Duo aus der Schweiz und Großbritannien, das ebenfalls neben aktuellem Material ältere Titel, wenn auch in neuem Format spielt, beispielsweise ihren bekannten 'Gallow Dance' des Albums "Tomb For Two" und 'Kunst' vom Album "The World Is Getting Colder". Ferner beglückt eine Vielzahl weiterer Bands und Künstler mit ihren Auftritten die Konzertgänger, so auch FUNHOUSE (Schweden), CLAN OF XYMOX (Niederlande), RED SCALP (Polen), PINK TURNS BLUE (Deutschland) und FRETT (Polen).

Gern spende ich für Interessierte noch ein paar Seitinformationen zum Festival. Die Laufstrecken (auch zum Campingplatz) sind allesamt kurz und enthalten wenig Anstieg. Für Rollstullnutzer et cetera dürfte das letzte Stück des Weges zur Bolkoburg jedoch etwas holprig sein. Sowohl Bankautomat, als auch Supermarkt und Elektronikladen (für den kurzfristigen Kauf einer Micro-SD-Karte oder was auch immer in letzter Minute noch benötigt werden könnte) sind schnell erreichbar. Die kulinarische Versorgung ist sehr gut - vieles, was ich erspähe, wird tatsächlich frisch zubereitet. Für Vegetarier ist ebenfalls gesorgt. Lediglich die Tatsache, dass Bier das einzige alkoholische Getränk im Angebot ist, welches nach Angaben anderer Festivalgänger von außerhalb Polens nicht einmal besonders schmackhaft ist, mag ein paar wenigen bitter aufstoßen. Ich tröste mich indessen zwischen den Konzerten mit erfrischendem Minz-Lemonen-Orangen-Wasser, was der Stimmung keineswegs abträglich ist. Die offene, freundliche Atmosphäre allerorten und das erquickende Gefühl, das nur gute Livemusik in einem auslösen kann, heilt gewiss bei vielen Besuchern und auch Musikern ein Stück weit die Seele, wofür man den Veranstaltern einfach nur dankbar sein kann. Ausflüge im näheren Umfeld lohnen zur Burgruine Kynast in Jelena Góra und zum Zobtenberg bei Sobótka, dem "schlesischen Olymp". Es belebt, vor dem Festival seinen Kopf für ein Weilchen in die feuchten Wolken zu stecken.

Redakteur:
Susanne Schaarschmidt

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